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Aufbruch nach Utopia

Alltag und Herrschaft in der DDR 1961-1971

AutorStefan Wolle
VerlagCh. Links Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl440 Seiten
ISBN9783862840908
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Am 13. August 1961 war alles anders, die DDR war eingemauert. Doch bot das nicht auch eine Chance? Die Sowjetunion beschloss 1961 den Aufbau des Kommunismus. Auch die DDR-Führung träumte von einem wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Höhenflug. Dazu brauchte sie die Intelligenz und die Jugend. Die waren nicht ohne Reformen und Zugeständnisse zu gewinnen. In der Filmkunst, der Musik und Literatur taten sich erstaunliche Dinge. Doch der Geist des Aufbruchs wurde spätestens 1968 in Prag erstickt. Stefan Wolle lässt diese aufregende Zeit in all ihren hoffnungsfrohen, dramatischen, unfreiwillig komischen Facetten lebendig werden. Mit historischem Sachverstand, Witz und erzählerischer Leichtigkeit verbindet er die Analyse der Herrschaftsverhältnisse mit der Perspektive der Zeitgenossen und den Geschichten des Alltags. Das Buch schließt unmittelbar an seinen Bestseller 'Die heile Welt der Diktatur' an, über den die Hannoversche Allgemeine Zeitung schrieb: 'Historische Abhandlungen treiben ihren Lesern selten Lachtränen ins Gesicht - anders ist es bei diesem Werk.'

Dr. Stefan Wolle: Jahrgang 1950, Studium der Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin, 1972 Relegation aus politischen Gründen, Arbeit in einem Produktionsbetrieb, 1976-89 Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1984 Promotion, 1990 Mitarbeiter des Komitees für die Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit, 1991-96 Assistent an der Humboldt-Universität, 1996-98 Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 1998-2000 Referent bei der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, danach freier Autor, zeitweilige Mitarbeit im Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin, seit 2005 wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums Berlin.

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Leseprobe

Erster Teil Zerrissene Zeit

Berlin vor dem Mauerbau

Ideologische Frontlinien

In den Schulstuben der DDR hingen in den frühen sechziger Jahren Weltkarten, auf denen der unaufhaltsame Siegeszug des Sozialismus dargestellt war. Das sozialistische Lager einschließlich der Volksrepublik China war tiefrot eingefärbt. Die rote Fläche vom Gelben Meer bis Marienborn hatte die Form eines Panthers im Sprung, der seine Schnauze gegen Westeuropa streckte, um den kleinen Wurmfortsatz der eurasischen Landmasse demnächst zu verschlingen. Dazu schwamm seit Beginn der sechziger Jahre das sozialistische Kuba wie ein kleiner roter Fisch im gigantischen Haifischmaul des Golfs von Mexiko. Ein Drittel der Menschheit lebte bereits im Sozialismus, wie immer wieder triumphierend verkündet wurde, und der weltrevolutionäre Prozess würde eines Tages auch das reaktionäre Regime Konrad Adenauers in Bonn hinwegfegen, auch wenn es zur Zeit noch nicht danach aussehe.

Die Märchenwelt der kommunistischen Propaganda war fein säuberlich in Gut und Böse geteilt. Auf den Plakaten und in den täglich erscheinenden Karikaturen trugen die Imperialisten Zylinderhüte und gestreifte Hosen. Sie saßen mit langen Hakennasen auf Geldsäcken mit dem Dollarzeichen oder wateten im Blut der unterdrückten Völker. Die Bonner Ultras als besonders verabscheuungswürdige Spezies trugen Stahlhelme der Nazi-Wehrmacht und waren durch Hakenkreuze und SS-Runen kenntlich gemacht. Sie dürsteten nach Revanche für den verlorenen Krieg und streckten ihre spinnenartig dürren Finger gen Osten aus. In der Sprache der Agitation ausgedrückt, gab es zwischen der faschistischen Diktatur und der scheindemokratischen Spielart des staatsmonopolistischen Imperialismus nur einen taktischen Unterschied. Die politische Macht lag in den Händen des gleichen Monopolkapitals, das Hitler in den Sattel gehoben hatte und nun mit Unterstützung der verräterischen Sozialdemokratie regierte. Eine der vergessenen Kuriositäten der deutsch-deutschen Propagandaschlacht bestand darin, dass man der »SP« aufgrund ihres »nationalen Verrates« das »D« im Parteinamen aberkannt hatte. Immerhin wurde eingeräumt, dass die westdeutsche Arbeiterklasse teilweise der Sozialdemagogie erlegen sei und die siegreichen Schlachten zur Befreiung des Proletariats noch auf sich warten ließen.

An vielen Stellen des Erdballs standen sich die Kräfte der Reaktion und des Fortschritts – wie es die SED-Propaganda nannte – unversöhnlich gegenüber.

Für die erste Jahreshälfte 1961 zog die FDJ-Zeitung »Junge Welt« auf der Titelseite der Wochenendausgabe vom 22./23. Juli 1961 eine Bilanz: Unter der Überschrift »Aggressionen der NATO 1961« listet sie auf: Im März 1961 hätte in Laos eine von der CIA gelenkte Intervention stattgefunden. Im April hätte in dem kleinen südostasiatischen Land eine »offene Invasion mit Söldnerbanden« stattgefunden, »deren Mitglieder von geflohenen Verbrechern, französischen Fremdenlegionären bis zu spanischen und deutschen Faschisten reichten und von USA-Offizieren gedrillt wurden«.11 Im Mai wären 20 000 Angolaner dem Terrorfeldzug des NATO-Regimes Salazars in Portugal zum Opfer gefallen. Im Juni 1961 hätten britische Truppen Kuweit besetzt. Im Juli 1961 wäre es zu einem »barbarischen Bombardement auf die tunesische Stadt Bizerta« gekommen. Dazu stichwortartig die »Junge Welt«: »Napalm-Bomben! Französische Fallschirmjäger und Panzer feuern auf Frauen, Kinder und Krankenwagen!«

Es folgte die Zusammenfassung: »Und wieder kommen die Bomben, die Flugzeuge, Piloten, Generale und Söldner aus dem Arsenal derselben NATO, die vorgibt, die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu verteidigen. Und wieder ist Bonn mit diesen Aggressoren engstens verbündet, mit jenen, die von Freiheit und Frieden faseln und Napalmbomben werfen!«12

Der Bogen zu den Bonner Ultras war hier nicht ganz einfach hinzubekommen, doch das Auftreten der alten Kolonialmächte und auch der USA war in jenen Jahren durchaus nicht zimperlich.

In Kenia führten die Engländer in den Jahren von 1952 bis 1957 den sogenannten Mau-Mau-Krieg. Sie errichteten ein System von Konzentrationslagern, in denen die Insassen systematisch erniedrigt und gefoltert wurden. Über 1000 Hinrichtungen und mindestens 50 000 getötete Zivilpersonen waren das Resultat des britischen Vorgehens. Zeitlich parallel führte Frankreich in Algerien von 1954 bis 1962 einen ebenso brutalen Kolonialkrieg. Das französische Mutterland blieb dabei von den Auseinandersetzungen nicht unberührt. Am 17. Oktober 1961 eskalierte in Paris eine Großdemonstration algerischer Arbeiter. Obwohl die Demonstration friedlich, wenn auch unter Missachtung der Ausgangssperre, verlief, eröffnete die Pariser Polizei das Feuer auf die Demonstranten. Die genaue Zahl der Toten ist unbekannt, wird aber von Historikern auf bis zu 200 geschätzt. Gefesselte Demonstranten wurden von der Polizei in die Seine gestoßen. Noch Wochen später schwammen Leichen in dem Fluss. Tausende Menschen wurden verletzt und etwa 14 000 festgenommen. Die Festgenommenen mussten teilweise über mehrere Tage hinweg unter freiem Himmel campieren, ungefähr 500 von ihnen wurden im Anschluss nach Algerien deportiert. Der Schießbefehl kam vom Präfekten von Paris, Maurice Papon, der in der Besatzungszeit an der Deportation der Juden nach Auschwitz beteiligt gewesen war, was seiner Laufbahn nach dem Krieg nichts geschadet hatte. Er war in führenden Positionen in der Kolonialverwaltung in Algerien und Marokko tätig gewesen und wurde 1958 als getreuer Gefolgsmann de Gaulles Polizeichef von Paris.

Das Jahr 1960 ist als »Afrikanisches Jahr« in die Geschichte eingegangen. Insgesamt 17 meist französische Kolonien wurden zu souveränen Staaten. Doch das Beispiel der ehemaligen belgischen Kolonie Kongo zeigte, dass Nationalhymnen, Staatsflaggen und noch so bunte Briefmarken wenig an den Machtverhältnissen änderten. Nur wenige Monate nach der feierlichen Erklärung der Unabhängigkeit Kongos am 30. Juni 1960 spaltete sich die rohstoffreiche Provinz Katanga von der Zentralregierung in Kinshasa ab. Der frei gewählte Ministerpräsident Patrice Lumumba wurde gestürzt und ermordet. Der Mord an Lumumba löste heftige internationale Proteste aus, nicht zuletzt in Belgien selbst. Es gehörte nicht viel politische Einsicht dazu, um zu erkennen, dass hinter diesen Vorgängen die mächtigen belgischen Kupferkonzerne steckten.

Wer in der DDR damals Gründe suchte, den Imperialismus zu verabscheuen, brauchte weder zum »Neuen Deutschland« zu greifen noch Karl-Eduard von Schnitzlers »Schwarzen Kanal« über sich ergehen zu lassen. Die Ereignisse selbst polarisierten die Meinungen und mit ihnen die Menschen. Zwischen den Fronten des Kalten Krieges schien es für die Deutschen kaum noch Spielraum für eigene Entscheidungen zu geben. Amerika contra Sowjetunion, Freiheit contra kommunistische Unterdrückung, westlicher Wohlstand contra sozialistische Mangelwirtschaft – auf diese Alternativen reduzierten sich die Entscheidungsmöglichkeiten in den Augen der westlichen Wahrnehmung.

»Der Antikommunismus war nicht die Ideologie der Adenauer-Zeit schlechthin,« schreibt Elisabeth Endres in ihrem Buch über jene Zeit, »aber er war ihre negative Dimension. Die Vorstellung, dass das Böse in irdisch-politischer Gestalt auftritt, war vielen Nazis, beziehungsweise Ex-Nazis, so vertraut wie den Nazi-Gegnern. Für die einen war es schon immer der Bolschewismus gewesen, für die anderen war es der Nazismus. Da die beiden politischen Bewegungen sich mit dem finsteren Wort Totalitarismus zum Teil erklären ließen, konnten sie gleichgesetzt werden. Was dahinter stand, war die Hölle auf Erden. Ich verwende das Wort Hölle hier durchaus nicht als Bild oder Metapher; ich meine den theologischen Begriff für das absolute, im Wesen immer gleichbleibende Böse. Hier herrschen die Mächte, die das Böse wollen, es nur deswegen wollen, weil es böse ist. Wie zum Beispiel Luzifer, der Fürst der Finsternis; wie zum Beispiel der Spitzbart Walter Ulbricht.«13

Im Osten tönte die Propaganda in gleicher Weise, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Atomtod contra Aufbau, Imperialismus contra Befreiung der Völker, Herrschaft der alten Nazis und Konzernherren contra Arbeiter-und-Bauern-Macht.

Keine Neutralität

Der Krieg der Ideologien sickerte wie ein Gift in den Alltag ein, erfasste schon die Kinder, forderte in der DDR ein dauerndes Bekenntnis zum Frieden und gegen den Atomtod. Ununterbrochen griff der Staat nach dem ganzen Menschen. Die SED gab sich nicht mit staatsbürgerlicher Loyalität zufrieden. Selbst Gehorsam und Untertanengeist reichten ihr nicht aus. Sie forderte die Liebe der Menschen. Die Liebe zur Partei gelobten die Jungpioniere, die Treue zur Heimat wurde in Liedern besungen, der Glaube an die Sowjetunion wurde in Feierstunden beschworen. Die Bezeichnung »Liebesministerium« für den allgegenwärtigen Terrorapparat in Orwells Roman »1984« ist keineswegs eine ironische Pointe, sondern der eigentliche Kern des Totalitarismus. Die Partei hatte eine Diktatur der Liebe errichtet. Sie liebte ihre Untertanen und wollte wiedergeliebt werden. Unbewusst hat Erich Mielke diesen Kern getroffen, als er am 13. November 1989 in der Volkskammer seinen Liebesschwur stammelte, der in der verkürzten Fassung »Ich liebe euch doch alle!« in den ewigen Schatz der geflügelten Worte eingegangen ist.

In Ost und West ging die Furcht vor Unterwanderung um. Zweifel war Verrat, Schwankung war Schwäche, Neutralität im Klassenkampf war Untreue. Kritiker waren im besten Fall »Pinscher« – wie Bundeskanzler Ludwig Ehrhard 1965 kritische Schriftsteller nannte. Im Osten...

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