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Beobachtungen zu Josef Winklers 'Friedhof der bitteren Orangen'

AutorManfred Wieninger
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl75 Seiten
ISBN9783638500456
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Wissenschaftlicher Aufsatz aus dem Jahr 1995 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 1, Universität Wien (Institut für Germanistik), Veranstaltung: Romane in Österreich nach 1980, 152 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Die vorliegende literaturwissenschaftliche Arbeit analysiert einerseits die Quellen von Josef Winklers Roman 'Friedhof der bitteren Orangen' und gibt andererseits einen Überblick über die publizistische Aufnahme und die juristische Rezeption des 1990 erschienenen Textes. Weiters wird der Frage nachgegangen, ob das Winklersche ?uvre dem Genre der bloßen Autobiographik zuzurechnen ist.

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Leseprobe

2) Josef Winklers Moosbrugger[30] - Eine kleine Quellenkunde des "Friedhofs der bitteren Orangen"

 

Es ist wohl wenig damit gewonnen, wenn man den "Friedhof der bitteren Orangen" als Montageroman klassifiziert.

 

"Das ist nicht nur richtig beobachtet, sondern vor allem gut gemeint, gut

 

gemeint mit uns, die wir ständig unterwegs sind, um unseren Texten ein

 

Heimatrecht und eine Aufenthaltsgenehmigung in den Bereichen der

 

Genres und Gattungen zu verschaffen."[31]

 

Aber es mag vielleicht von Interesse sein, wie der Autor in diesem Text aus Texten, diesem intertextualen Gesamtkunstwerk, seine Materialien verarbeitet hat. An einem Korpus von zwei Belegen aus dem Text wollen wir möglichst exemplarisch herauszuarbeiten versuchen, wie Josef Winkler mit seinen Quellen umgeht.

 

Zunächst aber wollen wir - in höchst kursorischer Manier - die verwirrende Vielfalt an Quellen im Text aufsuchen und zu bestimmen versuchen. Seine Quellen aus der - deutschsprachigen, italienischen, russischen und japanischen - ‘Höhenkammliteratur’ gibt Winkler in einem eigenen Anhang auf der letzten Seite des Romans an. Genannt werden der Name des Dichters, vom dem das jeweilige Zitat[32] stammt, und die Seite, auf der sich das Zitat findet:

 

"Zitiert werden Luigi Pirandello (Seite 80 und Seite 423), Ossip

 

Mandelstam (Seite 85 und Seite 336), [...] Boris Pilnjak (Seite 387)."[33]

 

Im Romantext selbst sind diese Zitate dann allesamt kursiv und unter Anführungszeichen gesetzt. Als Beispiel sei hier eine Anleihe aus Franz Kafkas "Brief an den Vater" angeführt:

 

"Ein anderes Mal hatte ich die Vorstellung, daß meine Vater in eine Bar

 

kommt und mich am Ohr auf eine Straße hinauszieht, so daß ich danach,

 

aus der Bar gehend, eine Zeitlang meine Hand an das glühende Ohr legte.

 

"Manchmal stelle ich mir die Erdkarte ausgespannt und Dich quer über

 

sie hingestreckt vor." Während der Ackermann abends im Stall [...]"[34]

 

Auf die Intertextualität dieser Zitate, auf ihre Auswirkungen auf benachbarte Textbestandteile und auf das Romanganze insgesamt, können wir im Rahmen dieser Arbeit schon aus Platzgründen leider nicht eingehen. Die Funktion dieser literarischen Gewährsmänner für den Romancier Winkler aber hat Wendelin Schmidt-Dengler - in Betrachtung des Romans "Muttersprache", aber wohl exemplarisch auch auf den "Friedhof der bitteren Orangen" übertragbar - einsichtig gemacht.

 

"[...] durch sie ist der Autor zum Schreiben gekommen, sie sind seine

 

Stützen und seine Anwälte, mit denen er sich gegen die feindliche

 

Umwelt zu schützen imstande ist."[35]

 

Die Wirkungen und Auswirkungen von Literatur werden - im Gegensatz zur postmodernen Auffassung, die in der Literatur wohl nur mehr ein elitär-gelehrtes Verwirrspiel, ein Enigma, sieht - vom Ich-Erzähler im "Friedhof der bitteren Orangen" generell sehr hoch veranschlagt:

 

"Damals las ich den Abschied von den Eltern von Peter Weiss und spürte,

 

daß sich auch in mir der Abschied von meinen Eltern zu vollziehen

 

begann. Von diesem Augenblick an wuchs ich wieder. Hätte ich damals den Abschied von den Eltern nicht gelesen, so hätte ich die Körpergröße eines Zwölfjährigen erreicht, nicht mehr."[36]

 

Dank der Lektüre ist dem Ich-Erzähler also das Schicksal des Blechtrommlers Oskar erspart geblieben: Man ist, was man liest.

 

"[...] aber ich stieß zu dieser Zeit auf die Bücher von Peter Weiss und

 

Wolfgang Borchert, ich las Camus, Sartre, Hemingway und Oscar Wilde.

 

Diese Literatur veränderte mein Leben, wie ich heute selber schreibend

 

und lesend mein Leben immer wieder verändere. Vom Zufall des

 

Gelesenen hängt es ab, was man ist, so Elias Canetti. Mein Sieg ist

 

verbal, so Jean Genet."[37]

 

Die literarische Sozialisation beginnt - allerdings schon in Interferenz mit einem moderneren Medium als dem Buch - natürlich mit Karl May[38]:

 

"Wir blickten fasziniert auf das Bücherregal und sagten zur Lehrerin, daß

 

sie uns aus Villach ein Karlmaybuch mitbringen soll. Wenige Tage später

 

brachte sie den Ölprinzen und Zobeljäger und Kosak. Wir begannen um

 

den Ölprinzen zu raufen, von dem wir schon gehört hatten, da um diese

 

Zeit in der österreichischen Provinz die neuen Karlmayfilme anliefen.

 

Wir würfelten, und zu meiner Überraschung gewann ich den Ölprinzen.

 

Zuhause legte ich mich aufs Bett und las das Buch [...] in wenigen Tagen

 

und Nächten aus."[39]

 

Diese Hinwendung zur Literatur steht total konträr zu iliterarischen Herkunft des Ich-Erzählers:

 

"Unter dem Christbaum aber lagen immer nur die notwendigsten Dinge,

 

ein paar Unterhosen, Strümpfe, ein Hemd, aber kein einziger Schilling

 

[für den Buchkauf; M. W.]. Für Bücher haben wir kein Geld, das wäre

 

noch schöner! sagte die Mutter, die in ihrem ganzen Leben kein Buch

 

gelesen hatte."[40]

 

Ein nicht im erwähnten Anhang genannter literarischer Gewährsmann des Romanciers Winkler findet sich mitten im Text und wird dort explizit vor dem von ihm entlehnten Zitat, einem Gedicht, - das allerdings nicht kursiv gesetzt ist - genannt:

 

"[...] meine auf einem Gedicht von Robert Musil liegende

 

tintenbeschmierte Füllfeder. "Und die Schwester löste von dem Schläfer /

 

Leise das Geschlecht und aß es auf / Und sie gab ihr weiches Herz, das

 

rote / Ihm dafür und legte es ihm auf.""[41]

 

Ebenfalls im erwähnten Anhang wird von Josef Winkler die für den "Friedhof der bitteren Orangen" wohl quantitativ wie auch qualitativ wichtigste Quelle genannt:

 

"Die zitierten Gebetssprüche stammen aus den Gebetsbüchern meiner

 

Großmutter."[42]

 

Im Roman selbst wird sogar der Titel eines dieser Gebetbücher angeführt und dieses religiöse Werk noch mit den Angaben, daß es mindestens 951 Seiten haben und das Gebet "Beherzige, o Seele!" enthalten dürfte, näher bestimmt[43]:

 

"In dem Gebetbuch Leben und Leiden Christi, in dem meine Großmutter,

 

die Enznoma, immer wieder las, liegt seit mehreren Jahrzehnten schon auf

 

der Seite 951 über dem Gebet, Beherzige, o Seele! eine zerquetschte,

 

eingetrocknete Fliege."[44]

 

"Immer wieder" hat offenbar auch der Autor Winkler in antiquierten Gebetbüchern gelesen. Mit den daraus gewonnenen, erzkatholischen Lesefrüchten hat er jedenfalls den "Friedhof der bitteren Orangen" ganz massiv versetzt. Als schon aus Platzgründen einzigen Hinweis auf den intertextualen Gebrauch dieser zitierten Gebete vermerken wir hier nur, daß Winkler in sehr vielen der dreiundvierzig Kalendergeschichten[45] - vom laufenden Text und voneinander abgegrenzten, narrativen Texteinheiten - zu Beginn und der einundvierzig zu Ende des Buches Sein und Schein einer vorkonziliaren[46] Kirche, einer vorkonziliaren Katholizität kontrastiert. Der Schein wird in diesen kurzen narrativen Sequenzen durch ein Zitat aus den erwähnten Gebetbüchern (und vor allem durch deren archaische Sprache) markiert, das Sein im allgemeinen durch eine Moritat.

 

"IN MODICA wurde ein Scheintoter, der nach altem Volksglauben nur

 

vom Teufel wiedererweckt sein...

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