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E-Book

Das beherrschte Geschlecht

Warum sie will, was er will

AutorSandra Konrad
VerlagPiper Verlag
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl384 Seiten
ISBN9783492978019
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Sexualität ist mehr als nur Sex - es geht um Rollenzuschreibungen, Regeln und Rechte. Also wie frei, gleichberechtigt und sexuell selbstbestimmt sind Frauen im 21. Jahrhundert? Hat weibliche Sexualität sich emanzipiert oder lediglich maskulinisiert? Und wie viel wissen Frauen wirklich über ihre eigene sexuelle Identität? Was ist 'normal', und wer bestimmt das? Um diese Fragen zu beantworten, stellt Sandra Konrad die Geschichte weiblicher Sexualität dar und entlarvt bis heute wirksame Geschlechterklischees. Dabei verbindet sie psychohistorische Erkenntnisse mit aktuellen Forschungsergebnissen aus der Sexualwissenschaft und zahlreichen Interviews mit jungen Frauen, die zeigen, wie unbewusste Rollenvorgaben auch heute noch das Geschehen im Schlafzimmer prägen.

Dr. Sandra Konrad ist Diplom-Psychologin und arbeitet seit 2001 als systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis in Hamburg. In ihrer wissenschaftlichen und therapeutischen Arbeit untersucht sie transgenerationale Übertragungen - also den starken Einfluss der Vergangenheit auf die Gegenwart. Im Piper Verlag erschienen von ihr 'Das bleibt in der Familie' und 'Liebe machen'. Sandra Konrad ist verheiratet und lebt in Hamburg.

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Leseprobe

Spoilerwarnung: Dieses Buch kann Widerstand auslösen


»Let’s talk about sex, baby

Let’s talk about you and me

Let’s talk about all the good things

And the bad things that may be.«

Salt-N-Pepa, »Let’s talk about Sex«

»Weibliche Sexualität – wie spannend!«, war eine typische Reaktion auf dieses Buchprojekt. In der Tat stieß ich sowohl bei meinen Interviews mit jungen Frauen als auch bei meiner historischen Recherche auf interessante Anekdoten und haarsträubende Fakten. Wussten Sie zum Beispiel, dass man lange Zeit davon ausging, dass die Gebärmutter bei sexuell wenig aktiven Frauen im Körper umherwandert und dabei gesundheitliche Probleme verursacht? Dass Frauen jahrhundertelang ganz offiziell von Ärzten zum Orgasmus massiert wurden? Dass man vor nicht allzu langer Zeit allen Ernstes zwischen einem reifen und einem unreifen weiblichen Orgasmus unterschied oder dass Ärzte Frauen während ihrer Menstruation für nicht zurechnungsfähig hielten?

Weibliche Sexualität ist ein Partythema, aber sie kann einem auch die Stimmung verderben. Denn die schönste Sache der Welt hat auch dunkle Seiten und tiefe Abgründe. Lust kann in Frust, Begierde in Hass, Dominanz in Gewalt umschlagen. Der weibliche Körper kann liebkost, aber auch benutzt oder verletzt werden. Die Frau kann idealisiert oder erniedrigt werden, wo Heilige sind, sind Huren nicht weit entfernt. Bei aller Liebe gab es gesellschaftlich gesehen stets eine Hierarchie zwischen Männern und Frauen – es waren Männer, die über die Sexualität der Frau bestimmten.

»Ich bestimme nicht über meine Frau. Wenn sie Nein sagt, dann haben wir keinen Sex. Bestimmt sie da nicht eher über mich?«, witzelte ein Bekannter.

»In intimen Beziehungen können sowohl Männer als auch Frauen die Hosen anhaben, das stimmt«, räumte ich ein. »Aber gesellschaftlich gesehen hatten Männer seit jeher mehr Macht als Frauen. Männer hatten jahrhundertelang mehr Rechte und mehr Freiheiten, auch in sexueller Hinsicht. Und ich versuche herauszufinden, wie es heute ist. Wie frei Mädchen und Frauen im 21. Jahrhundert sind.«

»Total frei!«, vermuteten viele. Und dann geschah etwas Seltsames: Während ich aktuelle und historische Beispiele aus der rund 2000-jährigen Geschichte der Beherrschung der Frau aufzählte, kam es immer wieder zu Protest. Es gab Frauen, die jegliche Ungerechtigkeit und Unfreiheit zunächst heftig abstritten. Bis ich sie fragte, warum es uns allen so wichtig ist, möglichst schlank zu sein? Warum Falten und graue Haare bei Frauen eine Katastrophe sind, während wir ähnliche Alterungsmerkmale bei Männern attraktiv finden? Ob der Übergang vom Paar zu Eltern in ihren Beziehungen so reibungslos und gleichberechtigt verlaufen war, wie sie es sich vorgestellt hatten, ob also ihre Partner den gleichen Anteil am Haushalt und der Kindererziehung übernahmen. Ob sie schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht hatten und warum. Ob sie schon einmal eine sexuelle Grenzverletzung erlebt und sich nicht lautstark gewehrt hatten. Ob sie schon einmal eine abwertende, sexistische Zuschreibung erfahren hatten. Ob sie ihre Söhne und Töchter in jeder Hinsicht gleich behandelten. Und ob sie sich außerhalb einer verbindlichen, geborgenen Liebesbeziehung sexuell wirklich so frei fühlten, wie es das Bild in den Medien vermittelt. Der Protest ebbte ab. Das Nachdenken setzte ein. Aus Widerstand wurde widerwillige Zustimmung: »Das gefällt mir zwar nicht, aber da ist was dran.«

Die Realität im 21. Jahrhundert ist ernüchternd: Das jugendliche, schöne Aussehen einer Frau, der Rückfall in alte Rollenmuster nach der Geburt eines Kindes, latenter bis offensichtlicher Alltagssexismus, die häufige Erfahrung von sexuellen Übergriffen, die damit verbundene Ohnmacht und Scham sowie der Anspruch, grundsätzlich nicht zu unbequem zu werden – all das ist für viele Frauen heute immer noch »ganz normal«.

Männer jedoch waren oftmals nicht ganz so einfach davon zu überzeugen, dass bis heute ein gesellschaftliches Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen besteht. Je mehr Fakten ich lieferte, um die Geschlechterdiskrepanz zu verdeutlichen, desto mehr Nachdruck, Wut oder auch Überheblichkeit wurde in die Gegenargumente gelegt. Dass Frauen in ihrer Sexualität und vielen anderen Rechten beschnitten wurden, dass ihnen Bildung und außerhäusliche Erwerbstätigkeit bis ins 20. Jahrhundert verweigert wurden, dass es noch heute verachtende weibliche Zuschreibungen und starre Rollenvorgaben gibt, unter denen beide Geschlechter leiden – all das verpuffte oft ungehört. Stattdessen erfuhr ich von meinen männlichen Gesprächspartnern, dass es neben dem Patriarchat auch Matriarchate gegeben habe und am Amazonas immer noch gäbe. Dass Frauen in Russland und sogar in der Türkei innerhalb der Familie schon immer mehr zu sagen hatten als Männer. Überhaupt: Dass Männer in der Geschichte mehr Macht als Frauen hatten, sei eine Legende, ich solle bitte Kleopatra, Maggie Thatcher, Königin Elizabeth und natürlich Frau Merkel nicht vergessen. Und was die Rechte von Frauen anginge, da bestünde heute ja wohl eher eine Ungerechtigkeit den Männern gegenüber. »Wo?«, fragte ich nach. »Na, beispielsweise bei rein weiblichen Saunatagen, an denen Männern verboten wird, die Sauna zu betreten, oder bei Ladies Nights in Clubs, bei denen Frauen keinen Eintritt zahlen müssen, Männer aber schon. Bei Frauenparkplätzen. Oder bei der Frauenquote, durch die Frauen bevorzugt werden.«

Es wurde aufgerechnet. Es wurde verleugnet. Aus Paaren und Freunden wurden plötzlich gegnerische Geschlechter, aus kerzenbeleuchteten Wohnzimmern wurden Arenen, in denen Männer gegen Frauen kämpften. Es gab Abende, an denen ich mich innerlich aus der Diskussion zurückzog und staunte, welche Dynamik entstehen konnte, wenn es um (weibliche) Sexualität und die damit verbundenen Macht- und Ohnmachtsgefühle ging. Das, was ich psychologisch und historisch untersuchen wollte, entfaltete sich im Hier und Jetzt mit voller Wucht – trotz aller Fortschritte ging es in Sekundenschnelle nur noch darum, wer recht hatte, wer das Sagen hatte, kurzum, wer die Deutungshoheit, also die Macht besaß.

Ich verstand anfangs nicht, warum, aber ich spürte, dass sich einige Männer schon bei der bloßen Aufzählung von Fakten persönlich angegriffen fühlten. Was hatten sie mit den hexenjagenden Schergen des Mittelalters, mit vergewaltigenden Kriegshorden, mit frauenfeindlichen Internetstalkern oder prügelnden Unterdrückern zu tun? Nichts. Anstatt die Geschichte der weiblichen Sexualität interessiert, entsetzt oder meinetwegen auch gleichgültig zur Kenntnis zu nehmen, unterstellten sie mir eine Verdrehung, zumindest aber eine Hervorhebung bestimmter historischer und aktueller Fakten.

War die stoische Leugnung unbequemer Tatsachen ein Resultat der unbewussten Identifikation mit den männlichen Vorfahren? Auch ich spürte sie ja, eine Verbindung zu meinen Geschlechtsgenossinnen der letzten Jahrhunderte: Ich fühlte mit ihnen, ich empörte mich für sie, ich ärgerte mich über sie und trauerte um das, was ihnen zugefügt worden war. Aber ich denke nicht grundsätzlich in männlichen und weiblichen Kategorien, und so mag ich nicht grundsätzlich von weiblichen Opfern und männlichen Tätern sprechen, auch wenn diese Dichotomie in der Geschichte oft zu finden ist. Frauen sind keine besseren Menschen als Männer. Macht kann von jedem Geschlecht missbraucht werden. Wer allerdings die Macht hat, ohne sie an sich gerissen zu haben, möchte nicht dafür kritisiert werden. So erklärt sich, warum auch Männer, die sich selbst nicht für frauenfeindlich halten, empfindlich oder genervt reagieren auf die Kritik am Status quo. Wir alle übersehen es leicht: Man braucht sich nicht privilegiert zu fühlen, um privilegiert zu sein.

»Was kann ich tun, damit du ruhig bleibst und mir zuhörst?«, fragte ich einmal einen langjährigen Freund von mir, der seit einer halben Stunde versuchte, mich vom Gegenteil der Faktenlage zu überzeugen. Er überlegte eine Weile und schlug dann vor: »Du könntest einige Punkte sanfter verpacken.« Ein Mann verlangt von einer Frau, Ungerechtigkeiten, die zu Lasten der Frau gehen, sanfter zu verpacken – ich wurde so wütend, dass ich keine Lust mehr hatte, das Gespräch mit ihm fortzusetzen. Am nächsten Tag aber, als ich mich wieder beruhigt hatte, konnte ich meinen Freund wider Willen verstehen. Er zeigte die gleiche Reaktion, die wir haben, wenn wir eine Dokumentation über Massentierhaltung sehen, umschalten und denken: »So schlimm geht es den Tieren nicht überall, das ist ein schrecklicher Ausnahmebetrieb«, damit es uns möglich ist, am nächsten Morgen wieder Milch in unseren Kaffee zu gießen und Käse zu essen. Es ist die gleiche Reaktion, wie wenn wir günstige Klamotten kaufen und verdrängen, dass es irgendwo auf der Welt Menschen gibt, die sie unter unsäglichen Bedingungen hergestellt haben.

Es kann sehr unangenehm sein, mit den hässlichen Auswüchsen der Realität konfrontiert zu werden. Wir möchten uns schützen. Wir möchten uns abwenden. Wir möchten nichts damit zu tun haben. Aber je mehr wir uns abwenden, desto leichter setzt sich das fort, was uns zu schaffen machte, sähen wir hin. Der Wunsch, keine Schuld zu tragen, erfüllt sich nur, wenn wir Verantwortung übernehmen und ihr nicht ausweichen.

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass starre, unbewusste Rollen uns einengen, beide Geschlechter, Männer wie Frauen. Ein Beweis dafür sind die Abende mit meinen Freunden, wo ein paar Sätze genügten, um die Geschlechter gegeneinander aufzubringen und jeden Einzelnen mit seiner Ohnmacht ringen zu...

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