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Bewegt euch!

Eine Abrechnung mit der Angststarre der Österreicher

AutorChristian Deutsch, Stefan Knoll, Thomas Landgraf
VerlagVerlag Carl Ueberreuter
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl180 Seiten
ISBN9783800079643
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Ein Land in Angst: Österreich fürchtet sich zu Tode. Ein handlungsunfähiges politisches System, pessimistische Unternehmer und eine Medienlandschaft, die Angstmache als Profitgrundlage begreift, versetzen die Bevölkerung in eine Schockstarre. Dieses Buch rechnet mit der Angstversessenheit ab und zeigt, wie man sie in Mut verwandeln kann und bietet radikale Lösungsansätze zur Überwindung des Stillstands. Ein Buch für Zivilcourage, Standpunkte und Veränderungswillen. Gegen Feigheit, Untertanentum und Angstversessenheit.

Christian Deutsch, geb. 27. Februar 1962 in Linz a.D. Der Wiener Kommunalpolitiker und Ex-Landesparteisekretär der SPÖ engagiert sich seit seiner frühesten Jugend für Mitbestimmung und Soziales. Seine politischen Schwerpunkte liegen in der Gesundheits- und Wohnpolitik. Stefan Knoll, geb. 3. Jänner 1974 in Salzburg. Zunächst als Sozialarbeiter tätig, wechselte Stefan Knoll 2004 in den Journalismus und verfasste für diverse Print-Publikationen politische Beiträge. Seit 2015 engagiert er sich beruflich im Umweltschutz. Thomas Landgraf, geb. 19. September 1974 in Wien. Er arbeitet als selbstständiger PR- und Politikberater. Davor war er zehn Jahre lang als Chefredakteur und Geschäftsführer in einem Wiener Verlagshaus tätig.

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Leseprobe

Vorwort


„238 Terror-Tote seit 2015: Frankreich wählt in Angst“, titelte ein Webportal am Tag des ersten Durchgangs (23. April 2017) der französischen Präsidentschaftswahl. Tatsächlich machten in den vergangenen zwei Jahren immer wieder Terroranschläge in der Grande Nation weltweite Schlagzeilen. In Frankreich sind in der gleichen Zeit, in der 238 Menschen einem Terroranschlag zum Opfer fielen, viel mehr Leute beim Essen erstickt und über 10.000 Personen im Straßenverkehr ums Leben gekommen. Schlagzeilen, die lauten: „10.000 Verkehrstote seit 2015 – Frankreich wählt in Angst“ oder „Menschen ersticken an ihrem Essen – Frankreich wählt in Angst“, sind dennoch unvorstellbar. Vor allem jene Medien, die mit Angstparolen Auflage und Zugriffe generieren, suggerieren, dass wir in schlechter werdenden Zeiten leben, dass vieles immer unkontrollierbarer werde, dass die Politik inaktiv sei und auf Bedrohungen nicht schnell genug reagiere. Doch früher war auch nicht alles besser. Das zeigt ein Blick auf die europäischen Statistiken zum Terrorismus: Zwischen 1972 und 1986 sind in Westeuropa im Schnitt 150 Menschen pro Jahr Opfer terroristischer Anschläge geworden. Seit 1993 gab es nur noch zwei Jahre (das Jahr des Anschlags in Madrid und das des Anschlags in Paris), in denen diese Zahl erreicht wurde. In allen anderen Jahren lag sie deutlich darunter. Ähnlich verhält es sich bei den Verkehrsunfällen. In Frankreich sind in den Jahren 2001–2003 mehr als doppelt so viele Menschen auf den Straßen gestorben als in den Jahren 2015–2017.

Der islamistische Terror ist ein gefundenes Fressen für Medien, die mit Angst Quote machen wollen, und mancher Politiker, die zur Stimmenmaximierung vor dem „Ende der westlichen Zivilisation“ warnen. Von der Wahrheit und der Wirklichkeit ist aber tatsächlich kaum etwas weiter entfernt. Es ist lediglich das Story Telling der populistischen Rechten in Europa und den USA, das sich als Mainstream-Meinung durchgesetzt hat. Die Mechanismen des Terrors waren zu allen Zeiten die gleichen. Terroristen waren immer jene, die sich gegenüber den Mächtigen entrechtet gefühlt haben und keinen anderen Ausweg als Gewalt gesehen haben. In den 1970er- und 1980er-Jahren waren große Teile Europas dauernden Anschlägen ausgesetzt. In Irland bombte die IRA, im Baskenland die ETA. Die Bundesrepublik Deutschland kämpfte gegen die RAF, Italien gegen die sizilianische Mafia. Der einzige Unterschied zur heutigen Situation lag darin, dass diese Konflikte auf Nationalstaaten beschränkt waren. Mit der Internationalisierung der Politik, des Handels, der Kultur und sogar des Sports geht fast unausweichlich auch eine Internationalisierung des Terrorismus einher.

Der Terrorismus ist aber lediglich das plakativste Beispiel dafür, wie Ereignisse, die nicht neu und auch nicht außergewöhnlich sind, anders als früher in unserer Gesellschaft zu Angstzuständen führen, zu einem unverhältnismäßigen Zukunftspessimismus und letztlich zur Gefährdung der westlichen Demokratien. Einer SORA-Untersuchung vom April 2017 zufolge, wünschen sich 43% der Österreicher einen „starken Mann“ an der Spitze des Staates. Zehn Jahre zuvor ist dieser Wert noch deutlich darunter gelegen. Diese Entwicklung ist kein österreichischer Sonderfall, sondern betrifft alle Staaten des „alten“ Westens. In Amerika wurde Donald Trump zum Präsidenten gewählt, in der Türkei schafft Recep Tayyip Erdoğan die Atatürk’sche Demokratie ab, Großbritannien tritt aus der Europäischen Union aus, die EU-Mitglieder Polen und Ungarn befinden sich längst auf dem Weg in die Autokratie. Was ist also geschehen auf dieser Welt, auf der es so wenig hungernde Menschen wie noch nie gibt, auf der immer weniger Menschen an heilbaren Krankheiten sterben müssen und auf der ganze Kontinente erstmals so etwas wie eine zarte Hoffnung auf ein bisschen Wohlstand hegen können?

Tatsächlich leben wir in einer sonderbaren Welt in einer sonderbaren Zeit. Unsere Welt ist so sonderbar, dass Chinesen, die in Österreich Urlaub machen, Souvenirs kaufen, die in Fabriken in ihrem Heimatland hergestellt wurden. Per Schiff fahren diese Waren im Container das erste Mal um den Globus, um dann in Einkaufstaschen im Flugzeug wieder zurück nach China transportiert zu werden. Äußerst seltsam sind diese Menschen, würden Außerirdische wohl über uns urteilen. Für uns ist es logisch. Oder: Es ist zumindest für den industriell-kapitalistischen Komplex die günstigste Methode, Mozart-, Strauß- oder Sisi-und-Franzl-Kitsch zu produzieren und zu verkaufen.

Doch nicht nur der Kitsch kommt aus dem Fernen Osten: auch Ihr Mobiltelefon, der Computer, auf dem wir gerade dieses Buch schreiben, der Kühlschrank, der Fernseher, die meiste Kleidung, die meisten Haushaltsgegenstände, vielleicht ja sogar Ihr Auto. Fix ist jedenfalls, dass etliche Bestandteile Ihres Autos aus einer der chinesischen oder indischen Fabriken stammen, die wir heute gemeinhin als die „Werkbank der Welt“ bezeichnen. Die Produktion von modernen Gütern ist aber tatsächlich ein globales Unternehmen geworden. Rohstoffe werden weltweit dort gewonnen, wo sie vorhanden und günstig zugängig sind, Komponenten und Teile werden quer über den Globus dort produziert, wo es die Tradition und das Knowhow dafür gibt, und wo letztendlich ein Produkt endgefertigt wird – also wer „Made in …“ draufschreiben kann, darüber entscheiden wirtschaftliche, aber auch kulturelle und politische Faktoren. Der frühere Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO) Pascal Lamy bezeichnet diese globalisierte Produktionsweise als „Made in the World“. Immer mehr Produkte entstehen heute auf diese Art und Weise.

In den ehemaligen „Industriestaaten“ des Westens hat die globalisierte Produktionsweise zu einer Sinnkrise der Politik geführt. Viele Fabriken und Industriestandorte mussten schließen, weil die ausländische Konkurrenz schlichtweg billiger und qualitativ zumindest gleichwertig produzieren konnte. Die auf weitgehend nationaler und industrieller Wertschöpfung errichteten Sozialsysteme gerieten dadurch unter Druck. Wie Pascal Lamy in zahlreichen Referaten als WTO-Chef aufgezeigt hat, fließt aber auch heute der bei Weitem größte Teil der Wertschöpfung zurück in den Westen. Allerdings vermeiden die (meist) multinationalen Konzerne durch das geschickte Nutzen von Firmenkonstruktionen und Steuerschlupflöchern höchst effizient ihren gerechten Beitrag zur Sicherung des sozialen Ausgleichs in ihren Herkunftsländern. Die Folge sind Renten- und Arbeitsmarktreformen, die wie in Deutschland teilweise so überschießend ausgefallen sind, dass es heute wieder Altersarmut gibt, auch bei jenen, die ihr Leben lang in Beschäftigung gestanden sind. Auf der anderen Seite wachsen die Vermögen der Reichen in Dimensionen, wie sie (in Österreich) seit dem Ende der k. und k. Monarchie unbekannt waren. Heute ist die Ungleichheit beinahe wieder genauso groß wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Eigenheim- und Genossenschaftssiedlungen abseits der Stadtzentren, die nach dem Zweiten Weltkrieg Symbole des Aufstiegs waren, haben sich in Orte der Angst verwandelt. Wer zur Mittelschicht gehört, also über ein Einkommen verfügt, das sich im Durchschnitt befindet, rechnet heute meistens nicht mehr damit, dass es ihm einmal besser gehen wird. Es überwiegt die Angst, abzusteigen. Erwerbsarbeit, die zunehmend durch Auslagerungen auch qualifizierter Tätigkeiten ins Ausland und Automatisierung bedroht ist, wird von vielen nicht mehr als erfüllender und sinnstiftender Teil des Lebens empfunden. Sie sichert – solange es noch geht – ein Auskommen ab und verhindert den Absturz. Der deutsche Soziologe Oliver Nachtwey bezeichnet dieses Phänomen als „Rolltreppengesellschaft“, in der große Teile der Bevölkerung auf einer nach unten führenden Rolltreppe ständig gegen die Abwärtsbewegung anlaufen. Die „unerwünschte Nebenwirkung“ dieses täglichen Kampfes ist der dramatische Anstieg von Depressionen und Burn-outs. Die Angst vor dem Abstieg, die Existenzangst, die Angst vor der Machtlosigkeit führen letztlich bei immer mehr Menschen zur Angst vor der Angst. Im besseren Fall greift hier das Gesundheitssystem mit psychiatrischer und psychotherapeutischer Hilfe, im schlimmeren führt der Weg in Dauerdepression und letztlich in die Selbsttötung.

Es ist vor allem ein entmenschlichtes Industrie- und Wirtschaftskonzept, das das Leben auf Kostenfaktoren reduzieren will, das die Ausbeutung und Selbstausbeutung propagiert und einfordert. Die Dynamiken unkontrollierter Märkte führen nur zeitlich und örtlich begrenzt zu höherem Wohlstand für (fast) alle Gesellschaftsschichten. Danach setzt sich – wie wir heute beobachten können – eine Spirale der Umverteilung von unten nach oben in Gang. Wer nicht „oben“ ist, droht weiter abzurutschen. Der ungebremste Markt lässt Schwächere, Ältere, Jüngere, Frauen und ethnische Minderheiten an seiner unsichtbaren Hand verhungern. Dieser Zustand ist das (vorläufige) Endergebnis eines...

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