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Aristoteles in Oxford

Wie das finstere Mittelalter die moderne Wissenschaft begründete

AutorJohn Freely
VerlagKlett-Cotta
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl448 Seiten
ISBN9783608107388
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Mehr als 1 000 Jahre vor Kopernikus, Galilei und Newton haben viele Gelehrte das Wissen der Antike bewahrt, Naturerscheinungen beobachtet und experimentiert. In einer glänzenden Kulturgeschichte lässt John Freely zum ersten Mal die faszinierenden Entdeckungen der mittelalterlichen Menschen Revue passieren. Brillant weist er nach, dass - entgegen unseren Vorstellungen - die Grundlagen der modernen Wissenschaft und zahlreicher moderner Theorien wesentlich früher gelegt wurden, ja viele Erkenntnisse im Mittelalter vorweggenommen wurden. Zugleich erzählt er von den vielen unbekannten Menschen, die sich erklären wollten, was in der Natur vor sich ging, und damit die wissenschaftliche Revolution der Moderne vorbereiteten. John Freely lässt uns das »finstere« Mittelalter mit neuen Augen sehen und erfüllt es mit neuem Leben.

John Freely, geboren 1926 in Brooklyn, lebt und unterrichtet in Istanbul an der Bosphorus-Universität Physik und Wissenschaftsgeschichte. Er schrieb zahlreiche Reisebücher und historische Sachbücher über Venedig, Athen, Griechenland, die Türkei und das Osmanische Reich.

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Leseprobe

LICHT IM FINSTEREN MITTELALTER ANFANG UND ENDE DER KLASSISCHEN WISSENSCHAFT

In einem Brief an Principia aus dem Jahr 412 erwähnt Hieronymus »… ein schreckliches Gerücht aus dem Abendlande, Rom werde belagert und das Leben der Bürger um Gold verkauft. Die Geplünderten seien aber von neuem eingeschlossen worden, um nach ihren Gütern auch noch ihr Leben zu verlieren.« Er schrieb weiter: »Das Wort bleibt mir in der Kehle stecken und Schluchzen mischt sich beim Diktieren in meine Stimme. Die Stadt wird erobert, welche die ganze Welt unterjocht hat, ja sie wird eine Beute des Hungers, ehe das Schwert sie schlägt, und kaum einige wenige bleiben übrig, um in die Gefangenschaft geschleppt zu werden.«

Hieronymus schildert hier die Plünderung Roms am 24. August 410 durch die barbarischen Westgoten unter Alarich. Das Schlimmste aber sollte erst noch kommen, denn nachdem Valentinian III., der Kaiser des Weströmischen Reiches, erschlagen worden war, wurde Rom 455 von den Vandalen eingenommen. Sie plünderten die wehrlose Stadt drei Tage lang und richteten dabei wesentlich größere Verwüstungen an als Alarich. Victor von Vita, ein nordafrikanischer Bischof, berichtet von ganzen Schiffsladungen Gefangener, die in die Kyrenaika gebracht und dort auf den Sklavenmärkten verkauft wurden, bis Rom nahezu menschenleer war. Gefallen war die Stadt selbst zwar nicht, doch sie stand in Ruinen und blieb wochenlang mehr oder weniger unbewohnt; Regierungs- und Bildungseinrichtungen funktionierten nicht mehr.

Unter dem Ansturm der »Barbaren« neigte sich die griechisch-römische Welt ihrem Ende zu, und ihre Götter wie ihre Gelehrsamkeit wurden durch das aufkommende Christentum verdrängt. In Alexandria, das nach seiner Gründung durch Alexander den Großen im Jahr 331 v. Chr. Athen als geistiges Zentrum der griechischen Welt abgelöst hatte, glomm das Licht des klassischen Wissens nur noch schwach.

In der Bibliothek von Alexandria, Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr. gegründet, wurden alle auf Griechisch verfassten Werke ab der ersten Homer-Ausgabe aufbewahrt, darunter die philosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften von Platon, Hippokrates, Aristoteles, Theophrast, Demokrit, Epikur, Euklid, Aristarch, Archimedes, Eratosthenes, Apollonios, Heron, Hipparch, Strabon, Ptolemaios, Galen, Dioskurides und Diophant, um nur die berühmtesten zu nennen.

Kaiser Theodosios I., ein Christ, verfügte im Jahre 391 in einem kaiserlichen Erlass die Schließung der heidnischen Tempel und anderer Einrichtungen im gesamten Reich, darunter die Bibliothek und das Museion in Alexandria. Der letzte Direktor der Bibliothek war der Mathematiker Theon von Alexandria (um 335–405). Theons Tochter Hypatia, eine bedeutende Philosophin und Mathematikerin, wurde im März 415 unter Anführung des Eiferers Lektor Petros von aufgebrachten Mönchen ermordet und zerstückelt. Ungefähr um dieselbe Zeit wurde die Bibliothek zerstört, die, so eine Version, von fanatischen Christen in Brand gesteckt wurde. Jedenfalls war von der Bibliothek Anfang des 5. Jahrhunderts nichts mehr vorhanden und keine einzige der einst dort archivierten Schriftrollen hatte überlebt. Die heute überlieferten Werke der griechischen Antike, die nur einen winzigen Teil der Originalsammlung der Bibliothek ausmachen, sind ausnahmslos spätere Abschriften, die in mittelalterlichen Klöstern überdauert haben – einige im griechischen Original, andere in der arabischen oder lateinischen Übersetzung. Mit dem Brand der Bibliothek von Alexandria gingen über 1000 Jahre griechische Literatur, Geschichte und Wissenschaft verloren.

Die ältesten wissenschaftlichen Werke in der Bibliothek von Alexandria waren die Fragmente der sogenannten Vorsokratiker. Diese wirkten in der zweiten Hälfte der archaischen Zeit (um 750–480 v. Chr.) und am Anfang der klassischen Ära (479–323 v. Chr.) entweder an der ägäischen Küste Kleinasiens oder in der Magna Graecia, den griechischen Kolonien in Süditalien und Sizilien. Die ersten Vorsokratiker waren Thales (um 625–547 v. Chr.), Anaximander (um 610–545 v. Chr.) und Anaximenes (um 546 v. Chr.), die alle aus Milet stammten. Aristoteles bezeichnete sie als Physikoi – Physiker oder Naturphilosophen − vom griechischen Physis für »Natur« im weitesten Sinne: Er stellte sie den früheren Theologoi, den Theologen, gegenüber, weil sie Naturerscheinungen mit natürlichen und nicht mit übernatürlichen Ursachen zu erklären suchten. Die milesischen Physiker glaubten, die materiellen Dinge, also die Natur insgesamt, seien einfach nur verschiedene Ausformungen der Arché, des Urstoffs, der über alle scheinbaren Veränderungen hinweg bestehen bleibe. Für Thales bestand die Arché aus Wasser, Anaximander hielt sie für eine undefinierte Substanz namens Apeiron und für Anaximenes war sie Pneuma, »Luft« oder »Geist«. Thales hatte sich wohl deshalb auf das Wasser verlegt, weil es im Normalzustand flüssig ist, beim Erhitzen zu Dampf (also gasförmig) wird und sich beim Gefrieren in Eis (einen Feststoff) verwandelt. Ein und dieselbe Substanz tritt also je nach Umgebungsbedingungen in allen drei Aggregatzuständen auf. Dies erinnert mich ein bisschen an mich selbst, bin ich doch noch derselbe, der ich als junger Mensch war, zumindest bilde ich mir das ein, trotz aller äußerlichen Veränderungen seither. Allerdings möchte ich mir als Siebzehnjährigem nicht unbedingt über den Weg laufen: Ich dürfte mich zwar wiedererkennen, aber wer weiß, wie der andere auf mein gealtertes Ich reagieren würde!

Für Heraklit von Ephesos (um 500 v. Chr.) lag die beständige Wirklichkeit der Natur nicht im Sein, und somit in der Existenz eines universellen Grundstoffs, sondern im Werden, im fortwährenden Wandel, daher sein berühmter Aphorismus Panta rhei (Alles fließt). In einem seiner überlieferten Fragmente heißt es: »Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht denselben; wir sind es, und wir sind es nicht«, denn nicht nur der Fluss ist in der Zwischenzeit weitergeflossen, auch wir selbst haben uns verändert.

Die gegensätzlichen Auffassungen der Milesier und des Heraklit finden sich auch in den Gesetzen der Physik, die ich in meinen Seminaren unterrichte. Die milesische Auffassung zeigt sich zum Beispiel im Gesetz von der Erhaltung der Masse: Die an einem Vorgang beteiligte Gesamtmasse ist vor einer chemischen Reaktion dieselbe wie danach, auch wenn sich die Massen der einzelnen Bestandteile ändern. Heraklits Ansatz zeigt sich in Theorien, in denen es um Änderungsraten von Massen geht, wie zum Beispiel bei Newtons zweitem Bewegungsgesetz: Die Beschleunigung eines Körpers, also die Änderungsrate seiner Geschwindigkeit, entspricht der darauf einwirkenden Kraft geteilt durch seine Masse.

Nach Pythagoras (um 580–um 500 v. Chr.) ist der berühmte Satz des Pythagoras benannt, der besagt, dass in einem rechtwinkligen Dreieck das Quadrat der Hypotenuse der Summe der Quadrate der beiden anderen Seiten entspricht: Diese Erkenntnis markiert den Anfang der griechischen Mathematik. Auf Pythagoras und seine Schüler gehen wahrscheinlich auch die ersten physikalischen Experimente zurück; so untersuchten sie die durch Musikinstrumente erzeugten Töne und entdeckten dabei die numerischen Verhältnisse in der musikalischen Harmonie. Dies führte sie zu der Annahme, dass auch der Kosmos auf harmonischen Prinzipien basiere, die sich – wie jene in der Musiktheorie – in numerischen Beziehungen ausdrücken ließen. Darauf aufbauend formulierten die Pythagoreer ihre Kosmologie, derzufolge die fünf sichtbaren Planeten – Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn ebenso wie Sonne, Mond und Erde um das Weltfeuer oder den Herd des Universums kreisten und sich dabei mit einer Geschwindigkeit bewegten, die ihrer Entfernung zu diesem Zentralfeuer umgekehrt proportional war. Dabei erzeugten die am nächsten gelegenen Himmelskörper, die sich schneller bewegten, einen höheren Ton als die weiter entfernt kreisenden und umgekehrt. Es ist die berühmte Sphärenharmonie oder Sphärenmusik, die bis in die Zeiten des Kopernikus, Keplers und Shakespeares große Faszination ausübte. In Shakespeares Kaufmann von Venedig macht Lorenzo seine Jessica auf die Harmonie der himmlischen Sphären aufmerksam:

Jessica, setz dich. – Sieh, des Himmels Boden

Ist ausgelegt mit hellen goldnen Schalen:

Sogar der kleinste Stern, den du da siehst,

Der singt auf seiner Bahn, so wie ein Engel

Den Cherubim zusingt mit jungen Augen:

So füllt die Harmonie unsterbliche Seelen,

Wir hören sie nur noch nicht, solang diese

Schlammige Hülle des Verfalls uns festhält.

War für Heraklit alles im Fluss und nichts beständig, so gab es für Parmenides (um 515–450 v. Chr.) nur das Sein, das er als das Eine bezeichnet. Dass Veränderung möglich wäre, wies er kategorisch zurück. Der Kosmos war für ihn eine volle (also nicht leere), ungeschaffene, ewige, unzerstörbare, unveränderliche Kugel des Seins, und jegliche Wahrnehmung, die dem widersprach, beruhte auf einer Sinnestäuschung. Ein Fragment des Parmenides lautet: »Es ist entweder oder es ist nicht« – was bedeutete, dass Schöpfung wie auch Zerstörung unmöglich sind.

Parmenides’ unverrückbare Ordnung des Kosmos klang von der Antike bis in die europäische Renaissance immer wieder an, so auch im letzten Gesang der...

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