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Dann hau ich eben ab

Verlassene Eltern - Verlorene Kinder

AutorChristiane Edler, Margit Miosga
VerlagCh. Links Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl192 Seiten
ISBN9783862842209
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis2,99 EUR
50000 Kinder und Jugendliche laufen jährlich von zu Hause weg. Die meisten kehren wieder zurück, 6000 bis 7000 jedoch bleiben verschwunden und leben auf der Straße. Sie kommen aus Familien aller gesellschaftlichen Schichten. Während die Situation von Straßenkindern oft beschrieben worden ist - von der Verklärung bis zur Elendsschilderung -, wurden die Probleme der betroffenen Eltern bisher noch nicht behandelt. Doch auch ihr Leben ist von heute auf morgen auf den Kopf gestellt, alles dreht sich nur noch um das verschwundene Kind. Sie sind zumeist mit ihren Sorgen und Nöten alleingelassen, da man ihnen Versagen vorwirft, statt praktisch zu helfen. Sie plagen sich mit Selbstzweifeln und suchen oft vergeblich Rat. Christiane Edler und Margit Miosga haben betroffene Eltern interviewt und Straßenkinder befragt. Sie sprachen mit all jenen, die beruflich mit weggelaufenen Kindern und deren Eltern in Kontakt kommen: Polizisten, Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer und Rechtsanwälte. Sie geben Antwort auf die Fragen: Was sind die ersten Anzeichen dafür, daß ein Kind die Familie verlassen will? Wie ist angemessen darauf zu reagieren? Was kann getan werden, um zu verhindern, daß ein Kind auf der Straße landet? Wo kann man Hilfe finden, wenn das Kind doch verschwunden ist? Welche Chancen gibt es, ein Kind von der Straße zurückzugewinnen?

Christiane Edler: Jahrgang 1952, Studium der Betriebswirtschaft, Erziehungswissenschaft und Psychologie sowie der Sozialpädagogik. Seit 1995 arbeitet sie mit Straßenkindern, 1996 gründete sie die erste und einzige Gruppe in Deutschland für Eltern, deren Kinder weggelaufen sind ('Exilium'). Für ihr Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u.a. vom Deutschen Kinderschutzbund und der Sterntal-Stiftung. Bücher im Ch. Links Verlag: 'Dann hau ich eben ab. Verlassene Eltern - Verlorene Kinder' (mit Margit Miosga), 2001. Margit Miosga: Jahrgang 1946, Modellschneiderin, Sekretärin, Studium der Sinologie, arbeitet seit 1979 als Journalistin in Berlin, hauptsächlich für den Rundfunk. Bücher im Ch. Links Verlag: 'Dann hau ich eben ab. Verlassene Eltern - Verlorene Kinder', 2001.

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Leseprobe

Mein Fehler war sicher, daß ich nicht genügend Grenzen gesetzt habe, als er in die Pubertät kam mit zwölf, 13, 14 – da hätte ich mehr hinschauen müssen. Er wollte an den Nachmittagen immer gern zu Freunden gehen, deren Mütter nicht daheim waren. Er wollte ohne Kontrolle sein. Solange seine Oma in Berlin lebte, ging es noch gut, denn mit ihr machte er Hausaufgaben. Als sie wegzog, da war er zwölf, war seine ständige Ausrede: ›Meine Oma ist nicht mehr da.‹

Er ist auch verwöhnt worden. Mit Geld. Von meinen Eltern, von Freds Eltern, ich hätte das Geld für ihn verwalten müssen. Er hat einfach zu viel gehabt, über ein normales Taschengeld hinaus.

Fred und ich sind mittlerweile wieder näher zusammengerückt. Wir wissen, daß wir weder Jens noch uns einen Gefallen tun, wenn wir uns gegenseitig Vorwürfe machen. Obwohl mir Fred vorhält, daß ich zu weich gewesen sei, Jens verwöhnt und ihm zu viel erlaubt hätte. Aber Schuldzuweisungen nutzen niemandem.

In der ganzen Zeit half mir, daß ich sehr aktiv war und immer wieder das Heft in die Hand nahm. Ich wollte nicht in meiner Hilflosigkeit steckenbleiben. Ich war bei den Jugendämtern, den Einrichtungen, den Therapeuten. Ich habe alle Institutionen in Anspruch genommen, die der Staat bietet.

Die Einrichtungen arbeiten nach meinen Erfahrungen nicht gern mit den Eltern zusammen. Sie vermitteln einem das Gefühl, daß Eltern an allem schuld seien.

Ganz schwierig wurde es, als Jens 18 geworden war. Da zog man sich darauf zurück, daß er jetzt volljährig sei und man mir keine genauen Auskünfte mehr geben könne. Ich war manchmal sehr, sehr wütend, wenn ich merkte, daß die Meinung vorherrschte, die Eltern müßten sich zurückhalten oder gar ausgeschaltet werden, selbst wenn man mir das nie so deutlich sagte. Wir hörten in keiner Einrichtung: ›Unser Konzept sieht vor, daß die Eltern nicht kommen und keinen Kontakt haben.‹ Im Gegenteil, wenn ich was tun sollte, wie Möbel anschleppen oder putzen, wenn Jens wieder aus der Psychiatrie kam, dann war ich gut genug. Einmal wurde mir ganz kühl mitgeteilt: ›Wissen Sie, Sie sind lediglich unterhaltspflichtig.‹

Mit der Zeit habe ich eine gewisse Distanz entwickelt, ich rede nicht mehr nur über Jens. Ich setze mich nicht mehr pausenlos mit ihm auseinander. Ich wäre sonst in die Depression gerutscht. Ich habe mir Hilfe auf einer spirituellen Ebene geholt. Das hat mir die Erkenntnis gebracht, daß ich Jens nicht helfe und mir auch nicht, wenn sich mein Leben nur um ihn und seine Krankheit, seine Sucht dreht. Ich muß sehen, daß ich weiter existiere.

Immer noch habe ich ganz viel Hoffnung. Hoffnung, daß man irgendwann sagen kann, daß das alles nur eine Phase war. Daß irgendwann eine Art Erleuchtung da ist, die Jens klarmacht, daß es eine große Prüfung für unsere ganze Familie war. Ganz wichtig finde ich, daß man seinem Kind immer wieder verzeiht. Früher habe ich ihm Vorwürfe gemacht. Fred ist der Meinung, daß Jens geistig behindert sei. Er glaubt nicht, daß er wieder gesund wird. Fred ist nicht voll Hoffnung. Ich schon.«

Fred, der Vater, ist einer, der nicht lange über Gefühle reden mag. Ein beruflich erfolgreicher Baustatiker mit eigenem Büro und ein eher verschlossener und zurückhaltender Individualist. Er gehört nicht zu den 90 Prozent der Väter, die ihr Kind aus dem Leben streichen, wenn es auf die Straße geht, von zu Hause verschwindet:

»Ich denke seit Jahren darüber nach, warum Jens den Weg gehen mußte. Ich finde keine eindeutige Antwort. Es ist sicherlich sehr komplex, und je nachdem, wie ich mich fühle, sehe ich verschiedene Ursachen. Es ging schon mit der Geburt los, sie war traumatisch. Wenn ich nicht dagewesen wäre, hätte die Hebamme den Arzt nicht für den Kaiserschnitt geholt. Dabei hatten wir uns so gut vorbereitet, aber alles ging schief. Ellen konnte nicht stillen, es war überhaupt nicht so, wie wir es uns gewünscht hatten.

Außerdem vermute ich, daß die Probleme von Jens stark mit meiner Trennung von seiner Mutter zusammenhängen. Er war relativ klein und hat es nie verstanden. Ich versuchte, meine Abwesenheit zu kompensieren mit vielen gemeinsamen Wochenenden und Reisen. Aber es war doch ein Unterschied zu einem normalen Familienleben. Ich hatte, als Jens sechs Jahre alt war, eine andere Frau kennengelernt und zog von zu Hause aus. Aber aus der Beziehung wurde nichts. Und dann konnte ich nicht mehr zurück. Ich wollte auch nicht.

Ellen und ich stritten viel über die Einschätzung von Jens’ Entwicklung. Ich fragte immer: ›Wann kann er denn laufen? Wann kann er denn sprechen?‹ Sie sagte dann: ›Das wird er schon lernen.‹ Ich hatte viel weniger Geduld und dachte, es stimmt etwas nicht mit ihm. Heute muß ich erkennen, daß Jens krank ist, psychisch krank. Die Drogenabhängigkeit ist ein Ausdruck seiner psychischen Krankheit. Beim letzten Gespräch hat seine Psychologin gesagt, daß Jens sehr krank sei.

Im Rückblick versuche ich das zu verarbeiten, zu akzeptieren. Da kommt mir die Vergangenheit hoch, und ich erinnere mich an viele Situationen, wo ich sein Verhalten anders empfand als das seiner Freunde. Das ist vielleicht ein Zeichen gewesen, da hat sich sein Problem schon abgebildet. Er konnte nicht anders. Ich mache mir Vorwürfe, damals nicht mehr insistiert zu haben. Ich konnte es ja nicht beweisen, ich konnte nur die Eindrücke schildern.

Für mich gibt es zwei Phasen. In der Grundschule bis zwölf war er bis auf diese Ahnungen, die ich ja nur manchmal hatte, normal. Ich hatte allerdings im Hintergrund immer mein schlechtes Gewissen, nicht genug für ihn da zu sein. Ich studierte in der Zeit und jobbte als Taxifahrer. Tagsüber war ich an der Uni, und nachts bin ich drei- bis viermal in der Woche Taxi gefahren. Den Anspruch, bei der Erziehung gleichberechtigt mitzuwirken, konnte ich nicht einlösen. Meine Eltern nahmen mir viel ab, Jens war oft bei ihnen. Obwohl gerade meine Mutter und Jens ein sehr enges Verhältnis hatten, verdrängt sie heute, was mit ihm los ist. ›Es wird schon wieder werden‹, sagt sie, wenn ich von ihm erzähle.

Wirklich schwierig wurde es, als Jens mit 15 zu mir zog. Es war wohl eine Zeit, in der er sich vor allem mit mir identifizierte. Er wollte sogar den Nachnamen von Ellen ablegen und meinen annehmen – wir waren ja nie verheiratet gewesen. Ich war gar nicht so wild darauf, daß er bei mir einzog, ich hatte mich gerade selbständig gemacht, ging frühmorgens aus dem Haus und kam spät zurück. Aber Mutter und Sohn stritten sich immer mehr, und ich dachte, wir sollten es versuchen. Als nach ein paar Monaten der Anruf des Schulleiters kam, daß er mit Drogen handelte, fiel ich aus allen Wolken. Ich ärgerte mich und fand es schlimm, aber dem Direktor gegenüber redete ich das Problem klein. Ich hielt ihm einen Vortrag über die Doppelzüngigkeit der Gesellschaft, die Alkohol billigt und Marihuana verbietet. Ich nahm ihn in Schutz und stellte ihn als jugendlichen Rebellen dar. Daß er selbst Drogen nahm, begriff ich gar nicht. Die leise Ahnung kam erst, als er bei seinem Schulpraktikum beim Förster im Grunewald eine Woche fehlte. Ich hatte es eine Woche nicht gemerkt! Ich ging morgens weg, und abends erzählte mir Jens, was er tagsüber gemacht hatte. Er war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Wie blind bin ich gewesen!

Jens wollte dann schnell bei mir ausziehen. Unser Verhältnis war ja gestört, weil ich stinksauer auf ihn war. Jens warf mir vor, ich hätte nichts vom Leben, weil ich nur arbeiten würde. In der Zeit, in der Jens bei mir wohnte, hielt er mir einen kritischen Spiegel vor. Er war enttäuscht über meine Art zu leben, er sah mich vor allem müde nach Hause kommen. Er erlebte mich nicht als ausgeglichenen, optimistischen, stabilen Vater, ich war kein Vorbild. Das habe ich nicht geschafft. Jens war von dem Alleinleben mit Ellen in das Alleinleben mit mir gekommen.

Die Hilfe der Ämter, speziell des Jugendamtes, war sehr unterschiedlich. An dem einen Termin traf man auf einen Sachbearbeiter, bei dem man das Gefühl hatte, er versteht uns, er versteht Jens, er sucht die beste Möglichkeit. Beim nächsten Mal war dieser Mann nicht mehr da. Der Nachfolger verstand uns nicht und schlug Maßnahmen vor, die für uns nicht in Frage kamen. Das ließ kein Vertrauen entstehen, weil man sich nicht auf Kontinuität verlassen konnte. Ich hatte manchmal beim Amt und auch bei den Einrichtungen, in denen Jens war, den Eindruck, daß die Leute ihre Arbeit machen, wie andere Stein auf Stein stapeln oder Tankstellen betreiben. Wir haben damals, als Jens noch klein war, im Kinderladen endlos über Pädagogik diskutiert, die besten Erzieherinnen oder Erzieher gesucht, unendlich viel selbst getan. Wir wollten wirklich die beste Erziehung für die Kinder.

Je schlechter es Jens geht, desto schlechter geht es mir. Mit alten Freunden sind die Beziehungen ausgedünnt. Anfänglich fragten sie nach, gaben Ratschläge. Aber mit der Zeit zogen sie sich und ich mich zurück. Denn im Grunde schäme ich mich. Die Beziehung mit Ellen ist anders geworden, es ist eine Art verbindende Solidarität entstanden, die es vorher nicht gegeben hat. Ich kompensiere viel mit Arbeit. Das reicht aber auch nicht, um das Schuldgefühl zuzudecken.«

»Sie hat sich von niemandem finden lassen«


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