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Damos und Basileus

Überlegungen zu Sozialstrukturen in den Dunklen Jahrhunderten Griechenlands

AutorBerit Hildebrandt
VerlagHerbert Utz Verlag
Erscheinungsjahr2007
Seitenanzahl604 Seiten
ISBN9783831607372
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis69,99 EUR

Die »Dunklen Jahrhunderte« umfassen die Epoche vom Ende der mykenischen bis zum Beginn der archaischen Zeit (Ende 13.—8. Jh. v. Chr.). Ihre Schriftlosigkeit sowie ihr im Vergleich zur mykenischen Palastzeit niedrigeres kulturelles Niveau ließen sie lange »dunkel« erscheinen.

Neue archäologische und philologische Forschungen werfen jedoch immer mehr Licht auf diese Zeit, die u. a. zur Entstehung der griechischen Stadtstaaten führte. Diese neue Synthese untersucht, wie sich soziale Entwicklungen in den Dunklen Jahrhunderten auf überregionaler, regionaler und besonders lokaler Ebene vollzogen haben könnten und inwiefern Kontinuitäten und Diskontinuitäten eine Rolle spielten.

Dabei werden vor- und nachzeitige Schriftquellen ebenso wie die Befunde ausgewählter Siedlungen und Nekropolen und nicht zuletzt die Ergebnisse naturwissenschaftlicher Analysen einbezogen, um ein möglichst facettenreiches Bild gesellschaftlicher Strukturen gewinnen zu können.

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Leseprobe

II. Gegenstände und Methoden der Arbeit (S. 23)

Aus den genannten Gründen wurde in dieser Arbeit auf den Versuch einer Zuordnung der untersuchten Gesellschaftsstrukturen zu bestimmten Modellen verzichtet, sondern statt dessen ein (auch angesichts der zahlreichen Studien zu einzelnen Aspekten) möglichst umfassender Ansatz gewählt, der sowohl schriftliche als auch archäologische Quellen sowie verschiedene materielle und immaterielle Charakteristika einer Gesellschaft in den Blick nimmt.

Der Wert von Gesellschaftsmodellen wird dadurch allerdings nicht in Zweifel gezogen, doch liegt ihr Verdienst bei der Erforschung der Dunklen Jahrhunderte m. E. weniger darin, Antworten zu geben, als vielmehr, bessere Fragen zu stellen als die, von denen man ursprünglich ausgegangen ist, sowie Phänomene besser zu verstehen, die einem Historiker aus seinem eigenen historischen Kontext nicht unmittelbar zugänglich sind.

Dem Gebrauch von sozialwissenschaftlichen Termini liegen folgende Definitionen zugrunde: Sozialer Status wird begriffen als die „höhere oder tiefere Stellung eines Menschen innerhalb einer oder mehrerer Dimensionen sozialer Schichtung". Status kann dabei zugeschrieben sein (er beruht dann auf Merkmalen wie Herkunft, Geschlecht, Alter, Nationalität, Rasse, die individuell nicht beeinflußt werden können) oder erworben (d. h. durch das eigene Verhalten geprägt) .

Bei der Beschreibung von Gesellschaftsstrukturen, in denen sich Statusunterschiede abzeichnen, wird in der englischsprachigen Forschung ein Unterschied zwischen einer „ranked" und einer „stratified society" gemacht. Die Abgrenzung ist nicht leicht, da auch hier der Grad der Ausprägung bestimmter Merkmale bestimmend ist, die v. a. in den Übergängen zwischen den Gesellschaftsmodellen oft nicht eindeutig zuzuordnen sind.

T. Earle beschreibt „ranking" als strukturelle Differenzierung und „stratification" als ökonomische, wobei er einschränkt, daß ökonomische Kontrolle mit sozialer Differenzierung verknüpft ist und jedes Redistributionssystem, das von einer zentralen Person geleitet wird, schwer vorstellbar ist ohne ökonomische Vorteile – anders ausgedrückt, hat ein zentraler Anführer, der Festgelage für seine Anhänger gibt und umgekehrt bei Raub- und Kriegszügen größere Anteile an der Beute erhält, dadurch ökonomische Vorteile, egal, ob man ihn als „big man" oder „chief" bezeichnet.

B. Streck sieht die Grundlagen für eine Stratifikation ebenfalls in der „institutionelle(n) Verfestigung etwa eines Arm-Reich-Gegensatzes", wobei er hinzufügt, daß Unterschiede in Rang und Status auch unabhängig von Reichtum bestehen können. Er fährt fort: „(D)ie Zwischenform der ‚Ranggesellschaft, die Fried ... zwischen egalitäre und geschichtete Gesellschaft schob, ist nur ein Notbehelf für den Ethnographen, dem die politische Struktur seines ‚Feldes oft lange verborgen bleibt".

Eine „hierarchisch" strukturierte Gesellschaft läßt sich dagegen als „Herrschaftssystem von vertikal und horizontal festgefügten und nach Über- und Unterordnung gegliederten Rängen" beschreiben, was z. B. auf die mykenischen Palaststaaten zutrifft.

Da hier das Problem der ethnologisch-anthropologischen Begrifflichkeiten nicht gelöst werden kann, soll im folgenden der Begriff „stratifiziert" verwendet werden, wenn sich deutliche Unterschiede benennen lassen, die auf eine herausgehobene wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung einer oder mehrerer Personen hinweisen.

Die Frage, inwiefern diese Stellung bereits institutionell verfestigt ist oder sich bereits eine Generation später wieder verflüchtigt hat, wird anhand der vorgestellten Befunde diskutiert.

Inhaltsverzeichnis
Vorwort6
Inhalt8
I. Einleitung und Forschungsüberblick11
II. Gegenstände und Methoden der Arbeit26
III. Die Geographie des Ägäisraumes in den bronzezeitlichen Schriftquellen40
III.1. Tanaja / „Reich der Danaer“42
III.2. Das griechische Festland in den Linear-B-Texten52
III.3. Euböa55
III.4. Kafta / Kreta56
III.5. Exkurs: Die ägyptischen Darstellungen von Völkern aus dem Ägäisbereich64
III.6. Me/inus / „Minos – Land“?67
III.7. Die „Völker von der Mitte des Meeres“70
III.8. Die Ägäisinseln76
III.9. AXXijavä / „Achaier – Land“?77
III.10. Dardanya / „Dardaner – Land“?83
III.11. Kleinasiatische Städte85
III.12. Asja / Assuwa = „Asia“?87
III.13. Exkurs: Alašia / Zypern88
III.14. Zusammenfassung91
IV. Die mykenische Gesellschaft in den Linear-B-Texten95
IV.1. Der wa-na-ka98
IV.1.1. Die Fundorte der Linear-B-Tafeln98
IV.1.2. Die Etymologie99
IV.1.3. Die Funktionen in der Gesellschaft99
IV.2. Der ra-wa-ke-ta105
IV.2.1. Die Fundorte der Linear-B-Tafeln105
IV.2.2. Die Etymologie105
IV.2.3. Die Funktionen in der Gesellschaft106
IV.2.4. Zusammenfassung108
IV.3. Der qa-si-re-u109
IV.3.1. Die Fundorte der Linear-B-Tafeln109
IV.3.2. Die Etymologie110
IV.3.3. Die Funktionen in der Gesellschaft110
IV.4. Der e-qe-ta119
IV.4.1. Die Fundorte der Linear-B-Tafeln119
IV.4.2. Die Etymologie119
IV.4.3. Die Funktionen in der Gesellschaft120
IV.5. Der da-mo125
IV.5.1. Die Fundorte der Linear-B-Tafeln125
IV.5.2. Die Etymologie125
IV.5.3. Die Funktionen in der Gesellschaft126
IV.6. Weitere Funktionäre und Handwerker im Palaststaat130
IV.7. Zusammenfassende und ergänzende Beobachtungen zur mykenischen Gesellschaft132
V. Hohe mykenische Funktionärstitel in nachmykenischer Zeit139
V.1. Zypern141
V.2. Phrygien143
V.3. Sparta143
V.4. Unteritalien145
V.5. Zusammenfassung146
VI. Die Verbreitung der griechischen Dialekte148
VI.1. Das früheste (mykenische) Griechisch151
VI.2. Arkadisch-kyprische Dialekte153
VI.3. Ionisch-attische Dialekte154
VI.4. Dorisch-nordwestgriechische Dialekte155
VI.5. Aiolisch156
VI.6. Zusammenfassung157
VII. Stammesnamen158
VII.1. Die Dorischen Phylen160
VII.2. Die Ionischen Phylen164
VII.3. Zusammenfassung168
VIII. Die Gesellschaft der homerischen Epen171
VIII.1. Die zeitliche Einordnung173
VIII.2. Überlegungen zur Interpretation der Epen181
VIII.3. Gesellschaftsstrukturen186
VIII.3.1. Die Welt der Helden188
VIII.3.2. Formlose Gemeinschaft oder „vorstaatliche“ Institutionen?205
VIII.3.3. Die „einfache“ Bevölkerung213
VIII.3.4. Exkurs: Häuser, Städte und Gräber214
VIII.4. Zusammenfassung und ergänzende Beobachtungen218
IX. Zusammenfassung der aus den Schriftquellen gewonnenen Ergebnisse222
X. Gesellschaftsstrukturen und Archäologie234
X.1. Die Siedlungen246
X.1.1. Die Chronologie der Siedlungen246
X.1.2. Wahl des Siedlungsplatzes248
X.1.3. Architektonische Struktur der Siedlungen248
X.1.4. Zustand der Siedlungen am Ende einzelner Besiedlungsphasen249
X.1.5. Architektonische Struktur der Gebäude251
X.1.6. Regionale Beziehungen252
X.1.7. Überregionale Beziehungen252
X.2. Exkurs: Heiligtümer253
X.3. Die Gräber254
X.3.1. Ansätze der Gräberforschung256
X.3.2. Gräber und sozialer Status in den Dunklen Jahrhunderten261
XI. Die archäologischen Befunde276
XI.1. Tiryns / Argolis281
XI.1.1. SH III C290
XI.1.2. Die submykenische Zeit312
XI.1.3. Die protogeometrische Zeit317
XI.1.4. Die geometrische Zeit322
XI.1.5. Zusammenfassung326
XI.2. Nichoria / Messenien332
XI.2.1. SH III C337
XI.2.2. Dark Age I / Die submykenische bis frühprotogeometrische Zeit337
XI.2.3. Dark Age II / Die mittelprotogeometrische bis frühgeometrische Zeit341
XI.2.4. Dark Age III / Die mittelgeometrische Zeit348
XI.2.5. Zusammenfassung350
XI.3. Exkurs: Athen / Attika357
XI.3.1. SH III C363
XI.3.2. Die submykenische Zeit365
XI.3.3. Die protogeometrische Zeit368
XI.3.4. Die geometrische Zeit370
XI.3.5. Zusammenfassung376
XI.4. Lefkandi / Euböa378
XI.4.1. SH III C382
XI.4.2. Die submykenische Zeit383
XI.4.3. Die protogeometrische Zeit385
XI.4.4. Die geometrische Zeit393
XI.4.5. Zusammenfassung398
XI.5. Emporio / Chios403
XI.5.1. SH III C406
XI.5.2. Die submykenische Zeit408
XI.5.3. Die protogeometrische Zeit408
XI.5.4. Die geometrische Zeit408
XI.5.5. Zusammenfassung413
XI.6. Exkurs: Knossos / Kreta418
XI.6.1. SM III C423
XI.6.2. Die subminoische Zeit425
XI.6.3. Die protogeometrische Zeit432
XI.6.4. Die geometrische Zeit435
XI.6.5. Zusammenfassung441
XI.7. Kavousi / Kreta449
XI.7.1. Kastro456
XI.7.2. Vronda462
XI.7.3. Exkurs: Weitere Siedlungen um Kavousi: Azoria, Trapeza, Melisses480
XI.7.4. Zusammenfassung481
XII. Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse490
XIII. Abkürzungsverzeichnis515
XIV. Bibliographie526

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