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E-Book

Da gehen doch nur Bekloppte hin

Aus dem Alltag einer Psychotherapeutin

AutorAndrea Jolander
VerlagHeyne
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783641070618
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
(K)ein ganz normaler Beruf
Stimmt es, dass sich viele Patienten in ihren Psychotherapeuten verlieben und die meisten Therapeuten selbst einen an der Waffel haben? Mit 30 Jahren Berufserfahrung berichtet Andrea Jolander voller Humor und Selbstironie von ihren spannendsten Fällen und lässt uns durch das Schlüsselloch in ihren Praxisalltag schauen. Man muss nicht verrückt sein, um dieses Buch zu lieben!


Andrea Jolander, Jahrgang 1952, ist das Pseudonym einer bekannten Psychotherapeutin, die seit über dreißig Jahren in diesem Beruf tätig ist. Neben der Arbeit in eigener Praxis hat sie Psychotherapeuten ausgebildet und bei der Gründung einer Beratungsstelle mitgewirkt. Andrea Jolander ist verheiratet und lebt in Baden-Württemberg.

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Leseprobe

Kapitel 1

Erste Annäherung an eine unbekannte Spezies - der Psychotherapeut in freier Wildbahn

Von Psychotherapeuten, Hütchenspielern und Berggorillas

Was ein Psychotherapeut ist, wissen Sie? Oder doch so ungefähr? In Wahrheit weiß das kaum jemand richtig. In Filmen wird immer lustig durcheinandergeworfen, was ein Psychologe ist, was ein Psychotherapeut tut, wer sich Psychiater nennen darf und ob das Ganze vielleicht auch noch irgendetwas mit einem Arzt zu tun hat. Da ist der Psychologe gleichzeitig Psychiater und setzt außerdem dem Patienten, mit dem er eben noch ein psychotherapeutisches Gespräch geführt hat, in der nächsten Szene auf einer einsamen Berghütte mit Taschenmesser und Kugelschreiber einen Luftröhrenschnitt nach allen Regeln der Kunst.

Im Verlauf dieses Buches werden Sie erfahren, was der Unterschied zwischen diesen Bezeichnungen ist. Allerdings ist das Kapitel so entsetzlich langweilig, dass ich Sie nicht gleich zu Anfang damit erschrecken möchte.

Bis dahin bleiben wir einfach bei dem Begriff Psychotherapeut.

Ab und zu muss auch der Psychotherapeut seine Praxis verlassen. Unter Umständen kommt es dann zu Begegnungen mit Menschen, die sich für normal halten, weil sie noch nie eine psychotherapeutische Praxis von innen gesehen haben. Außer vielleicht, um dort den Zähler abzulesen oder die Heizung zu warten. Und so kann es passieren, dass man mit jemandem ins Gespräch kommt, der eigentlich ganz harmlos aussieht, vielleicht im Biergarten oder auf einer Party.

Und man muss feststellen: Huch, das ist ja ein Psychotherapeut.

Im Mittelalter gab es die sogenannten »unehrlichen Berufe«. Das hat nichts mit Trickdieben oder Hütchenspielern zu tun, sondern sollte besser mit »unehrenhafte Berufe« übersetzt werden. Dazu gehörten zum Beispiel der Scharfrichter und der Totengräber, aber auch der Gerber. Das ging so weit, dass der Scharfrichter in der Schenke seinen eigenen Hocker und seinen eigenen Becher hatte, damit niemand sich mit seiner Unehrenhaftigkeit ansteckte.

Auch heute noch gibt es Berufe, die den Ruch des Unehrenhaften haben. Die meisten Eltern wären nicht unbedingt begeistert, wenn ihre Tochter erzählt, dass sie sich in einen Bestatter verliebt hat. Es sei denn, der Vater trägt schwarzes Augen-Make-up und benutzt einen Totenkopf als Aschenbecher und die Mutter geht jedes Wochenende auf Gothic-Konzerte.

Manchmal frage ich mich, ob Psychotherapeut auch ein in diesem Sinne »unehrlicher Beruf« ist. Zumindest reagieren viele Menschen, als ob es einer wäre.

Kürzlich zappte ich im Fernsehen zu einer dieser anspruchsvollen, zu später Stunde ausgestrahlten Talkshows. Der Moderator, einer von der ruhigen, intellektuellen Sorte, erfuhr offenbar erst am Ende der Sendung, dass einer seiner Gäste eine Psychotherapeutin war. Er reagierte auf diese Eröffnung mit: »Wenn ich das gewusst hätte!« Erklären musste er diesen Ausspruch nicht. Dass man bei Psychotherapeuten aufpassen muss, versteht sich ja von selbst.

Als ich jung war, irgendwann im letzten Jahrtausend, bekam man kurz vor dem Eintritt ins Erwachsenenleben üblicherweise einen Knigge geschenkt, in dem fast alles stand, was man so über das Leben wissen musste. Wir erfuhren, wie man einen Bischof anredet und wann die beste Zeit ist, bei den neuen Nachbarn seine Visitenkarte abzugeben, um einen Antrittsbesuch anzukündigen. Wobei auch damals die meisten Nachbarn überaus erheitert reagiert hätten, wäre man tatsächlich auf diese Idee gekommen.

Ich kann mich nicht erinnern, ob in irgendeinem Benimmbuch etwas darüber stand, wie man einen Psychotherapeuten begrüßt, wenn man ihn außerhalb seiner Praxis trifft.

Wenn man einem schlecht gelaunten Berggorilla begegnet, ist es am besten, sich auf den Boden zu werfen und ihm sehr deutlich zu signalisieren, dass man ihn nicht nur für den Chef hält, sondern dass es einem eine Ehre wäre, in seiner Horde ganz, ganz unten anzufangen. Bei einem Löwen hingegen wäre das eine ausgesprochen blöde Idee, fast so dumm wie wegzulaufen. Bei ihm kann man seine Überlebenschancen deutlich steigern, wenn man sich so groß wie möglich macht, laut schreit und wild herumfuchtelt.

Da wir für viele Menschen offenbar eine Kreuzung zwischen Hütchenspieler und Berggorilla sind, etwas jedenfalls, dem man nicht traut oder das einen einschüchtert, ist es vielleicht besser, wenn wir beide uns einander langsam annähern. Also treffen wir uns besser nicht in meiner Praxis, sondern wir stellen uns vor, wir wären uns tatsächlich auf einer Party oder in einem Biergarten begegnet. In eine psychotherapeutische Praxis gehen wir später noch gemeinsam, wenn Sie mögen.

Wie also verhält man sich einer so unbekannten Spezies wie dem Psychotherapeuten gegenüber? Was darf man sagen, was nicht? Man weiß ja, dass die alles auf die Goldwaage legen. Oder ahnt es zumindest.

Im Vertrauen gesagt: Es gibt ein paar Standarderöffnungen, die Psychotherapeuten hassen und die jeder von uns schon Hunderte Male gehört hat. Das erste Mal an dem Tag, als wir an der Uni die erste Psychologievorlesung besucht hatten und uns irgendein komischer Typ abends in der Studentenkneipe fragte, was wir denn so machen. Nichts Böses ahnend sagten wir die Wahrheit und bekamen den Satz zur Antwort, der uns seither dazu bringt, heftiger mit den Augen zu rollen als Mad-Eye Moody.

Bitte einen Trommelwirbel! Hier kommt er, der absolute All-Time-Klassiker:

Oh, dann muss ich ja aufpassen, was ich sage.

Oder:

Oh, dann muss ich ja aufpassen, dass du mich nicht durchschaust.

Nein, Sie müssen nicht aufpassen. Sie können sich entspannen. Auch wir haben nichts gegen einen ganz normalen Feierabend. Wenn wir die Praxistür abends zugeschlossen haben, gibt es tausend Dinge, die wir lieber tun, als anderen Leuten in die Psyche zu gucken. Und die unterscheiden sich wahrscheinlich nicht sehr von den Dingen, die Sie nach der Arbeit viel, viel schöner finden, als Überstunden zu machen.

Mag sein, dass es Gynäkologen gibt, die in ihrer Freizeit nichts lieber tun, als Peepshows zu besuchen. Aber irgendwie glaube ich das nicht so recht. Und ich glaube auch nicht, dass jemand, sobald er preisgibt, dass er Gynäkologe ist, zur Antwort bekommt: »Da muss ich ja aufpassen.« Wahlweise mit dem Zusatz: »Dass du mir nicht unter den Rock gucken willst.«

Also, wenn Sie uns einen Gefallen tun wollen: Reden Sie ganz normal mit uns. Vor allem im Biergarten.

Auch wenn das viel schwieriger ist, als sich auf den Boden zu werfen oder mit den Armen zu fuchteln und dabei laut zu schreien.

Vielleicht beantworte ich einfach mal ein paar der Fragen, die der Psychotherapeut normalerweise auf unbequemen Biergartenbänken oder in der brechend vollen Küche des Partygastgebers gestellt bekommt. In Ordnung?

Mitfühlende Menschen kontern das Outing, man sei Psychotherapeut, gern mit der Bemerkung, der Beruf sei doch gewiss sehr belastend. Man kennt das ja: Die Cousine hat einem wieder einen ganzen Nachmittag lang erzählt, wie gemein ihr Mann ist, oder die Nachbarin kam beim Schwatz über den Gartenzaun nach einem halben Satz auf ihren schwer kranken Bruder zu sprechen. In der Regel fühlt man sich hinterher einfach nur schlecht und belastet und hat nicht das Gefühl, dass man auch nur im Mindesten helfen konnte.

Wie viel belasteter muss sich ein Psychotherapeut fühlen, der dergleichen und Schlimmeres den ganzen Tag zu hören bekommt?

Seltsamerweise kommt niemand auf die Idee, Hebammen zu bedauern. Dabei haben sie den ganzen Tag mit Blut und Schmerzensschreien zu tun. Dagegen geht es bei uns vergleichsweise harmlos zu. Bei Hebammen ist jedem klar, dass das ein erfüllender Beruf sein muss, wenn man miterleben darf, wie etwas Neues und Wunderbares entsteht.

Bei uns ist es das Gleiche. Auch wir dürfen dabei sein, wenn etwas Neues und Wunderbares entsteht. Vielleicht nicht ganz so spektakulär, nicht von einer Minute auf die andere, sondern in kleinen Schritten.

Und was die schrecklichen Dinge betrifft, die wir uns anhören müssen: Man darf das nicht vergleichen mit der nervenden Nachbarin, die einem von ihrem bösen Chef erzählt, oder mit der Freundin, die in einer Beziehungskrisenendlosschleife steckt. Im Privatleben bin ich da auch oft hilflos.

Psychotherapie ist etwas anderes. In dem Augenblick, in dem ein Patient durch die Tür tritt, gibt er uns die Erlaubnis herauszufinden, was wirklich los ist, uns sozusagen mit der Taschenlampe (oder was Höhlenforscher sonst so bei sich tragen) bewaffnet auf den Abstieg in seine Psyche zu machen und dort nachzusehen, wo es hakt.

Ein Fall für den Psychologen

Was mich persönlich am meisten belastet, ist nicht die Arbeit mit denen, die bereits durch die Praxistür gekommen sind. Die geben mir die Erlaubnis, mit ihnen gemeinsam etwas zu verändern. Belastend ist vielmehr, wenn ich von Menschen erzählt bekomme, denen es schlecht geht, und ich oft schon deutlich die Fädchen erkenne, an denen man ziehen müsste, damit der Knoten sich löst. Und gleichzeitig bekomme ich zu hören, dass diese Leute im Leben nicht auf die Idee kämen, sich auf die Sitzgelegenheit eines Therapeuten zu bewegen.

Es ist belastend, von Menschen erzählt zu bekommen, die beschließen, mit ihren Symptomen weiterzuleben und damit ein eingeschränktes Leben zu führen, die aber fröhlich verkünden, zum Therapeuten gingen sie nicht, das täten ja nur Bekloppte.

Widmen wir uns doch einfach mal der folgenden Aussage, die man mir schon so oft hinterbracht hat:

Ich gehe nicht zum Psychologen, ich bin doch nicht verrückt.

Ich fürchte, doch. Dieser Satz ist so dumm, dass der, der ihn ausspricht, einfach bekloppt sein muss. Im...

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