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Das Ende des Römischen Reiches!

AutorHans-Peter von Peschke
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783806226577
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Wendepunkte der Geschichte - alle Hintergründe und Fakten! Das Römische Reich, einst Herrscher der Welt und Träger einer großartigen Kultur - doch letztlich wurde es mit einem schnöden formalen Akt abgeschafft. Aus damaliger Sicht kaum mehr als eine Randbemerkung der Weltgeschichte: Der Offizier Odoaker, Sohn eines Hunnen und einer Germanin, setzt am 28. August 476 den letzten römischen Kaiser ab und lässt sich zum König von Italien ausrufen. Diesen bedeutungslosen Jungen mit dem Spottnamen Augustulus, das Kaiserchen, zu töten, hält der Rebell gar nicht mehr für nötig, so ungefährlich schien er ihm. Es ist der letzte Schritt eines langen Untergangs. Für spätere Generationen markiert dieser Tag das Ende der Antike. Die Menschen tauschen wieder wie vor Jahrhunderten ihre Waren, vergessen technische Errungenschaften. Lange, düstere Jahrhunderte brechen an. Manchmal verändern wenige Minuten, eine einzige Entscheidung, ein kurzer Impuls oder ein perfekter Plan den Lauf der Geschichte. Die Eilmeldungen der Nachrichtenagenturen überschlagen sich - sofern Ticker und Korrespondenten schon erfunden sind. Für so entscheidende Ereignisse hätte jeder Fernsehsender sein Programm unterbrochen. Die Reihe »Wendepunkte der Geschichte« greift diese Höhepunkte heraus und bettet sie in ihren Zusammenhang ein: Was waren die Hintergründe, wer die Strippenzieher? Wie ist es zu dem Ereignis gekommen und wie wirkte es sich aus? Mit einem szenischen Einstieg, unterhaltsamen Texten, Karten, Hintergrundinformationen und Schaubildern gehen die Bände den historischen Ereignissen auf den Grund. Der journalistische Stil spricht vor allem ein jüngeres Publikum an.

Hans-Peter von Peschke studierte in Erlangen Geschichte, Gesellschaftswissenschaften und Pädagogik. Der promovierte Historiker war u.a. für den Bayerischen Rundfunk und das Schweizer Radio tätig. Für seine Arbeit als Journalist und Publizist erhielt er mehrere Preise und Auszeichnungen, so den Schweizerischen Journalistenpreis und den Radiopreis der Berner Stiftung für Radio und Fernsehen. Von Peschke ist Autor zahlreicher Bücher.

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Leseprobe

+++ Ein Kindkaiser wird abgesetzt +++


Für die Menschen des Imperiums ist es eigentlich ein ganz normaler Tag. In Rom diskutiert man über das Wagenrennen und die steigenden Getreidepreise. In Konstantinopel ist man froh über das Ende des Bürgerkriegs und sieht den nächsten Intrigen am Kaiserhof gelassen entgegen. Und in Ravenna, der Hauptstadt des Westens, erwartet man die Absetzung des alten und die Ausrufung eines neuen Kaisers. Auch das ist nichts Ungewöhnliches am 4. September im Jahre 1229 nach der Gründung Roms.

4. September 1229 ab urbe condita– 4. September 476 nach Christus


Ravenna, 8 Uhr

Ein Kind hat Angst. Sein Vater ist tot, und jetzt hat auch sein Onkel die letzte Schlacht und sein Leben verloren. Verloren und einsam fühlt er sich in dem riesigen Palast in Ravenna, wo an diesem Morgen selbst die Sklaven versuchen, ihm aus dem Weg zu gehen. Obwohl er doch zumindest dem Namen nach ihr Herr ist, der Herrscher über die fünfzig Millionen Menschen des größten, wenn auch bröckelnden Reiches der Welt, des Imperium Romanum. Romulus haben ihn seine Eltern genannt nach einem der legendären Gründer des ewigen Rom und ihm zur Erinnerung an den ersten großen Kaiser den Namen Augustus gegeben. Oft genug haben ihn die Hofbeamten hinter seinem Rücken Augustulus, Kaiserlein, genannt – die Männer seiner germanischen Leibwache rufen ihn in gutmütigem Spott ganz offen so. Aber das kümmert ihn im Moment nicht, er hat jetzt nur noch Angst. Ist er, obgleich Marionette in den Händen seiner Familie und Kind, einer der römischen Kaiser, die mit dem Schwert entthront werden wie so viele in diesem Jahrhundert?

Konstantinopel, 8 Uhr

An diesem Morgen betet Zeno, Kaiser des Ostens, in der Hagia Eirene, der dem Heiligen Frieden gewidmeten mächtigen Basilika. Er bittet vor allem um inneren Frieden, den er so sehr vermisst hat. Ist er doch gerade aus einem zwanzigmonatigen Exil in Syrien nach Konstantinopel heimgekehrt. Er konnte die Stadt ohne Gegenwehr einnehmen – praktisch alle dem Usurpator Basiliskos verbliebenen Militärs und Beamten waren zu ihm übergelaufen. Dieser elende Versager, denkt er, durch ihn hat er die größte Niederlage seiner Herrschaft erlitten. Mit einem großen Heer hatte er Basiliskos nach Afrika geschickt, aber wegen seiner Überheblichkeit hat dieser den Feldzug gegen die Vandalen verloren. Wie wichtig wäre die Rückeroberung der afrikanischen Provinzen gewesen, denn ohne die Steuern und das Getreide aus Afrika ist Rom verloren, zumindest Westrom.

Als er aufsteht, sieht er in seinem Gefolge den Goten Theoderich, Anführer der Amaler. Zeno kennt ihn schon lange, war er doch jahrelang als Geisel am Hof in Konstantinopel. Ohne ihn und seine Kämpfer, das weiß der Kaiser, hätte er den Thron so schnell nicht zurückgewonnen. Ganz offiziell hat er ihn zu seinem »Waffensohn« ernannt. Auch wenn ihm die Abhängigkeit von dem jungen Gotenfürsten zu schaffen macht, er braucht ihn noch, zunächst einmal gegen dessen eigenes Volk. Wenn er gegen den Namensvetter Theoderich Strabo zieht, ebenfalls einen Goten, der den aufständischen Basiliskos unterstützt hat, will er »seinen« Theoderich sogar zum obersten Heermeister ernennen. Aber dann sollte man ihn loswerden, vielleicht nach Westen ablenken …

Rom, 9 Uhr

Die Ewige Stadt erwacht wie immer in diesen Monaten in brütender Hitze. Die meisten vornehmen Familien sind trotzdem von ihren Landgütern in die Sicherheit ihrer Stadtvillen zurückgekehrt – eine Vorsichtsmaßnahme, denn wieder einmal scheinen Unruhen nicht ausgeschlossen. Marodierende Soldaten, die seit Monaten ihren Sold nicht erhalten haben, haben einige Güter an der Ostküste geplündert. Heermeister Orestes und sein Bruder Paulus – beide aus guten römischen Familien – sind von den meuternden Legionären unter dem Barbaren Odoaker erschlagen worden. Und Romulus Augustulus, das Kind auf dem Kaiserthron, wird den Tag nicht überleben, davon ist man in den Palästen und Mietskasernen Roms überzeugt. Und dann wird das altbekannte Spiel beginnen um die Kaisernachfolge, an dem sich Ostrom, die Senatoren des Westens, die Chefbeamten und die Armeespitze beteiligen …

Ravenna, 9 Uhr

Die ganze Nacht hat Odoaker, von den germanischen Truppen zum »König Italiens « ausgerufen, mit seinen Ratgebern verbracht. Die meisten raten ihm, den Kindkaiser zu töten und sich selbst zum Imperator ausrufen zu lassen. Doch dagegen spricht alle Tradition: Es scheint undenkbar, dass sich der Sohn eines Thüringers und einer ostgermanischen Skirin auf den weströmischen Thron setzt, er ist ja nicht einmal Provinzialrömer! Und wenn er irgendeine Marionette aus dem Senatorenstand oder der Hofbürokratie zum Herrscher des Westens ausrufen lässt? Auch diese Lösung schmeckt Odoaker nicht. Wie schnell kann einer dieser intrigengewohnten Römer höchst eigene Pläne verfolgen! Und dann ist da noch der Kaiser in Ostrom. Ihn gilt es für eine Lösung zu gewinnen, bei der sich Odoaker Zeno zwar unterstellt, aber als »rex Italiae« dennoch ungestört schalten und walten kann …

Ravenna, 10 Uhr

Kindkaiser altern schnell! Sie kennen sich bald so gut aus in den Intrigen wie die Erwachsenen und wissen um alle Gerüchte, die am Hof umgehen. Natürlich hat Romulus Augustulus schnell vom Tod seines Vaters Orestes in der Schlacht von Piacenza erfahren, obwohl ihm das sein Onkel Paulus vorenthalten wollte. Und gestern ist auch dieser mit dem letzten Aufgebot der Getreuen gefallen. Jetzt hat er niemanden mehr – all die Speichellecker um ihn sind verschwunden. Geblieben ist der Mönch Eugippius, sein Beichtvater. Romulus Augustus sieht sich vorsichtig nach allen Seiten um, hastet zur kleinen Basilika San Giovanni Evangelista, der dem Evangelisten Johannes geweihten Hofkirche. Ein Mann in einer Kutte winkt aus dem kleinen Raum seitlich des Altars. Nach schnellem Kniefall eilt der Junge zu Eugippius, der beruhigend auf ihn einredet. Odoaker sei zwar vom Teufel zu seinem Aufruhr angestiftet worden, aber um sein Leben müsse Romulus nicht fürchten, sagt der Mönch. Der Barbar wolle es sich nicht mit den mächtigen Großgrundbesitzern und Senatoren verderben – es würde sich schlecht machen, wenn er seinen Machtantritt mit dem Blut eines Knaben befleckt. Romulus und seine Mutter könnten mit ihm, Eugippius, nach Sizilien kommen, in das »castellum Lucullanum«, ein hochherrschaftliches Haus, er erhalte dazu 6000 Solidi jährliche Apanage. Davon könne er gut leben …

Rom, 11 Uhr

In den Gassen der Ewigen Stadt ist die Lage des Imperiums kein Thema. Dass es irgendwo brennt, ist Alltag. Natürlich hat sich in Rom schnell herumgesprochen, dass Heermeister Orestes im Kampf gegen aufständische Barbarenlegionäre gefallen ist. Wer nach der Beseitigung des Augustulus – dass er in den nächsten Tagen ermordet wird, bezweifelt niemand – Kaiser wird, kümmert höchstens einige Senatoren. Den Mann auf der Straße interessiert viel mehr das Wagenrennen, das am späten Nachmittag im Kolosseum stattfinden wird. Gladiatorenkämpfe gibt es dort nicht mehr – vor genau 150 Jahren hat Kaiser Konstantin sie verbieten lassen. Todeswürdige Verbrecher werden nicht mehr ad bestias verurteilt, sondern ad metalla, zur Zwangsarbeit in den Minen. Immerhin freut sich ganz Rom auf das Schauspiel nach dem Wagenrennen. Wegen anhaltenden Erfolgs wird noch einmal der »Tod des Herkules« aufgeführt, ein überführter Mörder wird am Schluss des Dramas als todwunder Held zum Gaudium des Publikums auf loderndem Scheiterhaufen sterben …

Ravenna, 12 Uhr

Diese Stadt ist tiefste Provinz, denkt der für Finanzen zuständige Senator. Sieht man von den miserablen Reiterspielen im Hippodrom und den spärlichen Dichterlesungen in den Thermen einmal ab, was gibt es da schon an Kultur? Seit dem Tod Kaiser Valentinians – und das ist zwei Dutzend Jahre her – hat sich kein bedeutender Poet oder Dramenschreiber mehr hierher verirrt – in dieser Stadt gibt es nur Militär und Verwaltung. Eigentlich müsste er noch drei Jahre hier ausharren, bis er seine Ämterlaufbahn abgeschlossen hat und nach Rom zurückkehren kann. Aber vielleicht ändert sich schon heute alles. Wer wohl nach dem lächerlichen Kindkaiser auf den Thron kommt? Eigentlich strebt keiner der hier anwesenden Senatoren dieses Amt an, er selbst hat eine vorsichtige Anfrage eines Vertrauten von Odoaker rundweg abgelehnt. Wer den Purpur nimmt, verliert bald den Kopf, lautet ein geflügeltes Wort unter den Hofbeamten. Da spielt er lieber hinter den Kulissen der Macht mit, wo die wirklichen Entscheidungen getroffen werden. Vielleicht braucht es überhaupt keinen eigenen Kaiser mehr für den Westen? Immerhin ist mit Odoaker jetzt ein Barbar Heermeister, der als ehemaliger Chef der kaiserlichen Wache die Verhältnisse gut kennt und weiß, was er verlangen kann und was nicht. Sicher, man wird die Anliegen seiner Germanensöldner irgendwie befriedigen müssen. In diesen sauren Apfel kann man beißen, sagt sich der Finanzsenator. Und wenn Odoaker dafür seine Beziehungen zu den Stämmen in Gallien spielen lässt und dann dort die Plünderungen...

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