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E-Book

Atatürk

Visionär einer modernen Türkei

AutorM. Sükrü Hanioglu
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl312 Seiten
ISBN9783806231106
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Atatürk, den Gründer der modernen Türkei, stellt M. Sükrü Hanioglu hier in einer tiefgehenden und differenzierten Biographie dar. Im Jahr 1923 wird Mustafa Kemal der erste Präsident der neu gegründeten Republik Türkei. Als Machtpolitiker und Symbolfigur eines neuen starken Nationalbewusstseins treibt er die Veränderung und Modernisierung seines Landes nach westlichem Vorbild voran. Er bricht mit alten Traditionen, schafft Sultanat und Kalifat ab, orientiert sich an europäischer Gesetzgebung und sorgt für die Gleichstellung der Frauen. Seine Veränderungen brachten ihm den Beinamen Atatürk (Vater der Türken) ein und generierten einen regelrechten Personenkult um ihn. Der Autor zeigt, welche Strömungen und Ideen den Gründer der modernen Türkei beeinflussten und in welchem historischen Klima er lebte, um schließlich ein Land von Grund auf zu verändern. Dabei blickt er auch auf die Wirkung und Wahrnehmung Atatürks in der heutigen Türkei.

M. Sükrü Hanioglu ist Professor für spätosmanische Geschichte und Garret Professor für auswärtige Angelegenheiten am Department of Near Eastern Studies der Princeton University. Seinen B.A. in Political Science and Economics sowie seinen Ph.D. in Political Science erlangte er an der Istanbul University. Er lehrte außerdem an den Universitäten Istanbul und Bosphorus, an der Turkish Naval Academy sowie an den Universitäten von Columbia, Wisconsin und Michigan.

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Leseprobe

Mustafa Kemal zwischen Forschung und Fiktion: Eine Einleitung


Im Jahr 1954 zog ein junger Hirte nahe dem abgelegenen Dorf Yukarı Gündeş, „hinten weit in der Türkei“ in der ostanatolischen Provinz Ardahan gelegen, mit seiner Herde auf die Weiden hinaus. Die Sonne sank gerade hinter den Horizont, da fiel im Streiflicht ein Schatten auf einen nahegelegenen Hügel und ließ dort die Silhouette eines menschlichen Kopfes erkennen. Es war, der Schäfer erkannte ihn sofort, der Kopf von Mustafa Kemal Atatürk, dem Gründer der Türkischen Republik. In der festen Überzeugung, dass ihm eine geradezu religiöse Offenbarung zuteil geworden war, meldete der entgeisterte junge Mann sein Erlebnis unverzüglich den örtlichen Behörden. Diese wiederum verloren keine Zeit und ließen in der ganzen Republik verkünden, bei diesem äußerst seltenen Naturschauspiel habe es sich zweifellos um ein Wunder gehandelt. In der Gegend um Yukarı Gündeş ließ die Begeisterung auch mit der Zeit nur unwesentlich nach, und so entschied man schließlich 1997, am Schauplatz des Geschehens von 1954 fortan jedes Jahr ein Festival zu veranstalten, dem in der Folge riesige Besuchermassen zuströmten, um das Wunder mit eigenen Augen zu sehen. Als im „verflixten siebten Jahr“ des Festtages unter dem Motto „Auf den Spuren und im Schatten Atatürks“ ein nichtsahnender Schäfer, der mit seinen Tieren just in kritischen Moment, in dem der Schatten sichtbar wurde, mitten in die Silhouette hineinmarschierte und das Spektakel so unterbrach, tobte die versammelte Menschenmenge vor Zorn. Ein Parlamentsabgeordneter, der sich unter den Zuschauern befand, donnerte los: „Ausgerechnet hier seine Tiere weiden zu lassen, ist eine Respektlosigkeit sondergleichen! Das ist Hochverrat! … Warum ist Karadağ, wo das Wunder geschehen ist, nicht schon längst unter staatliche Aufsicht gestellt worden?“1 Diese einigermaßen bizarre Episode enthält bereits die Essenz des quasi-religiösen Personenkultes, der sich schon zu Mustafa Kemal Atatürks Lebzeiten um den Staatsgründer entwickelt hat und der in vielen Milieus der heutigen Türkei unvermindert fortlebt. Natürlich ist dies nicht die einzige Sichtweise, mit der die Türken heute auf den „Vater“ ihrer Republik zurückblicken (oder in den vergangenen Jahrzehnten zurückgeblickt haben); aber eine Tendenz zur politischen Heiligenverehrung prägt doch die meisten wissenschaftlichen wie populären Veröffentlichungen, die sich mit Atatürk befassen.

Über viele Jahre glich der Historiker, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Mann Atatürk darzustellen „wie er eigentlich gewesen ist“, wohl am ehesten jenen früheren Gelehrten, die so tollkühn gewesen waren, den historischen Jesus in den Mittelpunkt ihrer Forschungen stellen zu wollen. Es überrascht nicht, dass die gründlicheren und verlässlicheren unter den vielen Atatürk-Biografien in der Regel nicht von türkischen Historikern verfasst worden sind – und noch dazu erst lange nach Atatürks Tod entstanden. Heutzutage kann man sich dem Thema auch in der Türkei unbefangener nähern, doch bleibt die Entmystifizierung Atatürks ein schwieriges Unterfangen. Zum Beispiel sind viele der Aussprüche, die Atatürk zugeschrieben werden, mittlerweile in den Rang von Nationalmaximen aufgestiegen – dabei sind nicht wenige von ihnen nachträglich (und nachweislich) erfunden worden, um dem einen oder anderen Partikularinteresse zu dienen. In den vergangenen Jahren haben einige Forscher begonnen, diese Fälschungen zu entlarven, wobei ihr Eifer an Muḥammad ibn Ismāʿīl al-Bukhārī erinnert, den 870 gestorbenen mittelalterlichen Großkritiker zweifelhafter Überlieferungen von Leben und Lehre des Propheten Muḥammad, wobei ihm insbesondere die dem Propheten nachträglich in den Mund gelegten Aussprüche ein Ärgernis waren. Beispielsweise waren die Interessenvertretungen der türkischen Taxi- und Lastwagenfahrer nur wenig erbaut über die Nachricht, dass Atatürk ihr Vereinsmotto „Der türkische Kraftwagenfahrer ist ein Mann von nobelster Empfindung“ so nie geäußert hatte. Als herauskam, dass die folgenden Aussprüche Atatürks wohl ebenfalls apokryph waren, fühlten sich ungleich größere Teile der Gesellschaft betroffen: „Eine Gesellschaft, welche ihre Alten nicht ehrt, ist keine [wirkliche] Gesellschaft“ (als Motto in die Fassade des Hauptsitzes der staatlichen türkischen Sozialversicherung in Ankara gemeißelt); „Die Zukunft befindet sich am Himmel“ (auf Plaketten in türkischen Verkehrsflugzeugen eingraviert); oder „Wenn eine Sache das Vaterland betrifft, betrachte man alles andere als trivial“ (das Motto einer ultrasäkular-nationalistischen Bewegung).2

Hunderte von Büchern sind zu den verschiedensten Aspekten von Atatürks Leben und Werken veröffentlicht worden; von Atatürk und die Medizinstudenten und Atatürk und die Meteorologie bis hin zu Atatürk und Eurasien und sogar Atatürks Liebe zu den Kindern ist für jeden etwas dabei.3 Die meisten dieser Studien sind im Duktus frommer Gedenkreden verfasst und lassen den Begründer des modernen türkischen Staates als einen abgeklärten Verbreiter von Spruchweisheiten erscheinen, der – mit der Gabe der Allwissenheit gesegnet – Einsichten aus vielerlei Wissensfeldern und für jede Lebenslage zum Besten geben kann: als einen Philosophenkönig, der angetreten ist, aller überhaupt nur möglichen Erkenntnis sein Gesetz zu verkünden. Nur eine kleine Anzahl dieser Schriften erfüllt die Kriterien einer verlässlichen wissenschaftlichen Monografie. Vielmehr haben ihre eher essayistisch arbeitenden Verfasser Atatürks vermeintliche Ansichten bisher noch zum Beweis (oder zur Widerlegung) fast jeder erdenklichen Position herangezogen. So haben wir nun die Wahl zwischen den Bänden Atatürk war ein Antikommunist einerseits und Die sozialistische Bewegung, Atatürk und die Verfassung andererseits;4 oder zwischen Wie ich Atatürk im Koran suchte – und fand und Atatürk und die exakte Wissenschaft.5 Währenddessen tendiert die „amtliche“ türkische Geschichtsschreibung dazu, Atatürk schlicht als geborenen Anführer darzustellen, wobei seine Persönlichkeit oft genug als Erklärung für seine Umwelt dienen soll und nicht die Persönlichkeit anhand ihrer Umwelt erklärt wird. So soll es in der Türkei immer noch Universitätshistoriker geben, die in Mustafa Kemal den spiritus rector der jungtürkischen Revolution von 1908 sehen, obwohl seine tatsächliche Rolle eher marginal gewesen ist.6 Gleichermaßen haben türkische Historiker über viele Jahre hinweg behauptet, Mustafa Kemal habe im Jahr 1932 den Chef des amerikanischen Generalstabs, Douglas MacArthur, vor einem unmittelbar bevorstehenden allgemeinen Krieg von verheerenden Ausmaßen gewarnt, der Tod und Zerstörung über die westliche Zivilisation bringen werde. Auf Grundlage dieser Behauptung haben dieselben Historiker Atatürk zugute gehalten, er habe den Zweiten Weltkrieg vorhergesehen, noch bevor Hitler auch nur Reichskanzler geworden war.7 Wie neuere Forschungen hingegen zutage gebracht haben, hat Atatürk MacArthur in Wirklichkeit das genaue Gegenteil gesagt. In den Worten des Protokolls der fraglichen Zusammenkunft: „Als die Rede auf mögliche Kriegsgefahren kam, äußerte Seine Exzellenz der Gazi, der Ausbruch eines weltweiten Krieges innerhalb der nächsten zehn Jahre sei so gut wie unmöglich.“8

Aus dieser Situation folgt, dass jeder ernsthafte Historiker, der sich mit dem historischen Atatürk auseinandersetzen möchte, sich zunächst einmal als Mythenkritiker betätigen muss, um den Gegenstand seiner Forschung konsequent historisieren (also in seiner historischen Bedingtheit greifbar machen) und – unter Rückgriff auf die verfügbaren Quellen – kontextualisieren zu können. Diese Aufgabe ist nicht leicht. Während viele relevante Quellen mittlerweile ediert und allgemein zugänglich gemacht worden sind (schon zu Atatürks Lebzeiten und auch nach seinem Tod), hat sich erst kürzlich ein Verlag darangemacht, eine Gesamtausgabe aller auffindbaren Schriften, Reden und Briefe Atatürks in den Druck zu geben. Die daraus resultierende Buchreihe von dreißig Bänden, deren erster 1998 erschienen ist, liegt mittlerweile komplett vor und umfasst die Jahre von 1903 bis zu Atatürks Tod 1938.9 Was seine persönlichen Aufzeichnungen angeht, so kritzelte Atatürk sie – wie viele andere osmanische beziehungsweise türkische Offiziere seiner Generation – in eine Reihe von Notizbüchlein. Einige davon sind regelrechte Tagebücher und umfassen die Jahre 1904 bis 1933. Atatürks Adoptivtochter Âfet İnan hat eine „gesäuberte“ Fassung eines dieser Tagebücher zusammengestellt, das sich im Original über sechs einzelne Notizhefte...

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