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Augenzeuge des Konstanzer Konzils

Die Chronik des Ulrich Richental

Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl248 Seiten
ISBN9783806229646
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Vier Jahre lang tagte das Konzil von Konstanz in der beschaulichen Stadt am Bodensee. Hier verhandelte die geistliche und weltliche Prominenz Europas die Probleme der spätmittelalterlichen Kirche. Es war die größte politische Zusammenkunft des Mittelalters, eine einzigartige Veranstaltung, zu der zeitweise bis zu 70.000 Gäste in Konstanz gewesen sein sollen. Das machte sich natürlich auch im Leben der Konstanzer Bürger bemerkbar. Anschaulich und detailliert hält der Augenzeuge Ulrich Richental die Geschehnisse im Großen wie im Kleinen fest. Er war sozusagen der erste Klatsch- und Lokalreporter der Geschichte und bietet Einblicke in das Treiben einer spätmittelalterlichen Stadt vor dem Hintergrund der politisch-religiösen Mächtespiele. Anlässlich des 600-jährigen Jubiläums erscheint die Chronik des Ulrich Richental zum ersten Mal in heutiges Deutsch übersetzt. Der Band ermöglicht so einen direkten Zugang zu einem der spannendsten Ereignisse des Mittelalters. Ulrich Richtental (1360-1437) war der Sohn eines Konstanzer Stadtschreibers. Er war wahrscheinlich als Kaufmann tätig und hatte es zu einigem Wohlstand in der Stadt gebracht, wo er Haus- und Grundeigentum besaß. Aus eigenem Antrieb verfasste er eine umfangreiche Chronik über das Konstanzer Konzil.

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Leseprobe

 

 

VORBLATT UNTEN

N.B. N.B. (Nota bene!)

Author huius libri est D[ominus] Udalricus nobilis de Reichental, teste D[omini] Schultheiß in manuscript[o]: Chro[nicon] Const[anciense] tom[us] I pag[ina] 84.1

(Handschriftliche Notiz aus dem 18. Jahrhundert)

VORBLATT

Über die ganze Erde erging ihre Stimme, und bis zu den fernsten Ländern reichten ihre Worte.

So steht es geschrieben im 18. Psalm, und diese Worte werden zu Recht auf die Apostel bezogen, die in der ganzen Welt das Evangelium predigten.

Aber man könnte sie ebenso gut auf die Stadt Konstanz in Alemannien beziehen, in der Mainzer Kirchenprovinz; es ist fast so, als ob die Stadt Konstanz mit den Worten des genannten Propheten David über sich spräche: Über die ganze Erde erging der Name von Konstanz, und dieser Name wurde auf der ganze Welt verbreitet.2

Psalm: Sein Lob in der Gemeinschaft der Heiligen

 

Omnipotens Deus, qui es retributor omnium bonorum, vindictor malorum, da michi viam recte scribendi, qui es trinus et unus.3


1 REC

Hier beginnt die Geschichte, wie es dazu kam, dass das Konzil nach Konstanz gelegt wurde, wie es begann, welche Dinge sich damals auf dem Konzil abgespielt und ereignet haben, wie es beendet wurde, wie viele geistliche und weltliche Herren hierherkamen und mit wie viel Gefolge ein jeder daherkam, mit wie vielen Personen und Pferden, und mit ihren Wappen, die sie in Konstanz an ihre Herbergen anschlugen. Etliche ehrbare Leute haben all dies erfragt und zusammengetragen, damit es im Gedächtnis bleibt und damit man besser verstehen mag, wie die Dinge vor sich gegangen sind.

So muss man wissen, dass die Christenheit in fünf Teile geteilt ist, und diese Teile heißen auf Lateinisch „Naciones“. Da ist zum Ersten die italienische Nation4, das sind das Römerland und die Lombardei und alle Länder, die zu diesem Teil gehören; der zweite Teil ist die germanische Nation, das sind die deutschen Lande und alle, die zu ihnen gehören; die dritte Nation ist die französische, das ist Frankreich und ebenfalls die, welche dazugehören; die vierte ist die spanische Nation, das ist das Spanierland und die Königreiche, die sich dort befinden, wir ihr noch sehen werdet; die fünfte Nation, das sind die Anglici, das sind England und Schottland und diejenigen, die auch dazugehören. Die Engländer hatten vor dem Konzil keine Nation, denn sie gehörten zur germanischen Nation, und erst in Konstanz wurde ihnen eine Nation zugestanden, wie man nachher noch sehen wird. Und welche Königreiche und Länder zu jeder Nation gehören, das findet man hier im Anschluss; und dass den Englischen eine eigene Nation gegeben wurde in Konstanz, das geschah, weil die Spanier sich so lange weigerten, nach Konstanz zu kommen, nachdem ihnen verkündet worden war, dass sie kommen sollten.

1 VERS

Als unser Heiliger Vater und Herr, Papst Alexander, zum Papst gewählt worden war – er war aus dem Orden der Minderbrüder, das sind die Barfüßer5 –, als er nun also gewählt worden war, gab es ein allgemeines Konzil Pisanensis, nämlich in Pisa in der Lombardei. Auf diesem Konzil gelobte und verhieß dieser Papst Alexander demselben Konzil, dass er innerhalb der nächsten drei Jahre nach dem Konzil alles daransetzen werde, der Christenheit Einigkeit, Frieden und Gnade zurückzugeben, denn er hatte dazumal zwei Widersacher. Der eine davon war der hochgeborene Fürst Petrus de Luna, ein gefürsteter Herr aus gräflichem Geschlecht, der nannte sich in seiner Obödienz, das heißt so viel wie: unter denen, die ihm gehorsam waren und die zu ihm hielten, Benedikt XIII. Der andere hieß Angelus Corvarus, ein Ritter aus ehrbarem Geschlecht, der nannte sich in seiner Obödienz, also bei den ihm Gehorsamen, Gregor XII. Doch bevor die drei Jahre vergangen waren und er sein Vorhaben umsetzen konnte, starb Papst Alexander, und so lag die Sache ganz darnieder und in der Christenheit herrschte eine große Verwirrung. Doch der allmächtige Gott lässt das Schiff seines Fürsten, des Apostels Petrus, nicht ertrinken noch versinken.

Danach wurde der ehrsame Herr Balthasar de Cossis, Mitglied eines ehrbaren Bürgergeschlechts, zum Papst gewählt. Als er nun gewählt war, nahm er in seiner Obödienz den Namen Johannes XXIII. an. Auch dieser Papst Johannes schwor, nachdem er gewählt war, dem ganzen Kollegium – dazu muss man wissen, dass, wenn man vom Kollegium schreibt oder dies so benennt, nur die Kardinäle gemeint sind, die den Papst zu wählen haben; schreibt man aber vom Konzil, dann sind die Kardinäle, Erzbischöfe, Bischöfe, Patriarchen, Universitätsgelehrten und andere gelehrte Kleriker und Orden gemeint, die sich in der Not und in Anliegen der Christenheit versammeln –, er schwor also dem Kollegium, dass auch er alles tun werde, was in seinem Vermögen stehe, um Frieden und Einigkeit in der Christenheit wiederherzustellen. Dieser Papst Johannes XXIII. ließ die Sache aber auf sich beruhen und wollte sich vielleicht mit der Würde begnügen, die ihm gegeben und auferlegt war, denn er war zeitlichen Ehren und Gütern sehr zugeneigt. Damit zog sich alles so in die Länge, dass großer Ärger und Diskussionen unter den geistlichen und weltlichen Fürsten und Herren entstanden und die Kurfürsten heftig zur Rede gestellt wurden deswegen. Darum kamen die Kurfürsten nun oft und viel zusammen, sie trafen sich untereinander, sandten aber auch ihre Botschafter nach Frankfurt, Boppart, Oppenheim, nach Wesel und in manch andere Reichsstädte, die am Rhein und in der Umgebung lagen. Und auch die Reichsstädte des Römischen Reichs selbst trafen sich mit ihnen und untereinander, um zu bereden, wie man vorgehen sollte, damit eine solche Verirrung nicht die Christenheit zerbrechen würde, und damit das Schisma, also die Verirrung, beendet würde.

Die Kurfürsten sind diejenigen, die den Römischen König zu wählen haben, wenn ein König stirbt oder abgesetzt wird, oder die einen Römischen König abzusetzen und einen neuen zu wählen haben, wenn er Missetaten am christlichen Glauben oder an deren Dingen und Artikeln begeht, die im Recht vorgeschrieben sind.

2 REC

Der Erzbischof von Mainz (Wappen)

Der erste Kurfürst ist der Erzbischof von Mainz. Wer dort Erzbischof ist, der ist unter den anderen Kurfürsten so etwas wie der Dekan in einem Dom oder Kapitel; er hat die Gewalt, alle anderen Kurfürsten und Wähler des Heiligen Römischen Reichs zu berufen. Diese müssen ihm gehorsam folgen bei ihrem Eid, den sie dem Reich geschworen haben, in allen Anliegen des Reiches und der Christenheit, selbst wenn es darum geht, einen Römischen König abzusetzen, und in allen anderen Dingen dergleichen. Dieser Erzbischof ist auch der oberste Erzkanzler aller deutschen Lande und der Nation, die man Nation Germanica nennt, und er hat das Recht, zu gebieten und zu rufen, dass alle Fürsten und Herren, die in diesen Landen wohnen, kommen müssen und ihm zu Gebote stehen, und wenn sie von ihm an einen beliebigen Ort gerufen werden, dann müssen sie dorthin kommen, wenn sich das Reich in Not befindet. Auch hat er das Majestätssiegel des Römischen Reiches inne.

Der zweite Kurfürst ist der Erzbischof von Köln. (Wappen)

Er ist ein Erzkanzler des Heiligen Römischen Reichs und wie der Dompropst in einem Stift. Er muss alle Könige, Fürsten und Herren einberufen, die in der Nation, die man Italia nennt, wohnen, also in der Lombardei, wenn das Reich in Not gerät, wie es vorher geschrieben steht, ebenso diejenigen im Kaiserreich Konstantinopel, das in Griechenland liegt, und er ist Kanzler über alle Königreiche, die christlich sind und jenseits des Meeres liegen; und wohin seine Macht reicht, da sollen ihm alle gehorsam sein, wenn er sie mahnt und das Reich in Not kommt.

2 VERS

Der dritte ist der Erzbischof von Trier. (Wappen)

Der dritte geistliche Kurfürst und Wähler ist der Erzbischof von Trier. Auch er ist ein oberster Erzkanzler des Heiligen Römischen Reichs, und wenn das Reich in Not gerät, hat er alle Könige, Fürsten und Herren des Heiligen Römischen Reichs zu rufen und zu mahnen, die zur Nation von Spanien, Frankreich und Portugal gehören, also zu der Nation, die man die französische nennt. Und er ist für das Heilige Römische Reich wie ein Küster, das heißt ein Erhalter und Hüter des Heiligen Römischen Reichs.

Nun folgen die weltlichen Kurfürsten, die ebenfalls den Römischen König wählen, wenn das Reich ohne einen solchen ist, oder den Römischen König absetzen, wenn er Missetaten vollbringt.

Der Herzog von Bayern (Wappen)

Derjenige Herzog von Bayern, der die Pfalz am Rhein innehat und besitzt, ist auch Kurfürst. Außerdem waltet er als oberster Truchsess des Römischen Königs und Reiches. Dies ist sein Amt, das er selber versehen oder durch einen frommen Herrn ausüben lassen soll, damit der König in Frieden sein Mahl einnehmen kann....

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