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E-Book

Best of SPIEGEL - Ausgezeichnete SPIEGEL-Autorinnen und -Autoren des Jahres 2013

Ein SPIEGEL E-Book

AutorKlaus Brinkbäumer, Martin Doerry
VerlagSPIEGEL-Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl216 Seiten
ISBN9783877631423
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis2,99 EUR
Die NSA-Affäre, der Kunstschatz des Cornelius Gurlitt, der Krieg in Syrien: Der SPIEGEL trug mit seiner Berichterstattung in besonderer Weise zu den zentralen Themen des Jahres 2013 bei. Für die spektakulären Enthüllungen um den Whistleblower Edward Snowden wurden die SPIEGEL-Redakteure Marcel Rosenbach und Holger Stark sogar zu den 'Journalisten des Jahres 2013' gewählt; die SPIEGEL-Redakteurin Özlem Gezer, die als einzige Journalistin ausführlich mit Gurlitt sprach, wurde als 'Newcomerin des Jahres 2013' geehrt. Die 15 Beiträge in diesem E-Book sind in doppeltem Sinne ausgezeichnet: Es sind Beispiele für jenen Qualitätsjournalismus, dem sich der SPIEGEL verpflichtet fühlt, und es sind Stücke, die 2013 auch öffentlich mit Preisen gewürdigt wurden.

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Leseprobe
SPIEGEL Titel 47/2013

Die Liebe seines Lebens


Jahrzehntelang hütete Cornelius Gurlitt in seiner Münchner Wohnung einen Kunstschatz, den sein Vater, ein Kunsthändler, unter zweifelhaften Umständen in der Nazi-Zeit zusammengetragen hatte. Nun spricht er zum ersten Mal. Von Özlem Gezer
SPIEGEL-Redakteurin Özlem Gezer wurde vom Medium Magazin zum „Newcomer des Jahres 2013“ gekürt.
Das Schlafkleid von Cornelius Gurlitt hatte noch nie jemand gesehen, bis zu jenem Tag, im Februar 2012, als das Schloss durchbrach und sie hineinmarschierten, die Fremden, wie er sie nennt, die Zollfahnder und Beamten der Augsburger Staatsanwaltschaft.
Seine Wohnung war seine Welt. Aber nun waren die Fremden da, und sie waren viele, vielleicht 30 - und sie blieben. Vier Tage lang wickelten sie sein Leben in Tücher, verpackten es in Pappkartons und trugen es fort, eins nach dem anderen, insgesamt weit über tausend Kunstwerke.
Währenddessen sollte Cornelius Gurlitt sich in die Ecke setzen und leise sein. Also schwieg Gurlitt und sah, wie sie ihm den Liebermann von der Wand nahmen, die „Reiter am Strand“, die seit Jahrzehnten dort hingen. Den Chagall aus dem verriegelten Holzschrank, die „Klavierspielerin“ aus der Diele. Sie ließen nichts zurück. Auch nicht den kleinen Koffer mit seinen Lieblingsbildern, der Papiersammlung, die Gurlitt Abend für Abend ausgepackt hatte, um sie anzusehen, manchmal auch öfter, jahrzehntelang. Jetzt waren sie weg, und Gurlitt war allein.
Die Einzige, die noch kam, war eine Frau vom psychologischen Beratungsdienst, geschickt von den Fremden. Als „grausam“ und „furchtbar“ beschreibt er diesen Besuch, bei dem eine Fremde mit Gurlitt über seine Gefühle sprechen sollte. Er wolle sich jetzt nicht umbringen, versicherte er ihr, sie solle wieder gehen.
Seit jenem Tag ist Cornelius Gurlitt allein in seiner kahlen Wohnung, in dem Wohnhaus mit weißem Anstrich, in jener Stadt, die er sein Gefängnis nennt, München. Und seit das Magazin „Focus“ vor zwei Wochen die Beschlagnahmung enthüllte, versammelt sich unten vor seiner Haustür die Weltpresse. Tritt er vor die Tür, beginnt das Blitzgewitter, als wäre er ein Kriegsverbrecher. Ständig klopfen Fremde an seiner Haustür, stecken Briefe durch den Schlitz.
Die Werke sind ein sensationeller Kunstschatz, Bilder von Marc Chagall, Max Beckmann, Franz Marc, Pablo Picasso und Henri Matisse. Die rätselhafte Sammlung stammt aus dem Erbe seines Vaters Hildebrand Gurlitt, 1956 verstorben, Kunstkritiker, Museumsdirektor, Händler, einer der Männer, die in Deutschland die Kunst der Moderne etabliert hatten und die nach 1933 Geschäfte mit den Nazis machten. Es geht auch darum, ob Hildebrand Gurlitt Unrecht tat, um die Bilder zu bekommen. Wie viele dem Sohn zustehen, wissen zurzeit weder Staatsanwaltschaft und Wissenschaftler noch die Politik, und auch Cornelius Gurlitt weiß es nicht, der nur weg will von diesem Ort, an dem er der Gejagte ist.
So viele Bilder, so viele Rätsel. Raubkunst? „Entartete Kunst“? Wem gehören die Bilder? Wie kamen sie in die Wohnung in Schwabing? Und wie geht man um mit allem: mit den Erben, die sie für sich reklamieren? Mit dem Unrecht, das damals geschah? Und mit dem Unrecht, das womöglich heute ihm geschieht, Cornelius Gurlitt, dem Erben einer Sammlung mit zweifelhafter Herkunft?
Er hat mit seinen Bildern gesprochen, sie waren seine Freunde, jene treuen Begleiter, die es im echten Leben nicht gab. Er betrachtete es als seine Lebensaufgabe, den Schatz seines Vaters zu hüten, im Laufe der Jahrzehnte ist ihm dabei die Wirklichkeit verlorengegangen.
Vergangenen Dienstag sitzt Cornelius Gurlitt im Mutter-Kind-Abteil eines ICE. Seit der Enthüllung hat er nun das zweite Mal seine Wohnung verlassen, das erste Mal ging er einkaufen und wurde von Fotografen abgeschossen. Zehn Tage lang verbrachte er in seinem nahezu dunklen Wohnzimmer und tat nichts. Er konnte kaum schlafen, sagt er, und wenn doch, überfielen ihn die Alpträume. Manchmal schaltete er das Radio ein und wieder aus. Das Einzige, das sie ihm gelassen hatten, war das zerbrochene Türschloss.
Gurlitt ist auf dem Weg zu seinem Arzt in einer süddeutschen Kleinstadt. Er trinkt Tee aus einer Kaffeetasse, manchmal streicht er sich über sein weiß gewordenes Haar. Drei Tage lang ist er unterwegs, eine traurige Fahrt.
Er sagt: „Ich bin doch nicht Boris Becker, was wollen diese Menschen nur von mir? Ich bin doch etwas ganz Stilles. Ich habe doch nur mit meinen Bildern leben wollen. Warum fotografieren die mich für diese Zeitungen, in denen sonst nur Halbweltgestalten abgelichtet werden?“
Gurlitt versteht nicht, warum sich die Menschen so für das interessieren, was er sein Privateigentum nennt. Er spricht von den Geboten aus der Bibel: Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht das Eigentum deines Nächsten begehren. Sein Gesicht ist blass. Seine blauen Augen tränen, er wischt seine Nase mit einem Stofftaschentuch, das er in seiner rechten Manteltasche trägt.
„Ich hatte einfach nicht mit ihnen gerechnet“, sagt er und meint die Fremden. Ein bisschen sei er selbst Schuld an diesem „fatalen Unglück“, dem Abschied vom Erbe seines Vaters. Er hätte es schützen müssen, sagt er, wie sein Vater es getan habe, gegen das Feuer der Nazis, gegen die Bomben, gegen die Russen, gegen die Amerikaner. Für Cornelius Gurlitt war sein Vater ein Held, und er selbst ist jetzt der Versager.
Er war sein Leben lang Sohn und Erbe. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Vermächtnis des Vaters zu bewahren. Er sagt, er habe nie darüber nachgedacht, dass in seiner 100 Quadratmeter großen Wohnung Kunst gelagert gewesen sei, die ihm vielleicht gar nicht vollständig gehörte und die vielleicht helfen könnte, ein wenig von dem wiedergutzumachen, was der Nationalsozialismus angerichtet hatte.
„Wenn ich woanders gelebt hätte, wäre das alles einfach nie passiert.“ Irgendwo, weit weg von der Schweizer Grenze, wo 2010 in einem Zug die Zollfahnder auf ihn aufmerksam wurden. Weg von den Münchnern, denen er noch nie wirklich traute. Schuld an dieser Misere sei die Mutter. Sie habe damals nach dem Tod des Vaters nach Schwabing ziehen wollen. Sie träumte von der Boheme, von wohlhabenden Menschen, die nicht nach dem Geld der anderen schauen. Cornelius war damals 27, ein junger Mann, der ungern Entscheidungen traf, kein Macher, ganz anders als sein Vater. Einer, der nicht gern führt, sondern geführt werden will. Er vertraute seiner Mutter. Sie kauften zwei Wohnungen am Artur-Kutscher-Platz. Heute, 53 Jahre später, sagt Cornelius Gurlitt: „Sie hatte unrecht.“
Für ihn ist München „allen Unheils Ursprung“. „Hier wurde die Bewegung gegründet“, sagt er. Er sagt diesen Satz immer wieder, seine zittrige Stimme wird laut, wenn er das sagt. Er hebt den rechten Zeigefinger, mit der anderen Hand hält er sich an dem Tisch des ICE fest und zieht die Augenbrauen hoch. Gurlitt redet über die Entstehung der NSDAP im Jahr 1920. Über die Rede Adolf Hitlers im Festsaal des Münchner Hofbräuhauses, in der er das Programm der NSDAP verkündete. Für Gurlitt scheint das Unheil seitdem die Stadt nie wieder verlassen zu haben.
Cornelius Gurlitt wirkt eingesperrt in einer anderen Zeit. Ein Mann, der aufgehört hat fernzusehen, als das Zweite Deutsche Fernsehen kam, der „neue Sender“ mit den Mainzelmännchen. Der seine Hotelzimmer per Brief bucht, geschrieben auf Schreibmaschine, unterschrieben mit Füller, Monate vorher, mit der Bitte um ein Taxi, das ihn dann abholt. Seine Welt ist langsam und still.
Er wundert sich über Telefone, die die Nummer des Anrufers anzeigen. Er weiß, dass man im Internet etwas suchen kann, aber er hat es noch nie gemacht. Er hat mit seinen Bildern gelebt. Ihm fehlt der Austausch mit Menschen. Seine Lebenserfahrungen sammelte er in Büchern.
Er berichtet von der Kafka-Erzählung „In der Strafkolonie“. Es ist die Geschichte eines Forschungsreisenden, dem auf einer entlegenen Insel vorgeführt wird, wie Verurteilte, die ihr Vergehen nicht kennen, gefoltert und getötet werden. Das Leerräumen seiner Wohnung sei ähnlich tragisch gewesen.
Der ICE fährt über die Stadtgrenze von München. „Jetzt ist ein wenig Stille“, sagt er. „Endlich.“ Die vergangenen zehn Tage sind ihm nicht gut bekommen. Gurlitt wird Ende Dezember 81, eigentlich hat er immer davon geträumt, 90 Jahre alt zu werden. „Es gibt Leute, die mit 97 noch Bergsteiger sind, aber ich werde nicht so alt“, sagt er. „Die hätten doch warten können mit den Bildern, bis ich tot bin.“
Er versteht nicht, was die Menschen von ihm wollen. Die Bilder seien doch bei der Staatsanwaltschaft, da müsse man hin, wenn man die Werke sehen oder etwas über sie erfahren wolle. Er wisse viel über ihre Entstehungsgeschichten, aber das will er für sich behalten. Wie eine Liebschaft, die behütet werden muss. „Und mehr als meine Bilder habe ich nichts geliebt in meinem Leben.“
Fragt man ihn, ob er mal in einen Menschen verliebt gewesen sei, dann kichert er: „Ach, nein.“
Gurlitt hat viele Abschiede in seinem Leben hinter sich, den Tod des Vaters bei einem Autounfall, den Tod seiner Mutter, den Krebs seiner Schwester. „Der schmerzvollste war der Abschied von meinen Bildern“, sagt er. „Hoffentlich klärt sich alles schnell,...
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