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Brennpunkte kultureller Begegnungen auf dem Weg zu einem modernen Europa

Identitäten und Alteritäten eines Kontinents

VerlagV&R Unipress
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl277 Seiten
ISBN9783862348770
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis60,00 EUR
Dieser Band stellt die polyzentrische Struktur Europas mit ihren heterogenen Kultur- und Sprachräumen, ihren Tendenzen zur Integration und Ab- bzw. Ausgrenzung auf den Prüfstand. Seine Beiträge behandeln Brennpunkte kultureller Begegnungen: Städte und Staaten, gesellschaftliche (Hof und Salon) sowie religiöse Räume. Sie berücksichtigen den internationalen Kulturaustausch auf der Ebene des Militärs und den Wissenschaftstransfer ebenso wie die identitätsstiftende Bedeutung der Gattungen Epos und Roman. Andere Beiträge reflektieren Tendenzen der nationalen Abgrenzung und des Prestigedenkens von Herrschern sowie die Missachtung der Ränder mit der kulturellen Ausgrenzung der »Wilden« Europas (Korsen, Sarden, Lappen), die in verschiedenen Medien (Lied, Architektur, Kunst) Ausdruck findet. Zur Identitätsfindung des modernen Europa gehört schließlich die Wechselwirkung mit dem noch unbekannten Amerika als einem zukunftsträchtigen Begegnungsraum, über den sich auch die Europäer neu definieren.

Prof. Dr. Cornelia Klettke lehrt Romanische Literaturwissenschaft am Institut für Romanistik an der Universität Potsdam. Sie ist Autorin zahlreicher Schriften zu den romanischen Literaturen vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart und Spezialistin für das 20. Jahrhundert.

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Leseprobe
Der Salon. Ein Modell kultureller Begegnungsräume weiblicher Prägung (S. 203-204)

Brunhilde Wehinger

Die französische Salonkultur, die seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts europaweite Verbreitung erlangte, erweist sich als eine spezifische Form urbaner Geselligkeit, die aus kulturgeschichtlicher Perspektive als ein Phänomen der longue dur¤e zu bewerten ist. Sie übersteigt die Dimension der petite histoire, d. h. des anekdotischen und biographischen Sammelsuriums bei Weitem.

Im Rahmen der kulturwissenschaftlichen Erforschung der Genealogie moderner Zivilgesellschaften westeuropäischer Prägung, bestärkt durch die wissenschaftsgeschichtlichen Impulse der Genderforschung, stellt sich die Salonkultur retrospektiv als ein kommunikatives Modell dar, das im Paris des frühen 17. Jahrhundert unter weiblicher Regie ein kulturelles Angebot auszubilden verstand, und zwar unabhängig vom Hof und den Bildungsinstitutionen der Kirche. Im Jahrhundert der Aufklärung avancierte die Salonkultur, wie sie sich vor allem in Paris, aber auch in anderen französischen Städten entfaltete, zu einer weit über die Grenzen Frankreichs hinaus wirkungsvollen Kristallisationsform der bürgerlichen Öffentlichkeit.

Die Salons des Ancien R¤gime boten nicht nur einen (Schon-)Raum für kulturelle Begegnungen, sondern Raum für die Entfaltung einer Gegenöffentlichkeit, in der sich das Selbstbewusstsein der neuen gesellschaftlichen Elite artikulieren konnte.1 Salongeselligkeit ereignet sich inmitten der Gesellschaft.

Ein Blick auf ihre Theorie und Geschichte, samt ihrer Vorgeschichte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts,2 ergibt ein bemerkenswert facettenreiches Bild: Vielfältige Veränderungen gehen einher mit ausgeprägter Individualität, Verschiedenheit und Originalität als Kennzeichen eines jeden einzelnen Salons, der jeweils geprägt ist von der Persönlichkeit seiner Gastgeberin, der Salonniºre, die als diskrete Organisatorin von geselligen Soireen, Gesprächen, Intellektuellennetzwerken, Kulturtransferprozessen für das Renommee ihres Salons steht, ohne dass es einer Programmatik oder einer Satzung bedürfte.

Im Gegenteil: Das Besondere der Salonkultur liegt darin, dass es sich um eine höchst flexible soziale Konfiguration handelt, die auf einige wenige, dafür aber stabile Konstanten und ungeschriebene Regeln zurückgreifen kann: Gegenseitige Anerkennung der Individualität und Differenz der Gäste, Freude am geselligen Gespräch, am Austausch von Ideen, Freiwilligkeit, Regelmäßigkeit, Zuverlässigkeit. Die gesprächige Interaktion der Akteure und Akteurinnen der Salonkultur ist als Aktualisierung einer noch heute präsenten Salon-Idee zu betrachten, die sich im frühen 17. Jahrhundert als eine Kommunikationsform durchzusetzen begann, die der ›Kunst des Gesprächs‹, der Konversation ohne Zugeständnisse an die Schulrhetorik und ohne Pedanterie, verpflichtet ist.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Title Page3
Copyright4
Inhalt5
Vorwort7
Günther Lottes: Faktoren und Konstellationen europäischer Kulturraumbildung von der Reformation bis zum frühen 19. Jahrhundert9
Das Kulturraumprofil des konfessionellen Zeitalters11
Vom sprachlich bestimmten Kulturraumprofil der Aufklärung zu den nationalen Kulturräumen des 19. Jahrhunderts17
Frank Lestringant: Die Wilden Europas: Der Korse, der Sarde, der Lappe27
1. Der Korse29
2. Der Sarde32
3. Der Lappe, ein guter Wilder aus der Kälte36
4. Schluss: Ein naher Guter Wilder43
Bibliographie45
Gerda Haßler: Identität durch Sprache. Der Diskurs zur Apologie der Vernakularsprachen bis zum 18. Jahrhundert47
1. Ein krimineller Beweis für die urkastilische Theorie47
2. Die Überlieferung des Lateins bis in die frühe Neuzeit und die Übernahme kommunikativer Bereiche durch die Vernakularsprachen49
3. Metasprachliche Zeugnisse der Verteidigungen einzelner Sprachen und Bewusstwerden ihrer Situation55
4. Kriterien der Sprachapologie59
5. Nebenwege der Sprachapologie: welche Sprache für die Wissenschaft?63
6. Begriffliches Ergebnis der Apologie65
Bibliographie66
Cornelia Klettke: Ferrara und sein Fürstenhof als ein frühneuzeitlicher Begegnungsraum und Brennpunkt europäischer Identitätsfindung71
Einleitung: Kulturelle Begegnungsräume im Zeitalter des Humanismus71
Ferrara als höfischer und urbaner Anziehungspunkt im 15. und (beginnenden) 16. Jahrhundert71
Die Markgrafen und Herzöge aus der Familie Este75
Bedeutende Frauenpersönlichkeiten als Gemahlinnen der Fürsten77
Das Profil Ferraras als Zentrum der Wissenschaften, der Literatur und der bildenden Kunst82
Die Anfänge des Humanismus in Ferrara: Guarino da Verona, Giovanni Aurispa83
Markgraf Leonello: der Gelehrte auf dem Thron85
Ärzte in Ferrara90
Die Anatomie in Ferrara92
Ferrara, ein fortschrittliches Zentrum der astronomischen Wissenschaft93
Die Tradition der Astrologie in Ferrara95
Die gemalte Astrologie im Palazzo Schifanoia96
Der Orlando furioso als ein identitätsstiftendes Werk der italienischen Renaissance-Literatur102
Schlussbemerkung103
Abbildungsnachweis103
Andreas Köstler: Selbstfindung qua kultureller Abgrenzung: Bernini in Paris107
Der Misserfolg der italienischen Geniekunst117
Durch Abgrenzung zur französischen Hofkunst124
Eine beförderte Selbstfindung?136
Abbildungsnachweis136
Ralf Pröve: Migration, Kulturtransfer und Militärsystem in der Frühen Neuzeit139
Einleitung139
Die Militärbevölkerung in der Frühen Neuzeit142
Werbung und Migration143
Mobilität und Kulturtransfer im Militär146
Die soldatische Unterbringung als Form des Kulturaustausches148
Frank Göse: »Die Preußen hätten keine Lust zu beißen « Wahrnehmungsmuster im brandenburgisch-kursächsischen Verhältnis in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert153
1. Zwischen Partnerschaft und Rivalität: Die sächsisch-brandenburgischen Beziehungen bis zum ausgehenden 17. Jahrhundert157
2. Sachsen und Brandenburg-Preußen in den politischen Lageanalysen160
3. Der preußische Militärstaat als Modell?164
4. Brandenburg-Preußen und Sachsen in der populären Wahrnehmung168
5. Die brandenburgisch-sächsische Grenze als »Begegnungsraum«176
6. Gab es eine sächsisch-preußische scientific community?179
Christoph Schulte: Amsterdam und Berlin als jüdische Metropolen des 17. und des 18. Jahrhunderts183
1. Conversos183
2. Amsterdam186
3. Aschkenas193
4. Berlin194
Abbildungsnachweis202
Brunhilde Wehinger: Der Salon. Ein Modell kultureller Begegnungsräume weiblicher Prägung203
1. Der hochadlige Salon als Antwort auf die Krise der Feudalgesellschaft205
2. Bürgerliche Salonkultur im Jahrhundert der Aufklärung208
Dirk Wiemann: Grenzüberschreitende Provinzialität: Richardsons Pamela und die verborgenen Ressourcen des europäischen Romans213
Die Provinzialisierung des Romans215
»To write myself«: Pamela in der Wildnis219
1001 Brief: Pamela im Serail224
Bibliographie228
Lars Eckstein: Gegen den Strich: Shakespeares Caliban und das exotische Imaginäre in der britischen Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts231
1. Caliban in der britischen Malerei vor 1800233
2. Caliban in der britischen Malerei nach 1800241
3. Caliban, das exotische Imaginäre und der britische Kunstmarkt245
Abbildungsnachweis250
Helmut Peitsch: »[] wie mitten in den Wildnissen von Amerika die Eingebornen und die Abkömmlinge der Europäer sich nähern«: Georg Forsters Bild einer »neuen Kultur« in Editionen und Rezensionen von Reisebeschreibungen über Nordamerika251
Gegen unhistorisches Reden von Globalisierung251
Georg Forster als Beispiel: Ein deutscher Teilhaber an Europas Expansion254
Die Trias Wirtschaft, Politik und Wissenschaft257
Dreierlei Annäherung: 1. First Contact262
2. Ähnlichwerden265
3. Wechselseitige Beeinflussung267
Bibliographie269
Zu den Autoren273

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