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E-Book

Berufsbildung im europäischen Verbund

Erfahrungen aus der Chemiebranche

AutorPeter Storz, Wolfgang Hübel
Verlagwbv Media
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl206 Seiten
ISBN9783763942855
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis49,00 EUR
Bildungsverbünde werden für die Qualifikation von Facharbeitern in den Chemiebranchen immer wichtiger. Dies liegt auch an dem hohen Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen in dem Bereich. Um die berufliche Bildung weiter zu verbessern und der internationalen Ausrichtung der Branchen gerecht zu werden, plant die chemische Industrie einen Bildungsverbund auf europäischer Ebene. Die Initiative geht vom Bildungsverbund Chemie und chemiebezogene Berufe Sachsen (Chemieverbund) aus, hat aber exemplarischen Charakter für alle Branchen der Chemiewirtschaft. Auf welche Erfahrungen kann dabei zurückgegriffen werden? Welche Etappenziele wurden auf dem Weg zu einem europäischen Chemieverbund bereits erreicht? Der Sammelband berichtet über bisherige Erfolge und macht deutlich, welche weiteren Schritte erforderlich sind.

Wolfgang Hübel ist Geschäftsführer der Sächsischen Bildungsgesellschaft für Umweltschutz und Chemieberufe Dresden mbH (SBG). Peter Storz arbeitet als emeritierter Professor an der TU Dresden.

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Leseprobe

4 Werkstoffe nach Maß: zum Bildungswert dieser Denkweise (S. 87-88)

Gert Heinrich, Peter Storz

4.1 Einfluss von Innovationen auf Bildungsinhalte

Zur Arbeit des Chemieverbundes gehörte stets, den Einfluss wissenschaftlich-technischer Innovationen auf die Entwicklung der Bildungsinhalte bei der Ausbildung in den chemiebezogenen Berufen zu verfolgen. Berufliche Handlungskompetenz kann bekanntlich nur unter Beachtung der Handlungskontexte und deren Inhalte ausgeprägt werden, was vorausschauend die Berücksichtigung von Innovationen einbezieht. Unterschätzung der Inhalte blockiert die Ausprägung beruflicher Denk- und Arbeitsweisen in Aus- und Fortbildung. Der Einfluss von Innovationen wurde in bildungsbezogenen Forschungs- und Entwicklungsprojekten (F & E) untersucht (Vgl. Hübel, Kapitel 2). Im Projekt „BioTecWork & Learn“ wurde bspw. erkundet, welche Bildungsinhalte sich aus solch „neuen Biotechnologien“ wie Tissue Engeneering, Pharmakogenomik und Nanotechnologien ergeben (Vgl. Alex, Storz, 2005). Untersuchungen zur Entwicklung der Bildungsinhalte lassen sich von zwei Fragestellungen leiten.

Erstens, wie beeinflussen Innovationen die Facharbeit (oder auch die Arbeit akademischer Qualifikationen, was hier aber nicht im Schwerpunkt liegt) und welche Anforderungen resultieren daraus? So können Innovationen mit dem (mehr oder weniger breiten) Eindringen neuer Wissensgrundlagen für berufliches Handeln verbunden sein, was die Entwicklung der Berufsbefähigung bereits in der Ausbildung betont. Kurzfristiges Reagieren über Bildungsmaßnahmen ist erforderlich. Zwar sind in den Ausbildungsunterlagen Wissensgrundlagen mit einer bestimmten Bildungswertbeständigkeit verankert, diese Ordnungsmittel haben aber ein zeitliches Beharrungsvermögen und werden nur in größeren Zeitabständen verändert. Diese Offenheit in den Curricula ist normal, setzt aber ihre innovationsorientierte Aktualisierung durch Bildungsakteure voraus.

Zweitens, wie beeinflussen Innovationen perspektivisch die Wissensgrundlagen unseres Handelns? Bildung hat bekanntlich eine Vorlauffunktion. Kunststoffe wurden bereits Anfang der 1950-er Jahre als Bildungsgut in die Lehrpläne der Laborberufe aufgenommen. Als so genannte Ersatzstoffe fanden sie schon viel früher Eingang. Obwohl damals der Umgang mit ihnen im Labor kaum zur Arbeit von Laboranten gehörte, bereitete dieses Lehrgebiet perspektivisch Wissensgrundlagen für den schrittweise breiteren Einsatz dieser neuen Generation von Werkstoffen mit vor. Berufliche Bildung ist also mehr als ein Reflex auf die von Innovationen schon mehroder weniger berührte Arbeitswelt. Neue Wissensgrundlagen laufen mitunter nur langsam in die Arbeitswelt ein und zu warten, bis dieses Eindringen breitenwirksam geworden ist, entspräche nicht dem Anspruch an eine zukunftsfähige Bildung.

In der Diskussion über den Bildungswert von Wissen begegnet man immer wieder dem Argument einer ständigen Verkürzung der „Halbwertszeit“ von Wissen, was besonders in der Debatte um so genannte Schlüsselqualifikationen zu einer Unterschätzung des Wertes von Bildungsinhalten geführt hat.1 Angeblich kann man auf die hohe Geschwindigkeit der Wissensgenerierung nicht mehr mit einer Aktualisierung von Bildungsinhalten reagieren, weshalb den „extrafunktionalen“ Qualifikationen“ eine überzogene Bedeutung beigemessen wurde. Der Auffassung von der immer kürzeren Halbwertszeit des Wissens sollte man in dieser Pauschalität skeptisch gegenüber stehen. Grundlagenwissen hat – zumindest in dem hier betrachteten natur- und technikwissenschaftlichen Kontext – im Vergleich zu speziellem Wissen eine hohe Bildungswertbeständigkeit. Neue Grundlagen in wissenschaftlichtechnischen Innovationen zu erkennen, diese sowohl in Ihrer aktuellen Bedeutung für berufliches Handeln als auch in ihrer Bildungswertbeständigkeit als perspektivisches Bildungsgut rechtzeitig zu bestimmen, wird als Aufgabe von Bildungswissenschaft und Bildungspraxis b angesehen und prägte die Bearbeitung bildungsbezogener F & E-Projekte im Chemieverbund. In diesem Band soll näher auf Innovationen bei Werkstoffen (speziell Kunststoffen) und deren Bedeutung als Bildungsgut für die Ausprägung beruflicher Denk- und Arbeitsweisen eingegangen werden.

Inhaltsverzeichnis
Berufliche Bildung in und für Europa im Verbund – ein Vorwort zum Band6
Die Herausgeber12
1 Grußworte14
1.1 Grußwort des Staatsministers im Sächsischen Ministerium für Wirtschaft und Arbeit14
1.2 Grußwort des Bundesministeriums für Bildung und Forschung19
2 Zur Entwicklung des Chemieverbundes: Triebkräfte und Entwicklungsetappen22
2.1 Bedingungsgefüge und Kooperationsstruktur22
2.1.1 Gesellschaftliche Ausgangslage22
2.1.2 Verbundstruktur und strategische Rahmenbedingungen zur Sicherung der Verbundarbeit25
2.2 Ziele und Schwerpunktaufgaben der Verbundarbeit29
2.3 Entwicklung der Mitglieder und Lehrlingszahlen31
2.4 Entwicklungsetappen34
2.5 Aktuelle Aufgaben und Ausblick40
3 Internationalisierung der Bildung in den Chemiebranchen Europas48
3.1 Europäische Bildungspolitik aus Sicht der Chemie48
3.1.0 Bildung als treibende Kraft für die Europäische Entwicklung – zur Zielstellung des Beitrages48
3.1.1 Zum Begriff Bildung49
3.1.2 Europäische Bildungspolitik50
3.1.2.1 Historischer Abriss der europäischen Bildungspolitik50
3.1.2.2 Die Europäische Union als bildungspolitischer Akteur Rechtsgrundlage europäischer Bildungspolitik53
3.1.3 Europäische Bildungspolitik aus Sicht der Chemie 3.1.3.1 Europäische „Integration der Bildungspolitik“: Segen oder Fluch?56
3.1.3.2 Europäische Bildungspolitik unter der Lupe: Qualifikationsrahmen und Leistungspunkte59
3.1.4 Resumee67
3.2 Qualifizierte Mitarbeiter als Voraussetzung für Chancen eines international agierenden Unternehmens70
3.2.0 Ausgangsbetrachtungen70
3.2.1 Vorstellung der Firmengruppe und ihrer europäischen Standorte71
3.2.2 Beweggründe eines deutschen Mittelständlers für sein Engagement auf dem europäischen Markt, seine Chancen und Risiken75
3.2.3 Hemmnisse und Probleme bei der Gestaltung unseres europäischen Firmenverbundes76
4 Werkstoffe nach Maß: zum Bildungswert dieser Denkweise88
4.1 Einfluss von Innovationen auf Bildungsinhalte88
4.2 Denken und Handeln im Werkstoffsektor89
4.2.1 Handlungsfelder im Werkstoffsektor89
4.2.2 Finales Denken und Handeln entlang des Lebenszyklus Kunststoffe – Ansprüche und Defizite Wissen zur Gestaltung von Veränderungen erwächst aus Kommunikation zwischen den Handlungsfeldern im Gesamtlebenszyklus92
4.3 Lehren und Lernen in den Handlungsfeldern des Lebenszyklus Kunststoff96
4.4 Beispiele für Kunststoffinnovationen104
5 Auf dem Weg zu einem Europäischen Bildungsverbund Chemie112
5.1 Perspektiven der beruflichen Bildung im Fokus des Verhältnisses zwischen Arbeit und Bildung112
5.1.0 Zur Einordnung der Thematik112
5.1.1 Bedingungen für das Erlernen eines Facharbeiterberufes in Ostdeutschland Anfang der 1990-er Jahre113
5.1.2 Facharbeiterqualifikation in Deutschland und Diversifizierung von Qualifikationsabschlüssen in Europa116
5.1.3 Facharbeiterqualifikation als Ausdruck einer strukturellen Verbindung von Arbeit und Bildung120
5.1.4 Entwicklungstendenzen in der modernen Arbeitsgesellschaft123
5.1.5 Aufwertung von Facharbeit und Facharbeiterqualifikation als Anspruch134
5.2 Gestaltung beruflicher Bildung im europäischen Kontext143
5.2.1 Berufsbildung europäisch gestalten – eine bildungspolitische Forderung143
5.2.2 Instrumentarien europäischer Bildungsgestaltung145
5.2.3 Grenzüberschreitende Bildungskooperation als konkrete Untersetzung der europäischen Herausforderungen 5.2.3.1 Zur Struktur einer projektübergreifenden Kooperation148
5.2.3.2 Modelle grenzüberschreitender Bildungswege150
5.2.3.3 Konkrete Schritte und Lösungsansätze für die Gestaltung einer grenzüberschreitenden Bildungskooperation im naturwissenschaftlichen Bereich153
5.3 Credit-System als Instrument zur europäischen Mobilitätsförderung in der Berufsausbildung: Perspektiven für den Aufbau eines europäischen Bildungsverbunds160
5.3.1 Bildung und Qualifizierung als Faktoren im weltweiten Standortwettbewerb160
5.3.2 Zum Stellenwert von Mobilitätsmaßnahmen164
5.3.3 Das Projekt CREDCHEM – Entwicklung und Erprobung eines Credit- Systems zur Verbesserung der Mobilität im Chemiebereich167
5.3.4 Ausblick: Welche Impulse können Projekte für die Gestaltung eines europäischen Bildungsverbunds leisten?170
5.4 Gestaltung einer grenzüberschreitenden Berufsbildungskooperation im naturwissenschaftlichen Umfeld: am Beispiel Bulgariens175
5.4.0 Eine kurze Vorbemerkung zum Beitrag175
5.4.1 Wirtschaftliche und bildungsseitige Ausgangssituation176
5.4.2 Der Sektor Chemie178
5.4.3 Grenzübergreifende Zusammenarbeit184
6 Schritte auf dem weiteren Weg zum Europäischen Chemieverbund – ein Ausblick188
7 Anlagen194
Autoren206

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