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Caesar im Senat niedergestochen!

AutorMartin Held
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl144 Seiten
ISBN9783806224535
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Lebendig und unterhaltsam geschrieben, richtet die neue Reihe »Wendepunkte der Geschichte« den Fokus auf Ereignisse, die unserer Geschichte eine neue Richtung gegeben haben. Caesars Tod z. B. markierte das tragische Ende der römischen, 500 Jahre alten Republik und bahnte den Weg für die Entstehung des gewaltigen Imperium Romanum. Doch wie kam es überhaupt zu dem Attentat? Welche Gründe trieben die Täter zum Handeln? Und was passierte danach? Diese Reihe bietet Antworten und Hintergründe zu den zentralen Fragen rund um die wichtigsten Schlüsselereignisse der Geschichte. Der unterhaltsame Text und die vielen Hintergrundinformationen, Schaubilder und Karten ermöglichen dem Leser, tief in den Kontext einzutauchen und komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Mit einem modernen, journalistischen Ansatz spricht die Reihe insbesondere ein jüngeres Publikum an.

Martin Held ist Althistoriker und schreibt seit vielen Jahren für die Zeitschrift G/Geschichte.

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Leseprobe

+++ Der Diktator ist tot! +++


Am Tag, als Caesar ermordet wird, feiert Rom das uralte Fest der Anna Perenna. Mit Picknickkörben beladen spazieren vor allem die einfacheren Leute mit ihren Familien und Freunden frühmorgens auf der Flaminischen Straße aus der Stadt hinaus nach Norden. Dort liegt zwischen dem ersten und dem zweiten Meilenstein in der Nähe des Tiberufers ein lichtes Wäldchen, das der Göttin des stets wiederkehrenden Jahres geweiht ist. In diesem Hain lassen sich Männer und Frauen trotz des meist noch kühlen Wetters im Gras nieder.

+++ Einige schlagen Zelte auf, andere bauen sich aus Zweigen eine Laubhütte, wieder andere stecken Schilfrohre in die Erde, um ihre Togen oder Mäntel darüber aufzuspannen. Clevere Händler verkaufen von ihren Fuhrwerken aus Mischkrüge mit billigem Landwein, Metzger grillen Würstchen, Bäcker bringen Brot und Kuchen unters Volk. Schnell steigt die Stimmung der Feiernden. Denn es ist Brauch, die Göttin um so viele Lebensjahre zu bitten, wie man Becher zu leeren vermag. Mancher Zecher versucht allen Ernstes, sich den greisen Nestor zum Vorbild zu nehmen, der als über Siebzigjähriger noch in den Trojanischen Krieg zog und drei Menschengenerationen kommen und gehen sah. Die Damenwelt dagegen orientiert sich an der legendären Wahrsagerin Sibylle, der ein ähnlich hohes Alter beschieden war.

Mit jedem Schluck rückt der schnöde Alltag ein Stückchen weiter in den Hintergrund. Anzügliche Witze kursieren, obszöne Liedchen erklingen, schick herausgeputzte Mädchen lösen ihre Haare, um vor ihren Freunden oder Liebhabern lasziv zu rhythmischem Kastagnetten-Geklapper zu tanzen. Bekannte und Fremde fassen sich an den Händen, hüpfen in plumpem Reigen um die Weinkrüge in ihrer Mitte. Gegröle, Gelächter, gerötete Gesichter. Die dunklen Regenwolken, die um die Mittagszeit von Westen drohend heranziehen, tun der Ausgelassenheit der Menge keinen Abbruch. Ein paar Lebensjahre mehr sollten einem schon vergönnt sein! Außerdem: Wein wärmt.

Das denkt auch der Salbenhändler Agatho, der mit seiner Frau Serena, dem ehemaligen Legionär Gaius Acilius und dem Bestattungsunternehmer Nonius auf einer Wolldecke sitzt und fröstelt. »Lasst uns der Göttin noch ein paar Tropfen dieses schauderhaften massiliotischen Rebensaftes opfern«, fordert er seine Gefährten auf. »Wir sind auf ihren guten Willen angewiesen, wenn der billige Traubenverschnitt unserem Dasein nicht ein jähes Ende setzen soll!« – »Ich habe dich immer vor Munnius gewarnt!« Gaius Acilius hebt seinen Becher mit der linken Hand, die rechte hat er in einer Schlacht verloren. »Was meinst du, warum dieser Wein-Importeur nie nach Rom kommt? Ich kann es dir sagen: Er hat Angst davor, dass ihm in irgendeiner Kneipe sein eigenes gepantschtes Gesöff serviert wird.« – »Ich weiß nicht, warum ihr ständig herumnörgelt. Ich habe schon Schlechteres getrunken«, sagt Nonius. »Mit zwei Dritteln Wasser lässt er sich doch genießen. Vielleicht sollte man ihm noch etwas Honig zusetzen.« Als Agatho gerade einen Trinkspruch loswerden will, steht Serena auf, lauscht. Unruhe erfasst auch die anderen. Von der Via Flaminia her tönt lautes Geschrei. Die Tanzenden halten jäh in ihrer Bewegung inne, das Flötenspiel der Nachbarn verstummt, das Stimmengewirr in der Umgebung wird leiser. – »Der Diktator ist tot! Sie haben ihn umgebracht!« – Immer wieder brüllt ein Mann dieselben Worte, erst kraftvoll und tönend, dann heiser und krächzend. Acilius, ein Veteran aus Caesars Armee, ist blass, Nonius glotzt ungläubig. Dann springen sie alle von der Decke hoch, roter Wein spritzt auf die weißen Tuniken. Die Menschen setzen sich in Bewegung, drängen zur Straße, sie rennen, schieben, stoßen, torkeln. Auch Agatho, dessen Beleibtheit ihn keuchen lässt, fängt an zu laufen, gefolgt von seinen Gefährten. Serena ist ihnen weit voraus. Die Neugierde verleiht den Weibern Flügel, flucht Agatho innerlich, und hastet hinterher. Auf dem Straßenpflaster kniet ein abgehetzter, verschwitzter Mann. Der Salbenhändler kennt ihn. Es ist Rufio, ein ehemaliger Sklave, von seinem Herrn, einem Bauunternehmer, wegen Geschäftsaufgabe vor einiger Zeit freigelassen. Er verdient sich seinen Lebensunterhalt jetzt in einer Ziegelei. »Sie haben ihn ermordet! Caesar ist tot!«, wiederholt er noch einmal. Die Menge umringt ihn, als wäre er ein exotisches Tier, das es ob seiner Unberechenbarkeit aus gebührendem Abstand zu bestaunen gilt. »Berichte!« – »Erzähl!« – »Was ist passiert?« Aus vielen Mündern prasseln Fragen auf ihn ein. »Er veräppelt uns!«, lallt ein älterer Herr, dessen glasige Augen signalisieren, dass er, gemessen an seiner Lebenserwartung, deutlich übers Ziel hinausgeschossen ist.

»Nein, ich spreche die Wahrheit.« Rufio richtet sich auf. »Eine Gruppe von etwa zwanzig Senatoren hat den Diktator in der Kurie hingerichtet. Ich habe seinen blutüberströmten Leichnam durch die offen stehende Pforte gesehen. Er lag, bedeckt von seiner zerfetzten Toga, direkt am Sockel der Statue seines einstigen Feindes Pompeius. Man sagt, die Attentäter hätten ihn unter dem Vorwand umringt, ein Bittgesuch übergeben zu wollen. Als er ablehnte, zogen sie ihre Dolche und stachen ihn nieder. Er soll noch gerufen haben: Das ist ja Gewalt! Als er aber sah, dass er chancenlos war, habe er sich stumm in sein Schicksal gefügt, berichten Augenzeugen. Kaum einer der anwesenden Senatoren hat ihm geholfen. Nur zwei sollen versucht haben, die Attentäter aufzuhalten. Sie wurden brutal beiseitegestoßen.« – Agatho ist außer sich: »Das feige Pack! Die meisten von ihnen verdanken Caesar Amt und Ehren. Wer waren die Mörder?« – »Gaius Cassius und Marcus Brutus sollen ihre Anführer sein«, sagt Rufio verächtlich. »Beide hat der Imperator, obgleich sie im Bürgerkrieg gegen ihn kämpften, begnadigt und gefördert. Aber die Verschwörer kommen nicht nur aus den Kreisen des Pompeius, selbst Caesarianer sind dabei.« – »Wie ist die Lage in der Stadt?« – »Im Moment herrscht Chaos!« Rufio fährt mit der Hand durch sein struppiges schwarzes Haar. »Wie Schafe, die ein Wolfsrudel gewittert haben, stürmten die Senatoren aus dem Rathaus. Ihre Panik steckte die Händler und Geldwechsler an, die ihre Marktbuden mitsamt den Waren und den Münzen angsterfüllt im Stich ließen. Die Zuschauer im nahe gelegenen Theater des Pompeius, die während einer Aufführung von dem Anschlag erfuhren, stürzten ebenso davon. Als dann noch bewaffnete Gladiatoren aufmarschierten, die offenbar von den Mördern engagiert worden waren, war das Durcheinander vollkommen. Inzwischen sind die meisten Läden und Werkstätten geschlossen, selbst Kneipen und Bordelle haben ihre Türen verrammelt. Viele Menschen sind in ihre Wohnungen und Häuser geflüchtet, sie verstecken sich auf Dachböden und in Kellern. Jeder versucht sich mit Knüppeln, Messern, Dolchen oder Schwertern auszurüsten, um im Ernstfall sich, seine Familie und sein Eigentum verteidigen zu können. Manche Straßenzüge wirken wie ausgestorben.« – »Und was ist mit den Verschwörern? Was mit Caesars Freunden?« – Rufio atmet tief durch: »Die Attentäter haben sich mit ihrem Anhang auf dem Kapitol verschanzt. Der Konsul Marcus Antonius ist wie vom Erdboden verschluckt, und Caesars Reiterführer Marcus Aemilius Lepidus ist ebenfalls weg. Man sagt, er sei zu seiner Legion geflüchtet, die auf der Tiberinsel vor der Stadt lagert. Die Leute fürchten, er werde seine Kohorten bald auf das Forum führen, um Rache zu üben.«

Serena ist erschüttert. »Was sollen wir jetzt tun, Agatho? Wäre es nicht besser, die Stadt in den nächsten Tagen zu meiden? Wir könnten zu unserem Freund Calvus nach Caere gehen. Irgendein Bauer wird uns schon auf seinem Marktkarren mitnehmen.« – »Du bist verrückt«, wehrt ihr Mann entsetzt ab. »Ich kann doch das Geschäft nicht einfach schließen. Außerdem habe ich unser ganzes Erspartes dort. Lasst uns zu unserem Platz zurückkehren, die Decken und die Weinkrüge packen und nach Hause eilen!« Agatho packt seine widerstrebende Frau am Arm und quetscht sich durch die Menge, die wie gelähmt den weiteren Erzählungen des Unglücksboten lauscht. Nonius und Gaius Acilius trotten hinterher. An ihrer lauschigen Liegestatt unter einer immergrünen Zypresse angekommen, schenkt sich Nonius noch einen kräftigen Schluck ein: »Ich habe geahnt, dass etwas Schreckliches passieren wird. Die Vorzeichen waren überdeutlich. Gestern beobachtete man, wie ein Zaunkönig mit einem Lorbeerzweig im Schnabel in das Rathaus des Pompeius flog. Er wurde von einer ganzen Schar von Vögeln aus dem nahen Park gejagt und mitten in der Versammlungshalle des Senats zerrissen. Auch munkelt man, dass die Pferde, die Caesar beim Überschreiten des Rubikon dem Flussgott geweiht hat, schon seit Tagen nichts mehr fressen. Ganz zu schweigen von der Unheil kündenden Prophezeiung, die schon vor Monaten in Capua ans Licht kam. Dort stießen Kolonisten beim Bau ihrer Häuser auf einen riesigen Friedhof. In einem der Gräber fanden sie neben wertvollen Vasen eine Bronzetafel, in die in griechischen Buchstaben eine Warnung graviert war, die sinngemäß lautete: Wenn eines fernen Tages die Gebeine des Capys entdeckt würden, werde ein Nachkomme des Julus von der Hand seiner Blutsverwandten fallen.« Serena lauscht aufmerksam, während sie die Wolldecke zusammenrollt: »Wer, zum Herkules, ist Capys?« – Nonius seufzt: »Er ist der Gründer der Stadt Capua. Kam mit dem trojanischen Flüchtling Aeneas in grauer Vorzeit hier an. Julus, der Urahn von Caesars Familie, gilt als Sohn des Aeneas. Wenn die Gerüchte wahr sind,...

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