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E-Book

Bildungswege als Hindernisläufe

Zum Menschenrecht auf Bildung in Deutschland

Verlagwbv Media
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl200 Seiten
ISBN9783763946280
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis24,90 EUR
Bildung ist Menschenrecht - diese Annahme liegt dem vorliegenden Sammelband zugrunde. Er verbindet eine sorgfältige empirische Bestandsaufnahme mit theoretischen Überlegungen auf der Grundlage christlicher Sozialethik. Das Buch leistet damit einen Beitrag zur Entwicklung von Maßstäben, an denen sich die Politik beim Umbau des Bildungssystems orientieren kann. In dem Sammelband beleuchten vierzehn Autorinnen und Autoren die Probleme an den Schwellen des Bildungssystems aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Schwierigkeiten einzelner Gruppen werden genauso untersucht wie erfolgversprechende Ansätze zur Integration in das Bildungssystem. Auch die Möglichkeiten politischer Gestaltung werden diskutiert: Welche Rolle können Investitionen in das Bildungssystem spielen, und welche Perspektiven eröffnet eine sozialraumorientierte Bildungspolitik? Der Sammelband dokumentiert eine Tagung im Februar 2008 in der Evangelischen Akademie Loccum die Zwischenergebnisse des Forschungsprojekts "Das Menschenrecht auf Bildung" vorstellte. In dem Projekt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, arbeiten die Universität Bamberg und das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover zusammen. Mit ihren Erkenntnissen wollen sie einen eigenständigen Bildungsdiskurs innerhalb der Christlichen Sozialethik anstoßen.

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Leseprobe
Bildungsgerechtigkeit in der Einwanderungsgesellschaft (S. 62-63)

Kommentar zum Beitrag von Katja Neuhoff

Walter Lesch

Dass Kinder mit Migrationshintergrund im Schulsystem des Einwanderungslandes mit strukturellen Hürden zu rechnen haben, ist keine Besonderheit des deutschen Bildungswesens. Wer den kulturellen Kontext wechselt, ist einem verschärften Anpassungsdruck ausgesetzt. Das kann kreative Potentiale freisetzen, ist aber zunächst einmal eine zusätzliche Belastung. Wer die jeweiligen Spielregeln schulischer Sozialisation nicht schon über die Erfahrungen der Eltern vermittelt bekommt, hat in der Regel größere Orientierungsprobleme als die Gleichaltrigen, die schon durch Familie und Freunde über zuverlässige Vergleichsmöglichkeiten und Informationsquellen verfügen.

Wenn außerdem die Schule ein Spiegel einer monokulturellen und monolingualen Gesellschaft ist, kann es nicht verwundern, dass sprachliche Kompetenzen und kulturelle Sensibilitäten im schulischen Alltag sichtbar werden und die Erfolgschancen von Kindern und Jugendlichen mitbestimmen. Insofern werden wir auch nicht von der Tatsache überrascht sein, dass der Migrationshintergrund sich auf die konkrete Ausgestaltung von Bildungswegen auswirkt. Zu fragen bleibt jedoch, ob diese Auswirkungen als gerecht empfunden werden oder ob sie hinter akzeptierten normativen Zielvorgaben zurückbleiben.

1 1 Integration durch Bildung

Über mehrere Jahrzehnte war es selbstverständlich, von ausländischen Kindern und Jugendlichen Anpassungsleistungen („Assimilation") in einem für sie gewöhnungsbedürftigen Schulsystem zu fordern und sie bei der Bewältigung der dabei auftreten den Schwierigkeiten eventuell auch zu fördern. Denn die Schule sollte ja gerade die Chance bieten, ungleiche Ausgangspositionen hinsichtlich der Herkunftskultur unter den Vorzeichen eines prinzipiell egalitären Idealen verpflichteten Bildungssystems zu kompensieren. Wer im Elternhaus eine andere Sprache benutzte und mit den Herausforderungen der Zweisprachigkeit zu kämpfen hatte, sollte wenigstens im schulischen Alltag optimal im kulturellen Selbstverständnis des Einwanderungslandes beheimatet werden und sich so zum Vermittler und Grenzgänger zwischen den Kulturen entwickeln.

Soweit der theoretische Anspruch, der in die Integrationsleistungen der Schulen große Hoffnungen gesetzt hatte – nicht zuletzt als gerechter Ausgleich nicht genügend weit reichender Unterstützungen und Öffnungen im familiären Umfeld. Die Zahlen der von der OECD verantworteten internationalen Schulleistungsstudie PISA diagnostizieren eine Situation, die speziell in Deutschland von der normativen Leitvorstellung einer Integration durch Bildung weit entfernt ist. Offenkundig häufen sich bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund die strukturellen Benachteiligungen, so dass selbst in der zweiten oder dritten Einwanderergenerationen ein Ankommen in den Plausibilitäten und Erfordernissen des deutschen Bildungssystems nicht vollständig gewährleistet ist. Es gehört zu den positiven Effekten internationaler Vergleiche, eine solche Diagnose als Formulierung eines ernsten Problems akzeptieren zu müssen und das Versagen nicht einfach integrationsunwilligen Migranten aus bildungsfernen Schichten zuzuschreiben.

Irgendetwas scheint mit dem deutschen Schulsystem nicht zu stimmen, wenn es in anderen Ländern so viel besser gelingt, Chancengleichheit im Bildungswesen zu realisieren und Schulen zu effizienten Agenturen der Integration zu machen. Bevor wir uns der sozialethischen Analyse von defizitären Strukturen widmen, sei nachdrücklich betont, dass sich in den öffentlichen Reaktionen auf die PISA-Ergebnisse ein Mentalitätswandel ausdrückt, der im ungünstigsten Fall nur den Postulaten politischer Korrektheit geschuldet ist, die uns beinahe spontan dazu veranlasst, Diskriminierungen mit moralischer Empörung zu kommentieren.

Mit etwas mehr Optimismus könnten wir aber auch darauf vertrauen, dass die Realität der Einwanderungsgesellschaft definitiv in den Köpfen der meisten Deutschen angekommen ist und als eine nach Kriterien der Gerechtigkeit zu gestaltende Aufgabe wahrgenommen wird (vgl. Süssmuth 2006). Das wäre – gemessen an den ideologischen Verkrampfungen vergangener Jahrzehnte – eine erfreuliche Entwicklung. Denn sonst könnte man ja mit einem Achselzucken zur Kenntnis nehmen, dass Schülerinnen und Schüler mit ausländischen Wurzeln im gesellschaftlichen Wettbewerb weniger erfolgreich sind, dass dies aber nun einmal zu den kaum vermeidbaren negativen Seiten von Migration überhaupt gehöre und dass folglich eine eher defensive Einwanderungspolitik zu bevorzugen sei, um gesellschaftliche Spannungen zu minimieren.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt4
Vorwort6
I. Das Menschenrecht auf Bildung: Zwischenbilanz des Forschungsprojekts12
Das Menschenrecht auf Bildung zwischen Empirie und Normativität14
1. Erste Orientierung: Projektziele und Projektstruktur14
2 Sozialethische Bildungsforschung zwischen Empirie und Normativität18
3 Desiderate und weiterführende systematische Fragen36
Literatur38
II. Hilfen und Hürden im deutschen Bildungssystem42
Exklusion oder Chance? Bildungswege von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund44
1 Einleitung44
2 Übergänge und ihre Hürden46
3 Sozialethische Reflexion der Übergänge55
4 Fazit59
Literatur61
Menschenrechtsdokumente:63
Bildungsgerechtigkeit in der Einwanderungsgesellschaft64
Kommentar zum Beitrag von Katja Neuhoff64
1 Integration durch Bildung64
2 Schule als „Sphäre der Gerechtigkeit“66
3 Internationale Vergleiche68
Literatur70
Bildungsbenachteiligung aufgrund von Komplexitätsreduktion im Bildungssystem72
Kommentar zum Beitrag von Katja Neuhoff72
Literatur76
Familienzentrum mit sozialem Frühwarnsystem. Potential und Evaluation eines Königswegs der Familienförderung78
1 Einleitung78
2 Potential eines Familienzentrums mit Frühwarnsystem79
3 Evaluationskonzept und Ergebnisse einer Elternbefragung82
4 Fazit und Ausblick85
Literatur86
III. Reflexionen zur pädagogischen Praxis88
Maßnahmen zur Verbesserung der Schulqualität am Bischöflichen Gymnasium Josephinum, Hildesheim90
1 Eine kurze Bildungsgeschichte des Josephinums90
2 Tradition und Elite91
3 Anstöße zu einem Reformprozess am Josephinum93
4 Ein Zwischenbericht95
5 Worin zeigt sich die Qualität einer katholischen Schule?97
6 Ausblick: Gibt es für Christen Wichtiges, das sich in der schulischen Bildung nicht ausreichend niederschlägt?100
Literatur102
Bildung bedarf der Freiheit!104
Kommentar zum Beitrag von Benno Haunhorst104
1 Schulprogramme zwischen Anspruch und Wirklichkeit104
2 Schulqualität als Beteiligung an, durch und in der Bildung105
3 Nicht zuletzt: die Sinnfrage110
Literatur111
Asymmetrie in pädagogischen Beziehungen112
Kommentar zum Beitrag von Benno Haunhorst112
1 Gleichheit und Asymmetrie112
2 Zwei Extremformen des Umgangs mit Asymmetrie114
3 Zwei Kontexte114
4 Asymmetrie in einer Ethik pädagogischer Strukturen115
5 Eigensinn117
Literatur117
IV. Bildungsfinanzierung und Bildungsgerechtigkeit118
Der Zusammenhang von Bildung und Sozialem in Deutschland. Das deutsche Bildungssystem unter Reformdruck120
1 Einleitung120
2 Die Untrennbarkeit von Bildung und Sozialem121
3 Die „Problemgruppe“125
4 „Benachteiligungsmechanismen“ und Handlungsoptionen127
5 Fazit131
Literatur132
Internetquellen134
Keine/n zurücklassen!? Bildungsökonomie und Chancengleichheit136
Kommentar zum Beitrag von Marcel Helbig136
1 Hohe Erträge durch Bildung136
2 Wohin gehen die Mittel innerhalb des Bildungswesens?138
3 Die innere Ökonomie der Bildung und die Idee einer gerechteren Schule140
4 Welche Maßnahmen könnten helfen, Ungleichheit zu reduzieren?142
5 Mehr Chancengleichheit: Realistisches Ziel oder frommer Wunsch?144
Literatur:145
Bildung als Ausfluss des Sozialstaatsgebots146
Kommentar zum Beitrag von Marcel Helbig146
1 Vorfrage: Gute Bildungspolitik als Surrogat einer Sozialpolitik?146
2 Zur normativen Logik des bundesdeutschen Sozialstaates147
3 Bildung als sozialpolitische Gegenstrategie zur Lebenslagenarmut148
4 Befähigungsgerechtigkeit durch Abbau struktureller Benachteiligung150
5 Sozialpolitische Sozialraumorientierung als Teil ‚ guter’ Bildungspolitik151
Literatur152
V. Theoretische Betrachtungen154
Chancengleichheit im Bildungssystem156
Gerechtigkeitstheoretische Überlegungen156
1 Chancen worauf?156
2 Gleiche Chancen157
3 Warum sollten Chancen gleich sein?160
4 Soziale Herkunft und gleiche Bildungschancen164
5 Chancengleichheit und Menschenrecht auf Bildung168
Literatur171
Elemente einer kritischen Theorie der Beteiligungsgerechtigkeit174
Christlich-Sozialethische Sondierungen174
1 Inklusion und Teilhabe als sozialwissenschaftliche Kategorien175
2 Teilhaben und Beitragen als sozialethische Kategorien177
3 Beteiligungsgerechtigkeit als kritische sozialethische Theorie186
Literatur188
Menschenrecht auf Bildung und Bildungsgerechtigkeit192
Volkswirtschaftliche Aspekte192
1 Deutsche Besonderheiten auf der Ebene der Sekundarstufe 2 und des tertiären Bereichs des Bildungswesens192
2 Das Problem der Sekundarstufe 1 im deutschen Bildungswesen194
3 Möglichkeiten zur Verbesserung des Bildungssystems vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe 1196
4 Überlegungen für die Trägerschaft von Kindergärten und Grundschulen197
5 Auch Bildung in Kindergärten und Schule ist Investition198
Literatur:199
Autorinnen und Autoren200

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