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E-Book

Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule

Bilanz und Perspektiven

VerlagMeyer & Meyer
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783840307959
FormatePUB/PDF
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
In diesem Sammelband werden in vier Teilen die Fragestellungen und Perspektiven ausführlich vorgestellt, die in den zurückliegenden Jahren die Fachdiskussion und die Entwicklung der Ganztagsschule in Deutschland in Theorie und Praxis geprägt haben. Bewegung, Spiel und Sport gehören mit unterschiedlichen Akzentsetzungen zu den häufigsten und beliebtesten Lern-, Förder- und Freizeitangeboten in der Ganztagsschule. Wissenschaftler aus der Schul- und Sportpädagogik, Bildungsreferenten aus Sportfachverbänden und Mitglieder des Expertenpools der Deutschen Sportjugend berichten und informieren über die historische und aktuelle Entwicklung der Bewegungs- und Sportangebote, ihre pädagogischen und politischen Hintergründe und die verschiedenen Konzepte und Ansätze in der Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen im Ganztag. Ergebnisse aus der empirischen Begleitforschung zu den Entwicklungsprozessen in Ganztagsschulen und Sportvereinen mit ihren Angeboten für Bewegung, Spiel und Sport und der Ausblick auf die europäische Dimension der Ganztagsschule runden den Band ab.

Roland Naul lehrt Sportwissenschaft und Sportpädagogik an der Universität Duisburg-Essen und leitet dort das Willibald-Gebhardt- Institut - Forschungsinstitut für Sport und Gesellschaft e. V. Seine Arbeitsschwerpunkte sind der Kinder- und Jugendsport in Schule und Sportverein. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel zu verschiedenen Themenstellungen des Schulsports (u. a. zur Olympischen Erziehung in dieser Buchreihe) und zur Entwicklung und Förderung eines aktiven Lebensstils bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland und Europa veröffentlicht. Als Gastprofessor lehrte und forschte er an mehreren Universitäten in Europa und den USA.

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Leseprobe

Kapitel 2 ROLAND NAUL
Ganztägiges Lernen mit Turnen, Spiel und Sport – historische Entwicklungslinien zwischen Schule und Sportverein


Einleitung


Das Thema Ganztagsschule hat in den letzten Jahren den organisierten Sport sowohl auf der Ebene der nationalen Sportfachverbände, wie z. B. beim Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), dem Deutschen Handball-Bund (DHB) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) einschließlich der Deutschen Sportjugend (dsj), als auch auf Länderebene bei den Sportjugenden in den verschiedenen Landessportbünden (LSB) und bei ihren Mitgliedsverbänden aus dem Sport (z. B. Fußballverband Niederrhein) zu zahlreichen Informationsveranstaltungen und Stellungnahmen geführt. Dabei wurden Möglichkeiten und Grenzen, Risiken und Chancen mit unterschiedlichen positiven und negativen Vorzeichen erörtert. Zunächst beherrschten Sorgen um die befürchteten negativen Auswirkungen der neuen, offenen Ganztagsschule die Diskussion. Mitgliederschwund im Jugendbereich der Vereine, Konkurrenz bei den Hallenbelegplänen am Nachmittag und möglicherweise der Verlust von ehrenamtlichen Kräften und nebenberuflich tätigen Übungsleitern aus den Vereinen bestimmten die Sorgen in den frühen Stellungnahmen (2003-2005). Kaum stellte sich mit ersten Evaluationsdaten eine nüchterne Betrachtung der tatsächlichen Auswirkungen ein, sorgte die hinterrücks eingeführte, gebundene Version einer Ganztagsschule als Variante eines Gymnasiums, das in acht Jahren zum Abitur führen sollte (G8), für den erneuten Anschub der Kritik. Denn in der Tat wurde und wird mit dieser zwangsweisen Beschulung aller Kinder und Jugendlichen in den Unter- und Mittelstufen dieser Gymnasien am Nachmittag vielen Jugendlichen ihr Zeitbudget gestohlen, um an Spiel und Sport in ihren Sportvereinen teilzunehmen. Nicht selten führte die berechtigte Kritik an den Auswirkungen einer missratenen Reform des G8-Gymnasiums für Spiel und Sport der Kinder und Jugendlichen in den Klassen 5-9 zu einem Rundumschlag gegen alle Formen ganztägigen Lernens bei Vertretern des organisierten Sports, selbst gegen jene Formen einer Ganztagsschule, bei denen Bewegung, Spiel und Sport eben nicht zu kurz kommen, sondern sogar neue Chancen für mehr Bewegungszeiten am Nachmittag eröffnen.

Das Thema Ganztag ist in sich vielschichtig besetzt, wenn es um „Pro“ und „Contra“ aus Sicht des organisierten Sports geht. Unterschiedliche regionale Entwicklungen sowohl im außerunterrichtlichen, offenen Ganztagsbetrieb der freiwillig teilnehmenden Schülerschaft als auch in gebundener Form mit dem verpflichtenden Unterricht am Nachmittag für alle Schüler einer Klasse oder Schule bestimmen das aktuelle Bild. Schulbezogene Beispiele für „Best Practice“ und „Bad Practice“ beider Varianten des Ganztagsbetriebs, bei denen Kinder von den Angeboten von Bewegung, Spiel und Sport einmal profitieren, ein anderes Mal aber diese Angebote mehr oder weniger freiwillig nachmittags aus ihrem Freizeitbudget ausgegrenzt werden, markieren die aktuellen Entwicklungslinien.

Bei der IZBB-Initiative, die diese Diskussion für den organisierten Sport auslöste, ging es in erster Linie um eine sozial-, bildungs- und arbeitsmarktpolitische Initiative: die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, besonders für Frauen; eine Verbesserung der Schulleistungen, besonders bei Kindern und Jugendlichen aus bildungsschwachen oder bildungsfernen Elternhäusern; schließlich eine Verringerung der Quote von Hauptschülern, die ohne Abschluss ihre Schule verlassen, aber mit einem qualifizierten Schulabschluss leichter einen Ausbildungsplatz im Beschäftigungssystem finden sollten. An eine Förderung von Gesundheit, Bewegung oder Sport war freilich nicht gedacht. Eine empfohlene, frühe Stundentafel des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft (BMBW), als Beispiel für eine offene Ganztagsschule gedacht, kürzte sogar frech und unverhohlen die drei Stunden Sportunterricht auf zwei Wochenstunden (vgl. Zimmermann, 2005). Seitdem wird stets von den Personen beteuert, die sich für sportliche Ganztagsangebote am Nachmittag aussprechen, dass das zu keiner Kürzung von Pflichtstunden im Schulsport am Vormittag führen darf.

Gleichwohl bedeutete und führte die IZBB-Initiative der damaligen Bundesregierung 2002 zu einer historischen Zäsur in der traditionsreichen Beziehung zwischen Schule und Sportverein. Jedes Bundesland setzte das IZBB im Zuge der Kulturhoheit der Bundesländer um, allerdings durchaus mit unterschiedlichen Schwerpunkten. So konzentrierte sich z. B. die offene Version der Ganztagsschule im Bundesland NRW bis zum Frühjahr 2006 nur auf die Grundschule, während im Bundesland Rheinland-Pfalz von Anfang an alle Schulformen einbezogen wurden und in anderen Bundesländern wiederum besonders die Hauptschule in den Vordergrund gerückt wurde.

Mit dem organisierten Sport in den Bundesländern, zusammenfassend vertreten durch die Landessportbünde bzw. Landessportverbände, wurde auf der Grundlage der in der Zwischenzeit verabschiedeten Bildungs- bzw. Schulgesetze zur Umsetzung des IZBB-Programms mit offenen Ganztagsschulen bilaterale „Kooperationsvereinbarungen“ seitens der Schulbzw. Kultusministerien geschlossen. Die ersten Kooperationsvereinbarungen traten in den Jahren 2002 und 2003 in Kraft (Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen). In den Jahren danach folgten alle anderen Bundesländer. Aber auch hier gibt es einige Varianten zwischen den Bundesländern (vgl. Naul, 2006). In diesen Kooperationsvereinbarungen räumte das jeweilige Schul- bzw. Bildungsministerium den Landessportbünden als Vertreter des gemeinnützigen Sports eine exponierte Stellvertreterrolle ein für die nachmittäglichen Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote an den Ganztagsschulen.

Auf dieser Grundlage von Rahmenvereinbarungen auf Landesebene konnten und sollten die Sportverbände und Sportvereine nach Bestätigung durch die örtliche Schulleitung bzw. den örtlichen Schulträger ihre verschiedenen Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote als außerunterrichtliche Angebote mit ihren Übungsleitern und Trainern am Nachmittag in die Schule einbringen. Damit wurde quasi mit staatlicher Förderung und Genehmigung den Sportvereinen als traditioneller Träger in der Jugendarbeit und Jugendhilfe in Sportvereinen nun auch die Rolle einer „Kinder- und Jugendhilfe“ unter dem Dach der Schule angetragen. Zwar waren die Sportvereine als Partner der Schulen schon über viele Jahre aktiv, wenn es um das außerschulische Wettkampfsystem ging oder um Schulsport-AGs oder freiwillige Schulsportgemeinschaften (seit Ende der 1960er Jahre). Aber diese verschiedenen Angebote zählten seit der Einführung eines eigenen Lernbereichs zum „außerunterrichtlichen Schulsport“ (vgl. zum Überblick: Balz, 2010; auf Lehrplanebene erstmals: RUL Sport NRW, Bd. I, 1980 S. 54ff.). Für diesen Lernbereich waren freilich auch die pädagogischen Rahmenvorgaben für den Schulsport verbindlich (z. B. „Aufgaben des Schulsports“ oder „Pädagogische Perspektiven auf den Schulsport“ vgl. Kurz 1977; 2000). Nunmehr aber, mit den „Rahmenvereinbarungen für Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag“, wurde dem organisierten Sport als Träger der Jugendpflege und Jugendhilfe ein eigener pädagogischer Beitrag im Ganztag eingeräumt. Neben und nach dem Mitwirken im traditionellen Bereich des „außerunterrichtlichen Schulsports“ unter den pädagogischen Maximen des Schulsports wurde den Sportvereinen als außerschulischer Bildungsträger jetzt ein eigener, quasi zweiter „außerunterrichtlicher Lernbereich mit Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag“ eröffnet.

Historisch betrachtet, bedeutet diese Entwicklung – der organisierte Sport mit einem eigenständigen Bildungsauftrag in der Schule – vor dem Hintergrund der Schulsportentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland eine Zäsur, so wie die Öffnung der traditionellen Halbtagsschule in Westdeutschland im Zuge der Einführung einer neuen Ganztagsschule eine historische Zäsur bedeutet. Allerdings war und ist die Entwicklung der körperlichen Erziehung in Schulen stets ein Wechselspiel zwischen unterrichtlichem und außerunterrichtlichem Lernen, ein Wechselspiel zwischen vormittäglichen und nachmittäglichen Angeboten, zwischen Angeboten mit unterschiedlichen Erziehungszielen und vielfältigen Formen der Jugendpflege und Jugendhilfe sowie zwischen den staatlichen Instanzen des Bildungssystems und den Organisationen des gemeinnützigen Sports immer gewesen. Historisch betrachtet, stellt die moderne Ganztagsschule nach den Rahmenvereinbarungen mit dem organisierten Sport zwar einen bedeutenden Wendepunkt für den Schulsport dar. Dieser Wendepunkt steht aber auch in einer gewissen Kontinuität im Wandel des Verhältnisses von Schule und Sport. Dabei ging es früher und geht es heute stets um mehr, als nur um „Freizeitangebote“, wie allzu häufig die Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote im Ganztag heute in ihrem pädagogischen Auftrag – leider unzutreffend – von Schul- oder Sozialpädagogen bezeichnet werden. Erst jetzt, knapp 10 Jahre nach der IZBB-Initiative, wird diese pädagogische Engführung als Verkürzung eines Förderauftrags selbstkritisch angemerkt (vgl. Holtappels & Serwe, 2009).

1 Die Anfänge ganztägigen Lernens mit gymnastischen Übungen


Das ganztägige Lernen unter Einbeziehung einer körperlichen Erziehung, die gleichsam Gartenarbeit, handwerkliche Fertigkeiten und gymnastische Übungen umfasste, ist eng mit der Geburtsstunde der bürgerlichen Leibeserziehung in Europa verbunden. Die Philanthropine in Dessau und später in Schnepfenthal, wo Johann Christoph Friedrich GutsMuths seinen...

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