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E-Book

Bernhard von Clairvaux

AutorPeter Dinzelbacher
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl507 Seiten
ISBN9783863128234
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Bernhard von Clairvaux (1090-1153) war einer der bedeutendsten Vertreter der religiösen und geistigen Bewegung des Mönchtums im 12. Jahrhundert. Als Vorsteher der ostfranzösischen Abtei Clairvaux verhalf er dem Zisterzienserorden zu höchster Blüte. Bernhards faszinierende Ausstrahlung, seine ungewöhnliche Beredsamkeit und die mitreißende, bibelgesättigte Sprache seiner zahlreichen Traktate, Predigten und Briefe zog Menschen jeder Herkunft in ihren Bann. Armutsbewegung und Kreuzzug, Papstschisma und Adelsfehden, Scholastik und Mystik, Liebesdichtung und Kriegspropaganda - alle großen Strömungen seiner Zeit gestaltete der charismatische Mönch selbst mit und machte bei den damals Mächtigen seinen Einfluss geltend. Der renommierte Mediävist Peter Dinzelbacher zeichnet in dieser seit langem ausführlichsten Bernhard-Biographie ein spannendes und einfühlsames Bild des großen Kirchenmannes in seiner Epoche. Nach jahrelanger Forschungsarbeit zum Leben und Wirken Bernhards setzt der Autor mit diesem Buch Maßstäbe.

Peter Dinzelbacher, geb. 1948, Dr. phil. habil., studierte Geschichte, Klassische Philologie, Kunstgeschichte und Volkskunde. Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten in Deutschland, Österreich, Italien und Dänemark, seit 1998 Honorarprofessor für Mentalitätsgeschichte an der Universität Wien. Zahlreiche Publikationen, speziell zur Religiosität und Mentalität des Mittelalters, u.a.: 'Himmel, Hölle, Heilige. Visionen und Kunst im Mittelalter' (2002), 'Europa im Hochmittelalter 1050-1250. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte' (2003) und - gemeinsam mit Werner Heinz - 'Europa in der Spätantike 300-600' (2007).

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Leseprobe

II. In Cîteaux und Clairaux


Noviziat (1113–1114)


Wir wissen nicht, ob oder wie oft Bernhard, ehe er seine Wahl traf, bereits in Cîeaux gewesen war. Wahrscheinlich ist es durchaus, liegt das Kloster doch nur etwa 25 Kilometer von Fontaines entfernt; sein Vater als Vertrauter des Herzogs von Burgund muß es gekannt haben.1 Mehr noch – er könnte es gewesen sein, der Bernhard gerade diese Wahl nahelegte. Tescelin war offenbar – ebenso wie Bernhards Onkel Gaudri – ein Verehrer Abt Roberts von Molesmes (1028–1111), denn sein Name findet sich unter den Stiftern der Gründungsurkunde von Molesmes, und sein Schwager unterstütze dieses Kloster auch späterhin noch.2 Und eben von dort aus hatte Robert den Reformkonvent gegründet, der Bernhards Heimat werden sollte. Im Mai 11133 zog die Schar der Dreißig, „gebildete und adelige Kleriker, auch in der Welt mächtige und gleicherweise adelige Laien“4, vor die Tore des „neuen Klosters“ (das erst ein paar Jahre danach Cîteaux genannt werden sollte5), um ihr Noviziat zu beginnen. Bernhards Ziel war es, so Wilhelm von Saint-Thierry, dort „abzusterben aus den Herzen und dem Gedächtnis der Menschen“6. Genau das Gegenteil sollte sich erfüllen!

Unter den Reaktionen, die die hochmittelalterliche „Krise des Mönchtums“ bei manchen Benediktinern auslöste, war die des Abtes Robert von Molesmes7 vielleicht die folgenreichste. Als er im Jahre 1098 mit 21 Gesinnungsgefährten seinen Heimatkonvent verließ, um in der Einöde von Cîteaux südlich von Dijon ein Kloster zu gründen, ähnelte dieser Auszug einer Flucht aus der ‘Zivilisation’. Die Wahl des Ortes zeigte an, daß man mit der ‘Welt’, auch der kirchlichen, nichts mehr zu tun haben wollte. Damit auch das Fundament zu einem neuen Orden gelegt zu haben, konnte Robert nicht ahnen. Sein Ziel war es, ein Leben in Einsamkeit genau nach den Vorschriften des Mönchsvaters Benedikt von Nursia zu führen, was im reich gewordenen Molesmes schwierig war, da die meisten der Mönche sich lieber an den bequemeren ‘Consuetudines’ (die in einem bestimmten Kloster gültigen Gepflogenheiten) von Cluny orientierten als an der Benediktusregel selbst. Zwar wurde Robert nach etwa einem Jahr von Papst Urban 11. dazu gezwungen, das „Neukloster“ zu verlassen und seine ursprünglichen Abtspflichten wiederaufzunehmen, doch blieb eine Gemeinschaft unter dem Prior Alberich in Cîteaux. Sie wurde 1100 in einem päpstlichen Privileg, einem Schutzbrief gegen äußere Einmischungen, gesichert,8 womit nicht nur die Phase des charismatischen Neubeginns abgeschlossen wurde, um in die der Institutionalisierung überzugehen, sondern schon die Entwicklung zu einem benediktinischen Zweigorden begann, dem der Zisterzienser (Sacer Ordo Cisterciensis).9 Einer ihrer zeitgenössischen Bewunderer, der Benediktiner Wilhelm von Malmesbury († um 1142), charakterisierte die ersten Zisterzienser mit den Worten, sie seien „ita regulae incubantes, ut nec iota unum nec apicem praetereundum putent,10 so regeltreu, daß sie kein Tüpfelchen dieser Normensammlung unbeachtet lassen zu dürfen meinen“. Ihre asketische Strenge der Lebensweise, die sich wohl an den Wüstenvätern orientierte, wie sie sie durch die Beschreibung Cassians kannten,11 verhinderte allerdings zunächst eine Ausdehnung der Gründung. Ja möglicherweise scheint sogar ihre Existenz mitunter auf dem Spiel gestanden zu haben.

Seit der Abt von Molesmes dieses mit einer kleinen Schar seiner Mönche verlassen hatte, um in der Einsamkeit von Cîteaux ein Leben zu führen, wie es in seinem wohlhabenden Heimatkloster nicht durchzusetzen war, waren fünfzehn Jahre vergangen. Cîteaux war 1113 allerdings trotz aller Bescheidenheit der Lebenspraxis nicht wirklich bettelarm: Speziell der Herzog von Burgund, Odo, erkaufte sich die Gebete der Mönche, bei denen er einst bestattet sein wollte, mit Geld und Gut, aber auch mancher kleiner Landbesitzer trug zum Erhalt der Gründung bei.12 Doch, heißt es von den Brüdern dort, „alle flohen ihre Strenge, obwohl sie an ihnen ihre heilige Lebensführung verehrten“.13

Seit etwa 1108 stand der Gemeinschaft als dritter Abt der Engländer Stephan Harding vor.14 Sein Leben war nicht immer beschaulich, sondern vielmehr recht bewegt gewesen: Um 1060 aus vornehmer Familie geboren, war er als Oblate zu den Benediktinern nach Sherborne in Dorset gegeben worden. Irgendwann nach dem Einfall der Normannen in Britannien 1066 war er ungeachtet seines Gelübdes nach Schottland gezogen, dann, um zu studieren, nach Paris. Ein Zeitgenosse Bernhards, der Chronist Wilhelm von Malmesbury, nennt schlichtweg Weltverlangen als Grund, und der übelwollende Walter Map, ein Jurist und Schriftsteller am englischen Hofe, spricht um 1180 von Klosterflucht vor zu strenger Zucht.15 Harding scheint aber dann eine wirkliche Bekehrung erfahren zu haben, jedenfalls pilgerte er, täglich den gesamten Psalter betend, nach Rom. Auf der Rückreise machte er Halt in Molesmes und blieb. Da er jetzt vollkommen ernst machen wollte mit dem Gelübde seiner Kindertage, verließ er Molesmes zusammen mit den übrigen ‘Apostaten’ unter der Führung Roberts und des Priors Alberich, um im Neukloster die Regel mit aller Präzision erfüllen zu können.

Harding war ein gebildeter, wissenschaftlich interessierter Mann, wobei Wssenschaft ihm freilich nur das Mittel dafür sein sollte, seine Religion genau in ihrer ursprünglichen Form zu praktizieren. Dazu unternahm er eine für seine Zeit ungewöhnliche Arbeit, nämlich eine textphilologische Untersuchung der Vulgata-Handschriften. „Nicht wenig erschrocken über die Unterschiede der Versionen“ in verschiedenen Manuskripten, sammelte und verglich der Abt deren mehrere, um sich für eine vollständige, von ihm für authentisch gehaltene zu entscheiden, die er zum ‘exemplar’, zum für die Zisterzienser verbindlichen Bibel-Text erklärte. Dazu hatte Harding, wie er selbst angibt, sich sogar der Hilfe gelehrter Juden bedient, mit denen er in Französisch über die problematischen alttestamentlichen Stellen diskutierte, um dann die fehlerhaften lateinischen Texte zu korrigieren.16 Das Ergebnis, die sog. Stephan-Harding-Bibel, ist erhalten und eines der wichtigsten Zeugnisse nicht nur der Frühgeschichte des Ordens, sondern auch der monastischen Miniaturkunst des 12. Jahrhunderts. Auch bei den Bildern der Buchmalerei kopierte man bewußt die Vorlagen, die als besonders authentisch galten.17 Mit ähnlichem Ziel sandte Harding Mönche nach Mailand, um Cîteaux mit den Originalversionen der Ambrosianischen Hymnen zu versorgen.18 Diese „mit viel Schweiß“ erstellte Grundlage des liturgischen Gesangs sollte von allen Zisterziensern als ebenso verbindlich betrachtet werden.19

Die Handschriften, die unter Harding in Cîteaux entstanden, zeigen, daß man hier, ungeachtet der Zurückhaltung, die die Zisterzienser sich sonst in der Ausstattung ihrer Kirche vorschrieben, an der benediktinischen Tradition der Buchmalerei englischer Stilrichtung festhielt: diese Codices des sog. 1. Stiles von Cîteaux sind mit teilweise recht lebendigen Zeichnungen ausgestattet, die mit farbiger Tinte und Blattgold ausgeführt, nicht nur der Bilddidaxe dienen, sondern auch ästhetische und kuriose Bedürfnisse befriedigen. Abgesehen von zahlreichen narrativen Szenen der Bibel und Wiedergaben des Alltagslebens (Holzfäller, Weinbauern, Gaukler …) finden sich hier die kentaurenartigen Mischwesen, kämpfenden Löwen und Drachen, aus Tieren und Pflanzen zusammengesetzen Initialen etc.,20 die später von Bernhard indirekt, aber heftig kritisiert werden sollten.21 Harding ließ sich sogar einen Kommentar des hl. Hieronymus eigens von einem besonders qualifizierten Mönch namens Oisbert aus dem Kloster Saint-Vaast in Arras schreiben und mit einem großen Bild der Madonna, des Abtes von Saint-Vaast, des Malers und seiner selbst ausstatten.22 Das Verblüffende daran ist, daß beide – damals (1125) noch lebenden – Äbte mit Heiligenscheinen gegeben sind. Auch wenn es sich hierbei primär um ein Rangmerkmal handeln sollte,23 verweist dies doch auf eine beachtliche Selbsteinschätzung des Abtes.

Bernhard muß solche Illuminationen als Ablenkung vom Text empfunden haben; nach dem Tode Hardings ändert sich unter seinem Einfuß die Ausstattung der Manuskripte: zurückhaltende pflanzliche Ornamentik tritt an die Stelle der figuralen Dekoration.24 Nichts lenkt mehr ab von den heiligen Worten. In den zu seiner Zeit in Clairvaux entstandenen Handschriften wird auf figuralen Schmuck großteils ganz verzichtet, die Initialen sind einfarbig und schlicht gestaltet.25 „Jede figürliche Darstellung ist verschwunden, das ganze Talent der...

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