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Born to Walk

Den natürlichen Gang neu entdecken

AutorJames Earls
VerlagMeyer & Meyer
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl280 Seiten
ISBN9783840311673
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Born to Walk beschäftigt sich mit dem Prinzip des aufrechten Gangs. Es beschreibt die richtige Art zu gehen und die dafür zugrunde liegenden biomechanischen Prinzipien. Das Fasziennetz des Körpers steht dabei im Fokus. Der Autor verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und sieht den Körper als Summe verknüpfter Einzelteile an. Earls Ziel ist es, dem Menschen einen effizienten, natürlichen Gang wiederzugeben, der von vorneherein in der Evolution begründet liegt.

James Earls ist Autor, Dozent und Physiotherapeut und spezialisiert in Myofascial Release. Earls ist Direktor des Instituts für Ultimate Massage and Solutions, UK, und beliebter Dozent bei Konferenzen und praktischen Workshops in der ganzen Welt. Außerdem ist er regelmäßiger Autor für die führenden Bodywork-Magazine.

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Leseprobe

Einleitung


Der Mensch ist das Modell der Welt.

Leonardo da Vinci, ca. 1480

Leonardo da Vincis bekannte Zeichnung der menschlichen Proportionen, „Der vitruvianische Mensch“, ist ein ausdrucksstarkes Symbol, das die Beziehung zwischen Architektur und Anatomie widerspiegelt und Künstlern sowie Architekten über die Jahrhunderte hinweg als Inspirationsquelle diente (siehe Abb. 0.1). Gleichzeitig weist es aber auch so eindeutig wie kaum etwas anderes darauf hin, was die Forschungsarbeit im Bereich der Anatomie in den letzten 3.700 Jahren einschränkte.

Wir können da Vinci jedoch keinen Vorwurf machen. Er zeichnete das Symbol zu einem Zeitpunkt in der menschlichen Geschichte, als wir es nicht besser wussten. Die Skizze war wahrscheinlich sogar die Verkörperung des zeitgenössischen Wissens der Renaissance. Da Vinci konkretisierte und veranschaulichte die von Vitruv beschriebenen idealen Beziehungen zwischen menschlicher Anatomie, dem Göttlichen und dem Universum.

Abb. 0.1:

„Der vitruvianische Mensch“ von Leonardo da Vinci, ca. 1487.

Zusammen mit dem Begleittext stellt es die idealen menschlichen Proportionen dar und wird manchmal auch als „Kanon der Proportionen“ oder „menschliche Proportionen“ bezeichnet.

Vitruv schrieb etwa 20 v. Chr. Er erhielt von Kaiser Augustus den Auftrag, das gebeutelte Römische Reich umzugestalten und ihm neues Leben einzuhauchen. Vitruv wollte ein neues Konzept für die Gestaltung von Städten und Gebäuden einführen und Augustus wollte einen „Corpus“: ein Werk, das die Erneuerung des Reichs zusammenfasste. Das Ergebnis war Vitruvs De architectura libri decem (Zehn Bücher über Architektur). Es war das erste Werk, das sich mit der Rolle und dem Ziel eines Architekten auseinandersetzte und versuchte, viele der nötigen Elemente der Architektur zu definieren.

Abb. 0.2:

Die Speerträgerstatue (Doryphoros) des griechischen Bildhauers Polykleitos entstand zwischen 450 und 400 v. Chr. Viele bezeichneten sie als Beispiel für die idealen Proportionen eines Menschen, u.a. auch der einflussreiche Arzt Galen etwa 600 Jahre später, Vitruv und schließlich da Vinci.

Vitruvs zentraler Lehrsatz war, in der Biologie habe die schöpferische Natur als Architekt gewirkt: Universelle Naturgesetze hätten die menschliche Anatomie herbeigeführt, sodass wir eine Karte des Makrokosmos in unserem Körper trügen. Der Körper sei im wahrsten Sinne des Wortes eine minor mundus, eine kleine Welt, und spiegle daher das Universum wider. Aus dieser Annahme folgerte er, der Architekt solle die Weisheit und die Proportionen des Körpers auf architektonische Entwürfe und Werke übertragen: „Kein Tempel kann ohne Symmetrie und Proportion eine vernünftige Formgebung haben, wenn seine Glieder nicht in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen, wie die Glieder eines wohlgeformten Menschen.“[1]

Mit der Zeichnung des vitruvianischen Mannes wollte da Vinci seine Anatomiekenntnisse, sein Verständnis des Göttlichen sowie sein Wissen über Mechanik und Architektur unter Beweis stellen. Indem er die menschliche Gestalt mit dem Kreis und dem Quadrat umschloss, stellte er die göttlichen und die irdischen Beziehungen des Körpers dar. Da der Kreis leicht nach oben versetzt ist, bildet der Nabel sowohl das geometrische als auch das physiologische Zentrum. Das Problem hierbei ist, dass er mit den Hilfsmitteln seiner Zeit arbeitete: einem Zeichendreieck und einem Zirkel. Dadurch legte da Vinci einen Grundstein für die falsche Vorstellung von Anatomie in der modernen Welt: Er stellte eine geometrische Perfektion von Anatomie dar, die mit den Hilfsmitteln und Methoden des Bauwesens im 15. Jahrhundert verbunden werden würde.

Viele Jahrhunderte lang diente der menschliche Körper als Modell für die Architektur. Er wurde als Inspirationsquelle für die Architektur genutzt, aber auch der umgekehrte Prozess fand statt: Erkenntnisse aus der Architektur und die Vorstellung von Bausteinen und Mörtel wurden auf die Anatomie übertragen. Hier liegt das Problem bei unserer traditionellen Analyse von Anatomie.

Für uns ist es ein ganz natürliches Konzept, einen Stein auf den anderen zu setzen – die meisten von uns haben dieses Experiment durchgeführt, seitdem sie sitzen konnten und begannen, mit Bauklötzen zu spielen. Die Beziehung zwischen Schwerkraft, Trägheit und Gleichgewicht ist eine der ersten Konstanten der Welt, die wir lernen. So, wie wir den Körper nutzten, um Architektur zu beleuchten, nutzten wir über die Jahrhunderte hinweg auch unser Verständnis von Architektur, um Experimente mit dem Körper zu beleuchten. Erkenntnisse aus beiden Disziplinen haben einander geprägt.

In vielen Anatomiebüchern wird immer noch das Bausteinprinzip verwendet, um den menschlichen Körper zu veranschaulichen. In meinem Berufszweig, der strukturellen Integration, ist es ebenfalls eine weit verbreitete Darstellungsweise, so auch bei deren Begründerin, Dr. Ida Rolf. Die Sprache der Ingenieurswissenschaften hat mit Begriffen wie Hebel, Kragarm, Kräftepaar, Träger oder Aufhängung Einzug in den anatomischen Wortschatz gehalten. Das verführt natürlich dazu, Anatomie auf dieselbe Weise wie die von Menschen geschaffene Welt um uns herum zu betrachten.

Während da Vinci die Quelle dieser falschen Vorstellung vom Körper gewesen sein mag, war er aber auch die Inspiration für eine neue Art, über den Körper zu denken. Die Bibel und die aristotelische Lehre über die Natur und die Religion beherrschten das Denken im ausgehenden 15. Jahrhundert. Die Schriften von Galen wurden von nahezu allen akzeptiert und selten hinterfragt. Da Vinci war einer der Ersten, der mit dieser Tradition brach und Dogmen von beobachtbaren, belegbaren Tatsachen unterschied. In seiner Zeichnung des vitruvianischen Menschen stellte er diese beiden Elemente – den Kreis (das Göttliche) und das Quadrat (das Irdische) – als getrennt voneinander dar und antizipierte somit die Veränderungen, die in den folgenden Jahrhunderten auf der ganzen Welt stattfanden.

Als er sich eingehend mit der Anatomie beschäftigte und sie dabei revolutionierte, erkannte da Vinci, dass viele anatomische Eigenschaften nicht Galens 1.200 Jahre zuvor angefertigten Beschreibungen entsprachen. Viele dieser Fehler wurden auch zu da Vincis Zeit immer noch an Universitäten gelehrt, doch anstatt dem „Wissen“ der zeitgenössischen Anatomen zu vertrauen, sezierte da Vinci selbst. Die Skizzen, die er währenddessen anfertigte, sind heute Teil der Royal Collection in London.

Da Vinci inspirierte viele Wissenschaftler dazu, in seine Fußstapfen zu treten. Der belgische Anatom Vesalius (1514-1564) stellte Galens Tradition ebenfalls infrage und nahm sich dabei noch mehr Freiheiten heraus als da Vinci. An der Universität Padua übernahm er beim Sezieren sowohl die Rolle des Sezierers als auch die des Redners (ostensor cum lector), obwohl es damals üblicherweise einen Sezierer (sector), einen Demonstrator (ostensor) und einen Redner (lector) gab. Die Aufgabe des Letzteren bestand hauptsächlich darin, Texte von Galen wiederzugeben, während der Sezierer schnitt und der Demonstrator auf entsprechende Körperteile zeigte, ob sie den Beschreibungen entsprachen oder nicht.

Kurz nach Vesalius‘ Zeit in Padua wollte der englische Arzt William Harvey (1578-1657) ebenfalls neue Wege beschreiten und zog es vor, seinen eigenen Beobachtungen und nicht den allgemein akzeptierten Auffassungen Glauben zu schenken. Seine Beharrlichkeit – manche würden auch sagen, Sturheit – führte zur Entdeckung des Blutkreislaufs: ein medizinischer Durchbruch.

Im 16. und 17. Jahrhundert begannen Wissenschaftler demnach, verbreitete Denkweisen zu hinterfragen. Sie warfen ein neues Licht auf antike Schriften, die bis dahin akzeptiert worden waren, ohne sie infrage zu stellen. Alles wurde nun genauen Untersuchungen unterzogen und Denker wie René Descartes und Francis Bacon stellten die Hilfsmittel zur Verfügung, die die Welt für kritische Beurteilungen benötigte, was zum Zeitalter der Aufklärung führte (ab etwa 1650).

Am rapiden Anstieg wissenschaftlicher Untersuchungen in der Mitte und Ende des 17. Jahrhunderts waren u.a. Christian Huygens (1629-1695; Mathematik und Astronomie), Robert Boyle (1627-1692; Chemie), Christopher Wren (1632-1723; Architektur und Physik), Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716; Mathematik), Johannes Hevelius (1611-1687; Astronomie), Antoni van Leeuwenhoek (1632-1723; Mikroskopie) und zwei der Helden dieses Buches, Isaac Newton (1642-1727) und Robert Hooke (1635-1703), beteiligt.

Mit Newtons Werk über Schwerkraft und Bewegung sind viele von uns vertraut, mit dem von Newtons Zeitgenossen Robert Hooke jedoch nur wenige, obwohl es deutlich mehr Bereiche abdeckte und viele Dinge vorhersah, die zu der damaligen Zeit noch nicht in allen Einzelheiten verstanden werden konnten. Um uns der Vorteile unseres zweibeinigen Gangs und der naturgegebenen Beschaffenheit unseres Körpers bewusst zu werden, müssen wir dem Werk beider Männer Ehrerbietung erweisen. Wir müssen Newtons Prinzipien von Bewegung sowie unsere Interaktionen mit der Schwerkraft und dem Boden verstehen, aber diese Prinzipien ergeben nur Sinn, wenn wir auch die elastische Verformung nach Hooke miteinbeziehen.

Obwohl Robert Hooke eine der ersten – wenn nicht die erste – Nahaufnahme eines Flohs (siehe Abb. 0.3) veröffentlichte, arbeitete er lediglich mit anorganischen elastischen Materialien und Federn. Daher können wir uns nicht ausschließlich auf sein Werk berufen. Wir werden jedoch sehen, dass die Wechselwirkung zwischen den Prinzipien der Schwerkraft und der...

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Cover1
Inhalt7
VORWORT8
EINLEITUNG12
1 DAS „GANGSYSTEM”20
2 DIE MECHANISCHE KETTE60
3 DIE OBERFLÄCHLICHE FRONTALLINIE UND DIE OBERFLÄCHLICHE RÜCKENLINIE82
4 DIE LATERALLINIE118
5 DIE SPIRALLINIE142
6 DIE TIEFE FRONTALLINIE176
7 DIE ARMLINIEN UND FUNKTIONELLE LINIEN204
8 SPRINGWALKER: ZIEH AN MIR, DANN DRÜCKE ICH DICH220
LITERATUR232
REGISTER240
BILDNACHWEIS255

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