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E-Book

Bewegung als Ressource in der Traumabehandlung

Praxishandbuch IBT - Integrative Bewegte Traumatherapie

AutorRomana Tripolt
VerlagKlett-Cotta
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783608100549
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Die »Integrative Bewegte Traumatherapie« (IBT) begreift als »schonendes Traumatherapieverfahren« Körper und Bewegung als Ressource zur Verarbeitung und Integration komplexer Traumatisierungen. Im Praxisteil werden alle Tools anschaulich in Fallbeispielen beschrieben. Traumaüberlebende verlieren durch die Gewalterfahrung ihre innere Orientierung. Zersplitterte Erinnerungsfragmente, psychische und körperliche Symptome sind neben chronischen Beziehungsschwierigkeiten typische Spätfolgen. Der von der Autorin und Traumatherapeutin entwickelte Ansatz der »Integrativen Bewegten Traumatherapie« antwortet als »schonendes Traumatherapieverfahren« mit ganzheitlicher Herangehensweise auf das Chaos der traumatischen Erfahrung. Bewusste Bewegung hilft dabei, die Signale des Körpers zu entschlüsseln sowie Orientierung und Ressourcenorientierung im eigenen Körper und in der Gegenwart wiederherzustellen. Über Fallgeschichten aus der Praxis werden die Interventionen der IBT in den verschiedenen Phasen des traumatherapeutischen Prozesses anschaulich vermittelt. - IBT ist in alle Traumatherapien integrierbar - Einfach umsetzbar ohne spezielle körperorientierte Ausbildung - Im Einklang mit neuesten Erkenntnissen aus der Neurobiologie - Schonendes traumatherapeutisches Verfahren Dieses Buch richtet sich an: - TraumatherapeutInnen - PsychotherapeutInnen aller Schulen - FachärztInnen Psychotherapeutische Medizin - Concious Dance-LehrerInnen und -Praktizierende - Traumatisierte PatientInnen

Romana Tripolt, Mag., Psychologin und Psychotherapeutin, Trainerin bei EMDR-Europe, ist seit 20 Jahren in eigener Praxis mit Schwerpunkt Psychotraumatologie in Wien tätig; im Vorstand des EMDR Netzwerk Österreich; Mitbegründerin des Instituts für Traumaverarbeitung Wien; Leitung der Akademie für Traumatherapie.

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Leseprobe

Kapitel 1


Was ist ein Psychotrauma?


Trauma ist die Wunde, die Verletzung und das Resultat einer Katastrophe. Es handelt sich bei einem Trauma um die Auswirkung eines schrecklichen Ereignisses auf den Menschen und nicht das Ereignis selbst. Anders als in der Alltagssprache wird in der Psychotherapie das Trauma nicht über das Ereignis definiert, sondern über die Wechselwirkung zwischen Extremsituation und individuellen Reaktionsweisen (Fischer & Riedesser, 1998).

Ob ein bestimmtes Erlebnis traumatisierend wirkt, hängt von äußeren und inneren Faktoren ab. Ein Ereignis, das für ein Baby oder Kleinkind Todesgefahr bedeutet, kann für einen Erwachsenen leicht zu bewältigen sein. Menschen sind grundsätzlich dazu angelegt und fähig, Traumata zu bewältigen. Ganz allgemein erhöhen äußere Faktoren, wie ein Leben in Sicherheit, Hilfe und Unterstützung durch das soziale Umfeld, sowie innere Faktoren wie psychische Stabilität und Beziehungsfähigkeit die Möglichkeiten zur Bewältigung. Resilienz, die Widerstands- und Regenerationsfähigkeit eines Menschen, ergibt sich aus einer Kombination von hilfreichen äußeren und inneren Faktoren (Reddemann, 2011, S. 28).

Katastrophale Ereignisse, die zur Traumatisierung führen, werden entweder von Menschen oder Umweltbedingungen ausgelöst. Zu den von Menschen gemachten Katastrophen zählen: körperliche und sexuelle Misshandlung, Vernachlässigung von Kindern, Vergewaltigung, familiäre und kriminelle Gewalt, Geiselnahme und Krieg, Folter und Inhaftierung, Massenvernichtung, Genozid, Konzentrationslager o. Ä. m.

Zu den Umweltereignissen zählen Naturkatastrophen wie Erdbeben, Hurrikans, Überflutungen, Brände oder technische Katastrophen, Arbeitsunfälle, Grubenunglücke, Verkehrsunfälle o. Ä. m. Wenn eine ganze Gruppe von Menschen oder Bevölkerungen beteiligt sind, dann bezeichnet man dies auch als soziales Trauma. Die zuletzt genannten Katastrophen sind meist TYP-1-Traumata, einmalige, unerwartete und kurz andauernde Ereignisse. Es handelt sich dabei um Schocktraumata.

Während hingegen TYP-2-Traumata aus einer Serie miteinander verknüpfter Ereignisse und aus länger dauernden, wiederholten Extrembelastungen bestehen. Dazu gehört nicht nur Kriegsgefangenschaft oder mehrfache Folter, sondern auch wiederholte sexuelle oder körperliche Gewalt insbesondere gegen Kinder. Auch Vernachlässigung in einem frühen Lebensalter oder inadäquate Reaktionen, wie das Ignorieren von emotionalen Bedürfnissen von Babys und Kleinkindern, zählen dazu und führen zum Entwicklungs- bzw. Symbiosetrauma (Ruppert, 2010). Dieses erhöht die Verletzlichkeit und Anfälligkeit für Traumafolgeerkrankungen bei weiteren Traumatisierungen im späteren Leben.

Komplextraumatisierung führt zu den schwersten Traumafolgeerkrankungen. Viele Menschen, die sich in Psychotherapie begeben, haben frühe Beziehungstraumata erlitten, deren Folgen sich erst in späteren Jahren zeigen, wenn weitere Belastungen oder Krisen auftreten, die es zu bewältigen gilt.

Von möglichen Traumafolgestörungen betroffen sind nicht nur Menschen, die dem schrecklichen Ereignis ausgesetzt sind, wie Gewaltopfer oder Hinterbliebene, sondern auch Menschen, die unmittelbar mit den Traumatisierungen der Primäropfer konfrontiert sind wie Einsatzkräfte oder Augenzeugen. Aber auch Menschen, die vom Trauma mittelbar betroffen sind, wie Familienmitglieder, Freundinnen, Helfer und Psychotherapeuten, können an den Folgen der traumatischen Ereignisse, dem Sekundärtrauma, leiden (Stamm, 1999; Hrsg.).

Sexuelle Gewalt oder Gewalt in der Familie wirkt sich auf das gesamte Familiensystem und Umfeld aus und wird oft über Generationen wiederholt. Die transgenerationale Weitergabe von unbewältigten Traumata führt zu massiven Folgen bei den nachfolgenden Generationen. Natan Kellerman (2001) hat beschrieben, wie traumatische Erfahrungen über interpersonelle Beziehungen, Sozialisation, Kommunikation und epigenetische Veränderungen weitergegeben werden, und dies als transgenerationales Trauma bezeichnet.

Normale Reaktionen auf nicht normale Ereignisse


Katastrophale Ereignisse lösen bei Menschen, wie auch bei Tieren, automatische Flucht- und Kampfreaktionen aus. Wenn diese Reaktionen auf die Bedrohung erfolglos und unmöglich sind, spricht Michaela Huber (2003) von der »traumatischen Zange«. Von dieser werden Körper und Psyche zum Zeitpunkt der größten, ausweglosen Bedrohung erfasst. Kennzeichen einer traumatischen Erfahrung ist, wenn weder Flucht noch Kampf gelingt. Diese Ausweglosigkeit setzt das ganze System des Menschen unter enormen Stress, es entsteht extreme Hilflosigkeit, Todesangst, Erstarrung und schließlich ermattetes Aufgeben. Ein grundlegender Unterschied zu einem belastenden Ereignis besteht darin, dass das traumatisierende Geschehen lebensbedrohend erlebt wird und objektiv in diesem Moment nicht zu bewältigen ist. Der Mensch ist komplett überfordert. Er kann daran nicht wachsen und weder die vorhandenen Problemlösungskompetenzen erweitern noch neue erlernen.

Der gesamte Organismus und alle Funktionen richten sich daher aufs nackte Überleben aus. Die basalen Lebensfunktionen werden durch das sogenannte Reptiliengehirn, das Stammhirn, aufrechterhalten: Die Atmung wird flach und ebenso wie der Herzschlag verlangsamt. Das Blut zieht sich aus den Extremitäten zurück, um die Organe zu versorgen, die Gefäße verengen sich, um im Fall einer Verwundung das Verbluten zu verlangsamen. Das Bewusstsein verändert sich, das Schmerzempfinden setzt aus, die Dissoziation setzt ein. Dieser traumatypische Schutzmechanismus wird an späterer Stelle noch ausführlicher beschrieben. Ist das Überleben gesichert und die akute Gefahr vorbei, folgt die posttraumatische Reaktion, die, wenn sie erfolgreich verläuft, dem Organismus hilft, wieder in den Lebensmodus zurückzufinden. Meist klappern die Zähne, oder der ganze Körper zittert. Die Spannung, die durch die Hormonausschüttung in den Muskeln für die Flucht und Kampfreaktionen erzeugt wurde, wird so gelöst.

Körperliche und psychische Symptome sind zunächst völlig normale Reaktionen auf überwältigende, nicht normale Ereignisse. Die drei Kernsymptome der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) (DSM-IV, 1996, ICD-10, 1993) sind

  • Übererregung, dazu gehören erhöhte Wachsamkeit, Ängstlichkeit und Nervosität u. Ä. m.

  • Intrusionen wie Flashbacks und Albträume sowie

  • Vermeidung von inneren und äußeren Reizen, die das Trauma berühren.

Bei Trauma-Überlebenden, die über ausreichende Kraftquellen verfügen bzw. diese nach einer Traumatisierung zur Verfügung gestellt bekommen, klingt die posttraumatische Belastung und damit die Symptome nach einigen Wochen ab. Das übererregte Nervensystem kann sich wieder beruhigen, die Albträume und Flashbacks nehmen ab und verschwinden zugunsten einer integrierten, vollständigen und kohärenten Erinnerung. Es ist dem Betroffenen schließlich möglich, sich mit der Erfahrung ohne emotionale Überflutung oder Dissoziation auseinanderzusetzen. Wenn dies nicht gelingt, weil entweder nicht genügend Trost und Unterstützung da ist oder die traumatisierende Situation zu extrem war, sich wiederholt oder andauert, geht die posttraumatische Belastung in eine posttraumatische Belastungsstörung über.

Damit das Leben nach dem Überleben gelingen kann, bilden sich Eigenschaften und Fähigkeiten heraus, die verhindern, dass der unbewältigte Schrecken an die Oberfläche des Bewusstseins kommt. Die Persönlichkeit wird davon geformt und konstruiert sich in Wechselwirkung mit der Symptomatik. So kann der Wunsch nach Beruhigung den Griff zu Alkohol oder Drogen auslösen und zum Substanzmissbrauch führen und schließlich in eine Suchterkrankung münden. Vermeidungstendenzen und Ängste können sich generalisieren und zu Soziophobie (Angst vor Menschen oder Menschenansammlungen) oder zu einer generalisierten Angststörung oder auch zu Depressionen führen. Meistens sind es diese Störungsbilder, mit denen die Menschen, manchmal Jahrzehnte nach der traumatischen Erfahrung, schließlich in die psychotherapeutische Praxis kommen.

1.1 Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen


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