Sie sind hier
E-Book

Christen und Muslime

Verantwortung zum Dialog

Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl236 Seiten
ISBN9783534712540
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR
Der Dialog zwischen Muslimen und Christen hat in den letzten Jahren an Intensität und an Brisanz gewonnen. Austausch wie Streit, Gemeinsamkeiten wie Differenzen werden vor allem vor dem Hintergrund der internationalen Auseinandersetzungen und der anwachsenden Fundamentalismen wahrgenommen. Dieser Band bringt den Austausch ins Umfeld der modernen säkularen Gesellschaft und lässt prominente Autoren nach dem Trennenden, aber auch nach dem Verbindenden zwischen den religiösen Kulturen suchen. Entstanden aus Veranstaltungsreihen der Evangelischen Akademien, wird die ganze Breite des interreligiösen Gesprächs vorgeführt. Besonders interessant wird die Auseinandersetzung da, wo an konkreten Problemen auch die Differenzen der Partner deutlich werden.

Gregor Paul, geb. 1947, ist Professor für Philosophie an der Universität Karlsruhe. Er ist ein international anerkannter Experte für chinesische und japanische Philosophie, u.a. Vorsitzender der Deutschen China-Gesellschaft. Martin Bauschke ist Religionswissenschaftler und Theologe. Seit 1999 ist er Leiter des Berliner Büros der Stiftung Weltethos.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

Fritz Erich Anhelm

Die Verantwortung für die Welt und die Wahrheit des Glaubens – Dimensionen des Gesprächs zwischen den Religionen in Evangelischen Akademien


Dieser Band versammelt Beiträge aus Tagungen Evangelischer Akademien. Sie beschäftigen sich mit Aspekten eines Dialogs, der so nötig wie umstritten ist. Gefordert wird er von allen Seiten. Zugleich wird seine gewünschte Wirksamkeit, die auf Verständigung zielt, oft bezweifelt.

Solche Zweifel haben Gründe. Sie erschöpfen sich nicht in der Frage, ob es denn über Glaubenswahrheiten überhaupt einen Dialog mit der Hoffnung auf Verständigung geben könne? Das Problem liegt darin, dass etwas – von dem wir lange meinten, es gut auseinander halten zu können – eine neuerliche, unheilige Mischung eingeht: Politik und Religion. Dieses Problem – das soll der Band zeigen – wird mehr und mehr zum Gegenstand der Religionsdialoge an den Evangelischen Akademien.

Die politisierte Renaissance des Religiösen – Ein noch wenig begriffener Paradigmenwechsel

Religionsdialoge fanden an Evangelischen Akademien schon seit den 60er Jahren statt. Der christlich-jüdische Dialog begann zu dieser Zeit mit Akademietagungen und Kirchentagsveranstaltungen. Er kann als wichtiges Element im deutsch-jüdischen Wiederannäherungs- und Versöhnungsprozess angesehen werden. In den 80er Jahren kamen Begegnungen mit geistlichen Repräsentanten des Islam hinzu und darüber hinaus mit Vertretern fernöstlicher Religionen, insbesondere des Buddhismus. Alle diese Dialoge fokussierten sich im Wesentlichen auf religiöse Fragen und Praktiken im engeren Sinne. Das änderte sich erst zu Beginn der 90er Jahre, als sie durch die Immigrations- und Asylproblematik eine stärkere gesellschaftspolitische Dimension erhielten.

Bereits in den 80er Jahren sprach man in ökumenisch-kirchlichen Kreisen von einem bevorstehenden Paradigmenwechsel. Er vollzog sich zehn Jahre nach Auflösung der Bipolarität der Systeme, aber in eine völlig andere Richtung als gedacht.

Als unmittelbar nach dem 11. September 2001 durch Jürgen Habermas das Wort von der „postsäkularen Gesellschaft“ in die Welt gesetzt wurde, fand es sich philosophisch, soziologisch und auch theologisch schnell klein geredet. Die einen verteidigten die „Säkularität“ der Gesellschaft und besonders des Staates als Emanzipation von religiöser Bevormundung. Die anderen klärten uns darüber auf, dass es niemals so etwas wie eine „säkulare Gesellschaft“ gegeben habe. Also – schlossen sie messerscharf – könne es auch keine postsäkulare geben.

Als so einfach indes stellte sich die Sache nicht heraus, nicht einmal in (West-)Europa und schon gar nicht im globalen Horizont. Der säkular begründete Ost-West-Gegensatz des vergangenen Jahrhunderts hinterließ mit dem Ende der Bipolarität ein ideologisches Vakuum. Das wurde zu Beginn des neuen von nun wieder religiös getönten Gegensätzlichkeiten besetzt. Sie entwickelten sich aus nationalistischer und ethnisch-regionaler Provenienz, gewannen aber bald globale Bedeutung. Dem methodischen Säkularismus der Systeme folgte der religiöse Fundamentalismus der Identitäten.

Politisch gezielte Selbstmordattentate gegen ahnungslose Zivilisten in vorher nicht gekanntem Ausmaß „rechtfertigten“ sich nun eindeutig aus religiösen Motiven. Der Kampf gegen diese neue „Qualität“ des Terrorismus begründete sich nicht weniger glaubensstark. Sensiblen Vertretern der „offiziellen“ Religionen mochte es ob dieser politischen Verzweckung vermeintlicher Glaubenswahrheiten grausen. Was sich da vollzog, war ihnen jedoch aus der Hand genommen. Politik spielte mit religionskulturellen Milieus, die die Identität ganzer Gesellschaften bestimmten, und justierte sie auf aktuelle strategische und ökonomische Interessen hin. Das kalkulierte Gewalt ein. Die mittels Religion und Ethnie aufgeladene Gewalt erwies sich – wie vorauszusehen – als die schlimmste.

Zwar war in den Jahren zuvor die globale Sensibilität für die wirtschaftlich-sozialen Disparitäten, für die problemlösende zivile Bearbeitung von Konflikten und für die Ökologie des Planeten gewachsen. Eine rigide Liberalisierung der Finanz- und Warenmärkte zugunsten der Global Player hatte sie jedoch überholt. Begleitet wurde sie von der „Amerikanisierung“ der Kommunikations- und Habitusmuster der Eliten. Dagegen entwickelte sich ein neuerlicher religiöser Dualismus, der sich mehr und mehr am Verhältnis der beiden global größten Religionssysteme, des christlichen und dem islamischen, festmachte.

Dieser Dualismus schob sich vor die mit den großen UN-Konferenzen noch verbundene säkulare Vision einer gerechteren, friedlicheren und ökologisch bewussteren Welt als neuerliches Paradigma des hegemonialen Kampfes um regionale Einflusssphären. Es reduzierte die Komplexität dieses Kampfes mit zunehmender Dynamik auf das religiös überhöhte Deutungspotenzial von Gut und Böse.

Religionsdialog oder: Dialog der Religionen in der globalen Gesellschaft

Die gesellschaftlichen Auswirkungen dieses inzwischen nun global ausgespielten politischreligiösen Paradigmas erlauben es nicht, den Dialog der Religionen auf diese selbst zu beschränken. Das Paradigma des neuerlichen „Religionskampfes“ droht nämlich bis weit in säkulare, politisch-kulturelle Grundüberzeugungen hinein zu wirken. Wer in dieser Situation für den Dialog zwischen den Religionen eintritt, darf die nichtreligiösen Faktoren in der globalen Entwicklung nicht aussparen. Dies spiegelt sich im Themenspektrum des Globalisierungsdiskurses in den Evangelischen Akademien. Insgesamt sind 345 Veranstaltungen seit 1990 diesem Bereich zuzuordnen. Davon beschäftigten sich etwa 37% vorrangig mit interkulturellen und interreligiösen Aspekten. 41% behandelten Themen der internationalen Politik und Ökonomie. Der Rest verteilte sich auf Fragen der zivilgesellschaftlichen Entwicklung und des sozialen Wandels (7%), der globalen Ethik (7%), der Ökologie (4%) und der Rolle der Medien und neuen Kommunikationstechnologien (4%).

In diesen Tagungen reflektiert sich ein durchgängiger Konflikt. Seine unterschiedlichen Positionierungen sind aber keineswegs in das duale Schema eines „Religionskampfes“ einzusortieren. Dieser Konflikt suggeriert nur vordergründig eine duale Struktur. Sie betont einerseits die Geltung der allgemeinen Menschenrechte, der säkular-demokratischen Staatsverfassungen, den Wert einer zivilgesellschaftlich geprägten politischen Kultur und der Religionsfreiheit. Andererseits werden gewachsene Identitäten und Traditionen gegen ihre Nivellierung in Stellung gebracht, nationale und ethnische Selbstbestimmung eingefordert und die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Depretiation im globalen Maßstab angeklagt. Faktisch vermischen sich diese Positionierungen jedoch in den Akteuren selbst, je nach dem Kontext, in dem sie sich zu behaupten haben. Diese Komplexität differenziert auf Problemlösungen hin zu orientieren und zu bearbeiten, ist der Anspruch, den Evangelische Akademien mit ihren Tagungen verbinden.

Die Reduktion der im Globalisierungsprozess zutage tretenden Konflikte auf das in ihnen immer auch enthaltene religiöse Deutungspotenzial verschleiert deren ökonomisch, sozial, ökologisch, politisch und kulturell ebenso wirksame Ursachen. Sie verstellt zudem Problemlösungen, die in einer vernünftigen Abwägung der mit den Konflikten verknüpften Interessen liegen können. Um solche Abwägungen überhaupt zu ermöglichen, kommt es den Evangelischen Akademien darauf an, Akteure aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft mit Vermittlungsagenturen wie Medien, Wissenschaft und eben auch Religionen problemorientiert zu vernetzen.

Dabei sind natürlich auch Religionsvertreterinnen und -vertreter als Akteure mit Problembearbeitungskompetenz gefragt. Oft lernen gerade sie erst in interdisziplinären Diskursen das Problem nicht nur als das konkurrierender Glaubenswahrheiten zu begreifen. Die Konfrontation von Glaubenswahrheiten verstärkt die religiös aufgeladenen Auseinandersetzungen in den Hegemoniekämpfen der asymmetrisch-globalen Machtkonstellationen, statt sie zu entschärfen. Und sie kann die Integration der sich kulturell und religiös diversifizierenden Gesellschaften zusätzlich erschweren. Die Erwartung an die Problemlösungskompetenz der Religionen richtet sich in der globalen Arena wie in ihrem binnengesellschaftlichen Wirkungskreis aber gerade darauf, als intermediärer Faktor konfliktregulierend tätig zu werden.

Religionskultur als Glaubenswahrheit

Das Ineinssetzen von Politik und Glaubenswahrheit findet sich als Problem in allen Offenbarungsreligionen. Es charakterisiert die fundamentalistisch-politischen Strömungen des Christentums ebenso wie den jüdischen Zionismus und eben auch den politischen Islamismus, am ausgeprägtesten seine schiitische Hierokratievariante.

Wo dieses Problem in internationalen Tagungen mit Beteiligung von Vertreterinnen und Vertretern der Religionen direkt zum Thema wird, kommt der Dialog nicht selten an seine Grenzen. Da steht dann die Feststellung, das (westliche) Christentum habe sich in seiner verfassten Form säkular-staatlich domestizieren lassen, gegen die Aussage, der Islam habe sich nie von seinen theokratischen Grundzügen befreit und sich damit gegen jede Form der Moderne entschieden. Aufklärung und Glaubensgehorsam bringen sich gegeneinander in Stellung und die Unvereinbarkeiten der Positionen bestätigen sich gegenseitig. Hinter den dabei bevorzugten Verhaltensdispositionen von Angriff und Verteidigung werden Verlustängste ahnbar, die sich argumentativ verkleiden.

Unterschwellig vermittelt sind diese Ängste auch abgelöst von ihren religiösen Bezügen...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Einführung - Religion - Philosophie

Der Masterplan

E-Book Der Masterplan

Seit mehr als 2000 Jahren versucht man, das Rätsel der Sphinx und das Geheimnis der Pyramiden zu entschlüsseln. Bislang ohne Erfolg. Kai Gebhold stieß bei seiner Forschungsarbeit auf ein uraltes ...

Buddhismus Grundwissen

E-Book Buddhismus Grundwissen

In einfachen unterhaltsamen Kapiteln führt das Buch uns in die Welt des Buddhismus ein. Gelassenheit im Alltag. Heilung durch Meditation. Wir begreifen die wichtigsten Grundsätze des Buddhismus und ...

Denken und Führen

E-Book Denken und Führen

Der Pluralismus unserer Zeit, die Vielfalt der Lebens- und Denkmöglichkeiten ist oft genug mit Orientierungslosigkeit verbunden, gerade auch im moralischen Bereich. Der Autor, Pfarrer und ...

Weitere Zeitschriften

AUTOCAD & Inventor Magazin

AUTOCAD & Inventor Magazin

FÜHREND - Das AUTOCAD & Inventor Magazin berichtet seinen Lesern seit 30 Jahren ausführlich über die Lösungsvielfalt der SoftwareLösungen des Herstellers Autodesk. Die Produkte gehören zu ...

Correo

Correo

 La Revista de Bayer CropScience para la Agricultura ModernaPflanzenschutzmagazin für den Landwirt, landwirtschaftlichen Berater, Händler und am Thema Interessierten mit umfassender ...

Gastronomie Report

Gastronomie Report

News & Infos für die Gastronomie: Tipps, Trends und Ideen, Produkte aus aller Welt, Innovative Konzepte, Küchentechnik der Zukunft, Service mit Zusatznutzen und vieles mehr. Frech, offensiv, ...

Deutsche Tennis Zeitung

Deutsche Tennis Zeitung

Die DTZ – Deutsche Tennis Zeitung bietet Informationen aus allen Bereichen der deutschen Tennisszene –sie präsentiert sportliche Highlights, analysiert Entwicklungen und erläutert ...

DULV info

DULV info

UL-Technik, UL-Flugbetrieb, Luftrecht, Reiseberichte, Verbandsinte. Der Deutsche Ultraleichtflugverband e. V. - oder kurz DULV - wurde 1982 von ein paar Enthusiasten gegründet. Wegen der hohen ...

Eishockey NEWS

Eishockey NEWS

Eishockey NEWS bringt alles über die DEL, die DEL2, die Oberliga sowie die Regionalligen und Informationen über die NHL. Dazu ausführliche Statistiken, Hintergrundberichte, Personalities ...

Euro am Sonntag

Euro am Sonntag

Deutschlands aktuelleste Finanz-Wochenzeitung Jede Woche neu bietet €uro am Sonntag Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den Themen Geldanlage und Vermögensaufbau. Auch komplexe Sachverhalte ...