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E-Book

Argumentieren, aber richtig

Praxisbuch für Studierende

AutorClaudia Posch
VerlagTectum Wissenschaftsverlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl220 Seiten
ISBN9783828860926
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Kennst Du das? Du sitzt in einem Seminar an der Uni, die Professorin oder ein Mitstudent sagt etwas, womit Du nicht einverstanden bist. Du möchtest widersprechen, aber weißt nicht wie? Oder Du hast das Gefühl, andere formulieren viel logischer als Du es könntest? Dann ist Argumentieren, aber richtig die Lösung! Mit viel Praxisbezug erklärt Claudia Posch, wie Argumentation funktioniert, wie man Argumente von anderen erkennt, versteht, bewertet und auf sie treffsicher reagiert. Kompakte Tipps und Überblicke zeigen, wie gute Argumente aufgebaut sind, welche Scheinargumente es gibt und wie man eine Diskussion voranbringt. Die Kunst der Argumentation ist eine zentrale Schlüsselkompetenz für Akademiker, die aber leider an der Universität nicht gelehrt wird. Dieses Buch schafft Abhilfe! So macht jede Debatte Spaß.

Dr. Claudia Posch ist Sprachberaterin und Expertin für politische Rhetorik und Argumentation und unterrichtet seit 2006 an der Universität Innsbruck.

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Leseprobe

9Vom einfachen Argument zur wissenschaftlichen Argumentation


Wir wissen nun, wie ein einzelnes Argument strukturiert ist. Diese einfache Struktur eines einzelnen Arguments ist grundsätzlich identisch mit der groben Struktur einer wissenschaftlichen Arbeit. Eine wissenschaftliche Arbeit ist global gesehen ein – aus mehreren einzelnen Argumenten zusammengesetztes – Argument: eine Argumentation. Deshalb hat Argumentation auch immer damit zu tun, wie frau/man zulässig wissenschaftlich arbeitet. Wissenschaftliche Arbeit kann, ähnlich wie einfache Argumente, in ihrer Struktur nachgezeichnet werden. Mit einer Argumentationsbrille gesehen, ist also die Struktur einer wissenschaftlichen Arbeit ähnlich wie die eines einzelnen Arguments:

Natürlich sind Argumente nicht immer so einfach gestrickt. Es wird schon erheblich schwieriger, in einem komplexen Text Prämissen und Konklusionen zu erkennen und abzuwägen, ob sie stark oder schwach sind. Wollen wir also mit rationalen Argumenten überzeugen, tun wir das, indem wir eine Behauptung aufstellen, auf die etwas folgt (nämlich die Konklusion), und zwar weil die Prämissen richtig oder zumindest akzeptabel sind. Wissenschaft ist selbst als Argumentation verstehbar, und wissenschaftliche Arbeiten folgen grundsätzlich dem Aufbau von Argumentationsgängen mit Aussagen (Daten, Theorien) und Gewinnung/Glaubhaftmachung dieser Aussagen (Methoden).

Der folgende kleine Text über ein kontroverses Thema stammt aus dem Editorial der Zeitschrift Bergsteiger (3/2010). Können Sie einige im Text enthaltene Prämissen und Schlussfolgerungen erkennen?

Risiko bei Skitouren

Dem Thema „Risiko bei Skitouren“ wollten sich auch einige Wissenschaftler der Universität Innsbruck annehmen. Und zwar hatten sie den Plan, die Folgen von Lawinenverschüttung auf den menschlichen Organismus näher zu erforschen. Welchen Sinn es allerdings machen könnte, diese Folgen zu erforschen, entzieht sich meinem naiven Vorstellungsvermögen. Denn man braucht kein Wissenschaftler zu sein, um zu wissen, dass bei Lawinen-Verschüttung der menschliche Organismus ganz schnell seine Funktionstüchtigkeit verliert – ganz einfach oder? Naja, scheinbar doch nicht ganz einfach – denn die Wissenschaftler hatten sich etwas ganz Diabolisches ausgedacht! Sie simulierten eine Lawinenverschüttung, indem sie narkotisierte Schweine im Schnee verbuddelten. Die Schweine waren verkabelt, so dass die „Forscher“ (welch ein Zynismus in diesem Zusammenhang!) das Ab-Leben (= Ersticken) der Tiere genau beobachten und aufzeichnen konnten. Und einige Tiere wurden nur bis zum Kopf eingegraben, damit man auch über das Erfrieren eines Organismus Buch führen kann. Und nach der Entnahme von einigen Gewebeproben landeten die armen Schweine in der Tierkörper-Entsorgung… Nein, Freunde, das stammt nicht aus einem billigen TV-Film! Was dort oben im hintersten Ötztal, im idyllischen Bergsteigerdorf Vent, unter dem Deckmantel der Wissenschaft stattfand, ist bittere Realität! Erst der wütende Protest der aufgebrachten Öffentlichkeit zwang die „Forscher“ zum Abbruch ihres Projektes. Wie weit es mit der Moral dieser Un-Menschen bestellt ist, zeigt das unverhohlen geäußerte Bedauern über den erzwungenen Abbruch des Experiments und dass die bereits verendeten Tiere nun wohl umsonst gestorben seien, weil die Versuchsreihe nicht fortgeführt werden kann.

Bergsteiger (3/2010)

10 Behauptungen begründen – wozu brauchen wir das?


Um gut zu argumentieren, genügt es also nicht, Aussagen logisch zu verknüpfen und aneinanderzureihen. Damit unsere Leserinnen oder Leser sich von unseren Aussagen überzeugen lassen, müssen wir diese mit Argumenten belegen oder begründen. Die Frage nach dem Warum bei einer wissenschaftlichen Frage kann nicht so lange warten, bis sie jemand stellt – sie gilt eigentlich immer als gestellt.

Begründungen sind also Versuche, jemanden von einer gemachten Aussage zu überzeugen. Sie sind Antworten auf „Warum soll ich das glauben?“ und werden in wissenschaftlichen Arbeiten im Vorhinein gefordert. Eine Begründung, gesprochen oder geschrieben, soll zeigen, dass:

*eine Annahme wahrscheinlich ist;

*eine Feststellung zutreffend ist;

*eine Vermutung begründet ist;

*ein Bericht plausibel ist;

*eine Voraussage berechtigt ist;

*ein Schluss unausweichlich ist

Jedes Argument in der Wissenschaft braucht eine Verankerung in Belegen und muss nachvollziehbare Konklusionen aufweisen. Das Wort „nachvollziehbar“ ist hier der Knackpunkt: Können auch andere Personen meinen Gedankengängen folgen? Würden auch andere Personen zu dem gleichen Ergebnis kommen? Wie viel Vorwissen setze ich voraus? Gehe ich einfach davon aus, dass „das ja eh alle“ wissen, und bemerke gar nicht, dass dem nicht so ist? Um ein Thema voranzubringen, etwas Neues zu schaffen, müssen Aussagen fundiert begründet werden. Begründungen stellen, wie vorhin erwähnt, die Beziehung zwischen den Prämissen und der Konklusion dar.

Beispiel

Weil wir Risiken von gentechnisch veränderten Pflanzen für unsere Umwelt nicht klar einschätzen können [Begründung], sollten wir auf biologisch angebaute Nahrungsmittel zurückgreifen [Behauptung].

Zwischen einer Behauptung und der Begründung, die wir für sie angeben, besteht immer eine Beziehung. Diese Beziehung zwischen der Behauptung und ihrer Begründung kann folgendermaßen dargestellt werden:

Natürlich ist auch die umgekehrte Darstellung möglich:

Natürlich verhält sich die Beziehung zwischen Behauptung und Begründung nicht immer so einfach wie im Beispiel. Sehr oft haben Studierende Schwierigkeiten, die beiden auseinanderzuhalten, und verweisen darauf, dass auch Begründungen oft nur Behauptungen sind. In der Tat ist es schwierig, hier immer klar den Unterschied erkennen zu können, denn irgendwie scheint fast jeder Satz in der einen oder anderen Weise eine Behauptung darzustellen.

Damit frau/man aber die Teile einer Argumentation auseinanderhalten kann, sollten diese zwei Begriffe unterschieden werden. Deshalb werden sie in der Argumentationsforschung nicht so verwendet, wie wir es im Alltag gewohnt sind, sondern als ganz spezifische, technische Begriffe:

*Der Begriff der zentralen These bezieht sich auf jene Aussage, die die Lösung für das Problem, das die gesamte Argumentation anspricht, darstellt. Sie ist also der springende Punkt der ganzen Argumentation.

*Der Begriff der Behauptung bezieht sich auf jede einzelne Aussage, welche durch eine Begründung gestützt wird.

*Ob eine Aussage nun eine Behauptung oder eine Begründung darstellt, hängt davon ab, welche Rolle die Aussage in einem Text spielt.

Um in der Lage zu sein zu entscheiden, ob eine Aussage eine Behauptung oder eine Begründung darstellt, müssen Sie sich zuerst ansehen, wie diese verwendet wird:

Beispiel

Kinder, die ständig Gewaltspiele zocken, werden gerne zu Amokläufern [Behauptung], weil sie den Bezug zur Realität verlieren [Begründung].

Es kann umgekehrt aber auch dieselbe Behauptung als Begründung verwendet werden:

Beispiel

Die Altersgrenzen für Gewaltspiele sollten strikt kontrolliert werden [Behauptung], weil Kinder, die ständig Gewaltspiele zocken, zu Amokläufern werden [Begründung].

Wir können dies noch einmal verkomplizieren: eine Aussage kann man als Begründung und Behauptung verwenden.

Beispiel

Gewaltspiele sollten strikt kontrolliert werden [Behauptung 1], weil Kinder, die ständig zocken, Amokläufer werden [Behauptung 2] [= Begründung für Behauptung 1]. Sie gewöhnen sich so an den Anblick, dass sie nicht mehr Realität von Fiktion unterscheiden können [Begründung 2, stützt Behauptung 2].

Williams/Colomb (2003)

Die Unterscheidung von Behauptung und Begründung kann zu einiger Verwirrung führen, wenn wir versuchen, komplexe Argumentationsketten in schwierigen Aufsätzen zu entschlüsseln und nachzuvollziehen. Für das Schreiben von Aufsätzen ist es aber wichtig zu wissen, dass Begründungen Behauptungen untermauern.

In einer alltäglichen Unterhaltung kann es genügen, seine Behauptungen mit nur einer einzigen Begründung zu stützen:

Beispiel

A: Wir müssen noch Kaffee kaufen.

B:...

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