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Burgen im Welterbegebiet Oberes Mittelrheintal

Ein Führer zur Architektur und Geschichte

AutorAchim Wendt, Thomas Biller
VerlagVerlag Schnell und Steiner
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl204 Seiten
ISBN9783795429577
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Das »Welterbegebiet Oberes Mittelrheintal« zwischen Bingen und Koblenz gehört zu den berühmtesten Burgenregionen Europas. Zum ersten Mal wird die Bauentwicklung der 40 bedeutendsten Burgen konsequent in Text, Fotos und Plänen dargestellt. Eine ausführliche Einleitung erläutert die besonderen Merkmale des Burgenbaus am Mittelrhein. Die spektakuläre Landschaft, die der Strom beim Durchbruch durch das Schiefergebirge schuf, verbindet sich mit zahlreichen, architektonisch beeindruckenden Burgen zu einem Bild, das bereits in der Romantik bewundert wurde und nichts von seinem Interesse verloren hat. In den letzten Jahren wurden viele der Burgen, die meist im 13./14. Jh. entstanden und oft im 19. Jh. wiederaufgebaut worden sind, mit modernen Methoden erforscht, so dass zahlreiche neue Erkenntnisse zu ihrem historischen Kontext und ihrer Baugeschichte vorliegen. Sie werden unter Verwendung von Akten der Denkmalämter vorgestellt, wobei die Betonung auf der Bauentwicklung liegt, die durch neue Grundrisse veranschaulicht wird. Einleitend werden die Geschichte der Region und die besonderen Merkmale ihres Burgenbaues vor Augen geführt. Gesamtdarstellung der 40 bedeutendsten Burgen des Oberen Mittelrheintals unter Berücksichtigung aktueller Forschungsergebnisse, die in vielen Fällen erstmals veröffentlicht werden. Im Zentrum steht die bauliche Entwicklung der Burgen, die durch meist neue Baualterpläne veranschaulicht wird.

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Leseprobe

3


Burgenbau des 13. und 14. Jahrhunderts


Territorialisierung und Zölle


Im 13./14. Jh., als die meisten Burgen am Oberen Mittelrhein entstanden, prägten im Wesentlichen vier Mächte die Szene: die Erzbischöfe und Kurfürsten von Mainz und Trier, die Pfalzgrafen und die Grafen von Katzenelnbogen. Wie konnten so klar umrissene Interessenzonen entstehen – in einer Region, die noch zwei Jahrhunderte zuvor als schwer erschliessbare Randlage weitgehend dem Reich gehört hatte?

Zwei Hauptaspekte sind zu beachten: die Politik des Königtums gegenüber den großen geistlichen Institutionen und die zunehmende Macht des Adels. Im 10. und frühen 11. Jh. – als es dort noch keine Burgen gab – wurden große Gebiete am Oberen Mittelrhein von den Königen und Kaisern an Erzbistümer verschenkt. So kam (Ober-)Lahnstein (um 900?) an Mainz – bestätigt durch Otto II. 977 – , und 983 erhielt Erzbischof Willigis von demselben Kaiser den unteren Teil des Rheingaues bis Kaub. Heinrich II. schenkte 1018 Trier den verbliebenen Besitz des Königshofes Koblenz, nördlich der Lahn. Dass das Umland von Bacharach (um 1000?) ans Erzstift Köln gekommen war, wird 1020 deutlich, als der Erzbischof der Kirche in Deutz dort Weinberge übergab und als er 1094 die Bacharacher Pfarrkirche dem Kölner Stift St. Andreas schenkte. Auch ferne Erzbistümer wie Magdeburg wurden bedacht; es erhielt 966 Oberwesel, das dann freilich 200 Jahre später ans Reich zurückfiel. Hinter solchen Schenkungen standen gemischte Motive; neben der Sorge ums Seelenheil war fraglos wichtig, dass die Könige die politische Unterstützung anderer Mächtiger brauchten, unter denen die rheinischen Erzbischöfe eine zentrale Rolle spielten.

Wie aber kamen auch Adelsfamilien zu Territorien am Mittelrhein, insbesondere die Pfalzgrafen und die Grafen von Katzenelnbogen? Mitgliedern der Kirche war der Waffengebrauch verboten. Zwar setzten sich Kirchenfürsten im Mittelalter häufig darüber hinweg, und gerade rheinische Erzbischöfe entwickelten oft eher Ehrgeiz als Heerführer denn als Seelsorger. Formell aber bedurften kirchliche Einrichtungen weltlicher Schutzherren, die gewaltsame Angriffe abwehren konnten. Deswegen gab es Vögte (lat. advocatus = Beauftragter), die dem Hochadel oder regionalen Adelsfamilien entstammten, die aber dem bevogteten Kirchenbesitz keineswegs nur Vorteile brachten. Vielmehr konnte der adelige Vogt nach Übernahme des Amtes auf zusätzliche Gebiete und Rechte zugreifen, die ihm nicht gehörten, deren kirchliche Eigentümer sich aber nicht wirksam dagegen wehren konnten.

So waren die Herren von Katzenelnbogen – deren Stammburg im Hintertaunus liegt – anfangs nur Beauftragte der Grafen von Arnstein, die ihrerseits Vögte des Klosters Prüm in der Eifel waren; als Untervögte hatten sie seit dem späten 11. Jh. Zugriff auf den Prümer Besitz in St. Goar, wo sie einen befestigten Hof besaßen. Geschickte Politik, wie der Erwerb weiterer Gebiete um Darmstadt und familiäre Bezüge zu den Staufern, ließ die Katzenelnbogen schon vor 1160 zu Grafen aufsteigen, die Stift und Fähre St. Goar spätestens mit dem Bau von Rheinfels ab 1245 ihrer Herrschaft einverleibten und die Burg dann zum Sitz ihrer »Untergrafschaft« machten.

Ähnlich entwickelte sich die pfalzgräfliche Herrschaft um Bacharach. Wie erwähnt gehörten Kirche und Ort um 1100 zu wesentlichen Teilen dem Erzstift Köln und dem dortigen St. Andreas-Stift. Die Vogtei oblag den Pfalzgrafen bei Rhein, also den ursprünglich Verantwortlichen für die königlichen Pfalzen der Region. Schon um 1120/21 nannte sich ein Goswin, der dieses Amt versah, »von Stalecke«, bewohnte also bereits diese Burg. Sein Sohn Heinrich, ein Halbbruder des ersten Grafen von Katzenelnbogen, war zugleich Schwager des Stauferkönigs Konrad III. und wurde von ihm 1142 wiederum zum Pfalzgrafen ernannt. Er baute die Position der Pfalzgrafschaft in Bacharach so aus, dass das Erzstift Köln die dortige Vogtei 1189 endgültig an seinen Nachfolger Konrad, einen Staufer, übergab. Stahleck blieb ein Hauptsitz der Pfalzgrafschaft, auch nachdem das Amt 1214 an die Wittelsbacher kam.

In weniger hohen Rängen des Adels spielte sich das Geschehen um Oberwesel und um Trechtingshausen bzw. Burg Reichenstein ab. Oberwesel, zeitweise magdeburgisch, kam unter Friedrich I. wieder ans Reich, und die Reichsministerialen von Schönburg wurden Vögte; das blieben sie aber nur bis 1237, dann wurde die Stadt reichsunmittelbar. Das Dorf Trechtingshausen, seit 1135 im Besitz des Klosters Cornelimünster bei Aachen belegt, wurde von Vögten des Klosters verwaltet, die, fassbar seit 1213, auf Reichenstein saßen; sie verhielten sich so selbstherrlich, das es zum Wechsel des Vogtes und zuletzt zu einer Belagerung durch König Rudolf I. kam. Auch der lange Streit um die Herrschaft Reichenstein, der sich dann zwischen Mainz und den Pfalzgrafen entspann – Mainz blieb letztlich erfolgreich – zeigt die Konkurrenz der heranwachsenden Territorien.

Vor den Zerstörungen des 17. Jh. bot die mainzische Burg Ehrenfels das in dieser Form seltene Gesamtbild einer Zollstelle. Merian zeigt 1646 das später verschwundene Zollhaus unter der Burg und im Fluss den Turm (»Mäuseturm«), der die Schiffe zum Anlegen an der Zollstelle zwingen sollte.

Die letzten beiden Fälle, wie der Aufstieg der Pfalzgrafen und der Katzenelnbogen, sind Beispiele für eine grundsätzliche Entwicklung, die im deutschen Raum spätestens ab dem 11. Jh. stattfand. Hatte es im Frühmittelalter neben wenigen Hochadeligen mit großem, aber verstreutem Besitz gewiss auch schon eine lokale Aristokratie gegeben, so beruhte die Macht der Ersteren damals vor allem auf ihrer Nähe zum König, dem sie vielfältig verbunden waren, während die Macht der Letzteren begrenzt blieb. Erst langsam, beginnend auf der Ebene der Grafen im späten 11. Jh., begannen solche Familien, ihre Besitzungen und Rechte zu konzentrieren und höheres Selbstbewusstsein zu entwickeln, das sie zu einer Politik nicht nur für die königliche Zentralgewalt, sondern auch für eigene Interessen befähigte. Hier lagen die Ursprünge der adeligen Territorien, und im gleichen Zusammenhang entstand auch die neue Art von Burg, die wir als charakteristisch für das Mittelalter empfinden: die Adelsburg, die – anders als frühere, zum Schutz der Bevölkerung unterhaltene Fliehburgen – Wohnsitz und Stützpunkt von Adelsfamilien war und in ihrer Gestalt auch deren Selbstbild veranschaulichte.

Die Verhaltensweisen des Adels prägten im Hochmittelalter auch die führenden Vertreter der geistlichen Territorien, wie gerade die Geschichte der drei mittel- und niederrheinischen geistlichen Kurfürsten zeigt. Bischöfe und Erzbischöfe stammten fast immer aus dem (Hoch-) Adel, und sie strebten, wie der Adel allgemein, nach politischer Macht und Ausdehnung ihres Besitzes. Reinald von Dassel als Erzbischof von Köln (1159 – 67) und Christian von Buch in Mainz (1165 – 83) waren Kanzler Kaiser Friedrichs I. und hochrangige »Diplomaten«; beide erwarben als militärische Führer mehr Ruhm denn als Seelenhirten. Ein eindrucksvolles Beispiel für das weltliche Streben rheinischer Kirchenmänner war auch Balduin, der Bruder König Heinrichs VII., aus dem Grafenhaus Luxemburg, der in fast fünfzigjähriger Amtszeit als Erzbischof von Trier (1307–54) zeitweise auch Mainz und weitere Bistümer verwaltete. Balduin, der systematisch Burgen baute, ließ sich 1309 von seinem Bruder als Vogt der Reichsstädte Boppard und Oberwesel einsetzen; 1312 folgte deren Verpfändung an Trier, schließlich unter Ludwig dem Bayern (1314/22– 47) die endgültige Übertragung der Reichsrechte in Boppard. Weil die Stadt ihre Unabhängigkeit behalten wollte, eroberte Balduin sie; noch 1495 folgte dort ein Aufstand gegen die trierische Herrschaft.

Mit dem Erwerb von Boppard und Oberwesel durch Trier war die Aufteilung in kurfürstliche und gräfliche Territorien am Oberen Mittelrhein vollendet. Zwischen der 2. Hälfte des 12. Jh. und dem Anfang des 14. Jh. hatte der Prozess die schwindende Kraft der königlichen Zentralgewalt gespiegelt sowie das Bemühen des Adels, seine Herrschaftsgebiete zu konzentrieren – eine Entwicklung, die nahelag in einer Epoche, in der Bevölkerung und ökonomische wie soziale Dynamik rasant zunahmen. Nur überschaubare Gebiete konnten noch beherrscht werden, nicht mehr das riesige Imperium mit dem verstreuten Besitz weniger, dem königlichen Hof nahestehender Hochadeliger.

Im Mittelrheintal ging es den Territorialherren vor allem um die beiden landschaftstypischen Einkünfte: Weinverkauf und Zölle auf die Schifffahrt. Im Laufe des 13. Jh. bis etwa 1320 wurde die Besiedlung des Mittelrheintals abgeschlossen – also etwa zu der Zeit, als auch die Territorialisierung ihren Abschluss erreicht hatte und die meisten Burgen gebaut waren. Die beschriebenen Auseinandersetzungen um die Herrschaft und der Boom des...

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