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E-Book

Autobiografie und Lebenswerk einer Psychoanalytikerin

AutorMargarete Mitscherlich
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl53 Seiten
ISBN9783711750815
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
Margarete Mitscherlich ist zweifellos eine der prägendsten Psychoanalytikerinnen ihrer Generation. Anhand ihres eigenen Lebensweges verdeutlicht sie das Verhältnis zwischen Leben, Lebenssinn und Lebenswerk. Die Beziehung zu ihrer Mutter begreift sie als wegweisend für ihre persönliche Entwicklung und ihr berufliches Schaffen, gelangte sie doch erst durch die Aufarbeitung dieser komplexen Beziehung selbst zur Beschäftigung mit der Psychologie. Mitscherlich analysiert die Bedeutung ihrer deutsch-dänischen Herkunft sowie den Einfluss der NS-Diktatur auf ihr privates Leben und ihren beruflichen Werdegang. Unermüdlich und uneitel verfolgt sie ihre Erinnerungsarbeit, durchleuchtet dabei ihr eigenes Leben mit den Mitteln der Psychoanalyse.

Margarete Mitscherlich, geboren 1917; Studium der Literatur und Medizin in München und Heidelberg. Ab 1951 Zusammenarbeit mit dem Arzt, Psychoanalytiker und Sozialpsychologen Alexander Mitscherlich. In den fünfziger Jahren psychoanalytische Ausbildung in Heidelberg, Stuttgart und London. 1960 Mitbegründerin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main. Zahlreiche Veröffentlichungen. Margarete Mitscherlich starb 2012. Im Picus Verlag erschien 'Autobiografie und Lebenswerk einer Psychoanalytikerin' in der Reihe 'Wiener Vorlesungen'.

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Leseprobe
Autobiografie und Lebenswerk einer Psychoanalytikerin (S. 10-11)

Es ist für mich eine große Ehre, mit der Verleihung des »Erwin-Chargaff-Preises« als Erste ausgezeichnet zu werden. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken. Als mir dies telefonisch mitgeteilt wurde, fragte ich spontan, wie es möglich sei, dass gerade mir diese Ehre widerfahre. Das erstaunt mich umso mehr, nachdem ich mittlerweile viele Bücher von Erwin Chargaff gelesen habe, die mich mit großer Bewunderung für ihn und sein Leben als nobelpreiswürdiger Biochemiker erfüllten und mir erst so recht zu Bewusstsein brachten, was für ein hochgebildeter Autor zahlreicher anregender Publikationen er war. Als begeisterter Anhänger von Karl Kraus hätte er mir allerdings einen kritischen Vortrag, den ich seinerzeit in Wien über Karl Kraus und dessen Ablehnung der Psychoanalyse gehalten habe, eher übel genommen, denn er war sich mit Karl Kraus in dessen vernichtender Kritik der Freud’schen Lehre durchaus einig. Seiner eigenen Wissenschaft stand er nicht weniger kritisch gegenüber.

Nach dem Abwurf der Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima schreibt er: »Niemals fern einer apokalyptischen Vision der Welt, sah ich vor mir das Ende all dessen, was Menschlichkeit bedeutete, ein Ende nähergebracht oder sogar möglich gemacht, durch den Beruf, dem ich angehörte.« Mit Erwin Chargaff stimme ich sicherlich in allen ethischen Fragen überein, wie auch darin, dass nur die Erinnerung die Zukunft von der Vergangenheit befreien, nur sie dem Wiederholungszwang Einsicht entgegensetzen kann. Ich wurde für mein Lebenswerk ausgezeichnet – aber … Was ist Lebenswerk?

Ich werde in wenigen Jahren neunzig Jahre alt. Was hat diese neunzig Jahre beeindruckt, beeinflusst, was scheint mir, von heute aus gesehen, wesentlich für den Gang oder Lauf meines bisherigen Lebens gewesen zu sein? Ich werde also versuchen, Erkenntnisse über mich, mein Denken und Handeln, meine Welt, meine Geschichte zu gewinnen und wiederzugeben, was ich als Wahrheit in und um mich herum zu erkennen glaubte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mein »Lebenswerk« sich mit Emanzipation im weitesten Sinn beschäftigt, das heißt mit der Befreiung von Denkeinschränkungen, Vorurteilen, Ideologien, die in meinem Leben zur mörderischen Begeisterung für einen Verbrecherstaat und über lange Zeit zu einer neuen Variante der Entwertung der Frau und ihrer Stellung in der Gesellschaft führten.

Ist »Lebenswerk« gleich Lebenssinn oder ergibt sich »Lebenswerk« aus dem, was man als den Sinn seines Lebens ansieht? Keine so leicht zu beantwortende Frage, da im Laufe der Zeit Lebenssinn und Lebenswerk sich verändern, sich gegenseitig beeinflussen und von Zufall und »Schicksal« nicht verschont bleiben. Ich wurde gebeten, über Psychoanalyse und Ethik zu sprechen. Aber was ist Ethik heute? Wer bestimmt, was »gut«, was »böse« ist? Gibt es sie noch, die für alle gültigen Werte und Normen oder die von allen geteilte Lehre vom »richtigen Leben«?

Müssen wir uns nicht eher mit der »traurigen Wissenschaft« zufrieden geben, mit den »Reflexionen aus dem beschädigten Leben«, wie sie uns Adorno[1] als »minima moralia« nahegebracht hat? Ich wurde kürzlich gefragt, ob die Psychoanalyse nicht dazu neige, den Menschen die Verantwortung für ihr Handeln abzunehmen, indem diese sich auf Freuds: »Das Ich ist nicht Herr im eigenen Hause« berufen können. Ich behaupte dagegen, dass gerade die Psychoanalyse vom informierten Zeitgenossen verlangt, die unbewussten Dimensionen seiner Triebwelt, wie sie sich in seinen Wünschen, Affekten, Phantasien manifestieren und sein Handeln beeinflussen, bewusst zu machen, um so eine fundiertere Verantwortung für sein Verhalten übernehmen zu können.
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