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Das Elend der Suchtprävention

Analyse - Kritik - Alternative

AutorStephan Quensel
VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl465 Seiten
ISBN9783531923529
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis42,25 EUR
Alle Ansätze einer schulbezogenen Sucht-Prävention, die heute nahezu ausschließlich aus einer sucht-therapeutischen Defizit-Perspektive heraus betrieben wird, sind gescheitert. Eine alternative, jugendsoziologisch begründbare Drogen-Erziehung zur Drogenmündigkeit stößt auf erhebliche Denkbarrieren. Das innere Funktionieren dieses Präventions-Dispositivs wie dessen gesellschaftliche Funktionen werden aus wissens- und professionssoziologischer Sicht untersucht, um Hinweise für eine Alternative geben.

Stephan Quensel ist pensionierter Professor am Institut für Drogenforschung (BISDRO) an der Universität Bremen.

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Leseprobe
These 6 (S. 300-301)

Die Sucht-Prävention verdeckt die realen Probleme, die an sich Aufgabe einer strukturellen Prävention sein müssten.

„Wir sind im Begriff, eine ganze Generation um ihre Zukunft zu betrügen, dachte er. Junge Menschen, die eine Schule besuchen, in der die Lehrer auf verlorenem Posten stehen, mit zu großen Klassen und schrumpfenden Mitteln. Junge Menschen, die nie auch nur eine Chance bekommen, einer sinnvollen Arbeit nach zu gehen. Die nicht nur nicht gebraucht werden, sondern sich als direkt unwillkommen fühlen. In ihrem eigenem Land.“ (H. Mankell: Die Brandmauer. DTV 2003,451)

Es entspräche wohl einem neumodisch neoliberal-ökonomischen Denken, solche unzulänglichen und möglicherweise schädlichen Präventionsbemühungen völlig ein zustellen, den Nikotin-Konsum Jugendlicher in das Betäubungsmittelgesetz einzufü gen und die anderen als unverbesserlich ihrer Sucht zu überlassen.

Eben so, wie sei nerzeit das "nothing works" in perverser Koalition zwischen berechtigter Kritik und klammen Finanzministern das Ende unserer Resozialisierungs- Bemühungen bei Ge fangenen einleitete. Doch würde man damit kaum eines der ‚realen‘ Probleme lösen, auf die sich auch die Sucht-Prävention berufen kann. Wir geraten damit an eines der zentralen Probleme gegenwärtiger Sozialarbeit.

Auf der einen Seite muss sie solche ‚realen Probleme‘ als Existenz-Basis ihrer Arbeit be tonen, im Wissen darum, dass die damit verbundene Defizit-Orientierung stigmatisie rend schaden oder normierend kontrollieren kann. Und auf der anderen Seite wird sie zu deren Lösung angesichts der Schwierigkeiten ‚strukturell‘ orientierter Prävention stets doch wieder auf die leichter zugänglichen individuellen Risiko-Personen zurück greifen und damit eben deren Risiken weiter verfestigen. Auch in dieser sechsten These folge ich der zu Beginn der vorangegangenen These angesprochenen Frage, wie sich eine – hegemonial auftretende – kulturelle Definitions-Macht im dynamisch interaktiven Miteinander und Gegeneinander auswirken kann, welche ernsthaften Folgen also dieser Defizit-orientierte Deutungs-Horizont mit sich führt.

Ein Denk-Rahmen, der von einem allgemeineren Drogen-Dispositiv entwickelt wird, ein Dispositiv, in dem auch die "Sucht"-Prävention eingebettet ist, von dem her sie ihre Legitimation bezieht und das sie zunehmend an vorderster Front (bei Kindern und Jugendlichen) mit vorantreibt. Während ich in der vorangegangenen These aufzeigte, wie die Sucht-Prävention mit ihrem Defizit-Ansatz ihr kulturelles Schema – rahmengebend – in den Köpfen vor allem der Jugendlichen und ihrer unmittelbaren Umgebung verankern kann, werde ich jetzt dessen besser sichtbare Auswirkung auf die Ausbildung und Verfestigung sogenannter Sucht-Karrieren darlegen.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis6
Vorwort zur zweiten Auflage11
Literatur zum 2. Vorwort23
Vorwort: Jugendhilfe oder Drogenarbeit?26
Vorbemerkung zur Schwierigkeit eines kritischen Diskurses33
These 1 Die gegenwärtigen Präventionsprogramme sind weitgehend gescheitertihre Ziele sind unklar, ihre Evaluation versagt37
These 1.1 Das Scheitern der Prävention40
1. Horror, Information, Kompetenz40
2. Drei Beispiele: >Lions Quest< >Hutchinson< >Healthy for Life<44
3. Probleme des >Kompetenz-<-Ansatzes48
4. Trotz zunehmender Prävention steigt der Drogenkonsum53
5. Ist harm-reduction eine Alternative?56
These 1.2 Das Scheitern der Evaluation60
Das Scheitern der Prävention wird ergänzt durch das Scheitern ihrer Evaluation.60
1. Das Problem der Follow-up-Zeiträume62
2. Das Problem der Zwischenvariablen, insbesondere das ‚Wissen‘63
3. Der Blick auf den Erfolg übersieht die unerwünschten Folgen65
4. Methodische Probleme67
5. Das Interesse der evaluation-industry70
These 1.3 Ein Beispiel: >Be Smart – Don’t Start<71
1. Das Projekt und seine Ergebnisse71
2. Die methodischen Probleme73
3. Ein vorläufiges Fazit77
These 1.4 Das Aufschieben des Konsum-Beginns als Ziel?78
1. Die Gateway-These80
2. Legitimierende Begründungen86
3. Theorie: von der >Transition proneness< zum >problem behavior<90
4. Die fünf wichtigsten Problempunkte94
These 1.5 Vier abschließende Anmerkungen96
1. Wie gewinnt man einen Überblick?96
2. Wer forscht?98
3. Was wäre zu übernehmen?99
4. Produziert die Prävention das Übel?100
These 2 Die Sucht-Prävention begreift Drogen, Drogenkonsum und Drogen-Konsument vom negativen Ende her.102
1. „Heilen statt strafen“ und „Vorbeugen ist besser als Heilen“105
2. Zur historischen Wurzel dieses Denkens107
3. Die medizinisch-strafrechtliche Perspektive111
4. Diese Perspektive färbt selbst noch die alternativen Ansätze112
5. Die Struktur der Defizit-Perspektive114
These 2.1 Die Gefahren der Droge die Droge als Gefahr116
1. Die ambivalente Doppelbedeutung der Droge116
2. Die Negativ-Perspektive der legalen Drogen118
3. Der Sucht-Charakter des Nikotins121
4. Gibt es eine alternative Sichtweise?122
5. Ein erstes Fazit123
These 2.2 Rausch und Sucht: Modelle des Drogenkonsums?125
1. Rausch und Sucht als Gegenbild des rationalen Handelns126
2. Probleme und Risiken des Sucht-Konzepts136
3. Sucht? Vier kritische Analysen145
4. Das Sucht-Dispositiv153
These 2.3 Der schlechte Konsument160
1. Der ätiologische Blick163
2. Der riskierte Jugendliche in der ‚Theorie‘171
3. Jugendliche als Opfer, Täter und Risiko-Faktor177
4. Das Leitbild des >Risikos<180
These 3 Die Sucht-Prävention gründet in und beteiligt sich an einem kulturellausgetragenen Konflikt zwischen den Generationen.191
These 3.1 Was soll man hier unter >Kultur< verstehen?196
1. Zum Konzept der >Kultur<196
2. Was heißt >Jugendkultur<199
3. Kultur und Droge202
4. Kultur und Drogen-Diskurs: Theorien205
These 3.2 Die Suchtprävention im Generationen-Konflikt207
1. Im Drogen-Dispositiv verankert209
2. Drogen-Politik als Kampfmittel211
3. Macht, Interessen, Normalisierung213
4. Zum >irrationalen< Hintergrund216
These 4 Die Sucht-Prävention kann die Realität der Peergruppe nicht adäquaterfassen.221
1. Die Peergruppe223
2. Wie finden wir Risiko-Gruppen233
3. „Unsere Jugend heute“: Befunde der Jugendsoziologie242
4. Drei unerwünschte Konsequenzen249
5. Ein anderes Fazit257
These 5 Die Suchtprävention gefährdet die jugendliche Identitäts-Arbeit zwischenAblösung und Peergruppen-Beziehung.259
1. Das ‚dynamische Dreieck‘: Ablösung und Peergruppen-Beziehungen262
2. Was heißt >Identität<272
3. Die identitätsstiftende Rolle der Droge277
4. Identität heute285
5. Die Rolle der Sucht-Prävention289
6. Die Denkblockade der Wissenschaft293
These 6 Die Sucht-Prävention verdeckt die realen Probleme, die an sich Aufgabeeiner strukturellen Prävention sein müssten.296
1. Drogen-Probleme: Entwicklung und kulturell vorgeformte Karriere298
2. Wenn die soziokulturellen und ökonomischen Ressourcen fehlen304
3. Ansatzpunkte für eine strukturelle Prävention306
4. AIDS-Hilfe und Empowerment-Ansatz liefern ein Modell312
These 7 Drogen-Erziehung setzt Vertrauen zwischen den Beteiligten voraus.Vertrauen erwächst aus richtiger Information.317
1. Was heißt Vertrauen?319
2. Dies gilt auch für die Sekundär-Prävention322
3. Wie werden Drogen-Informationen vermittelt324
4. Das Problem der ‚angemessenen Sprache‘328
5. Zur Rolle des Drogenwissens330
6. Zur Aufklärung der Erwachsenen332
These 8 Das Nah-Ziel einer Drogenerziehung besteht darin, die >Drogenmündigkeit334
1. Voraussetzungen einer Erziehung zur Drogenmündigkeit335
2. Ansätze zu einer Erziehung zur Drogenmündigkeit342
3. Drogenspezifische Information und Drogen-Regeln347
4. Ehemalige und Peer-support350
5. Harm-reduction oder Angst vor Abhängigkeit?353
These 9 Als Fernziel fördert Drogenerziehung gegenseitiges Verständnis,Toleranz und Solidarität.357
1. Die Perspektive des ‚Anderen‘, Toleranz und Solidarität361
2. Den Umgang mit anderen kulturellen Bedeutungen lernen364
3. Die Drogen-Erziehung löst das Problem der ‚einen Schul-Klasse‘365
These 10 Einzelheiten einer Drogenerziehung sind in der Schule von allen Beteiligtengemeinsam zu erarbeiten.367
1. Das Umfeld der Schule als wichtigste Komponente368
2. ‚System-wide change‘ Programme als Ansatzpunkt ?372
3. Was wäre bei einer Umsetzung zu beachten?375
4. Fünf wichtige drogenspezifische Inhalte einer Drogenerziehung379
Nachwort Zum Funktionieren des Präventions-Dispositivs382
1. Die Praxis383
2. Die Wissenschaft385
3. Das Dispositiv388
4. Die Moral von der Geschicht’391
Literatur396
Anmerkungen425
These 1426
These 1.1426
These 1.2429
These 1.3431
These 1.4433
These 1.5433
These 2434
These 2.1435
These 2.2438
These 2.3440
These 3443
These 4445
These 5448
These 6449
These 7451
Thesen 8, 9452
These 10454
Nachwort456
Index: Namen und Personen457

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