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B.A.S.E. - 20 Sekunden Ekstase

Mein Leben für den freien Fall

AutorKarina Hollekim
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl272 Seiten
ISBN9783492959568
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
'Du musst akzeptieren, dass dich das umbringen kann. Ich habe viele Freunde verloren. ' Die junge Norwegerin Karina Hollekim hat ihr Leben dem gefährlichsten Sport der Welt verschrieben: B.A.S.E.-Jumping, dem freien Fall von Gebäuden, Brücken, Sendemasten und Felsvorsprüngen, gebremst einzig durch einen kleinen Fallschirm, der sich in letzter Sekunde öffnet. Doch im August 2006 entfaltet sich ihr Fallschirm bei einem Routinesprung zu spät. Die junge Sportlerin schlägt mit über 100 km/h auf und erleidet 25 Frakturen. Vier Jahre dauert ihr Kampf zurück in ein aktives Leben. Der inspirierende Bericht einer jungen Frau auf der Suche nach dem absoluten Glück.

Karina Hollekim, geboren 1976 in Oslo, kam in den 1990er-Jahren in den USA erstmals mit dem B.A.S.E.-Jumping in Kontakt. Ihre Karriere wurde in den preisgekrönten Porträts '20 Seconds of Joy' und 'Fatima's Hand' verfilmt.

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Leseprobe

1 | DER TRAUM VOM FLIEGEN


Ich habe nie Puppen gehabt. Kuscheltiere, ja – aber keine einzige Puppe. Vielleicht ist das schon die Essenz der ersten fünfunddreißig Jahre meines Lebens: Mein Zuhause war nicht gerade »ein Puppenheim«.

Bis zu seinem vierten Geburtstag kann man sich nur an wenig beziehungsweise an so gut wie nichts erinnern, aber trotzdem setzen sich Eindrücke aus dieser Zeit – stärker noch als irgendwelche anderen – für den Rest des Lebens fest. Über die Erfahrungen, die man in diesem Alter macht, entscheidet man nicht selbst, sie werden einem serviert.

Es war nur gut, dass die Kinder- und Jugendfürsorge 1978 noch nicht so entwickelt war, als mein Vater Bjørn mit seiner zweijährigen Tochter auf dem Rücken unterwegs zum unteren Südhang des Kolsås war. Eigentlich hätte er mit mir zu Hause bleiben sollen, doch da es ein strahlender Spätsommertag mit einem funkelnd blauen Himmel über Oslo war, sah mein Vater keinen Grund, daheim in Nordberg im Garten zu sitzen, nur weil er auf eine Zweijährige aufpassen sollte. Vor allem weil er ursprünglich geplant hatte, mit seinem Freund Per den Kolsås zu besteigen.

Ein quirliges Kleinkind ist nicht unbedingt der beste Kletterpartner, den man sich wünschen kann, aber mein Vater wusste sich zu helfen. Er schätzte meine Größe und holte seinen alten Kletterrucksack, einen verblichenen roten klassischen Rucksack mit Riemen, schnitt zwei Löcher in den verstärkten, hellbeigen Boden, setzte mich hinein und schnürte die unzähligen Riemen wieder zu. Mein Kopf lugte gerade über den Rand heraus, so, wie er es berechnet hatte – Problem gelöst.

Sicher hätte meine Mutter nichts dagegen einzuwenden gehabt, war sie doch selbst eine passionierte Kletterin. So schlugen Per und mein Vater also die Richtung zum unteren Teil des Kolsås ein, um die sogenannte Kohlblatt-Route zu nehmen. Vielleicht haben sie sich für diesen Weg entschieden, weil er ein Klassiker war, die allererste Strecke, auf der er 1904 bestiegen wurde und die den Berg mehr als ein Jahrhundert später zu einem beliebten Ziel für Kletterer gemacht hatte. Es kann aber auch daran gelegen haben, dass in diesem Gebiet einfach weniger Menschen unterwegs waren – Menschen, die sich womöglich an dem Anblick einer Zweijährigen in einem zerschlissenen Rucksack auf dem Rücken eines Kletterers gestört hätten.

Mein Vater war damals 29 und sah ziemlich verwegen aus: Er hatte einen dichten, dunklen Vollbart und einen wuscheligen Haarschopf. Er war bestens trainiert, und ich vermute, dass er an diesem Sommertag mit nacktem Oberkörper und in nichts als einer engen, kurzen 70er-Jahre-Shorts geklettert ist.

Nachdem die beiden Kumpel in der Felswand allmählich eine gewisse Höhe erreicht hatten, soll die Zweijährige im Rucksack gejammert haben, dass es da, wo sie mit baumelnden Beinen im Sack hing, sehr hoch und ihr unheimlich zumute sei. »Nicht runtergucken, schau hoch«, habe mein Vater daraufhin streng erwidert. Augenblicklich verspürte er einen Ruck hinter sich; es war das kleine Mädchen, das sich aufgerichtet hatte und nach oben blickte.

Es gibt sicherlich eine ganz einfache Erklärung dafür, weshalb ich in meinem Leben, soweit ich mich bewusst daran erinnern kann, keinerlei normale Furcht vor Höhen und Geschwindigkeit empfand. Das heißt nicht, dass ich keine Angst kenne, mir graust es einfach nur vor anderen Dingen. So fürchte ich mich mehr als andere vor der Dunkelheit; wenn ich allein im Dunkeln bin, kann es sein, dass ich vor Angst wie gelähmt bin.

Wasser ist mir auch nicht ganz geheuer. Vielleicht liegt das unter anderem daran, dass ich als Zweijährige aus dem Segelboot gefallen bin, ohne dass es meinen Eltern aufgefallen wäre. Den Blick nach vorne gerichtet, sind sie weitergesegelt, während ein kleines Mädchen in orangefarbener Rettungsweste in ihrem Kielwasser lag. Glücklicherweise kam kurz darauf ein Motorboot vorbei, dessen Crew der kleine Farbtupfer auffiel. Sie haben mich herausgefischt und die Verfolgung des Segelbootes aufgenommen. Als sie auf einer Höhe mit meinen Eltern lagen und die aus dem Wasser gezogene Zweijährige in die Luft hielten, soll meine Mutter so geschrien haben, dass es im ganzen Oslofjord widerhallte.

Ich nehme an, dass so gut wie jedes kleine Mädchen ihren Vater anhimmelt und alles tun würde, um von ihm beachtet zu werden und seine Anerkennung zu gewinnen. Womöglich war ich in dieser Hinsicht noch extremer als die meisten, wofür es verschiedene Gründe gegeben haben könnte. Meine Eltern hatten sich früh scheiden lassen, aber in dem Sommer, als ich vier Jahre alt wurde, haben sie einen ernsthaften Versuch unternommen, wieder zueinanderzufinden. Sie fuhren gemeinsam mit ein paar Freunden nach Tromsø in den Kletterurlaub, wohnten bei Bekannten und haben viele Berge im Gebiet Kvaløya bestiegen. Ich habe nur schöne Erinnerungen daran, aber auf dem Rückweg geschah etwas, das entscheidende Bedeutung für mein weiteres Leben hatte.

Der Schicksalstag war der 16.?August 1980. Wir waren den ganzen Weg bis Tromsø mit dem Auto gefahren, und die lange Rückfahrt führte durch das einsame Nordschweden, bevor wir bei Røros nach Norwegen abbogen. Es war ein Sommernachmittag, die Straßenverhältnisse waren gut, und es herrschte wenig Verkehr, als ein paar Kilometer südlich von Røros, auf einer langen, geraden Strecke, ein Wagen auf unsere Fahrbahn ausscherte und uns jäh entgegenkam. In dem Auto saßen zwei Jugendliche, die an der Eröffnung der Jagdsaison teilgenommen hatten. Erst viele Wochen später sollte der achtzehnjährige Fahrer zugeben, dass er eine Kassette hatte wechseln wollen, die jedoch auf den Boden gefallen sei. Als er sie aufheben wollte, habe er ungeschickt das Lenkrad gestreift und sei über die Straße geschliddert.

Mein Vater hat instinktiv gehandelt. Blitzschnell riss er das Auto auf die entgegengesetzte Fahrspur, um eine Kollision zu vermeiden. Aber im selben Sekundenbruchteil richtete sich der Achtzehnjährige wieder auf seinem Sitz auf und bemerkte, dass er sich auf der falschen Spur befand. Daraufhin schwenkte er abrupt zurück – dorthin, wo sich die Familie Hollekim-Sønsterud befand. Mein Vater versuchte noch verzweifelt, einem Zusammenstoß zu entgehen, indem er bis an den Rand des Straßengrabens fuhr, doch es war zu spät. Das entgegenkommende Auto, ein alter, tonnenschwerer Opel, traf uns auf der Beifahrerseite, wo meine Mutter saß. Sie bekam die volle Wucht des Frontalzusammenstoßes bei 80 Stundenkilometern zu spüren.

Mein Vater war praktisch unverletzt, er brach sich ein paar Rippen. Klein Karina schlief unangeschnallt auf dem Rücksitz. Durch den Aufprall flog ich durch die Windschutzscheibe und hätte normalerweise nicht überlebt, doch wundersamerweise fand man mich mit nur ein paar Kratzern im Gesicht auf der Motorhaube.

Ich war alt genug, um mich an den Zwischenfall zu erinnern, und er brannte sich in mein Gedächtnis ein. Das Gepäck lag verstreut auf der Straße, unsere Kleidung, unser Zelt, Kletterseile, das Essen; es wimmelte von Menschen, die Polizei und ein Krankenwagen waren vor Ort. Meine Mutter lag leblos auf einer Pritsche am Straßenrand. Ein Fremder hatte mich auf den Arm genommen und hielt mich fest, es war ein Taxifahrer, glaube ich. Ich habe geschrien wie am Spieß, als sie meine Mutter weggebracht haben.

Sie ist nie mehr zurückgekommen, jedenfalls nicht als die Mutter, als die ich sie kannte – aber sie hat überlebt. Vier Monate lag sie im Krankenhaus von Trondheim im Koma, und als sie daraus erwachte, war sie rechtsseitig gelähmt und hatte das Gedächtnis verloren. Später stellte sich heraus, dass sie einen bleibenden Gehirnschaden davongetragen hatte. Ich habe sie erst sehr viel später wiedergesehen, als sie nach Sunnås bei Oslo zur langwierigen Rehabilitation überführt wurde. Ihr Schädel war rasiert worden – ein enormer Kontrast zu ihren langen blonden Haaren, die mir so vertraut gewesen waren. Noch dazu war sie natürlich abgemagert und durch die monatelange Bettlägerigkeit nicht wiederzuerkennen.

Auch wenn man mich noch so sorgfältig darauf vorbereitet hatte, hatte ich erwartet, sie wie früher vorzufinden – kein Wunder, schließlich war ich erst vier Jahre alt. Als meine Mutter nicht wusste, wer ich war, wollte ich einfach nur raus, weg. Ich fand, dass Mama dumm sei, dass sie mich nicht wiedererkannte. Was hatten sie nur mit ihr gemacht, wo war meine Mutter?

Mama erfuhr, dass sie den Rest ihres Lebens im Rollstuhl zubringen sollte. Ich weiß nicht, ob die Ärzte es einfach nicht besser wussten oder ob diese Demotivation Methode hatte, aber geirrt haben sie sich auf jeden Fall. Meine Mutter hat das Urteil der Ärzte nie akzeptiert, ließ sich nicht entmutigen, biss die Zähne zusammen und trainierte wie der Teufel. Ich habe gesehen, wie viele Stunden sie im Fitnessraum zugebracht hat, während ich umherwuselte und nach ihr alle Geräte ausprobierte. Sie waren nicht so schwer zu bewegen, für mich ein Kinderspiel. Meine Mutter aber musste sich langsam vorwärtskämpfen, einen Fuß vor den anderen setzen, Pausen machen und es von Neuem versuchen. Ich fand, dass sie echt tough war.

Oft habe ich sie in Sunnås besucht, meine Großmutter und mein Onkel nahmen mich dorthin mit. Ich fand die Aussicht von dort oben wunderschön, und außerdem machte es Spaß, mit den vielen Rollstühlen zu fahren, die es dort gab. Sowie ich mich damit abgefunden hatte, dass meine Mutter anders als früher war, empfand ich nichts Düsteres oder Trauriges mehr dabei, sie zu besuchen. Für mich habe ich daraus mitgenommen, dass ein Krankenhaus, das alles repräsentierte, was richtig und wahr war, völlig...

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