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Das Erbe der Phantastik

Zur motivischen und strukturellen Verwendung von Kinderbuchklassikern in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur des 21. Jahrhunderts

AutorAndrea Redlich
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl97 Seiten
ISBN9783638003971
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
Magisterarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft, Note: 2,3, Freie Universität Berlin (Philologisches Institut), 92 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: In beinahe jedem gut geführten Buchladen mit einer eigenen Abteilung für Kinder- und Jugendbücher findet sich ein Regal mit der Kennzeichnung Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Hier trifft man neben aufklärerischen Kindheitsutopien wie Robinson Crusoe, Emil und die Detektive oder Die rote Zora auch Bearbeitungen des romantischen Kindheitsmythos, angefangen bei den Grimmschen Märchen über Heidi bis zu Pippi Langstrumpf und Momo. Ebenfalls in Kinderklassikern hat der Mythos vom bösen Kind seinen Ausdruck gefunden. Buschs anarchische Kinder Max und Moritz, Hoffmanns Struwwelpeter und Zappelphilipp sowie Collodis Pinocchio stehen neben Alice im Wunderland und Winnetou. Was auf den ersten Blick vielleicht nicht besonders auffällig ist, bei näherer Betrachtung jedoch umso deutlicher hervortritt, ist, dass die größte Zahl der allgemein als 'Klassiker' bezeichneten Texte der Kinder- und Jugendliteratur wunderbare oder phantastische Phänomene aufweist.

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Leseprobe

II. Geschichte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur


 

Die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur ist älter, als in den meisten Fällen behauptet wird. Ihre Ursprünge liegen nicht erst in der Zeit der Aufklärung, sondern reichen bis zur Erfindung des Buchdrucks zurück.

 

Die mittelalterliche Kinder- und Jugendliteratur ist allerdings – von wenigen Ausnahmen abgesehen – durchgängig lehrhafter Natur und unmittelbar zweckgebunden. Durch ihre größten Teils lateinische Überlieferung ist sie jedoch weitestgehend eine europäische, keine ausschließlich deutsche Erscheinung und beschränkt sich auf nur wenige Gattungen: Hier finden sich neben religiöser Literatur Werke zur Sprachbildung, Rhetorikerziehung und Realienkunde. Offizien-, Virtus- und Civilitasliteratur führen in das rechte Benehmen ein. Doch es gibt auch vergnüglichere Spruchsammlungen, Fabeln und, was die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur angeht, die Lehrdichtung der späthöfischen Zeit. Die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur dient der höfischen Jugend zur rechten Lebensführung. [12]

 

Die Unterhaltend-didaktische Literatur des Mittelalters wie Erzählungen und Romane, Schwankbücher, Fabeln, Gedichte und Lieder unterscheiden sich von den anderen Gattungen durch den spezifisch unterhaltenden Charakter gegenüber dem unterweisenden. Zwar wollen auch diese Werke belehren, vor allem in moralisch-religiöser Hinsicht, doch steht im Mittelpunkt eine „Ehrbare Kurzweil“ zu „nützlichem, kurzweiligen Zeitvertreib“.[13] In diesen Texten werden häufig Themen verwendet, die nicht Gegenstand des schulischen oder privaten Unterrichts sind. Sie handeln vom Umgang mit anderen Menschen, von Begegnungen mit dem anderen Geschlecht. Ein stets wiederkehrendes Thema ist die Warnung vor der „unzeitigen Liebe“[14]. Die Kinder- und Jugendliteratur ist schon früh, seit dem Beginn des Buchdrucks, Gegenstand privater und vergnüglicher Lektüre – auch bei Mädchen und bereits hier finden sich phantastische Abenteuergeschichten, z.B. in der ersten gedruckten Fabelsammlung „Der Edelstein“ vom Bamberger Ulrich Boner aus dem Jahr 1461.[15]

 

Auch die Kinder- und Jugendliteratur der frühen Neuzeit ist noch stets Teil der Erziehung und damit auf die Vorbereitung zum Erwachsensein bezogen. Diesem Umstand verdankt die Kinder- und Jugendliteratur dieser Zeit ihre fehlende Anerkennung als solche. Meiner Meinung nach hängt jedoch die geschichtliche Ausformung einer möglichen Spezifik von Kinder- und Jugendliteratur entscheidend von der jeweiligen zeitgenössischen und gesellschaftlichen Bestimmung des Verhältnisses von Kindsein und Erwachsensein, von Kindheit und Erwachsenenwelt ab.

 

Die ganz auf die zukünftige Rolle des Kindes in der Erwachsenengesellschaft zugeschnittenen Texte der Frühen Neuzeit sind daher nicht weniger originäre Kinderliteratur als die Texte späterer Zeit, sie widerspiegeln vielmehr eine gänzlich andere Ausformung des Verhältnisses von Kindheit und Erwachsensein.[16]

 

Doch schon hier lässt sich eine Annäherung an die Kinder- und Jugendliteratur nach heutigem Verständnis erkennen, denn wesentlich expliziter als frühere Werke sind die Fabelsammlungen des 17. und besonders des 18.Jahrhunderts auf die Jugend ausgerichtet.[17]

 

Der Zeit der Aufklärung kommt in der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur eine herausragende Bedeutung zu: Hier erlangt sie ihre Form, die sie ihren wesentlichen Grundzügen nach noch bis in die Gegenwart hinein trägt. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts konstituiert sich die Kinder- und Jugendliteratur in ihrer „modernen“ Gestalt.[18] Es entwickelt sich die erste intentionale Literatur für Kinder- und Jugendliche, welche ab diesem Zeitpunkt zu einer feststehenden und expliziten Adressatengruppe werden, die von der erwachsenen Leserschaft deutlich abgesetzt wird. Hierbei bleibt es jedoch auch für das 18. Jahrhundert charakteristisch, dass das Textkorpus der Kinder- und Jugendliteratur noch immer kaum trennbar von den Erziehungsschriften bleibt, so dass hier weniger eine tatsächliche Ausweitung der Jugendlektüre als eine Konstituierung des pädagogischen Schrifttums überhaupt vorliegt. Eine Abgrenzung der Kinder- und Jugendliteratur auch noch vom pädagogischen Schrifttum beginnt sich erst im 19. Jh. durchzusetzen.[19] Dennoch wird zu dieser Zeit ein erster Schritt zur Verbreitung literarischer Phantastik unternommen: Im 18. Jahrhundert ändert sich nämlich in der literaturpädagogischen Reflexion der Stellenwert jener Komponente, die die Grundlage jeden phantastischen Schrifttums bildet: die Phantasie. Es ist ein Wandel zu beobachten, der von einem älteren literaturpädagogischen Konzept hinführt zu jenem neueren und zukunftsträchtigeren Modell einer „Cultur der Einbildungskraft“[20] Ein weiterer Grundzug besteht darin, dass die Kinder- und Jugendliteratur sich nun auf alle Arten des Schrifttums ausdehnt und nahezu alle auf dem literarischen Markt vorhandenen Genres einschließt.[21] Dennoch sucht man im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts zwei Bereiche des Jugendbuches vergeblich: das Bilderbuch und das Märchen. Märchen werden in der Aufklärungspädagogik als nicht besonders wertvoll angesehen. Besonders die „Ammenmärchen“ gelten als schädliche Erziehungseinflüsse, vor denen die Kinder bewahrt werden sollen.[22] Als Vorreiter der sich parallel dazu entwickelnden phantasiepädagogischen Bemühungen kann Johann Karl Augustus Musäus gelten. Für ihn verbanden sich Kind und Märchen auf sympathetische Weise, denn er befand, „dass es sich bei den Märchen um faszinierende Ausdrucksformen eines Phantasiespiels handle, in dem dieselbe Kraft wirksam sei wie im Kind auch. […] Er sieht dieses Phantasiespiel im Märchen sich äußern als das witzige und geistreich gebändigte Wunderbare, Ungewöhnliche, Anziehende.“[23] Allein vor diesem Hintergrund ist es wohl auch möglich, dass in den Jahren 1786 bis 1789 Christoph Martin Wieland seinen Dschinnistan veröffentlichen kann, eine Sammlung von auserlesene[n] Feen- und Geistermärchen, theils neu erfunden, theils neu übersetzt und umgearbeitet.[24] Sein Mitarbeiter August Jakob Liebeskind bringt, durch den Erfolg dieser Sammlung und ermutigende Anregungen Herders bestätigt, 1786 den ersten Band der Palmblätter. Erlesene morgenländische Erzählungen für die Jugend anonym heraus.[25]

 

In der Romantik mehrt sich die Zahl der gelesenen Bücher von Tag zu Tag. Sie ziehen das Gemüt nach dem Märchenland der Poesie. Zwischen den wundertätigen Feen, den Siebenmeilenstiefeln des kleinen Däumlings und den Abenteuern Robinson Crusoes trägt man einem besonderen Hang des Kindes Rechnung: der Spontaneität der kindlichen Phantasie. Durch die Phantasie beflügelt ist es dem Kind möglich, den Dingen des Alltags offen und begeistert zu begegnen und ihnen eine völlig neue Bedeutung zukommen zu lassen. Auf diese Weise bleiben ihm auch die dunklen Ausformungen phantastischer Gestalten nicht fremd, fällt doch der Glaube an Engel, Geister und Dämonen in der Romantik auf besonders fruchtbaren Boden.

 

“Kind“ nimmt bei den Romantikern vor allem die Funktion einer Chiffre ein: „Dort, wo das Kind als neuer Standard des Denkens, Fühlens, Lebens und Dichtens in den Mittelpunkt rückt, ist […] immer zugleich ein weit reichender kulturkritischer Impuls am Werk. Das Kind fungiert als Träger ideologischer Bedeutung, als Symbol, Paradigma oder Leitbild im Rahmen einer übergreifenden Erneuerungsidee“[26]

 

Diese Sonderstellung des Kindes und die Pionierarbeit einzelner Dichter wie Musäus und Liebeskind in Bezug auf die in dieser Zeit aufkommende Formel Kinder brauchen Märchen führt bald nach der Jahrhundertwende zu einem entscheidenden Wandel. Bereits 1805/06 erscheint der erste Band der Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn von Achim von Arnim und Clemens Brentano.[27]

 

Diese zusammengefassten Volkslieder dienen das gesamte 19. Jahrhundert hindurch zahlreichen Dichtern als Vorbilder für eigene Kinderlieder. Hinzu tritt die mit diesem Werk einsetzende Vorliebe für das Sammeln.[28] Die Brüder Jakob und Wilhelm Grimm beginnen zu dieser Zeit mit dem Sammeln von Volksmärchen und bringen 1812 den ersten Teil ihrer Kinder- und Hausmärchen heraus.[29] Diese Texte wirken besonders auf Erzähler inspirierend. Die Romantik mit ihrer besonderen geistigen Haltung und ihrem ausgeprägten Kunstverständnis bildet den idealen Hintergrund für die Weiterentwicklung und Verankerung dieser Textsorte. Interessant ist hier besonders die Verwischung der gerade erst gezogenen Grenze zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur. Es entstehen Märchen für Erwachsene und Märchen für Kinder, allerdings auch solche, die für Kinder gedacht sind, doch in Wirklichkeit erwachsene Leser ansprechen. Diese Kunstmärchen bilden den Beginn spezifisch phantastischen Schreibens für Kinder und Erwachsene. So beinhalten beispielsweise sowohl E.T.A. Hoffmanns Das fremde Kind...

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