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The Buy Side

Erfolg, Exzesse und Absturz eines Wall-Street-Traders

AutorTurney Duff
VerlagBörsenbuchverlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl400 Seiten
ISBN9783864702341
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Ein Buch aus dem Herzen des Finanzsystems - über seine Schattenseiten. Ein packendes Buch über eine Welt, in der Sex und Drogen zum Alltag gehören und Milliardensummen an den gehen, der bereit ist, das Nötige dafür zu tun. An der Börse gibt es eine klare Hackordnung: Die Trader auf der 'Buy Side', die mit dem Geld milliardenschwerer Klienten jonglieren, sind die Herren im Ring. Die Kollegen auf der 'Sell Side' arbeiten für die Broker, die die Orders der Buy Side ausführen. Turney Duff schaffte es auf die 'Buy Side'. In seinen besten Zeiten erzielte er ein siebenstelliges Jahreseinkommen - und lebte in Saus und Braus. Penthouse, Luxus, Alkohol und Drogen - er ließ so gut wie nichts aus. Erst als ihn das Kokain fast umgebracht hatte, schaffte er den Absprung. Turney Duff nimmt den Leser mit auf eine Reise in eine Welt voller Exzesse und Korruption, wie wir sie uns kaum vorstellen können.

Turney Duff hat einen Abschluss im Fach Journalismus von der Ohio University. Er startete seine Wall-Street-Karriere 1994 als Verkäufer bei Morgan Stanley. 1999 wechselte er als Trader und Managing Director zum Hedgefonds The Galleon Group. 2001 wurde er Gründungspartner und Senior Trader bei Argus Partners. Von 2007 bis 2009 arbeitete er als Partner und Senior Trader für J.L. Berkowitz, die ehemalige Firma von Jim Cramer.

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Leseprobe

1


JANUAR 1984 KENNEBUNK, MAINE

ES SCHNEIT. Unser blau-graues Holzhaus, das sich am Rande eines Naturschutzgebiets befindet, ist 60 Zentimeter hoch eingeschneit. Durch das beschlagene Küchenfenster kann ich meinen 44-jährigen Vater sehen, wie er in der zunehmenden Dämmerung die Einfahrt freischaufelt. Er ist in besserer Form als die meisten Männer, die nur halb so alt sind wie er. Er sieht aus wie ein junger William Shatner, der sich für das Fotoshooting für einen L.L.Bean-Versandhauskatalog angezogen hat. Während die schweren Flocken auf ihn fallen, gräbt er seine Schaufel methodisch in den Schnee, lädt den Schnee darauf und wirft ihn neben die Einfahrt. Er zögert nicht einen Moment, es gibt keine Pausen, nur Graben, Aufladen und Werfen. Graben, Aufladen, Werfen. Sein eisiger Atem sieht aus wie die Abgase aus unserem grünen Ford-LTD-Kombi, Baujahr 77. Der Motor läuft gerade warm, während er das Auto freischaufelt. Langsam, aber sicher schaufelt mein Vater einen Weg. Graben, Aufladen, Werfen.

Ich sitze an dem langen Holztisch in der Küche und esse meine Frühstücksflocken. Löffel eingraben, aufladen, essen. Löffel eingraben, aufladen, essen. Der Holzbohlenboden und die weißen Gipsputzwände nehmen die Wärme von dem Holzofen auf. Hier ist der wärmste Platz im ganzen Haus. Ich trage meine Boston-College-Jogginghosen, ein Weihnachtsgeschenk meiner Schwester Kristin, die dort im ersten Semester studiert. Sie sieht gerade im Wohnzimmer zusammen mit Debbie, meiner älteren Schwester, fern, die die University of Maine besucht. Sie haben beide gerade Wintersemesterferien. Kelly, die jüngste der Duff-Töchter, macht mir gegenüber am Tisch ihre Hauaufgaben. Ich halte meine Schüssel mit beiden Händen und führe sie an meine Lippen. Über den Rand hinweg schaue ich Kelly an. Sie blickt konzentriert auf das Lehrbuch, das aufgeschlagen vor ihr liegt. Alle meine Schwestern haben die Entschlossenheit meines Vaters und die typische Duff-Nase, die so klein und perfekt geformt ist, dass sie wie aus dem Katalog eines Schönheitschirurgen erscheint. Kelly besucht gerade die elfte Klasse der Highschool und ist die Ballkönigin des jährlichen Alumni-Treffens. Sie ist auch Leichtathletik-Champion im 800-Meter-Lauf. Alle Duff-Kinder haben die sportliche Begabung meines Vaters geerbt. Ich schlürfe die süße Milch und die Haferring-Frühstücksflocken. Kelly blickt mit einer milden Verachtung von ihrem Lehrbuch auf, die jedoch nicht lange anhält. Sie hat Mitleid mit mir, denn sie weiß, dass ich nicht mit Dad wegfahren will. Ich erwidere ihr Lächeln.

Meine Mutter sitzt ganz hinten in der Küche. Sie ist mit ihrer Kreuzstich-Stickerei beschäftigt, mit der sie schon Zeitschriftenwettbewerbe gewonnen hat, und trinkt nebenher ein Glas Wein. Sie hat schulterlanges Haar mit gefärbten Strähnchen und trägt über ihrem Golfhemd eine Schürze. „Besser machst du mal fertig, bevor dein Vater mitkriegt, dass du Frühstücksflocken zu Abend isst“, sagt sie. Daraufhin setze ich die Schüssel an meinen Mund und gieße mir die restliche Milch und die restlichen Frühstücksflocken in den Mund.

„Ich hab‘ wirklich keine Lust zu gehen“, sage ich und wische mir den Mund mit dem Handrücken ab. Sie weiß das bereits. Auch wenn sie früher schon mal erfolgreich Partei für mich ergreifen konnte, ist mein Vater an diesem Abend fest entschlossen. Wenn er an diesen Punkt kommt, ist es wie eine Entscheidung des Obersten Bundesgerichts. Und nicht einmal 60 Zentimeter Schnee können meinen Vater umstimmen. Graben, Aufladen, Werfen.

Mein Vater ist zu dem Schluss gekommen, dass ich das Potenzial habe, ein toller Highschool-Ringkämpfer zu werden. Und heute Abend fährt er mich – trotz des Schneesturms, trotz all meiner Proteste, trotz der Fürsprache meiner Schwestern und meiner Mutter und obwohl ich erst in der achten Klasse bin – zur Turnhalle der Highschool, damit ich dort an einem Ringkampf-Training teilnehme und dem Trainer vielleicht zeige, was ich drauf habe.

Er selbst war früher so etwas wie ein Ringkampf-Superstar. Nach all diesen Jahren reden die Leute in seiner Heimatstadt Mt. Lebanon, Pennsylvania, noch immer über seine Leistungen auf der Matte. Ihm wurden nicht weniger als drei College-Stipendien angeboten. An keiner dieser Hochschulen konnte man jedoch Maschinenbau studieren, was ihm sehr wichtig war. Also wurden seine Ringkämpfer-Träume von seinen Karriereplänen durchkreuzt.

Es war nicht so, dass er versucht hätte, seinen Highschool-Ruhm durch mich wiederzuerlangen – oder zumindest denke ich, dass es nicht so war. Teilweise betrachtete er das Ringen als eine Methode, einen Mann aus mir zu machen. Er meinte, dass ich bei drei Schwestern und einer Mutter, die mich verhätschelte, das Brennen der Füße auf der Matte und den Geruch der Umkleidekabinen bräuchte, um ein wenig abgehärtet zu werden. Vor allem aber wollte er nicht die Beziehung wiederholen, die sein Vater mit ihm geführt hatte. Obwohl mein Vater in der Highschool ein Star-Ringkämpfer und ein Rekordhalter im Stabhochsprung war, hatte mein Großvater nie eines seiner Turniere besucht. Mein Vater dagegen betrachtete das Ringen als etwas, was wir als die beiden Männer in der Duff-Familie miteinander teilen konnten. Der Plan meines Vaters hat nur einen kleinen Haken: Ich will kein Ringkämpfer sein.

Ich wollte immer Koch werden. Die Mutter eines Freundes schmuggelte uns einmal in das White Barn Inn, das schickste Restaurant in Kennebunk. Als der Koch aus der Küche kam, schauten alle Gäste ihn an. Mir gefiel die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ihm zuteil wurde. Wenn ich kein Koch werde, werde ich vielleicht ein Ganove. Ich habe diese Rollen in den Filmen immer gemocht. In der sechsten Klasse versuchte ich, ein Mädchen namens Kelli zu erpressen. Ich drohte ihr, dass ich jedem in der Pause erzählen würde, wer ihr Freund ist, wenn sie nicht einen Dollar auf Seite 13 des Buches Backboard Magic in der Bibliothek hinterlassen würde. Sie verpetzte es dem Lehrer und ich bekam Ärger. Aber nun denke ich, ich würde gerne die University of Nevada oder die Cornell University besuchen und Hotelmanagement studieren. Ich will den Laden schmeißen. Ich will anderen Leuten zu einem tollen Urlaub verhelfen. Außerdem kommt es mir nicht allzu schwierig vor. Vielleicht will ich einfach nicht wie mein Vater sein.

Für ihn gibt es keine einfache Lösung, kein leicht verdientes Geld. Er analysiert und plant alles bis ins letzte Detail. Nichts überlässt er dem Zufall. Er weiß, welche Tankstelle in der Stadt das billigste Benzin hat, er schaltet im Fernsehen immer die zuverlässigste Wettervorhersage ein, und er steht bei der Zeitumstellung auf die Sommerzeit morgens um zwei Uhr auf, um alle Uhren im Haus umzustellen. Auch wenn wir denselben Namen und dieselben ungewöhnlichen blau-grünen Augen haben, die manchmal grau aussehen – und natürlich die typische Duff-Nase –, sind wir uns überhaupt nicht ähnlich. Er versucht, mir Arbeitsmoral, Disziplin und einen strengen Zeitplan einzuimpfen, und ich wehre mich jedes Mal dagegen. Er will, dass ich ein Mann werde. Im Klartext heißt das: Er will, dass ich ihm ähnlicher werde. Genau aus diesem Grund sitze ich nun mit einem total flauen Gefühl im Magen am Küchentisch.

Ich höre, wie die Garagentür aufgeht und wieder zugeht. Ich weiß, dass es mein Vater ist. „Das Auto steht draußen“, ruft er in Richtung des Hauses. „Los geht’s, Turney.“ Mit gesenktem Kopf schaue ich meine Mama an. Ich will, dass sie die Traurigkeit in meinen Augen sieht. Sie zwingt sich zu einem mitleidigen Lächeln und ich weiß, dass ich gehen muss.

Unser Auto ist das einzige auf der Straße. Die Flocken treffen auf die Windschutzscheibe wie Schneebälle, während wir still im Auto sitzen. Das ist genial. Wir riskieren unser Leben, damit wir an einem Highschool-Ringkampftraining teilnehmen können. Am liebsten würde ich auf der Stelle sterben. Vielleicht rutschen wir ja von der Straße und bleiben in einem Graben stecken. Das wäre das Beste, was mir passieren könnte. Dann sehe ich das langsam näherkommende Licht von Frontscheinwerfern. Es ist eine schwarze Corvette. Das kann nur eine ganz bestimmte Person sein. Das New Yorker Nummernschild bestätigt meine Vermutung. Als wir mit etwa 15 Stundenkilometer aneinander vorbeifahren, erkenne ich den dicken, buschigen Schnurrbart des Fahrers. „Das ist Onkel Tucker“, sage ich.

„Er ist vor acht Stunden losgefahren“, sagt Dad, als wir direkt an der Corvette vorbeifahren. Bestimmt kehren wir nicht um. Ich mag die Besuche von Onkel Tucker. Er bringt mir immer einen neuen Kartentrick bei. Er ist 32 Jahre alt und verdient massenweise Geld; er macht aufregende Ausflüge und Reisen. Heute kommt er in die Stadt, um meine beiden ältesten Schwestern morgen zum Skifahren mitzunehmen. Ich sehe dem Auto nach, bis seine Bremsleuchten im Schneesturm verschwinden. Wir nähern uns dem ersten Stoppschild und müssen schon 100 Meter im Voraus abbremsen, um...

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