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Countdown

Hat die Erde eine Zukunft?

AutorAlan Weisman
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl576 Seiten
ISBN9783492963589
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis12,99 EUR
Wir können den zeitlichen Wettlauf nicht gewinnen - immer mehr Menschen produzieren immer mehr Müll, verbrauchen mehr Ressourcen und stoßen mehr CO? aus. Bisherige Versuche, die großen Umweltkatastrophen abzuwenden, indem wir den Konsum einschränken und auf erneuerbare Energien umsteigen, kommen gegen die Folgen einer stetig wachsenden Bevölkerung nicht an. Einziges Lösungsszenario für unser Überleben ist, dass wir weniger Menschen werden. Aber was bedeutet das für uns persönlich? Können und wollen wir Menschen zwangsverpflichten, kein oder nur ein Kind zu bekommen? Wie kann so eine gravierende Veränderung in verschiedenen Kulturen durchgesetzt werden? Alan Weisman beschreibt wissenschaftlich genau und packend, wie eine globale Bevölkerungsreduzierung funktionieren kann - politisch, ökonomisch und vor allem auch menschlich!

Alan Weisman ist Autor des Weltbestsellers »Die Welt ohne uns« (Piper 2007), vielfach ausgezeichneter Journalist und Professor für internationalen Journalismus an der University of Arizona. Für seine großen Reportagen bereist er die ganze Welt. Er berichtet unter anderem für Harper`s, das New York Times Magazine und das Discover Magazine. Er lebt mit seiner Frau im Bundesstaat Massachusetts.

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Leseprobe

Kapitel 2


Eine Welt, die aus den Nähten platzt


Cape Canaveral, Juni 1994: 600 Wissenschaftler und Ingenieure werden in einer Karawane blauweißer klimatisierter Busse über das Gelände des John F. Kennedy Space Center kutschiert. Sie sind aus 34 Ländern zur World Hydrogen Energy Conference gekommen, vereint durch den Traum, die auf schmutziger Kohle und Erdöl basierende Wirtschaft unseres Planeten in eine saubere Wasserstoffökonomie zu verwandeln, und haben Entwürfe für Autos, Geräte, Flugzeuge, Heiz- und Kühlgeräte, ja ganze Industrien mitgebracht – alles schadstofffrei.

Für sie ist dies eine inspirierende Pilgerreise. Der weiße kugelförmige Tank auf der Abschussrampe, von der aus die Raumfähre Columbia bald in den Weltraum geschickt werden wird, ist mit reinem Wasserstoff gefüllt. Schon vor den Mondflügen wurden für die Stromversorgung der NASA-Astronauten im Weltall Wasserstoff-Brennstoffzellen genutzt, wiederauffüllbare Vorrichtungen, die so wie Batterien Treibstoff direkt in elektrische Energie umwandeln. Der Wasserstoff, den die NASA verwendet, wird zwar mittels eines Prozesses, mit dem auch Kohlendioxid produziert wird, aus Erdgas gewonnen, doch die Konferenzteilnehmer hoffen, dass die Effektivität der Solartechnologie bald so weit verbessert werden wird, dass Wassermoleküle statt Kohlenwasserstoffe den Rohstoff bilden.

Fast zwei Jahrzehnte später hoffen sie und eine neue Generation von Forschern wie Tareq Abu Hamed vom Arava Institute noch immer auf eine wirtschaftliche Methode, saubere Wasserstoffenergie zu produzieren. Das ist frustrierend, weil es im Universum mehr Wasserstoff gibt als alle anderen Elemente zusammengenommen. Ob er in einem Kolbenmotor verbrannt oder in eine Brennstoffzelle injiziert wird, die Abgase sind einfach Wasserdampf. Theoretisch könnten diese Abgase eingefangen, kondensiert und wieder zur Wasserstoffgewinnung genutzt werden, ad infinitum. Ein perfektes geschlossenes System – mit Ausnahme eines ärgerlichen Details: In diesem Universum kommen brauchbare Mengen reinen Wasserstoffgases auf natürliche Weise nur an Orten wie der Sonne vor. Auf der Erde hingegen existiert Wasserstoff nur in Verbindung mit anderen Elementen wie Sauerstoff, Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel. Ihn freizusetzen – das H aus dem H2O herauszulösen – erfordert mehr Energie, als der Wasserstoff produziert. Es ist nicht im Entferntesten möglich, so viele Sonnenkollektoren zu installieren, wie nötig wären, um unserem Zivilisationsgrad entsprechend genügend Wasserstoff aus Wasser zu gewinnen. Nach jahrelangen Versuchen ist die effektivste Methode der Wasserstoffgewinnung immer noch die, ihn mithilfe von Heißdampf aus Erdgas zu gewinnen, ein Prozess, der auch den lästigen Schadstoff CO2 freisetzt.

Das ist sehr unerfreulich, vor allem, weil der NASA-Direktor Daniel Goldin bei der Konferenz von 1994 etwas Beunruhigendes mitzuteilen hatte. Im vergangenen Jahrzehnt, so Goldin, hatten Satellitendaten gezeigt, dass die Meeresspiegel der Welt um fast zweieinhalb Zentimeter gestiegen waren. Goldin musste dies seinen Zuhörern nicht näher erläutern: Sie kannten den Zusammenhang zwischen diesem Anstieg, den globalen Temperaturen und dem Kohlendioxid, das beim Gebrauch fossiler Energiequellen ausgestoßen wird. Weltweit stammen vier Fünftel unserer Energie von alten organischen Abfallprodukten, die die Natur für das Weiterbestehen des Planeten nicht brauchte, sodass sie sicher vergraben wurden. Im Lauf von Äonen wurde das vergrabene organische Material zu Kohle und Erdöl komprimiert. In weniger als drei Jahrhunderten förderten die Menschen dann eine Masse zutage, die sich über Millionen von Jahren gebildet hatte, und verbrannten sie. Ihre Abgase reicherten die Atmosphäre mit mehr Kohlendioxid an, als die Erde seit mindestens 3 Millionen Jahren gesehen hat. Damals herrschte auf der Welt ein ziemlich mildes Klima, und die Ozeane lagen 30 Meter höher.

Das war einer der beiden Gründe, warum die Wasserstoffforscher darauf erpicht waren, eine Alternative zu fossilen Brennstoffen zu finden. Der andere Grund wurde an jenem Nachmittag von einem Physiker namens Albert Bartlett angesprochen. Der emeritierte Professor der University of Colorado gab zu, wenig von Wasserstoff, aber einiges von Arithmetik zu verstehen. Besonders faszinierte ihn, was passiert, wenn Dinge beginnen, sich zu verdoppeln.

»Stellen Sie sich eine Bakterienart vor«, sagte er, »die sich vermehrt, indem sie sich zweiteilt. Aus diesen zweien werden vier, aus den vieren werden acht und so weiter. Nehmen wir an, wir stecken ein Bakterium um 11 Uhr in eine Flasche und sehen mittags, dass die Flasche voll ist. Zu welchem Zeitpunkt ist sie halb voll gewesen?«

Die Antwort lautet, wie sich herausstellte, 11:59 Uhr.

Seinem Publikum dämmerte es, und Bartlett nickte, das kahle Haupt von ein paar übrig gebliebenen grauen Haarbüscheln umkränzt. »Wenn Sie nun ein Bakterium in dieser Flasche wären«, fuhr er fort, »an welchem Punkt würde Ihnen dann klar werden, dass Ihnen der Platz ausgeht? Um 11:55 Uhr, wenn die Flasche erst zu 132 voll ist und es 97 Prozent freien Raum gibt, der sich nach Entwicklung sehnt?«

Alle kicherten. »Nehmen Sie nun an, dass die Bakterien, als ihnen nur noch eine Minute bleibt, drei neue Flaschen entdecken, die sie bevölkern können. Sie seufzen erleichtert auf: Sie haben dreimal so viele Flaschen, wie sie gedacht haben, und damit den vierfachen Raum. Das macht sie, was den Raum angeht, eindeutig autark. Richtig?«

Natürlich nicht. Nach genau zwei weiteren Minuten wären nämlich alle vier Flaschen voll, wie Bartlett erklärte.

Exponentielle Verdoppelung, so Bartlett, verschlingt nicht nur Raum. 1977 sagte US-Präsident Jimmy Carter in einer Rede an die Nation: »In den 50er-Jahren haben wir doppelt so viel Öl wie in den 40er-Jahren verbraucht, in den 60er-Jahren doppelt so viel wie in den 50er-Jahren. Und in jedem dieser Jahrzehnte wurde mehr Öl verbraucht als in der gesamten vorherigen Menschheitsgeschichte.« Als das Jahrhundert sich dem Ende zuneigte, hatte sich diese Rate jedoch zwangsläufig verlangsamt.

»Wir haben die tief hängende Frucht gepflückt«, sagte Bartlett. »Weitere zu finden wird zunehmend schwieriger.«

Albert Bartlett wusste damals noch nichts von den Fracking-Technologien des 21. Jahrhunderts, mit denen Erdgas aus Gestein freigesetzt wird, oder den Technologien, mit denen man Öl aus Teersand gewinnen kann. Besser gesagt: Er wusste schon davon, doch da der Ölpreis damals bei rund 13 Euro pro Barrel lag, wären die Förderkosten unverhältnismäßig gewesen – diese Früchte hingen zu hoch. Dennoch: Sie waren nicht mehr als bloß das Äquivalent für ein paar neue Flaschen. Da die Nachfrage weiterhin exponentiell steigt, weil Länder wie China und Indien die USA überholen, schenken sie uns im besten Fall noch ein paar Jahrzehnte – und viel mehr CO2.

Albert Bartlett, der inzwischen Ende 80 ist, hat seine Bakterienflaschengeschichte mehr als 1500-mal erzählt: Studenten, Wissenschaftlern, politischen Entscheidungsträgern und jeder Gruppe, die bereit ist, ihm zuzuhören. »Sie scheinen es immer noch nicht zu begreifen«, lamentiert er und verurteilt das, was ihn wie eine Wette darauf anmutet, wie viel Schaden fossile Brennstoffe noch anrichten werden, bis sie erschöpft sind. Währenddessen buddeln die Menschen munter weiter und immer tiefer nach ihnen.

Es verblüfft ihn, dass die Leute das Konzept der exponentiellen Verdoppelung als so schwierig empfinden, selbst wenn er es mit weiteren Beispielen verdeutlicht. Eines von ihnen ist eine Legende, die sich um die Erfindung des Schachspiels rankt. Ein indischer Herrscher ist fasziniert von diesem neuen Spiel, das einer seiner Untertanen erfunden hat. Er lässt diesen Sissa ibn Dahir zu sich kommen. »Such dir eine Belohnung aus«, befiehlt er. »Was immer du willst.«

»Ich möchte nur Reiskörner, um meine Familie ernähren zu können«, sagt Sissa.

»In Ordnung«, erwidert der Herrscher. »Wie viel brauchst du?«

»Nur ein bisschen. Tatsächlich können Eure Hoheit es auf dem Schachbrett abwiegen. Legt ein Reiskorn auf das erste Quadrat. Legt dann zwei Reiskörner auf das zweite und verdoppelt anschließend die Menge bei jedem Quadrat. Das wird ausreichen.«

Der Herrscher hatte einfach nicht bedacht, dass jemand, der sich ein Schachspiel ausdenken konnte, ein cleverer Mathematiker sein musste. Am Ende der ersten Reihe des Schachbretts, dem achten Quadrat, hatte der Erfinder 128 Reiskörner – kaum ein Bissen. Beim 16. Quadrat war er bei 32768 Reiskörnern angelangt. Nach drei Reihen waren es 8388608, genug, um die Vorratskammern des Palastes zu leeren. Bei der Hälfte des Schachbretts wäre der Herrscher dem Erfinder sämtlichen Reis in Indien schuldig gewesen – und beim letzten Quadrat Trillionen Reiskörner: mehr als der gesamte Planet jemals produziert hatte. So weit kam es natürlich nicht, da der Herrscher den listigen Sissa längst hatte enthaupten lassen. Anderen Versionen der Legende zufolge musste Sissa zur Strafe die unvorstellbare Reismenge Korn für Korn zählen, worüber er gestorben ist.

Es gibt andere Beispiele, bei denen man sich ebenfalls an die Stirn fasst: Wenn man ein Blatt Papier faltet und immer weiter falten könnte (nach siebenmaligem Falten ist normalerweise das Limit erreicht), wäre es nach 42-maligem Falten so dick, dass es bis zum Mond reichen würde. Der Unterhaltungswert des exponentiellen Verdoppelns lässt nach, wenn es einem dämmert, dass man selbst zu den Verdopplern gehört. Albert...

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