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Bildung, Politik und Menschenrecht

Ein ethischer Diskurs

AutorAxel B. Kunze, Gerhard Kruip, Marianne Heimbach-Steins
Verlagwbv Media
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783763933389
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis29,90 EUR
Dieses Grundlagenwerk für die bildungsethische Debatte wirft einen Blick auf das Thema Bildungsgerechtigkeit aus christlich-sozialethischer Sicht und geht aktuellen konkreten bildungspolitischen Fragestellungen nach. Die Autoren beschreiben, wie das Menschenrecht auf Bildung in Deutschland für bestimmte Zielgruppen, wie z.B. Armutsfamilien, umgesetzt wird. Der Leser erhält einen Einblick in den gegenwärtigen Stand der bildungsethischen Diskussion innerhalb der Christlichen Sozialethik. Akteure der Bildungsreformdebatte erhalten Hintergrundinformationen aus sozialethischer Perspektive. Der Band dokumentiert die Abschlusstagung des gemeinsamen DFG-Projekts 'Das Menschenrecht auf Bildung', die im November 2008 in Mainz stattfand.

Marianne Heimbach Steins und Bernd Kunze lehren am Lehrstuhl für Christliche Soziallehre und Allgemeine Religionssoziologie an der Universität Bamberg. Gerhard Kruip ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover und lehrt christliche Anthropologie an der Universität Mainz.

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Leseprobe

Schule: gerecht und frei? – Staat und Kirche in der Verantwortung (S. 169-170)

Peter Reifenberg

Wenden wir uns dem Thema „Schule gerecht und frei. Staat und Kirche in der Verantwortung“ zu, so müssen wir uns vor Augen halten, dass die Kirche neben dem Staat der zweitgrößte Träger schulischer Einrichtungen und der größte Träger der sogenannten freien Schulen ist. Insofern übernimmt sie – wie der Staat – Verantwortung für und in der konkreten Realisierung des sogenannten Menschenrechts auf Bildung. Dieses Recht auf Bildung birgt insofern eine Ambivalenz, als der Akt des Sich-Bildens letztlich nur von jedem und jeder selbst unternommen werden kann. Es ist ein Akt der Freiheit, zu dem Kinder aber erst befähigt werden müssen und somit verpflichtet das Recht auf Bildung die Gesellschaft dazu, die notwendigen Voraussetzungen dafür erst zu schaffen.

Das Recht auf Bildung schrieb die katholische Kirche bereits in der Erklärung Gravissimum educationis des Zweiten Vatikanischen Konzils fest und stimmte hierin überein mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948), der Erklärung der Rechte des Kindes von 1959 und dem europäischen Zusatzprotokoll zur Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten von 1952. Als Basis des Rechtes auf Bildung wird die Würde der Person benannt. So heißt es in Gravissimum educationis 1: „Alle Menschen, egal welcher Herkunft, welchen Standes und Alters haben kraft ihrer Personenwürde das unveräußerliche Recht auf Erziehung (...)“.

Es nutzt jedoch wenig, wenn Bildung und Erziehung nur als im Sinne der Idee von Bildung und Erziehung, wenn also lediglich abstrakte Begriffe in ihrem Bedeutungsgehalt diskutiert werden. Erziehen und Bilden bewähren sich vielmehr in der gelebten Lebenstat des Leben Lernens, in engen Lebensgemeinschaften, Lebenskontexten und der Geborgenheit lebendiger Schutzräume. Viele Kinder und Jugendliche entbehren heute derartige Schutzräume. Kinder aus Multi-Problemfamilien haben so zwar theoretisch das Recht auf Bildung und Erziehung, sie haben jedoch schon bevor sie die Schulen und Vorschulen betreten, dieses Recht im konkreten Leben praktisch gar nicht realisieren können.

Da hilft alles Einfordern nichts mehr. Was sagt uns gerade dieser kleine Gedanke? Die Familie ist der erste Ort des Lernens und der Bildung. Ehe und Familie bilden die Grundlage für Bildung und Erziehung. Die Erklärung Gravissimum educationis verbürgt somit ebenso wie das Grundgesetz das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder gegenüber einem staatlichen Erziehungsmonopol und gegenüber jeglichem Erziehungsmonopol.

Das Recht der Eltern soll gewahrt bleiben. Es schließt jedoch auch die Pflicht der Eltern ein, ihre Kinder zu erziehen – und um dies zu verwirklichen, benötigen Eltern wie Kinder Unterstützung. Katholische Schulen sehen diese Einheit von Eltern, Kindern und Schule, wenn sie die Schule als eine Erziehungsgemeinschaft aller Beteiligten verstehen. Dies führt – basierend auf der Anthropologie – zu der Einsicht, dass die Diskussion um Bildung grundsätzlicher und weiter zu führen ist, auch im Hinblick auf die Bindungs-, Werteund Dialogfähigkeit des heutigen Menschen.

Papst Benedikt XVI. hat für die Kirche das Paulusjahr ausgerufen und hierzu schenkt uns der Apostel in seinem theologisch gewichtigen Römerbrief ein mutmachendes, unser Problem berührendes Bild: „Nicht Du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt Dich“ (Röm 11,18). Es geht uns bei Schulbildung und Erziehung um die Wachstumskräfte, mit denen die jungen Menschen das Wurzelwerk ihrer Anlagen, die Fähigkeiten und Grenzen ausbilden können. Die Schule kann kein Supermarkt bildungsträchtiger Fertigungskost sein, die Klassenzimmer keine sterilen Labore. Ebenso wenig sind die Schüler als Experimentiermasse oder einfach als Kunden zu behandeln.

Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Einleitung8
I. Standortbestimmung16
Bildung – Menschenrecht – Reformpolitik. Überlegungen zu deren Verhältnis18
1 Einleitung18
2 Bildung20
3 Menschenrecht, Gerechtigkeit24
4 Reform27
5 Überlegungen zu deren Verhältnis – Schluss29
Literatur32
PISA am runden Tisch Oder: die Pluralität der Blickwinkel auf Bildung34
1 Vorbemerkung34
2 Die Ausgangssituation34
3 Die Eingangsfrage: Was hat PISA ausgelöst?35
4 Was hat PISA mit dem Menschenrecht auf Bildung zu tun?40
II. Grundlinien einer Sozialethik der Bildung44
Beteiligung an, durch und in der Bildung. Koordinaten eines sozialethischen Bildungsdiskurses über das Recht auf Bildung46
1 Maßstab der Bildungspolitik? – oder: Der Kontext deraktuellen Bildungsdebatte46
2 Bildung und Menschenwürde – oder: Die Wurzel des Rechts auf Bildung48
3 Bildung und Recht – oder: Der Rahmen für den Vollzug menschlicher Freiheit50
4 Bildung und Gerechtigkeit – oder: Zum Umgang mit Gleichheit und Ungleichheit51
5 Bildung unter dem Anspruch von Beteiligungsgerechtigkeit57
6 Bildung und Menschenrecht: Recht auf, durch und in der Bildung59
Literatur65
Ist Bildung notwendig?70
1 Grundlagen70
2 Eine historisch-systematische Analyse73
3 Bildung – oder Qualifikation76
4 Über die Notwendigkeit von Bildung78
Literatur80
Bildung wozu? oder: Wie kommen die Zwecke in die Pädagogik?82
1 Grundlagen pädagogischen Denkens und Handelns82
2 Woher bezieht die Pädagogik ihre Zwecke?84
3 Wozu ist die Schule da?85
4 Fazit87
Literatur87
Reformen für Bildung: Sozialethische Kriterien88
1 Vorbemerkung88
2 Wesentliche Reformbedarfe des deutschen Bildungssystems89
3 Das Menschenrecht auf Bildung als normativer Fokus91
4 Menschenrechtsbasierte sozialethische Kriterien für Reformen des deutschen Bildungssystems103
5 Fazit109
Literatur111
III. Konkrete bildungspolitische Fragestellungen und Lösungsansätze114
Verpflichtende Vorschulerziehung: bessere Startchancen für alle Kinder oder unzulässiger Eingriff in das Elternrecht?116
1 Frank Jansen, Impuls zum Thema116
2 Marianne Heimbach-Steins, Kontexte und Schwerpunkte der Diskussion118
Braucht Deutschland die Ganztagsschule für alle? – Möglichkeiten und Grenzen einer Ausweitung institutionalisierter Bildung126
1 Ganztagsschule – Ganztagsbildung126
2 Hintergründe – Begründungslinien127
3 Mehr Zeit – wofür?128
4 Grenzen in Konzept und Umsetzung129
5 Braucht Deutschland die Ganztagsschule für alle?132
Literatur133
Länger gemeinsam lernen: Voraussetzung für mehr Bildungsgerechtigkeit oder Bildungshemmnis für leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler?136
1 Bedeutet längeres gemeinsames Lernen ein Bildungshemmnis für stärkere Schüler?137
2 Ist längeres gemeinsames Lernen eine notwendige Voraussetzung für Bildungsgerechtigkeit?140
3 Fazit145
Literatur146
Menschenrechtsbildung – mehr als eine Modeerscheinung? Didaktische Anfragen und Perspektiven zu ihrem Ort in der Schule148
1 „Reparaturwerkstatt“ Schule?148
2 Rechtskunde als unterrichtlicher Ort schulischer Menschenrechtsbildung150
3 Chancen und Grenzen schulischer Menschenrechtsbildung152
4 Menschenrechtsbildung nicht nur für Lehrer, sondern auch mit ihnen155
Literatur156
IV. Kooperative Bildungsverantwortung von Kirche und Staat158
Freiheit, Gerechtigkeit und Soziabilität als Determinanten schulischer Bildung160
1 Der Begriff der Gerechtigkeit161
2 Einige Gedanken zur Freiheit163
Schule: gerecht und frei? – Staat und Kirche in der Verantwortung170
Kooperative Bildungsverantwortung – eine Forschungsskizze174
1 Vorbemerkung174
2 These174
3 Modelle kooperativer Bildungsverantwortung177
4 Ausblick182
Literatur183
V. Perspektiven und Ausblicke184
Nachhall der Tagung. Fünf bildungsethische Akkorde186
1 Die Praxis gerechter Bildung einbeziehen186
2 PISA und andere empirische Studien ent-emotionalisieren187
3 Prioritäten für Benachteiligte188
4 Zur reflexiven Haltung der Ethik189
5 Die Logik der Widerstände wahrnehmen189
Fördern und Motivieren. Anmerkungen zu wichtigen Aspekten in der Bildungsdebatte192
1 Bildung ist in Bewegung192
2 Motivation zu Bildung194
3 Ausblick196
Literatur197
Die Eigenlogik Christlicher Sozialethik und das interdisziplinäre Gespräch200
1 Die Wissenschaft und die Möglichkeit von Interdisziplinarität200
2 Zu den Problemen mit der Interdisziplinarität auf der Tagung202
3 Die Eigenlogik Christlicher Sozialethik203
4 Anthropologie als Basis des interdisziplinären Gesprächs?203
5 Zur sozialethischen Rekonstruktion von „Bildung“204
Literatur205
Die Autorinnen und Autoren208

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