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Bodo Ramelow

Ein Linker aus dem Westen erobert Thüringen

AutorFrank Schauka
VerlagKlartext Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl138 Seiten
ISBN9783837513264
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis6,99 EUR
Bodo Ramelow machte in der Gewerkschaft Karriere in großer Nähe zur DKP, der Deutschen-Kommunistischen-Partei, dem West-Ableger der SED. Der gelernte Einzelhändler Ramelow wurde in Marburg Chef der der Gewerkschaft 'Handel, Banken und Versicherungen'. Nach der friedlichen Revolution ging er sofort nach Thüringen, engagierte sich im Streik der Kali-Kumpel und trat in die PDS ein, die SED-Nachfolgepartei ein, und wurde schnell Fraktionschef im Landtag. Als Reaktion auf die Krebs-Erkrankungen seiner beiden Söhne aus erster Ehe fand er - auch öffentlich bekannt - zum Christentum zurück. Wer ist dieser zu Gefühlsausbrüchen neigende Politiker, der seinen Hund Attila nennt? Frank Schauka geht dem auf den Grund und verfolgt die ersten Monate nach Amtseintritt.

Frank Schauka, Jahrgang 1962, ist Reporter der Thüringer Allgemeine. Er studierte in Köln und München Geschichte, Germanistik und Philosophie. Als Redakteur arbeitete er in Neuruppin, Frankfurt am Main, Marburg und Potsdam. Vier Jahre war er Sprecher des Justizministeriums in Brandenburg.

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Leseprobe

Kapitel 3


Marburg


Ramelow taucht ein in das rote Marburg, in dem Kommunisten in das Stadtparlament gewählt werden und Professoren Marx, Engels und Lenin lehren; er macht Karriere in der Gewerkschaft und empört sich über die Berufsverbote – „sprachlos vor Wut“.


Ein junger Mann, 18 Jahre jung, früh vaterlos, geprägt in einer christlichen Familie, erzogen zu Gewissenhaftigkeit, Gerechtigkeit und Leistung – das ist Bodo Ramelow Mitte der Siebzigerjahre im roten Marburg. Bodo Ramelow musste Schule wie Wohnort mehrfach wechseln, konnte Freundschaften deshalb nicht pflegen; er war ein Legastheniker, der schlecht schreiben kann – aber sehr gut lesen und reden.

„Tragisch und nicht ohne Konsequenzen war die Tatsache, dass die Lese-Rechtschreib-Schwäche als solche damals überhaupt nicht bekannt war“, berichtet Bodo Ramelow. „Der Eindruck, der entstand, war: hochintelligent – aber stinkend faul.“

Zu Hause habe diese Diagnose zu „Dauerstress“ geführt. Mutter Anni langte wohl auch gelegentlich hin. Trotz seines Handicaps hatte er Erfolg. „Auf dem zweiten Bildungsweg konnte ich dann die Fachhochschulreife mit 1 in Deutsch abschließen“, sagt er.

Bodo Ramelow ist ein junger Mann, der es sich und anderen beweisen will. Und dem das auch gelingt.

Der Lehrling Bodo Ramelow tritt schon Anfang der 70er Jahre, wie er sagt, in die Gewerkschaft „Handel, Banken und Versicherung (HBV)“ ein und trifft 1975 den 18 Jahre älteren Marburger HBV-Vorsitzenden Eberhard Dähne. Der ist Stadtrat für die westdeutschen Kommunisten, die DKP, und wird sein Vorbild.

Eberhard Dähne, sagt Bodo Ramelow, „war ein engagierter ehrenamtlicher Vorsitzender der Gewerkschaft HBV“, den er 1975 in Marburg kennengelernt habe. „Da wusste ich noch fast gar nichts von Marburg, DKP oder Kommunismus.“

Marburg ist eine seltsame Stadt im Westen, ein roter Biotop: Auf der einen Seite die romantische, von Touristen verwöhnte Altstadt an der Lahn, von einem Schloss gekrönt, auf der anderen Seite eine von vielen Kommunisten beherrschte Universität, die rote Uni – und als Idol der Studentinnen und Studenten: Professor Wolfgang Abendroth.

Der von NS-Richtern 1937 zu vier Jahren Zuchthaushaft verurteilte Professor war als Wissenschaftler in Marburg ein Monument; „Die Zeit“ nannte ihn „Partisanen-Professor“.

1968, kurz vor der Gründung der DKP, soll Abendroth Ost-Besuch bekommen haben. Man legte ihm nahe, heißt es, die geplante Neugründung der DKP zu unterstützen. Es sieht so aus, als hätte er sich dem Wunsch der DDR nicht verweigert.

Bei Abendroths Beisetzung 1985 auf dem Hauptfriedhof in Frankfurt am Main sollen Hunderte von Trauergästen die Internationale mit Inbrunst gesungen und dem Verstorbenen zu Ehren die Faust zum Gruß emporgereckt haben.

Wenn behauptet werde, er sei auch dort gewesen, so stimme dies nicht, merkt Bodo Ramelow an. „Ich habe den Professor nicht so gut gekannt, dass ich damals zu dessen Beerdigung gegangen wäre. Mit dem universitären Bereich hatte ich eher weniger zu tun.“

1972 macht Marburg bundesweit Schlagzeilen. Erstmals ziehen zwei Kommunisten in ein bundesdeutsches Stadtparlament ein:

DKP- Fraktions- und Kreischef Ulli Stang entstammt einer alteingesessenen Metzgerfamilie. Im mehrgeschossigen Hause der Familie Stang, Am Grün 9, am Fuße der verwinkelten Oberstadt, hat die DKP bis in die Zeit der Wende ihr Hauptquartier.

Der zweite DKP-Stadtrat ist Eberhard Dähne, 1938 im brandenburgischen Bad Freienwalde geboren. Er war Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Als die SPD 1959 ihr Godesberger Programm beschloss und sich vom Marxismus lossagte, blieb der SDS auf DDR-Freundschaftskurs. Drei Monate nach dem Mauerbau 1961 erklärte die SPD die gleichzeitige Mitgliedschaft in Partei und SDS für unvereinbar. Eberhard Dähne blieb im SDS und wurde aus der SPD ausgeschlossen. 1963 ging er nach Marburg an die Universität.

Zwei Jahre später, 1974, wuchs die DKP-Fraktion auf fünf Leute an. Die DKP war in Marburg stärker als die FDP, die in Bonn regierte. Eine der neuen in der Fraktion war Herbert Bastian; er blieb im Parlament 15 Jahre lang, bis zum Untergang der DDR.

Herbert Bastian war Posthauptschaffner, Sohn eines bodenständigen Dachdeckers, der im Winter regelmäßig arbeitslos wurde und deshalb wünschte, seinem Sohne möge es im Leben bessergehen. Der Sohn ging zur Post, die damals ein Staatsbetrieb war: Wer bei der Post beschäftigt war, wurde nie arbeitslos, auch nicht im Winter.

Behagliche Jahrzehnte im Staatsdienst und eine nette Pension hätten Herbert Bastian bevorgestanden – wäre er lediglich im Ockershäuser Kleingärtner- und im Geflügelzuchtverein gewesen und nicht auch Marburger Stadtrat der verfassungsfeindlichen DKP, den der Bannstrahl des Radikalenerlasses treffen sollte.

Wer in den siebziger Jahren DKP-Mitglied war, „wurde in Marburg sehr geächtet“, sagt Witwe Renate Bastian. „Es haben sogar Leute die Straßenseite gewechselt, wenn sie meinen Mann sahen.“ Renate Bastian war selbst überzeugte Kommunistin, die als junge Wissenschaftlerin über die Studentenbewegung zur DKP gekommen war.

„Uns war kein Kanaldeckel zu klein, kein Siedlungsprojekt zu groß“, erinnert sich Renate Bastian. „Wir haben damals immer gesagt: Wir sind die kommunalpolitischen Betriebsräte. Das war unser Selbstverständnis, und das war unser Anspruch.“

Kommunalpolitische Betriebsräte? Tatsächlich war in Marburg die Grenze zwischen DKP und Gewerkschaften fließend, sofern man von einer Grenze sprechen mag: Ulli Stang, der Kreisvorsitzende, war Mitglied der Lehrergewerkschaft GEW und später der Gewerkschaft HBV; Eberhard Dähne Ortsvorsitzender der Gewerkschaft HBV; Herbert Bastian Mitglied der Postgewerkschaft DPG; Robert Sabo, Bodo Ramelows späterer Trauzeuge, Betriebsratsvorsitzender, HBV-Mitglied, später sogar Ortsvorsitzender.

Die DKP-Mitglieder im Marburger Stadtparlament waren nahezu alle in einer Gewerkschaft engagiert. Zufall war das nicht in der „Partei der Arbeiterbewegung“; Marx und Lenin hatten ja die Gewerkschaften als Kampforganisationen des Proletariats ausgemacht. Dementsprechend machte sich die DKP in Marburg, unter maßgeblicher Mitwirkung prominenter Professoren, Gedanken über die politische Schulung junger Gewerkschafter speziell in Marburg – aber auch im nahen Gießen, wo Bodo Ramelow von 1970 bis 1974 bei Karstadt lernte. In der Zeit um 1975 liegt wahrscheinlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zu manchem Kommunisten.

Wie Bodo Ramelow die DKP in Marburg sah? „Ein interessanter Laden“, sagt er. Die DKP sei „im Stadtparlament unglaublich engagiert“ gewesen. Das waren die engagiertesten, die ich überhaupt kennengelernt habe. Selbst mein verstorbener Schwiegervater, der ein strammer Sozialdemokrat war und der die Schwester von Leonie aus dem Haus geschmissen hat, als sie den DKP-Aufruf unterschrieb, derselbe Schwiegervater hat Eberhard Dähne geschätzt ohne Ende, weil der der einzige im Stadtwerke-Ausschuss war, der Ahnung hatte. Deshalb war die Marburger DKP erst einmal Kommunalpolitik. Für mich waren das einfach alltagstaugliche Menschen. Aber die DKP als Partei war mir fern, weil sie so dogmatisch war.“

Was war – über Marburg hinaus – die DKP? Sie stand der SED nahe, dem real existierenden Arbeiter- und Bauernstaat. Die DKP rechtfertigte das Zusammenschießen des Volksaufstandes 1953, verteidigte den Bau der Berliner Mauer 1961, lobte die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 als Beitrag zur „Weiterentwicklung der sozialistischen Demokratie“, beklatschte den sowjetischen Einmarsch 1979 in Afghanistan, und reagierte verständnislos auf Wolf Biermann und fand es in Ordnung, als er 1976 gegen seinen Willen aus der DDR ausbürgert wurde.

Die SED finanzierte Jahr um Jahr die DKP mit circa 60 Millionen Mark, um Positionen, auch Schlüsselstellen in westdeutschen Gewerkschaften zu besetzen. Das fand der DKP-Experte Rudolf van Hüllen heraus, der viele Jahre das Referat Linksextremismus im Bundesamt für Verfassungsschutz geleitet hatte. Er skizziert die Methode so: „Die DKP übernimmt nach außen das DGB-Programm, ficht bei Streiks auch für die kleinen Interessen. Insofern waren alle DKP-Leute in der Gewerkschaft wirksame und gute Gewerkschafter.“

Wenn die Kommunisten in Gewerkschaften Einfluss gewannen, „haben sie nicht mehr losgelassen“, sagt van Hüllen. „Es gibt auf diese Weise in den Gewerkschaften einen Block, der immer einheitlich handelt, weil er zentrale Weisungen bekommt. Dadurch ist dieser disziplinierte Block von DKP-Mitgliedern in den Gewerkschaften stärker, als es zahlenmäßig zum Ausdruck kommt. Die DKP ist so in der Lage gewesen, in den Gewerkschaften Posten und Positionen zu...

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