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E-Book

Biologische Killer. Epidemien und Pandemien

AutorAbdalla Ibrahim, Johanna Sarre, Lotta Schmachtenberg, Matthias Neufeld, Maxi Pötzsch, Sara Bottaccio
VerlagScience Factory
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl246 Seiten
ISBN9783656864660
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
2014: Der Ebolavirus fordert in Westafrika Tausende Todesopfer, breitet sich rasch über Landesgrenzen aus und versetzt die ganze Welt in Angst vor einer globalen Epidemie - einer Pandemie. Pan- und Epidemien traten und treten in allen Regionen der Erde auf. Das Erreger- und Krankheits-Spektrum ist groß und reicht vom Grippevirus über die Pest bis hin zu AIDS. Dieses Fachbuch gibt einen Überblick über Infektionskrankheiten, die sich zu Pan- und Epidemien ausweiten können, zeigt Maßnahmen und Bekämpfungsstrategien und wirft einen Blick in die Geschichte der 'Geißeln der Menschheit'. Aus dem Inhalt: Die Pest - eine Krankheit und ihre Geschichte Das Krankheitsbild der 'Spanischen Grippe' von 1918/19 Die Geschichte des Ebolavirus AIDS in Afrika und Pest in Europa Pandemie AIDS in Afrika: Ursachen, Bekämpfungsstrategie und Folgen Symptome und Maßnahmen zu EHEC und dem HUS-Syndrom Die Grippe - Epidemie trotz Impfung?'

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Leseprobe

II.      Die Pest und ihre Geschichte


II.1     Die Entdeckung


Die Pest ist eine hochgradig ansteckende, in Epidemien auftretende bakterielle Infektionskrankheit, die sowohl Nagetiere als auch Menschen befallen kann. Sie ist bereits seit der Antike bekannt und hat seitdem unzählige Todesopfer gefordert. Erreger der Erkrankung ist das Bakterium „Yersinia Pestis“. Das Bakterium verdank seinen Namen dem Entdecker des Erregers: Alexandre Yersin.

Aufgrund des Pestausbruchs in Hongkong, entdeckte der Schweizer das Bakterium im Juni 1894. Zeitgleich konnte auch der japanische Arzt Shibasaburo Kitasato den Schlüsselpunkt in der Pestforschung nachweisen. Beide fanden den Erreger in den Leistenlymphknoten von Erkrankten.[7] Unter dem Mikroskop wurde beiden deutlich, dass es sich beim Pesterreger um ein „unbewegliches, stäbchenförmiges und nur zwei Mikrometer kleines Bakterium“[8] handelt. Dieses wurde jedoch bis 1971 zunächst als „Pasteurella pestis“ bezeichnet.

Um Yersin und Kitasato entwickelte sich ein Prioritätenstreit. Kitasato entdeckte nur kurz vor Yersin den Erreger, Yersin war jedoch letztendlich derjenige, dem es gelang, das Bakterium in einer Reinkultur zu züchten. Somit wurden jegliche Rechte schließlich ihm zugesprochen. Dem Franzosen Paul Louis Simond ist es schließlich zu verdanken, dass der Übertragungsweg der Pest aufgedeckt werden konnte. Der Floh „Xenopsylla Cheopsis Roth“ wurde 1898 durch Simond als „Beginn der Infektionskette“[9] diagnostiziert.

II.2     Das Pestbakterium und der Übertragungsweg


Neben dem sogenannten „Pestfloh“[10], dem Xenopsylla Cheopsis, welcher als häufigster Überträger fungiert, eignen sich noch weitere Arten als Infektherd. Die Frage, welche weiteren Floharten, neben dem Rattenfloh, an der Übertragung der Pest beteiligt sind, wurde seit den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts unter Naturwissenschaftlern und Medizinhistorikern kontrovers diskutiert. Mittlerweile ist Fakt, dass sich etwa dreißig Floharten als Überträger der Pestbakterien eignen,[11] darunter auch der Menschenfloh.[12] Flöhe sind Parasiten, die sich von außen an ihren Wirt heften, selber aber gelegentlich auch Parasiten in ihrem Inneren beherbergen und ihren Wirt mit diesem Parasiten infizieren können. Das Pestbakterium ist ein solcher Parasit.

Tatsächlich ist das Pestbakterium ein Kokkobazillus[13] aus der Gruppe der Pasteurellen. Selbst ohne tierischen Wirt kann das Bakterium mehrere Monate überleben. In vor Austrocknung geschützten Erdböden, in Staub, Kot oder auf  Tierkadavern ist der Bazillus über Monate vermehrungsfähig und virulent. Auf Lebensmitteln bleibt er bis zu vier Wochen aktiv. Im Wasser kann er mehrere Tage bestehen bleiben.

Der Entwicklung eines Rattenflohs bedarf es bei normalen klimatischen Bedingungen 20 bis 70 Tage. Der Höhepunkt der Flohentwicklung liegt, aufgrund der bevorzugten Temperaturen, die den Entwicklungsprozess bei 24 bis 27 °C positiv beeinflussen und auf 30 Tage verkürzen, im Spätsommer.

1906 entdeckte Charles Rothschild in einer Pionierstudie den Übertragungsmodus von Bakterium und Floh.[14] Wenn der Floh einen erkrankten Wirt sticht, so fand Rothschild heraus, werden Erreger in hoher Konzentration in seinen Proventriculus[15] gesaugt und verklumpen bzw. verstopfen eben diesen. Durch Sterben des infizierten Wirtes und gleichzeitigem Erkalten seines Körpers geht der wärmeliebende Floh auf das nächste Opfer über. Durch Verstopfen des Magendarmtraktes verspürt der Floh unstillbaren Hunger und sticht somit immer wieder seinen Wirt. Bei jedem Stich pumpt er dadurch jeweils große Mengen von Bakterien in die Bisswunde und dadurch in den Blutkreislauf seines Opfers.

Neben einem Flohstich oder einer Infektion durch Einreibung von infiziertem Kot in eine Hautverletzung, kann der Erreger auch durch eine Tröpfcheninfektion über den Weg des Nasen-Rachen-Raumes übertragen werden.[16] Dabei bedingt der Übertragungsweg die unterschiedlichen Formen der Pest, auf die im Folgenden eingegangen wird.

Als primäre Wirte der Flöhe dienen in erster Linie Nagetiere wie Ratten, wobei aus historischer Sicht zwischen zwei Arten von Ratten unterschieden werden muss: als bevorzugter Infektträger dient die schwarze Hausratte[17], neben der braunen oder grauen Wander- oder Feldratte.[18] „Nur eine einzige Tierfamilie“, so schreibt Georg Sticker, „zeigt sich bei allen Arten der Pestbeteiligung (…) als Vorboten, als Warner, als Verbreiter, als Opfer der Pest.“[19] Aber auch Eichhörnchen und Kaninchen oder Hauskatzen konnten bereits als Wirt nachgewiesen werden.

Im Mittelalter spielte besonders die Hausratte eine große Rolle. „Zur Zeit des Albertus Magnus“[20], so meint Sticker, „(…) war sie in ganz Deutschland als wahres Haustier heimisch.“[21] Die Hausratte lebte im Mittelalter quasi in einer Wohngemeinschaft mit dem Menschen. Als sesshaftes Tier ließ sie sich, vor dem Zeitalter der Pestizide und Insektizide, nur schwer verjagen und ungemein schlecht bekämpfen. Für gewöhnlich fand man sie direkt unter dem Dach, wo ihre beliebte Temperaturkonstante von 38°C herrschte und die Menschen des Mittelalters ihre Nahrungsmittel aufbewahrten. Bei einer Körperlänge von 16 bis 22 Zentimetern (der Schwanz ist in der Regel jedoch etwas länger), ist die Hausratte auch heute noch das ganze Jahr über geschlechtsaktiv. Bei der geringen Tragzeit von nur 24 Tagen wirft ein Weibchen in der Regel acht Junge.[22]

Man geht davon aus, dass allein die Hausratte bedeutungstragend für die Pest und die Menschen im Mittelalter war, da die Existenz der Wanderratte zwar bereits 1553 vom Naturforscher Conrad Gesner in einem Tierbuch skizziert wurde, geschichtlich belegte Erstbeobachtungen jedoch erst aus dem 18. Jahrhundert vorliegen.[23]

Vor Entdeckung des Bakteriums war die Frage nach einem spezifischen Pestkeim immer wieder aufgeworfen und erörtert. Nach Sticker waren zum Ersten Pariset und Lagasquie Vertreter der Ansicht, dass „das Pestgift ein Schmutz ist, der unter bestimmten Voraussetzungen an verschiedenen Orten der Erde entstehen und sich immer wieder neu bilden kann, aus unreinlicher Lebensweise und engem Zusammenleben, aus stinkenden Misthaufen, aus verwesenden Menschen- und Tierleichen.“[24] Als Vertreter der zweiten Ansicht ist Heinrich Häser zu nennen. Er meint, dass die Pest „durch Umwandlung und die Weiterentwicklung bösartiger Fieber entstehen. Pestartige und typhöse Fieber waren die Vorgänger und Erzeuger der wahren Pest.“[25] Creighton vereint beide Vorreiter und formuliert so den dritten Aspekt für das Entstehen der Pest: Die Pest sei „als ein Bodengift aus verfaulten Leichen“[26] entstanden.

II.3     Das Krankheitsbild


Die Inkubationszeit bei Pesterkrankten ist enorm kurz. Zwischen Ansteckung und ersten Symptomen liegen, abhängig von der Pestart, 48 Stunden bis zehn Tage.

Das Yersiniabakterium ist so gefährlich, weil es das menschliche Abwehrsystem komplett entwaffnet. Aus diesem Grund zählen Fieberschübe, Benommenheit, Schüttelfrost und Kopfschmerzen zu den ersten Auffälligkeiten.[27]

II.3.1 Beulenpest

Die Beulenpest[28] ist die am häufigsten auftretende Form der Pest. Mehr als neunzig Prozent aller Fälle verlaufen auf diese Art.[29]

Von der Bissstelle des Flohs aus wandert der Bazillus in die nächstgelegenen Lymphknoten. In den Lymphen pflanzt sich der Erreger fort. An der primären Infektionsstelle lässt sich jedoch keine entzündliche Veränderung nachweisen.[30] Der Mittelwert der Inkubationszeit bei einer Beulenpest liegt bei sechs Tagen. Von scheinbar völligem Gesundheitszustand kommt es anfangs zu einem Fieberanstieg von bis zu 40°C. Die Symptome reichen von Kopf- und Gliederschmerzen über Schwäche- und Schwindelgefühl bis hin zu Nasenbluten, Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung. Viele Betroffene klagen auch über ein Druckgefühl über dem Herzen. Meist folgen dem noch Bewusstseinsstörungen. Danach verfärben sich die Lymphknoten der Infizierten bläulich und schwellen an. Diese werden dann als Pestbeulen oder auch Bubonen bezeichnet. Diesem Symptom verdankt diese Form der Pest ihren Namen.

Die Pestbeulen gelten als ziemlich schmerzhaft und können innerhalb von zwei Tagen auf Walnuss- bis Faustgröße anschwellen. Sie sind meist in der Leistengegend zu finden, selten aber auch in Achselhöhle, Kniekehle und Ellenbeuge oder am Hals.[31]

Musehold unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Arten der Bubonen: primäre Burbonen sind ausschließlich diejenigen, „welche entstanden sind: durch Einführung des Pesterregers von der Eingangspforte aus bis in die befallenen Lymphdrüsen lediglich auf dem Wege der Lymphbahnen.“[32] Als sekundäre, oder auch metastatische Bubonen, werden solche bezeichnet, die, „nach Uebergang der Pesterreger vom primären Affect aus in die Blutbahn an allen Stellen des Körpers, an denen es überhaupt Lymphdrüsen gibt, entstehen können...

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