Sie sind hier
E-Book

Atomkrieg 2.0?

Die wichtigsten ZEIT-Artikel zur neuen atomaren Bedrohung

AutorDIE ZEIT
Verlagepubli
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl100 Seiten
ISBN9783746743974
Altersgruppe18 – 99
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis3,99 EUR
Nichts ist mehr sicher - im Unterschied zur überschaubaren bipolaren Weltordnung des Kalten Krieges bewegen sich heute zahlreiche Akteure im »nuklearen Dschungel«. Diverse Atommächte rüsten auf die USA ziehen sich aus dem Atomabkommen zwischen dem Iran und dem Westen zurück, und das unkalkulierbare Agieren des US-Präsidenten Donald Trump und des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un lässt - trotz einer ersten Annäherung - die Welt immer wieder den Atem anhalten. Steht uns also ein Atomkrieg 2.0 bevor? Welche Rolle kann Deutschland oder die EU einnehmen, um das Schreckensszenario zu verhindern? Reichen die bisherigen diplomatischen Bemühungen aus, oder muss Europa selbst aufrüsten, um seine Sicherheit zu gewährleisten? Die wichtigsten ZEIT-Artikel zur neuen atomaren Bedrohung beleuchten die politische Lage in verschiedenen Krisenherden. In spannenden Experten-Interviews sowie aufschlussreichen Essays werden die dramatischen Folgen eines Atomkriegs und notwendige Vermeidungsmaßnahmen diskutiert. Die Artikel: - Einführung: Die Eskalation / Kann man Kriege verhindern? - Das neue Wettrüsten: Das neue Wettrüsten / Braucht die EU die Bombe? / Atom-Macht Europa / Demnächst überm Westerwald? - Aktuelle Krisenherde: Nichts ist mehr sicher / Nordkorea: Feind der Feinde / Nordkorea: Der Irre von Pjöngjang ist gar nicht so irre / Nordkorea: »Diese Öffnung hat Dynamik« / Iran: Persische Energiewende / Iran: Die iranische Falle - Atomare Abrüstung - eine Utopie?: Dieser Krieg kühlt / Ole rüstet ab / Verstehen Sie das, Herr Schmidt? / Vom Atomabkommen zur atomwaffenfreien Zone? / Der atomare Schrecken wird noch gebraucht

DIE ZEIT ist mit über 500 000 verkauften Exemplaren die größte Qualitätszeitung Deutschlands. Die Wochenzeitung steht für gründlich recherchierte Hintergrundberichte und meinungsstarke Kommentare. Gegründet 1946 in Hamburg, erscheint DIE ZEIT jede Woche donnerstags - mit Themen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Bildung Gesellschaft, Reisen und Geschichte. Herausgeber ist Josef Joffe. Seit 2004 ist Giovanni di Lorenzo Chefredakteur.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

Einführung


Die Eskalation


Ein neues globales Wettrüsten hat begonnen, in Worten wie in Taten. Werden wir einen Atomkrieg erleben?


Von Jochen Bittner, Matthias Naß, Gero von Randow

DIE ZEIT, 15.2.2018 Nr. 8

Atomwaffen sind eine verdräng­te Wirklichkeit. Und alles Verdrängte kommt irgendwann wieder. Mit dem Ende des Kalten Krieges schwand auch die Angst vor einem Atomkrieg. Doch jetzt ist die Angst zurückgekehrt. Das Schlimme ist: Sie ist berechtigt.

Im August 2017 gaben die Behörden in Japan Großalarm, die Bürger flohen in Schutzräume. Eine nordkoreanische Rakete war über die Insel Hokkaido hinweggerast.

Mitte Januar 2018 hielt die amerikanische Seuchenschutzbehörde einen Workshop für Ärzte und Regierungsangestellte ab, die lernen sollten, was sie bei einer nuklearen Detonation tun können.

Ein paar Tage zuvor war in Hawaii Panik ausgebrochen: An einem friedlichen Samstagmorgen, kurz nach acht Uhr, gaben auf den Inseln mitten im Pazifik plötzlich alle Mobiltelefone Si­gnal. Eine »Notfallwarnung« erschien auf den Displays: »Ballistische Raketen im Anflug auf Hawaii. Suchen Sie sofort Schutz. Dies ist keine Übung.« Alles in Großbuchstaben.

Auf Honolulus Stadtautobahnen sprangen die Leute aus ihren Autos, rannten in die nächstgelegenen Gebäude. Touristen stolperten die Treppen der Hotels hinab, auf der Suche nach einem sicheren Ort im Keller. Mütter verabschiedeten sich am Telefon unter Tränen von ihren Kindern. Sie hatten ja nur noch 15 Minuten zu leben, glaubten sie.

Einige Wochen zuvor hatte man auf Hawaii wieder begonnen, Sirenen zu testen, die seit dem Ende des Kalten Krieges geschwiegen hatten. Die Spannungen zwischen Nordkorea und der west­lichen Welt waren eskaliert. Über dem Pazifik testete Diktator Kim Jong Un Interkontinentalraketen, mit denen er auch das amerikanische Festland hätte erreichen können – und die demnächst wohl mit Atomsprengköpfen ausgestattet werden können. US-Präsident Donald Trump drohte daraufhin mit der »völligen Zerstörung« Nordkoreas.

Die hawaiianischen Behörden gaben nach 38 Minuten Entwarnung – ein Mitarbeiter des Zivilschutzes habe sich lediglich mit der Computermaus verklickt. Vor fünf Jahren noch wäre nach einem solchen Fehler wohl keine Panik ausgebrochen. Doch heute ist die Gefahr in den Köpfen der Menschen präsent.

Die Massenvernichtung


Vier unmittelbare Wirkungen hat die Detonation einer Atomwaffe:

Erstens den Feuerball. Er erhitzt die unter ihm liegende Fläche auf etwa 7000 Grad Celsius. Alles Leben im nahen Umkreis verdampft. Noch in mehreren Kilometern Entfernung – je nach Stärke des Sprengkopfes – kommt es zu tödlichen Verbrennungen.

Zweitens die Druckwelle. Die Explosion jagt heißes Gas in Überschallgeschwindigkeit über den Boden, Gebäude stürzen ein, Menschen fliegen durch die Luft, ihre Knochen brechen, die inneren Organe reißen.

Drittens den Feuersturm. Die Hitze entzündet alles, was brennbar und noch nicht verdampft ist. Die Druckwelle und die ihr folgenden Stürme treiben den Brand voran. Der Feuersturm schluckt Sauerstoff und raubt den Menschen die Luft zum Atmen.

Viertens die radioaktive Strahlung. In den Tagen, Wochen und Monaten nach dem Angriff fallen viele Überlebende der quälenden, oft tödlichen Strahlenkrankheit zum Opfer. Die anderen leben mit dem hohen Risiko weiter, an Krebs, etwa Leukämie, zu erkranken.

Kommt es auch nur zu einer einzigen Atomexplosion in dicht besiedeltem Gebiet, brauchen Zehntausende unmittelbare Hilfe. Doch die Infrastruktur ist dann zerstört. Straßen sind durch Trümmer und Feuer blockiert. Es gibt keinen Strom mehr (siehe den Text auf der gegenüberliegenden Seite). Studien des Internationalen Roten Kreuzes zufolge wären fast alle Bemühungen von Ret­tungs­orga­ni­sa­tio­nen vergebens.

Als am 6. August 1945 eine Atombombe der Stärke 13 kT – entsprechend 13 000 Tonnen des Sprengstoffs TNT – über Hiroshima explodierte, starben in kürzester Zeit etwa 80 000 Menschen, unter ihnen fast alle Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker der Stadt. Die Steinwüste erstreckte sich über 13 Quadratkilometer.

Atomare Massenvernichtungswaffen mit einer Stärke wie die jener Bombe, die Hiroshima zerstörte, werden von Experten heute als »kleine Bomben« bezeichnet, denn moderne Sprengköpfe können mehr als hundertmal so stark sein. Ein anderer Begriff für die Waffen der Hiroshima-Größe lautet »taktische Bomben«. Er klingt beruhigend, denn er suggeriert, man könne solche Bomben in einem Konflikt punktuell einsetzen, ohne den großen Vernichtungskrieg heraufzubeschwören.

In einem Moment seltener Offenheit räumte Trumps Verteidigungsminister James Mattis kürzlich ein: »Es gibt keine taktischen Nuklearwaffen. Jede Nuklearwaffe, die ein­gesetzt wird, ändert die strategische Lage.« In der Tat: Kommt es zu einem Atomschlag, welcher Stärke auch immer, muss mit dem Gegenschlag gerechnet werden. Und schon wenige nukleare Explosionen könnten die ganze Welt im wörtlichen Sinne verfinstern.

1983 war das Jahr, in dem der Film The Day After über einen fiktiven Atomkrieg ins Kino kam. Es war auch das Jahr, in dem mehr als eine halbe Million Menschen in Bonn gegen die ­Stationierung von Atomwaffen in Deutschland protestierten. Es war das Jahr, in dem die Angst auch in Europa schon einmal sehr groß war.

Im selben Jahr veröffentlichten amerikanische und russische Forschergruppen erste Untersuchungen darüber, wie sich die Erdatmosphäre nach einem Atomkrieg verändern würde. Seither hat die Klimawissenschaft gewaltige Fortschritte gemacht. Ihre Simulationen laufen auf Superrechnern. Außerdem wissen die Forscher, welche Folgen Vulkanausbrüche und Waldbrände auf das Klima haben – und können daraus Rückschlüsse auf die Auswirkungen nuklearer Explosionen ziehen.

Heute ist gewiss: Schon ein regional begrenzter Atomkrieg – beispielsweise zwischen Indien und Pakistan – zöge einen lang anhaltenden »nuklearen Winter« nach sich, der die ganze Erde erfasste.

Ruß würde bis in die Stratosphäre aufsteigen, er würde das Sonnenlicht blockieren. Der folgende Temperatursturz würde weltweit die Landwirtschaft ruinieren und einer Milliarde Menschen den Hungertod bringen. Weitere Folgen der Lebensmittelknappheit könnten Aufstände sein, Revolutionen, neue Kriege.

Und doch wäre das nur eine kleine Katastrophe, verglichen mit der Apokalypse, die ein vollständig eskalierter Atomkrieg zwischen Großmächten bedeuten würde. Niemand, der gerade diesen Artikel liest, könnte ihr entkommen.

Angenommen, nur eine einzige russische ­SS-25-Rakete mit ihrem 800-kT-Sprengkopf schlüge in Berlin ein: Es stürben 340 000 Menschen – und zwar binnen Stunden, nicht ein­gerechnet die zahllosen Opfer langfristiger Strahlenbelastung. Eine einzige Rakete – auf der Welt existieren aber etwa 15 000 Atomwaffen, davon rund 14 000 in amerikanischen und russischen Arsenalen. Die Wahrscheinlichkeit ihres Einsatzes ist schwer zu bestimmen, aber sie wächst.

Die zwei atomaren Großmächte


Moskau und Washington haben sich auf einen gefährlichen Pfad begeben. Sie sind dabei, neue Atomwaffen mit geringerer Sprengkraft zu ­entwickeln. Das macht die Bomben nicht ­weniger gefährlich. Im Gegenteil. Damit sinkt die psychologische und politische Schwelle, in einer Krise derartige Waffen auch einzusetzen. Womöglich als Erster. Beide Großmächte lehnen es ab, verbindlich auf solch einen Erstschlag zu verzichten.

Im Dezember 2013 erklärte Russlands stellvertretender Ministerpräsident Dmitri Rogosin: Sollte sein Land mit konventionellen Waffen angegriffen werden, werde man »in bestimmten Situationen sicherlich auf den Einsatz von Atomwaffen zurückgreifen«.

Im Mai 2014 hielten die russischen Streitkräfte ein Großmanöver ab, das mit simulierten Atomschlägen endete.

Im März 2015 drohte der russische Botschafter in Kopenhagen, sollte sich Dänemark an der Nato-Raketenabwehr beteiligen, würden »dänische Kriegsschiffe zu Zielen von russischen Nuklearraketen«.

Und bis heute fliegen russische Bomber, die Atomwaffen tragen können, demonstrativ die Grenzen zu den Nato-Ländern ab.

Die Nukleardoktrin der anderen Seite, der Amerikaner, lässt sich in einem Dokument namens »Nuclear Posture Review« (NPR) nachlesen, das regelmäßig erneuert wird. In Trumps vor zwei Wochen veröffentlichter aktueller NPR ist ebenfalls von einer nuklearen Antwort auf konventionelle Attacken die Rede. Das war zwar unter Obama auch schon der Fall, aber die Liste der potenziellen Anlässe für einen Atomangriff ist länger geworden. In der NPR heißt es nun: Russland und andere Mächte seien in der Lage, die Infrastruktur der USA oder ihrer europäischen Verbündeten lahmzulegen, etwa durch eine Cyberattacke. Auch unter solch »extremen Umständen« sei künftig ein Erstschlag denkbar.

Im Pentagon, dem amerikanischen Verteidigungsministerium, ist man davon überzeugt, dass Russland im Konfliktfall ein zynisches Kalkül verfolgen könnte: »eskalieren, um zu deeskalieren«. Was damit gemeint ist, erläuterte Matthew Kroenig, ein den Republikanern nahestehender Politikwissenschaftler an der Washingtoner Georgetown University, kürzlich im Wall Street Journal anhand eines Szenarios: »Russland marschiert in Estland ein. Die USA eilen ihrem Nato-Verbündeten zur Hilfe, aber während des Vormarsches schießt Russland eine taktische Nuklearwaffe auf einen US-Flugzeugträgerverband in der Ostsee ab. Einige...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Außenpolitik - Sicherheitspolitik

Angst vor China

E-Book Angst vor China
Wie die neue Weltmacht unsere Krise nutzt Format: ePUB

China ist die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Deutschlands Abhängigkeit von dieser Supermacht hat sich seit der Finanzkrise dramatisch erhöht. Weil China boomt, exportieren wir immer mehr…

Supranationalität und Demokratie

E-Book Supranationalität und Demokratie
Die Europäische Union in Zeiten der Krise Format: PDF

Europa steht vor der Alternative, sich in intergouvernementales Regieren zurückzubilden oder eine starke supranationale Regulierungsbehörde zu schaffen, die autoritativ auf die nationale Politik und…

Lobbying in der Europäischen Union

E-Book Lobbying in der Europäischen Union
Zwischen Professionalisierung und Regulierung Format: PDF

Dem EU-Lobbying eilt ein schlechter Ruf voraus. Die Brüsseler Lobbyingszene gilt als besonders korrupt und intransparent. Die Bürger assoziieren mit ihr üppige Arbeitsessen und geheime Absprachen.…

Die kulturelle Zukunft Europas

E-Book Die kulturelle Zukunft Europas
Demokratien in Zeiten globaler Umbrüche Format: PDF

Europa steht derzeit nicht nur ökonomisch unter Druck. Mit der Wiedervereinigung des Kontinents wurde ein vordemokratisches Nationsmodell wiederbelebt, das Bürgerrechte nach kulturellen…

Die Europawahl 2014

E-Book Die Europawahl 2014
Spitzenkandidaten, Protestparteien, Nichtwähler Format: PDF

Welche Neuerungen brachte die Europawahl 2014? Wie prägten die Spitzenkandidaten Wahl und Wahlkampf? Was bedeuten die Gewinne der Protestparteien und die hohe Zahl an Nichtwählern? Die Beiträge in…

Fremdes Land Amerika

E-Book Fremdes Land Amerika
Warum wir unser Verhältnis zu den USA neu bewerten müssen Format: ePUB

Ingo Zamperoni war stets fasziniert von den USA. Er ist es heute noch - nun aber mit einem nüchternen Blick auf die Realitäten des Landes. Sein dortiges Studium und seine journalistische Tätigkeit…

China und Deutschland: 5.0

E-Book China und Deutschland: 5.0
Herausforderung, Chance und Prognose Format: ePUB

China und Deutschland sind wichtige Staaten im internationalen Gefüge. Während Deutschland zu einer der führenden Nationen in Europa gehört, ist China eine neue aufstrebende Macht in Asien. Beide…

Russland gibt Gas

E-Book Russland gibt Gas
Die Rückkehr einer Weltmacht Format: PDF/ePUB

Spätestens seit den Öl- und Gaskonflikten der letzten Jahre ist klar, wie abhängig wir von Russland sind. Und wie wenig wir über das Land wissen: Welche Pläne verfolgt der…

Weitere Zeitschriften

Archiv und Wirtschaft

Archiv und Wirtschaft

Fachbeiträge zum Archivwesen der Wirtschaft; Rezensionen Die seit 1967 vierteljährlich erscheinende Zeitschrift für das Archivwesen der Wirtschaft "Archiv und Wirtschaft" bietet Raum für ...

Baumarkt

Baumarkt

Baumarkt enthält eine ausführliche jährliche Konjunkturanalyse des deutschen Baumarktes und stellt die wichtigsten Ergebnisse des abgelaufenen Baujahres in vielen Zahlen und Fakten zusammen. Auf ...

BMW Magazin

BMW Magazin

Unter dem Motto „DRIVEN" steht das BMW Magazin für Antrieb, Leidenschaft und Energie − und die Haltung, im Leben niemals stehen zu bleiben.Das Kundenmagazin der BMW AG inszeniert die neuesten ...

caritas

caritas

mitteilungen für die Erzdiözese FreiburgUm Kindern aus armen Familien gute Perspektiven für eine eigenständige Lebensführung zu ermöglichen, muss die Kinderarmut in Deutschland nachhaltig ...

elektrobörse handel

elektrobörse handel

elektrobörse handel gibt einen facettenreichen Überblick über den Elektrogerätemarkt: Produktneuheiten und -trends, Branchennachrichten, Interviews, Messeberichte uvm.. In den monatlichen ...

VideoMarkt

VideoMarkt

VideoMarkt – besser unterhalten. VideoMarkt deckt die gesamte Videobranche ab: Videoverkauf, Videoverleih und digitale Distribution. Das komplette Serviceangebot von VideoMarkt unterstützt die ...