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Beiträge zum Erzählteil, Band I

Geschichten für die Unterstufe

AutorGerhard Hallen
VerlagBooks on Demand
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl220 Seiten
ISBN9783741279157
Altersgruppe5 – 8
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis5,99 EUR
Im Erzählteil des Hauptunterrichts an Waldorfschulen haben wir die Möglichkeit, aus der eigenen Fantasie zu agieren. Die hier veröffentlichten Geschichten für die unteren Jahrgangsstufen geben nur einen schwachen Eindruck von der Lebendigkeit des interaktiven Erzählens im Unterricht wider. Dennoch hofft der Verfasser, dass sich die geschätzten Leser/innen dadurch zum Erzählen aus der eigenen Fantasie anregen lassen.

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Leseprobe

Das Fundament


Onkel Hermann hatte 50 Jahre in einer großen Fabrik gearbeitet. Vor einigen Jahren war er in „Rente gegangen“. Seitdem machte er es sich, wenn es draußen noch kalt und nass war, in seiner schmucken Mietwohnung gemütlich.

Sobald aber im Frühling der erste warme Sonnenstrahl durch die Wolken brach, zog es ihn in die Kleingartenanlage „Die Piepmätze“. Dort hatte er „sein Paradies“. Das war ein Garten, durch den ein kleiner Bach floss.

Onkel Hermann hatte über diesen Bach eine Holzbrücke gebaut. Er wollte doch trockenen Fußes von der einen zur anderen Gartenseite gelangen. Auf der linken Seite war der Zierrasen mit bunten Sträuchern und einem kleinen Geräteschuppen. Auf der rechten Seite hatte der Onkel einen Obstgarten angelegt – mit Erdbeerfeld, Brombeerhecke, Himbeerstauden und Johannisbeersträuchern.

Unter den vielen Gästen, die Hermann dort empfing und üppig bewirtete, waren auch seine Großnichten, Britt und Marie. Sie besuchten den Onkel mindestens einmal in der Woche und spielten am Bach, oder sie aßen sich in der Erntezeit an den Gartenfrüchten rund und satt. –

Das Prunkstück des Gartens war ein alter Weidenbaum. In seinem Stamm befand sich eine Höhle. Dort wohnte das Käuzchen. Es saß tagsüber im Höhleneingang und starrte den Onkel neugierig an. In der Nacht flog es aus, um Mäuse und anderes Getier zu jagen.

Bevor Onkel Hermann den Kobold Flabbes kennen lernte, wusste er nicht, dass es in seinem Garten auch „Unsichtbare“ gab – wie zum Beispiel Zwerge und Elfen. Nur Britt und Marie kannten sie. Die Kinder verloren darüber aber kein Wort, weil die Erwachsenen es ihnen ohnehin nicht geglaubt hätten.

Zu den „Unsichtbaren“ gehören zum Beispiel Frau Lieslein, die Meisterin der Hornveilchen, oder Herr Holder, der Chef des Holunderbusches. Wenn Onkel Hermann im Frühjahr die Komposterde austrägt, schwärmt Frau Lieslein immer:

„Mh! Wie das duftet!“

Der hochnäsige Herr Holder hat aber immer etwas zu meckern:

„Ein wenig trocken dünkt mich der Austrag schon.“

Frau Lieslein lässt Herrn Holder dann einfach stehen und wendet sich ihren Bediensteten zu. Die spornt sie zur Arbeit an – zum Beispiel mit folgendem Spruch:

„Regt euch, hegt euch, stets milde und wilde, rüttelt und schüttelt das wogende Blatt!

Treibt Bächleins Wasser durch alle Gefilde.

Sonst werden die Pflänzlein noch trocken und matt.“

Die Zwerge lassen daraufhin ihre schrumpeligen Hände an den Veilchenwurzeln entlanggleiten und ziehen daraus neue Ableger. Dabei erzählen sie ihrer Meisterin:

„Wasser treibet hoch zum Blatt,

Wurzel ziehet, macht uns satt.

Und wir regen ohne Rast,

unsere Finger, diese Dinger, leicht erblasst.“

Frau Liesleins Zwerge sind tatsächlich sehr blass – schon deswegen, weil sie ihr Dasein unter der Erde fristen. Liesleins Elfen sind dagegen bunt schillernde Wesen. Sie schwirren um die Blattspitzen herum und verzaubern sie zu wunderschönen Blüten. Dabei berichten sie ihrer Meisterin wie beiläufig:

„Lalle leise Lieder lieblich,

lallender Lillich!“

Zwischen den Elfen und Zwergen wirken die Nixen. Sie lassen die Hornveilchenblätter wachsen und singen dabei:

„Rausche, bausche, wachse zu!

Unablässig, ohne Ruh!

Walle, Walle manche Strecke,

dass mein Blattwerk weit sich recke.“

Trotz der vielen Zeit, die sie für ihre Bediensteten aufbringt, findet Frau Lieslein immer eine Gelegenheit, ihren Nachbarn, den alten Weidling, zu besuchen. Er ist der Herr des Weidenbaums und damit auch das Oberhaupt der Unsichtbaren in Onkel Hermanns Garten. Wie alle guten Chefs lässt er das aber niemanden spüren. Er benimmt sich wie ein gütiger Ratgeber unter seinesgleichen. Selbst die zurückhaltende Frau Lieslein spricht ihn wie einen vertrauten Freund an. Damals, als unsere Geschichte begann, wies sie ihn auf das anstehende Mittsommerfest hin:

„Mein lieber Weidling! Was erkennt Ihr am hohen Stand unserer gütigen Sonne?“ Meister Weidling beobachtete den Himmel und gab sich höchst erstaunt:

„In der Tat, grünverehrteste Veilchendame, die Sonne dünkt mich dem höchsten Stand ihres Jahreslaufs entgegenzustreben. Was schließen wir daraus?“ Frau Lieslein lächelte feinsinnig.

„Wir sollten das Mittsommerfest vorbereiten.“

„Welche Notwendigkeiten ergeben sich daraus, Verehrteste?“

„Wir müssen, wie gewohnt, um Mitternacht unsere Versammlung in der Höhle des Käuzchens abhalten. Dort können wir alles Weitere für die Organisation des Mittsommerfestes besprechen.“ Der alte Weidling nickte.

„Wenn Ihr, Verehrteste, dafür sorgt, dass alle Meister in diesem Garten über unsere Versammlung in Kenntnis gesetzt werden…“

„Selbstverständlich“, erwiderte Frau Lieslein und empfahl sich mit einem „Adieu, mein Bester.“

Von dieser Unterhaltung hatte Onkel Hermann, wie immer, nichts mitbekommen. Er stand mit beiden Beinen in seiner eigenen Welt. Ja, er glaubte, dass allein Sonne, Wasser und Dünger für das Gedeihen der Pflanzen in seinem Garten sorgten.

An diesem Morgen hatte er sich etwas Besonderes vorgenommen: Er wollte ein Gartenhaus bauen, ein gemütliches und geräumiges, in dem er bei warmer Witterung auch mal übernachten konnte. Um den Bau der Hütte in Ruhe zu planen, hatte er den Liegestuhl aus dem Geräteschuppen geholt, ihn unter den alten Weidenbaum gestellt und sich darauf genüsslich ausgebreitet. Mit Blick auf den Veilchenrasen stellte er fest:

„Das Haus wird eine Zierde meines Gartens sein. Ich denke, es sollte auf jenem Rasenstück gebaut werden, wo die Hornveilchen wachsen. Davon habe ich ohnehin genug.“ Während Onkel Hermann ausrechnete, wie viel Beton nötig sei, um das Fundament für sein Gartenhaus zu gießen, besuchte Frau Lieslein Meister Grün, den Herrn des Rasens.

Der zeigte sich angenehm überrascht:

„Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, Gnädigste?“

„Wir wollten das Mittsommerfest vorbereiten und uns in dieser Angelegenheit um Mitternacht in der Käuzchenhöhle treffen.“

„Weidenbaum, Mittsommer, Mitternacht“, wiederholte Herr Grün recht schwärmerisch und fügte hinzu:

„Das wären drei Dinge, die wir benötigen, um uns einander näher zu kommen.“

„So ist es“, erwiderte Frau Lieslein betont kühl und wandte sich schnell ab. Währenddessen beobachtete Meister Grün Onkel Hermann. Der hatte sich mit einem Maßband und vier Schaschlikspießen bewaffnet und stapfte damit über den Rasen.

„Vier, fünf, sechs Schritte in der Breite bis zu diesem Punkt.“ Der Onkel rammte einen Schaschlikspieß in den Rasen.

„Autsch, du oberschlauer Gehirnakrobat!“, rief ein Zwerg, der sich um die Reparatur einer gerissenen Veilchenwurzel bemühte. Der Schaschlikspieß war unmittelbar neben seinem linken Fuß durch die Erde gedrungen.

Onkel Hermann merkte davon nichts. Er lief erneut sechs Schritte, rammte einen zweiten Spieß in die Erde und verband beide mit einem Faden. Nachdem er das zweimal wiederholt und auch die letzten beiden Spieße miteinander verbunden hatte, wurde daraus ein Viereck. Stolz verkündete der Onkel: „Jetzt habe ich das Fundament für mein Gartenhaus abgesteckt.“

Zwei Kohlmeisen hockten im Geäst des Weidenbaums. Die eine hatte sich mächtig aufgeplustert, die andere ihre Federn angelegt.

„Was ist ein Fundament?“, fragte die aufgeplusterte Meise. Die dünne schüttelte ihren Kopf.

„Woher soll ich das wissen? Hast du mich schon einmal dabei beobachtet, wie ich über den Rasen stapfe und Spieße in die Erde ramme?“ Die aufgeplusterte Meise musste bei der Vorstellung, dass ihre Nachbarin mit Schaschlikspießen im Schnabel über den Rasen hüpfte, lachen.

„Nein, meine Liebe! So etwas habe ich noch nie gesehen.“

„Dann, Frau Nachbarin, weiß ich auch nicht, was ein Fundament ist.“ Die aufgeplusterte Meise nickte, und damit war der Fall für sie erledigt. Da aber rief die dünne Meise:

„Wir sollten den alten Weidling fragen, was ein Fundament ist.“

Sie flog auf den nächstbesten Ast des Weidenbaums und wetzte an der Rinde ihren Schnabel. Daraufhin erschien eine Elfe.

„Was treibt dich um, Meislein?“

„Mich treibt nichts um. Aber vielleicht interessiert es deinen Meister, dass der dicke Mann ein Fundament machen will.“

„Ein Fundament… Was soll das denn sein?“ Die dünne Meise hatte die Frage nicht mehr gehört. Sie war in den Holunderbusch geflogen, um dort eine fette Raupe zu erwischen. Die aufgeplusterte Meise war aber zurückgekehrt und rief:

„Elflein! Wenn du mehr erfahren willst, frag deinen Meister!“

„Meinen Meister fragen“, wiederholte die Elfe und machte sich auf den Weg ins Innere des Weidenbaums, um den alten Weidling zu suchen. Der hockte hinter der Käuzchenhöhle im Stamm und wunderte...

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