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Bewegt im hohen Alter

Ein Programm zur psychomotorischen Aktivierung in Altenpflegeeinrichtungen

AutorSusanne Tittlbach, Martin Binder, Klaus Bös
VerlagMeyer & Meyer
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl176 Seiten
ISBN9783840309298
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
'Bewegt im hohen Alter' ist ein psychomotorischer Aktivierungskurs für Bewohner von Altenpflegeeinrichtungen, der dazu beiträgt, die motorische und kognitive Funktionsfähigkeit sowie psychosoziale Ressourcen möglichst lange aufrechtzuerhalten. Das Programm 'Psychomotorische Aktivierung in Altenpflegeeinrichtungen' ist für die stationäre und teilstationäre Altenhilfe konzipiert. Ziel des vorliegenden Manuals ist es, einen Beitrag zu leisten, um die Selbstständigkeit im Alltag sowie die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben von Bewohnern von Altenpflegeeinrichtungen möglichst lange positiv zu beeinflussen. Es werden Übungen und Spiele zur Förderung der motorischen und kognitiven Funktionsfähigkeit vermittelt, die durch Übungen bzw. Materialien zur Förderung der psychischen Ressourcen sowie der Sozial- und Sachkompetenz ergänzt werden. Dieses Manual gibt Kursleitern eine Anleitung zur Umsetzung des Kursprogramms 'Bewegt im hohen Alter' an die Hand. Der Kursleiter findet eine beispielhafte Darstellung von 12 Kurseinheiten, eine Vielzahl beschriebener Übungsformen sowie weitergehende Informationen zur Durchführung von psychomotorischen Aktivierungsstunden in Altenpflegeeinrichtungen.

PD Dr. Susanne Tittlbach ist Sportwissenschaftlerin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bayreuth. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind u. a. psychomotorische Aktivierung bei Hochaltrigen, Seniorensport sowie Gesundheitssport. In diesen Feldern ist sie beratend für den DTB tätig. Martin Binder ist Sport- und Biologielehrer am Otto-Hahn-Gymnasium in Karlsruhe. Er leitete über mehrere Jahre psychomotorische Bewegungs-angebote in unterschiedlichen Karlsruher Altenpflegeeinrichtungen und schrieb seine Examensarbeit zu diesem Thema. Auf überregionaler Ebene war er als Berater im Bereich 'Sturzprävention durch Bewegung' tätig. Prof. Dr. Klaus Bös ist Institutsleiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Seine Forschungsschwerpunkte sind Sport und Gesundheit, Fitnessforschung und Schulsport. Er ist in zahlreichen Gremien beratend tätig, Gründer des Deutschen Walking-Instituts und Vorsitzender des Schulsportforschungszentrums (FoSS) am KIT.

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Leseprobe

4 Praktische Umsetzung


4.1 Förderung der Ichkompetenz


Die Förderung der „Ichkompetenz“ stellt einen wesentlichen Bestandteil des Kursprogramms „Bewegt im hohen Alter“ dar und fokussiert dabei sowohl physische als auch psychische Gesundheitsressourcen.

Die Stärkung der physischen Ressourcen beinhaltet hauptsächlich den Erhalt bzw. die Verbesserung der motorischen Funktionsfähigkeit in den Bereichen Kraft, Beweglichkeit, Koordination sowie der Entspannungsfähigkeit. Eng verbunden damit ist einerseits die gezielte Förderung von alltagsmotorischen Fähigkeiten (ADL-Aktivitäten), andererseits auch die effektive Verminderung bzw. Vermeidung von Stürzen und deren Folgen durch entsprechende Übungsformen.

Neben diesen körperlich-motorischen Funktionsbereichen zielt die Förderung der Ichkompetenz auch auf die Verbesserung kognitiver Funktionen (z. B. Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, Gedächtnisleistung) und psychischer Gesundheitsressourcen (z. B. Selbstbewusstsein, Stimmung) der Teilnehmer ab.

4.1.1 Stärkung der motorischen Funktionsfähigkeit


Eine ausreichende motorische Funktionsfähigkeit ist von zentraler Bedeutung für eine selbstständige Lebensführung. Die (körperliche) Bewältigung von Anforderungen des Alltags wird gerade für Bewohner von Altenpflegeeinrichtungen in zunehmendem Maße problematisch, da sich mit fortschreitendem Alter mehr und mehr Funktionseinbußen in allen motorischen Bereichen einstellen. Auch wenn diese Personen bereits (teil-)stationär in Altenpflegeeinrichtungen wohnen, ist ein Erhalt der noch verbliebenen motorischen Funktionsfähigkeit von großer Bedeutung, wenn die Bewohner nicht für alle Tätigkeiten des täglichen Lebens Pflegehilfe in Anspruch nehmen wollen. So erfordert beispielsweise das tägliche Aufstehen aus Bett oder Stuhl ein Mindestmaß an Kraft in den unteren Extremitäten, und eine grundlegende Beweglichkeit der Schultergürtelmuskulatur stellt die Voraussetzung für das Ankleiden oder auch die alltägliche Körperpflege dar. Ebenso wird eine ausreichende Gleichgewichtsfähigkeit für den Erhalt der Körperbalance beim Gehen oder Stehen benötigt.

Eine gezielte Förderung dieser motorischen Funktionsbereiche muss sich grundsätzlich an den Bedingungen und Voraussetzungen des hohen Alters und den damit verbundenen Risiken orientieren. Insofern erfordert ihre organisatorische und methodische Umsetzung in allen Bereichen spezifische Anpassungen und gegebenenfalls Modifikationen der einzelnen Übungsformen (vgl. Kap. 1.3).

4.1.1.1 Koordinationstraining


Innerhalb der Koordinationsfähigkeit wird in die zwei grundlegenden Bereiche der Bewegungskoordination unter Zeitdruck und der Bewegungskoordination ohne Zeitdruck unterschieden. In Ersterem spielen Reaktions-, Rhythmisierungs- und Umstellungsfähigkeit eine bedeutende Rolle, während im zweiten Bereich vor allem die Gleichgewichtsfähigkeit geschult wird. Aufgrund der hohen neuromuskulären Beanspruchung bei Koordinationsübungen sollten diese innerhalb der Trainingsstunde immer an den Anfang gestellt werden. Die Steuerung der Belastung folgt hier keinem Wiederholungsschema, sondern orientiert sich am Belastungsempfinden des Teilnehmers. Auch hier sollte die jeweilige Übung bei einer „mittelschweren bis schweren“ Anstrengung beendet werden (vgl. Kap. 1.3.4).

Die „Übungen zur Gleichgewichtsfähigkeit“ finden ausschließlich in der Standposition, zuweilen auch in der Gehbewegung statt. Insofern sprechen diese Übungen nur eine „geh- und stehfähige“ Zielgruppe an. Da hier das Sturzrisiko erhöht ist, sind die in Kap. 1.3 erläuterten Sicherheitsaspekte von außerordentlicher Bedeutung. Zahlreiche Übungen werden in der Organisationsform des doppelten Stuhlkreises durchgeführt, bei anderen stehen die Teilnehmer im Kreis und halten sich an der Hand des Nachbarns fest. Grundlegend sollten auch beim Gleichgewichtstraining zunächst relativ einfach durchzuführende Übungsformen gewählt werden, deren Schwierigkeitsgrad allmählich gesteigert werden kann. Die Teilnehmer sollten angehalten werden, auf ihren Körper zu hören und subjektiv zu schwere Übungen auszulassen. In jedem Falle erfordern diese Übungen die höchstmögliche Aufmerksamkeit des Kursleiters. Bei den Übungen in der Gehbewegung sollte dieser immer in unmittelbarer Nähe des Gehenden sein.

Neben Übungen ohne spezielle Geräte bietet sich bei den Gleichgewichts- oder Balanceübungen die Verwendung von Bällen, Luftballons, Tüchern, Bohnensäckchen, Matten und weiteren Materialien an, die das Training aufgrund ihres hohen Aufforderungscharakters besonders interessant machen. Ebenso können viele dieser Übungen in Partner- oder Gruppenarbeit durchgeführt werden (vgl. Kap. 4.2).

Die „Übungen zur Reaktions-, Rhythmisierungs- und Umstellungsfähigkeit“ werden in diesem Kursprogramm in der Sitzposition durchgeführt. Auch diese Übungen erfordern hohe Konzentration und haben einen hohen Aufforderungscharakter. Meist machen sie den Teilnehmern viel Spaß – nicht zuletzt auch hier durch die Verwendung von verschiedenen Materialien und durch das Üben mit Partner oder in der Gruppe.

Übungen zur Gleichgewichtsfähigkeit


Übungen im Stand – doppelter Stuhlkreis


Übungen ohne Geräte


1 Sich um die Körperachse drehen

Die Person steht aufrecht und hält sich zunächst mit den Händen an der Rückenlehne des Vorderstuhls fest. Nun werden die Hände vom Stuhl gelöst und die Person dreht sich 1 x um die eigene Körperachse (Durchführung nach beiden Seiten).

Variation: Während der Drehbewegung jeweils eine Hand zum Kopf führen, die andere Hand von unten hinter den Rücken.

2 Marschieren auf der Stelle

Die Person steht aufrecht hinter dem Stuhl und führt Gehbewegungen auf der Stelle aus („Marschieren“). Allmählich kann das Marschieren deutlich verlangsamt werden, sodass die Zeitintervalle im Stand auf einem Bein erhöht werden („in Zeitlupe marschieren“); ebenso können die Knie weiter nach oben angehoben werden.

Variation: Im freien Stand (zuerst eine Hand von der Stuhllehne entfernen, dann beide Hände); mit geschlossenen Augen (für sehr Geübte und mit Hilfestellung).

3 Ausfallschritt zur Seite

Die Person steht aufrecht im hüftbreiten Stand und hält sich mit beiden Händen an der Rückenlehne des Vorderstuhls fest. Nun wird ein Ausfallschritt mit jeweils einem Bein zur Seite ausgeführt. Dabei soll der Fuß deutlich vom Boden abgehoben werden.

Variation: Beim Ausfallschritt den gleichseitigen Arm zur Seite strecken; Bewegung aus dem freien Stand ausführen (für sehr Geübte).

4 Körpergewicht nach rechts/links verlagern

Die Person steht aufrecht im hüftbreiten Stand und hält sich zunächst mit beiden Händen an der Rückenlehne des Vorderstuhls fest. Nun wird das Körpergewicht langsam vom rechten auf den linken Fuß verlagert, ohne dabei den anderen Fuß vom Boden abzuheben. Zur weiteren Erschwernis kann allmählich der jeweils andere Fuß leicht vom Boden angehoben werden.

Variation: Im freien Stand (zuerst eine Hand von der Stuhllehne entfernen, dann beide Hände); mit geschlossenen Augen (für sehr Geübte).

5 Körpergewicht nach vorne/hinten verlagern

Wie oben, jedoch wird nun das Körpergewicht langsam von den Fersen auf den Vorderfuß verlagert, ohne zunächst die Fersen bzw. Zehenspitzen anzuheben.

Variation: Im freien Stand (zuerst eine Hand von der Stuhllehne entfernen, dann beide Hände); mit geschlossenen Augen (für sehr Geübte).

6 Im engen Fußstand nach oben blicken

Die Person steht aufrecht im engen Fußstand, d. h., die Füße stehen möglichst dicht beieinander, sodass sich Fersen und Vorderfüße (fast) seitlich berühren (Verringerung der Standoberfläche). Nun wird der Blick langsam zur Decke geführt (Verringerung des Blickfeldes).

Variation: Im freien Stand (zuerst eine Hand von der Stuhllehne entfernen, dann beide Hände; für sehr Geübte).

7 Zehenstand/Fersenstand

Die Person steht aufrecht im engen Fußstand und hält sich zunächst mit beiden Händen an der Rückenlehne des Vorderstuhls fest. Nun stellt sie sich langsam in den Ballen- bzw. Fersenstand.

Variation: Im freien Stand (zuerst eine Hand von der Stuhllehne entfernen, dann beide Hände; für...

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