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E-Book

Das Ende der Männer

und der Aufstieg der Frauen

AutorHanna Rosin
VerlagBerlin Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl400 Seiten
ISBN9783827076304
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Ist die jahrtausendealte Herrschaft des Patriarchats am Ende? Noch nicht, sagt Hanna Rosin, doch die massiven Veränderungen der Berufswelt und des Bildungssystems haben eine Dynamik in Gang gesetzt, die das Verhältnis zwischen den Geschlechtern nachhaltig verändert. So scheinen viele Anforderungen der modernen Dienstleistungsgesellschaft - Flexibilität, soziale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit - eindeutig Frauen in die Hände zu spielen, während Männer oft von den Umwälzungen überfordert sind. Hanna Rosin zeigt - frei von ideologischen Prämissen -, wie sich heute das Leben von Männern und Frauen unterscheidet, wie sehr sich die Art und Weise geändert hat, wie heute gearbeitet, gelernt, zusammengelebt wird. Differenziert und mit vielen konkreten Beispielen gelingt es Rosin, die Chancen und Schattenseiten des 'weiblichen Jahrhunderts' in den Blick zu nehmen. 'Das Ende der Männer' ist keine feministische Streitschrift, keine Prophezeiung, sondern eine messerscharfe, weitsichtige Diagnose.

Hanna Rosin hat in Stanford studiert und arbeitet als Journalistin u. a. für SLATE, THE ATLANTIC, THE WASHINGTON POST und THE NEW YORKER. Ihre Beiträge wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet und stießen in den USA oftmals kontroverse Debatten an. Der Artikel 'The End of Men' aus dem Jahr 2010 machte sie auch einem internationalen Publikum bekannt. Hanna Rosin lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Washington, D. C.

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Leseprobe
Einleitung Diese Welt hat immer den Männern gehört: Keiner der Gründe, die dafür angegeben werden, erscheint ausreichend. Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht Im Jahr 2009 bemerkte ich in der Küstenstadt, wo ich mit meiner Familie seit Jahren Urlaub machte, etwas Seltsames: Wenn ich mich von den gemieteten Häusern der Urlauber entfernte und zum Beispiel zum Supermarkt oder zur Eisdiele ging, sah ich kaum noch Männer. Auch am Samstagabend auf dem Rummelplatz waren kaum welche da, und am Sonntagmorgen auf den Parkplätzen vor den Kirchen stiegen kaum mehr welche aus den Autos, wie sie es in früheren Zeiten getan hatten. Wir waren in einer wohlhabenden Arbeiterstadt, in der eines der wichtigsten Gewerbe immer der Bau gewesen war. Ich erinnerte mich, dass in früheren Jahren selbst an Samstagen Gruppen von Männern in Pick-ups die Hauptstraßen entlangfuhren. Jetzt aber waren kaum mehr Pick-ups unterwegs, aber viele Chevys und Toyotas mit Frauen und Kindern, die ihren Wochenendaktivitäten nachgingen. Eines Nachmittags stieß ich bei einem hektischen Einkauf im Supermarkt mit dem Einkaufswagen einer anderen Frau zusammen. Dabei fielen ein paar Müsliriegel zu Boden, die auf einer Riesenpackung Cheerios gelegen hatten. Ich entschuldigte mich, und sie verzieh mir. Ja, sie entpuppte sich sogar als eine gesprächsbereite Fremde. Sie hieß Bethenny und sagte, sie sei neunundzwanzig und betreibe in ihrem Haus eine Kindertagesstätte (deshalb die Riesenpackung Frühstücks- Cerealien). Außerdem studierte sie, um einen Abschluss als Pflegekraft zu machen, und sorgte für eine zehnjährige Tochter. Weil sie so entgegenkommend war, wagte ich mich näher an den Kern der Sache. Ob sie verheiratet sei?, fragte ich. Nein. Ob sie gern verheiratet wäre? Irgendwie schon, sagte sie. Dann gab sie einen halbironischen Wunschtraum über einen Doppelgänger von Ryan Reynolds zum Besten, der auf einem weißen Pferd oder vielleicht auch nur in einem weißen Chevy daherkommt. Ob es denn irgendeinen normalsterblichen Mann gebe, der für diese Rolle in Frage komme. »Na ja, da ist Calvin«, sagte sie und meinte damit den Vater ihrer Tochter. Sie schaute zu ihrer Tochter hinüber, warf ihr einen Müsliriegel zu und beide lachten. »Aber mit Calvin hätten wir zwei einfach einen Müsliriegel weniger.« Bethenny hatte offenbar in vieler Hinsicht zu kämpfen. Als ich sie an der Kasse wiedersah, stritt sie gerade wegen irgendwelcher Gutscheine herum. Trotzdem war sie nicht gerade der Typ der mitleiderregenden alleinerziehenden Mutter. Ihr Lachen hatte echte Freude ausgedrückt, eine Art geheimes Einverständnis mit ihrer Tochter, die Müsliriegel selbst zu behalten. Ohne es direkt zu sagen, hatte sie mir zu verstehen gegeben, was ihre Tochter offenbar schon verstanden und akzeptiert hatte. Wenn sie Calvin auf Distanz hielt, blieb sie Herrin im Haus, und wenn sie ein Maul weniger stopfen musste, ging es ihr und ihrer Tochter vielleicht sogar besser. Wie kam es, dass der Vater ihres Kindes so wenig Einfluss auf sie hatte? Wie kam es, dass sein Wert gegen den einer Süßigkeit aufgewogen werden konnte? Ich traute mich, sie zu fragen, ob ich mit Calvin Kontakt aufnehmen dürfe, und sie gab mir bereitwillig seine Telefonnummer. Im Lauf der nächsten paar Monate sprachen Calvin und ich alle paar Wochen miteinander. Dabei versuchte ich herauszufinden, wie er so unsichtbar geworden war. Er war ein netter, ernsthafter Mensch, und es war nicht schwer, ihn zu mögen. Er erzählte von den vielen Jobs, die er schon gemacht und gehasst hatte, und ich gab ihm gute Ratschläge in Bezug auf die Arbeit und andere wichtige Dinge. (Zum Beispiel erklärte ich ihm, wie man die Mikrowelle im 7-Eleven bedient, eine permanente Quelle der Frustration, wenn er dort seine Mittagsmahlzeit kaufte.) Ich kam auf den Gedanken, eine Geschichte darüber zu schreiben, was im postindustriellen Zeitalter mit Typen wie Calvin passierte, und hoffte, er könnte mir vielleicht helfen, das Rätsel der fehlenden Männer zu lösen. Die Begriffe Mancession und He-cession für eine Rezession, durch die vor allem Männer arbeitslos werden, hatten in jenem Jahr eine wichtige Rolle in den Schlagzeilen gespielt. Dabei sollte die etwas verkrampfte Eleganz der Wortschöpfungen wohl die schmerzliche Tatsache erträglicher machen, dass die Opfer dieser jüngsten ökonomischen Katastrophe traditionelle Familienernährer wie Calvin waren. Ich fragte mich, wie diese Männer, die schon von der Rezession der 1990er Jahre arg gebeutelt worden waren, fast 20 Jahre später, nach dieser neuen Serie von Schlägen, wohl dastanden. Und wie sie wieder in ein normales Leben zurückfinden würden. Ich hoffte, so lange mit Calvin in Kontakt bleiben zu können, bis er den Familieneinkauf wieder zahlen könnte und nach Hause zurückkehren würde. Ein Teil von mir stellte sich immer noch irgendeine ferne Zukunft vor, in der Calvin und Bethenny wie in der Serie »Can this Marriage Be Saved« aus dem guten alten Ladies' Home Journal wieder zusammenkommen und mit ihrer Tochter ein glückliches Trio bilden würden, eine Zukunft, in der sich die Straßen der Stadt als dramatischer Höhepunkt der Serie endlich wieder mit Männern bevölkern würden. Aber als ich meine Gespräche mit Calvin führte und das Problem immer genauer recherchierte, entdeckte ich, dass ich mit den falschen Fragen begonnen hatte. Calvin und seine Freunde versuchten gar nicht mehr, in die Leben zurückzukehren, die sie einst geführt hatten, weil es diese Leben überhaupt nicht mehr gab. Ich verstand allmählich, dass sich Wirtschaft und Kultur grundlegend verändert hatten, und zwar nicht nur in Bezug auf die Männer, sondern auch in Bezug auf die Frauen. Beide Geschlechter würden sich an eine ganz neue Art, zu arbeiten und zu leben und sogar zu lieben, anpassen müssen. Calvin würde nicht mit einem Chevy vorfahren und seinen alten Platz am Kopf der Tafel wieder einnehmen, weil dort schon Bethenny saß, ganz zu schweigen davon, das sie die Monatsraten für die Hypothek, die Renovierung der Küche und ihren eigenen Gebrauchtwagen zahlte. Bethenny tat zu viel, aber es funktionierte, und sie hatte ihre Freiheit. Warum sollte sie das alles aufgeben wollen? Meine Geschichte handelte jetzt nicht mehr davon, wie tief die Männer gesunken waren; diese Entwicklung war schon seit mehreren Jahrzehnten im Gange und mehr oder weniger abgeschlossen. Das neue Thema bestand darin, dass die Frauen die Männer zum ersten Mal in der Geschichte in vieler Hinsicht übertroffen hatten. Die Calvins und die Bethennys, wir alle, hatten das Ende einer zweihunderttausendjährigen Periode der Menschheitsgeschichte und den Beginn einer neuen Ära erreicht, und es gab kein Zurück. Sobald ich mich dieser Möglichkeit stellte, erkannte ich, dass es überall Hinweise auf sie gab und wir alle nur durch jahrhundertelange Gewohnheiten und Traditionen daran gehindert wurden, sie zu sehen. Nach vielen weiteren Interviews und Recherchen war ich in der Lage, eine plausible Geschichte zu erzählen. Während der großen Rezession ab 2007 waren drei Viertel der 7,5 Millionen Arbeitsplätze, die in den USA verloren gingen, männliche Arbeitsplätze. Die am schwersten betroffenen Branchen hatten in der weit überwiegenden Mehrheit männliche Beschäftigte und ein ausgeprägtes Macho-Image: Bau, Industrieproduktion, Finanzmanagement. Einige dieser Arbeitsplätze entstanden wieder, aber insgesamt ist die Veränderung weder zufällig noch vorübergehend. Durch die Rezession wurde lediglich ein tiefgreifender wirtschaftlicher Wandel erkennbar (und beschleunigt), der schon 30 Jahre und in mancher Hinsicht sogar noch länger andauert. Im Jahr 2009 waren in den USA zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte mehr Frauen als Männer beschäftigt, und die Frauen stellen auch heute noch etwa die Hälfte der amerikanischen Beschäftigten. (Das Vereinigte Königreich und mehrere andere Länder erreichten den Umschlagpunkt ein Jahr später.) An allen Hoch- und Fachschulen auf der ganzen Welt mit Ausnahme Afrikas sind Frauen in der Überzahl. In den Vereinigten Staaten zum Beispiel kommen auf zwei Männer, die einen Bachelor of Arts machen, jeweils drei Frauen. Von den 15 Kategorien von Tätigkeiten, deren Zahl in den USA im kommenden Jahrzehnt vermutlich am stärksten zunehmen wird, werden 12 primär von Frauen ausgeübt. Tatsächlich ist die US-Wirtschaft in mancher Hinsicht mehr und mehr von einer Art rotierender Schwesternschaft geprägt: Frauen werden berufstätig und verlassen den Haushalt und schaffen damit Haushaltsjobs für weitere Frauen. Unsere riesige notleidende Mittelschicht, in der die Unterschiede zwischen Männern und Frauen am größten sind, wird langsam zu einem Matriarchat, in dem die Zahl der Männer sowohl unter den Beschäftigten als auch in den Haushalten mehr und mehr schwindet und in dem Frauen alle Entscheidungen treffen. In der Vergangenheit waren die Männer vor allem wegen ihrer Körpergröße und Körperkraft im Vorteil, aber in der postindustriellen Wirtschaft ist Muskelkraft unwichtig geworden. In einer Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft werden genau die gegenteiligen Eigenschaften belohnt, nämlich solche, die nicht so leicht durch Maschinen zu ersetzen sind. Diese Eigenschaften - soziale Intelligenz, Kommunikationsfähigkeit, die Fähigkeit, stillzusitzen und sich zu konzentrieren - sind keine vornehmlich männlichen Skills, ja sie scheinen sogar bei Frauen weiter verbreitet zu sein. In den ärmeren Regionen Indiens lernen die Frauen schneller Englisch als die Männer, um den Anforderungen der neuen globalen Call-Center gerecht zu werden. In China sind mehr als 40 Prozent der Privatunternehmen im Besitz von Frauen; dort ist ein roter Ferrari das Statussymbol der Unternehmerin. Im Jahr 2009 machten die Isländer Johanna Sigurdardottir zu ihrer Ministerpräsidentin; sie wurde die erste offen lesbisch lebende Staatschefin der Welt. Sigurdardottir hatte das Ende des »Testosteronzeitalters« propagiert und ihren Wahlkampf ausdrücklich gegen die männliche Elite geführt, die ihrer Aussage nach das isländische Bankensystem zerstört hatte. Wirtschaftliche Veränderungen können kulturelle Verschiebungen und Verzerrungen auslösen, und in einigen Ländern hat die neue Spezies der Powerfrauen einen Schock ausgelöst. In Japan herrscht helle Aufregung wegen der sogenannten »Pflanzenfresser«, einer Schar junger Männer, die sich weigern, mit Frauen auszugehen oder Sex mit ihnen zu haben. Sie verbringen ihre Zeit lieber mit Gartenarbeit oder der Organisation von Kaffeekränzchen und benehmen sich wie Karikaturen des Weiblichen. Die Powerfrauen, vor denen sie angeblich zu viel Angst haben, um mit ihnen auszugehen, werden als »Fleischfresserinnen« und manchmal auch als »Jägerinnen « bezeichnet. In Brasilien finden sogenannte »Tränenmänner « immer mehr Verbreitung, kirchlich organisierte Männergruppen, die die wachsende Anzahl von Männern trösten, deren Frauen mehr verdienen als sie. Diese Veränderungen reichen weit in die intimen Beziehungen zwischen Paaren hinein und verändern weltweit die Einstellung, die Männer und Frauen zu den Themen Liebe, Ehe und Sex haben. In Asien, wo die Frauen immer mehr an Macht gewinnen und sich mehr und mehr von dem traditionellen kulturellen Ideal der perfekten Ehefrau distanzieren, liegt das durchschnittliche Heiratsalter der Frau inzwischen bei zweiunddreißig, und die Zahl der Scheidungen nimmt explosionsartig zu. Das Missverhältnis zwischen traditionell gesinnten Männern und fortschrittlichen Frauen hat zu einem internationalen Heiratsmarkt geführt, auf dem Männer aus der ganzen Welt Frauen suchen, deren Werte (noch) mit ihren eigenen übereinstimmen. Im Westen bringen Frauen ihre sexuellen Bedürfnisse inzwischen mit einer Offenheit zum Ausdruck, die noch vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen wäre. In den Vereinigten Staaten sind die Veränderungen in den Geschlechterbeziehungen je nach sozialer Schicht sehr unterschiedlich, ja fast gegensätzlich. Dieser Punkt führt stets zu Verwirrung, weshalb ich zwei Kapitel über eheliche Beziehungen geschrieben habe und nicht nur eins. Unser Land spaltet sich in zwei auseinanderstrebende Gesellschaften, die jeweils durch bestimmte Ehestrukturen gekennzeichnet sind. Die eine Gesellschaft besteht aus den 30 Prozent der Amerikaner, die über einen Hochschulabschluss verfügen, und die andere besteht aus allen anderen: aus den Armen, aus der Arbeiterschicht und aus der Gruppe, die die Soziologen als »mäßig gebildete Mitte« bezeichnen. Damit meine ich Personen, die einen Highschool-Abschluss und eine gewerbliche Ausbildung und manchmal auch Hochschulerfahrung haben, aber keinen vollwertigen Hochschulabschluss besitzen. In dieser großen zweiten Gruppe geht der Aufstieg der Frau mit der langsamen Erosion der Institution Ehe und sogar mit wachsendem Zynismus in Bezug auf die Liebe einher. Während die Frauen in dieser Gruppe ihr Los langsam verbessern, stellen sie zugleich höhere Anforderungen an die Ehe: einen Mann, der wie Ryan Reynolds aussieht, mit weißem Chevy. Doch die Männer aus ihrer Schicht werden diesen Anforderungen nicht gerecht. Sie halten vielleicht noch am traditionellen Ideal des männlichen Ernährers fest, können es aber längst nicht mehr erfüllen. Aus dieser Schicht stammen unsere romantischen Vorstellungen von Männlichkeit, die seit Generationen die Texte der Countrysänger und die Reden der Politiker inspirieren. Heute jedoch hält die heranwachsende Generation dauerhafte Liebe für eine Fiktion, die nur noch in diesen Popsongs und Reden überlebt hat. In der gebildeten Klasse hat die neue wirtschaftliche Macht der Frauen zu einer Renaissance der Ehe geführt. Paare mit Hochschulabschluss sind viel flexibler in Bezug darauf, wer welche Rolle spielt, wer wie viel Geld verdient, und in gewissem Ausmaß auch darauf, wer die Kinderlieder singt. Sie gehen über das Konzept der Gleichheit hinaus und entwickeln ganz neue Ehemodelle. Diese neue Ehe, in der das Verdienstverhältnis zwischen Mann und Frau vierzig zu sechzig oder achtzig zu zwanzig betragen und sich binnen ein oder zwei Jahren durchaus umkehren kann, so dass jeder Partner einmal die Befriedigung hat, mehr zu verdienen, nenne ich »Ehe mit wechselnden Rollen«. Immer mehr Frauen aus der Oberschicht werden eine Zeitlang Alleinverdiener, und dank dieser neuen Freiheit bezeichnen viele dieser Paare ihre Ehe als »glücklich« oder »sehr glücklich«. Schon eine »glückliche « Ehe kann jedoch mit versteckten Komplikationen verbunden sein. Als ich Paare aus dieser Schicht interviewte, merkte ich, dass die Männer, selbst wenn sie das Kästchen für glücklich ankreuzten, nicht annähernd so bereit oder scharf darauf waren, eine neue Rolle auszufüllen, wie die Frauen. Tatsächlich stieß ich bei all meinen Interviews immer wieder auf ein Duo, das wie aus einem Comic entsprungen wirkte: die »Plastikfrau« und der »Mann aus Pappe«. Die Plastikfrau vollbringt schon ein ganzes Jahrhundert lang wahre Wunder an Flexibilität. Sie hat zunächst fast gar nicht und dann nur bis zur Ehe gearbeitet, dann auch während der Ehe und schließlich auch als Mutter von Kindern und sogar von Säuglingen. Wenn sie die Gelegenheit sieht, mehr zu verdienen als ihr Mann, greift sie zu. Sobald sie sich in der Öffentlichkeit nicht mehr damenhafter Zurückhaltung befleißigen muss, kann sie durchaus einen Wirtshausstreit vom Zaun brechen. Wenn sie damit durchkommt, bis weit über dreißig unverheiratet zu bleiben und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, tut sie auch das. Und wenn die Zeiten sexuelle Abenteuerlust verlangen, ist sie auch in dieser Beziehung aufgeschlossen. Sie hat einen geradezu napoleonischen Eroberungsdrang. Während sie sich eifrig Neues erschließt, hält sie zugleich am Alten fest und produziert damit ein ganz neues Sortiment existenzieller Zwickmühlen (zu viel Arbeit und zu viel häusliche Verantwortung, zu viel Macht und zu viel Verwundbarkeit, zu viel Nettigkeit und nicht genug Glück). Studien, die die Karriere von Frauen verfolgen, nachdem sie den Master of Business Administration gemacht haben, haben sogar eine neue Superspezies der Plastikfrau entdeckt. Sie verdient mehr als weibliche Singles und genauso viel wie Männer. Sie hat Kinder, aber sie arbeitet so viel im Beruf, als ob sie keine hätte. Sie ist die Mutantin, die von unserer Gesellschaft heute am meisten belohnt wird, ein Mensch, der die alten weiblichen und männlichen Pflichten gleichzeitig erfüllt, ohne dabei irgendwie kürzerzutreten. Der Mann aus Pappe hingegen ändert sich fast gar nicht. Ein Jahrhundert kann vergehen, und sein Lebensstil und seine Ziele sind immer noch fast die Gleichen. Viele Berufe, in denen früher nur Männer tätig waren, werden heute auch von Frauen ausgeübt, aber umgekehrt ist dies kaum der Fall. Fast ein Jahrhundert lang beruhte der männliche Selbstwert auf dem Beruf, den der Mann ausübte, oder auf seiner Rolle als Familienoberhaupt. »Bergmann« oder »Kranführer« waren früher vollständige Identitäten, die den Mann mit einer langen Traditionslinie von Männern verbanden. Und sie schlossen die Funktion als Familienoberhaupt mit ein.
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