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E-Book

Beobachtungen aus der letzten Reihe

Über die Kunst, das Erzählen und wieso wir Geschichten brauchen

AutorNeil Gaiman
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl573 Seiten
ISBN9783732549252
Altersgruppe16 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Neil Gaiman gehört zu den großen Erzählern unserer Zeit. Seit seiner Kindheit sind Geschichten für ihn Zufluchtsorte und lebensnotwendig. In dieser Sammlung von Essays und anderen Schriften beschäftigt Gaiman sich mit Literatur, Schreiben, Kunst und Fantasie. Er spricht über Autoren und Werke, die für ihn prägend waren und geblieben sind. Mal eindringlich und weise, mal spielerisch und humorvoll, erkundet Gaiman Dinge, die ihn bewegen, und schenkt dem Leser einen Einblick in seine ganz persönlichen Gedanken.

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Leseprobe

Lügen für den Lebensunterhalt … und warum wir das tun. Rede zur Verleihung der Newbery Medal, 2009

I

Für den Fall, dass Sie sich fragen, was ich hier oben mache – und ich frage mich das, also sind wir schon zu zweit –, ich bin hier, weil ich ein Buch mit dem Titel Das Graveyard-Buch geschrieben habe, und das hat im Jahr 2009 die Newbery Medal bekommen.

Dass man mir die Newbery Medal verliehen hat, hat meine Töchter beeindruckt. Meinen Sohn hat es noch mehr beeindruckt, dass ich die Tatsache, die Newbery Medal gewonnen zu haben, gegen die irrwitzigen Attacken von Stephen Colbert in The Colbert Report verteidigt habe. So hat mich die Newbery Medal in den Augen meiner Kinder cool erscheinen lassen. Besser geht’s nicht.

Schließlich ist man für seine Kinder so gut wie niemals cool.

II

Als ich ein Junge war, so zwischen acht und vierzehn, da habe ich in den Schulferien viel Zeit in der Stadtbücherei verbracht. Sie war anderthalb Meilen von meinem Zuhause entfernt; deshalb haben meine Eltern mich immer auf dem Weg zur Arbeit dort abgesetzt, und wenn sie schloss, bin ich zu Fuß nach Hause gegangen. Ich war ein seltsames Kind. Ich habe nirgends wirklich hineingepasst, war unsicher und habe meine Bücherei leidenschaftlich geliebt. Ich habe die Kartei geliebt, besonders die der Kinderbücherei. Die war nämlich nicht nur nach Titeln und Autoren sortiert, sondern auch nach Themen. Das machte es mir deutlich leichter, nach Büchern zu suchen, von denen ich glaubte, dass sie mir gefallen könnten – Themen wie Magie, Geister, Hexen oder der Weltraum –, und wenn ich die Bücher gefunden hatte, dann las ich sie.

Aber was ich las, war willkürlich. Voller Freude und Hunger verschlang ich einfach alles. Und das mit dem Hunger ist durchaus wörtlich zu nehmen, obwohl mein Vater manchmal daran dachte, mir ein paar Sandwiches einzupacken, die ich dann widerwillig mitnahm. (Schließlich ist man für seine Kinder niemals cool, und ich betrachtete sein Beharren darauf, ich solle etwas zu essen mitnehmen, als heimtückischen Plan, mich in Verlegenheit zu bringen.) Und wenn ich Hunger hatte, lief ich auf den Parkplatz und verschlang die Sandwiches so schnell es ging, um mich anschließend sofort wieder in die Welt der Bücher zwischen die Regale zu stürzen.

Ich las dort schöne Bücher, von brillanten und klugen Schriftstellern – viele davon sind inzwischen vergessen oder aus der Mode geraten wie J. P. Martin, Margaret Storey und Nicholas Stuart Gray. Ich las viktorianische und edwardianische Autoren. Ich entdeckte Bücher, die ich voller Freude jetzt noch mal lesen würde, und ich verschlang Bücher, die ich heute vermutlich als unlesbar betrachten würde, sollten sie mir noch einmal in die Hände fallen – Die drei ??? und dergleichen. Ich wollte einfach lesen, und ich unterschied nicht zwischen guten und schlechten Büchern, sondern nur zwischen solchen, die ich liebte, die meine Seele berührten, und solchen, die mir einfach nur gefielen. Wie eine Geschichte geschrieben war, war mir vollkommen egal. Es gab keine schlechten Bücher, jede Geschichte war neu und aufregend. Ich saß nur da, in meinen Schulferien, und las in der Kinderbücherei. Und als ich dort alles gelesen hatte, wagte ich mich in die gefährlichen Weiten der Erwachsenenabteilung vor.

Die Bibliothekare reagierten auf meine Leidenschaft. Sie fanden Bücher für mich. Sie brachten mir bei, wie die Fernleihe funktioniert, und sie bestellten Bücher aus ganz Südengland für mich. Doch wenn die Schule wieder begann und meine Bücher längst überfällig waren, dann seufzten sie und trieben erbarmungslos die Überziehungsgebühren ein.

An dieser Stelle sollte ich wohl erwähnen, dass Bibliothekare mir immer sagen, ich solle diese Geschichte lieber nicht erzählen, vor allem solle ich mich nicht als eine Art Wolfskind darstellen, das von geduldigen Bibliothekaren in Büchereien großgezogen worden ist. Sie sagen, die Leute könnten meine Geschichte falsch verstehen und denken, Büchereien seien kostenlose Kindertagesstätten.

III

So … Ich begann mit dem Graveyard-Buch im Dezember 2005, und die Arbeit dauerte das ganze Jahr 2006 und 2007 und bis zum Februar 2008.

Und dann hatten wir Januar 2009, und ich war in einem Hotel in Santa Monica abgestiegen. Ich war in L.A., um die Verfilmung meines Buchs Coraline zu promoten. Zwei Tage lang stellte ich mich den Journalisten, und ich war froh, als es vorbei war. Um Mitternacht habe ich mir dann ein Schaumbad gegönnt und den New Yorker gelesen. Zwischendurch habe ich mit einem Freund in einer anderen Zeitzone telefoniert, und um drei Uhr nachts hatte ich den New Yorker dann endlich durch. Ich stellte mir den Wecker auf elf und hängte ein Bitte-nicht-stören-Schild an die Tür. Die nächsten zwei Tage, sagte ich zu mir selbst, als mir die Augen zufielen, werde ich einfach nur Schlaf nachholen und schreiben.

Zwei Stunden später bemerkte ich, dass das Telefon klingelte. Tatsächlich klingelte es schon eine Weile und das nicht zum ersten Mal, wie ich nach und nach erkannte. Irgendjemand hatte mehrmals versucht, mich anzurufen, um mir etwas Dringendes mitzuteilen. Entweder brannte das Hotel gerade ab oder jemand war gestorben. Ich griff nach dem Hörer. Es war meine Assistentin, Lorraine, die in meiner Abwesenheit in meinem Haus übernachtete, um sich um meinen genesenden Hund zu kümmern.

»Deine Agentin Merrilee hat angerufen. Sie glaubt, jemand versucht, dich zu erreichen«, sagte sie mir, und ich sagte ihr, wie spät es in Santa Monica sei. (Und zwar zehn vor sechs, verdammt noch mal! Bist du verrückt, jetzt anzurufen? Ein paar von uns wollen schlafen!) Lorraine erwiderte, sie wisse ganz genau, wie spät es in L.A. sei, und dass Merrilee, Agentin und weiseste Frau, die ich kenne, ihr klar und deutlich zu verstehen gegeben habe, dass es äußerst wichtig sei.

Ich legte auf, wuchtete mich aus dem Bett und hörte meine Voicemail ab. Nein, niemand hatte versucht, mich zu erreichen. Ich rief wieder zuhause an, um Lorraine zu sagen, dass das alles Quatsch sei. »Das ist schon okay so«, entgegnete sie. »Sie haben hier angerufen. Sie sind gerade auf der anderen Leitung. Ich werde ihnen deine Handynummer geben.«

Ich wusste nicht so recht, was vor sich ging und wer da was von mir wollte. Es war kurz vor sechs Uhr morgens und niemand war gestorben; dessen war ich mir ziemlich sicher. Mein Handy klingelte.

»Hallo? Rose Trevino hier. Ich bin die Vorsitzende des ALA Newbery Komitees …« Oh, dachte ich verschlafen. Newbery. Okay. Cool. Vielleicht bekomme ich ja eine Ehrenauszeichnung oder so was. Das wäre nett. »Und hier bei mir sind die stimmberechtigten Mitglieder des Newbery-Komitees, und wir möchten Ihnen sagen, dass Ihr Buch …«

»DAS GRAVEYARD-BUCH«, riefen vierzehn laute Stimmen, und ich dachte: Ich mag ja vielleicht noch schlafen, aber vermutlich rufen sie nicht so aufgeregt bei Leuten an, um ihnen eine simple Ehrenauszeichnung …

»… gerade gewonnen hat und zwar …«

»DIE NEWBERY MEDAL«, rief der Chor. Die Leute klangen richtig glücklich. Ich schaute mich in meinem Hotelzimmer um. Sicher schlief ich noch, und das war alles nur ein Traum. Doch alles wirkte beruhigend echt.

Du bist auf Lautsprecher mit mindestens fünfzehn Lehrern, Bibliothekaren und anderen großen, weisen und guten Leuten, dachte ich. Fang jetzt bloß nicht an zu fluchen, wie du es getan hast, als man dir den Hugo-Award verliehen hat. Und zum Glück habe ich daran gedacht, denn große, mächtige Flüche mit vielen bösen Worten drängten bereits meine Kehle hoch. Ich meine, dafür sind sie ja auch da. Ich glaube, ich habe gesagt: »Ist denn schon Montag?« Und ich stammelte und murmelte irgend so was wie »Dankedankedankedankejadaswareswertgewecktzuwerden«.

Was dann folgte, war das reinste Chaos. Lange bevor mein Wecker klingeln sollte, saß ich im Auto, war auf dem Weg zum Flughafen und wurde von einer Reihe Journalisten interviewt. »Wie fühlt es sich an, die Newbery Medal zu gewinnen?«, fragten sich mich.

»Gut«, antwortete ich. »Es fühlt sich gut an.«

Als Kind habe ich Die Zeitfalte geliebt, auch wenn sie den ersten Satz in der Puffin-Ausgabe vergeigt haben. Es war ein Newbery-Gewinner, und obwohl ich Engländer bin, war die Auszeichnung wichtig für mich.

Und dann haben sie mich gefragt, ob ich mir der Kontroverse um Trivialliteratur und Newbery-Gewinner bewusst sei, und wie ich da hineinpassen würde. Ich gab zu, dass ich von der Diskussion wusste.

Sollten Sie nicht davon gehört haben, es hat online einen gewissen Aufruhr über die Art von Büchern gegeben, die die Newbery Medal in letzter Zeit gewonnen haben. Dabei ging es auch um die Fragen, welche Art von Büchern die Auszeichnung in Zukunft gewinnen sollte und welche Bedeutung ein Preis wie die Newbery Medal überhaupt für Kinder und Erwachsene hat. Einem Journalisten gegenüber gab ich zu, dass der Sieg des Graveyard-Buchs eine große Überraschung für mich war. Ich war davon ausgegangen, dass Preise wie die Newbery Medal dazu dienten, Bücher ins Rampenlicht zu rücken, die Hilfe brauchen, und Hilfe brauchte Das Graveyard-Buch sicher nicht.

Unwissentlich hatte ich mich damit auf die Seite des Populismus gestellt, doch das erkannte ich erst hinterher. Ich habe das definitiv nicht so...

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