Sie sind hier
E-Book

Das Gebot der Bruderliebe im Johannesevangelium und in den Johannesbriefen

AutorDaniel Steffen Schwarz
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl62 Seiten
ISBN9783656119616
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Studienarbeit aus dem Jahr 2005 im Fachbereich Theologie - Biblische Theologie, Note: 9 von 15, befriedigend plus, , Sprache: Deutsch, Abstract: Detaillierte Untersuchung zum Gebot der Bruderliebe im Johannesevangelium und in den Johannesbriefen

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

6. Exegese: Das Liebesgebot im johannesevangelium


 


6.1. Joh 13,12-17: Das Beispiel der Fußwaschung


 


6.1.1 Einleitung: Kontext und historischer Hintergrund von Joh 13


 

Die ersten konkreten Äußerungen zur Liebe im Johannesevangelium finden sich in den Abschiedsreden Jesu in den Kapiteln 13-17.[92] Nachdem Jesus in den Kapiteln 1-12 öffentlich zum Volk gesprochen hat, redet er ab Kapitel 13-17 nur noch zum Jüngerkreis.

 

Kapitel 13 ist die erste dieser besonderen Lehreinheiten Jesu für seine Jünger. Anhand der Fußwaschung macht Jesus hier wichtige Aussagen zum Thema Liebe. Um die Fußwaschung richtig einordnen und verstehen zu können ist zunächst nach ihrem historischen Hintergrund zu fragen.[93]

 

Die Fußwaschung im Alten vorderen Orient geschah zu verschiedenen Anlässen. Sie war zum einen Bestandteil der täglichen Körperpflege im gesamten Mittelmeerraum und wurde sehr häufig vor oder nach Mahlzeiten durchgeführt. Der Zeitpunkt der johanneischen Fußwaschung, von der Johannes berichtet, ist wohl nach dem Abendessen zu bestimmen, vgl. V. 4.

 

Auch aus rituellen Gründen - vor der Berührung mit dem Heiligen - wurden Reinigungen durchgeführt, jedoch ist ein alleiniges Waschen der Füße dazu nicht belegt, so dass eine Deutung der johanneischen Fußwaschung als rituelle Reinigung ausgeschlossen werden kann (vgl. V.10, wo Jesus nur von der Waschung der Füße spricht).[94] Ein dritter Anlass für eine Fußwaschung ist die Begrüßung eines Gastes.

 

Die Waschung der Füße galt in der Antike allgemein als verachteter Sklavendienst, zu dem nicht einmal ein jüdischer Diener gezwungen werden durfte. Deshalb war dieser Dienst in der jüdischen Welt Aufgabe nichtjüdischer Sklaven.

 

6.1.2 Joh 13, 12-17: Das Beispiel der Fußwaschung


 


Jesus wäscht den Jünger die Füße und verrichtet damit an ihnen einen Sklavendienst (V.12). Hinter dieser Handlung steht somit eine Haltung der Demut.

 

Direkt im Anschluss an die Waschung fragt Jesus, ob die Jünger verstanden haben, was Jesus mit dieser Handlung an ihnen getan hat (V.13).

 

Er beginnt die Interpretation seiner Handlung mit der Aussage, dass die Jünger ihn zu recht o` dida,skaloj( kai,\ o` ku,rioj nennen. Jesus unterstreicht damit seine eigentliche Stellung gegenüber den Jüngern. Er, der Lehrer und Herr der Jünger, hätte es niemals nötig gehabt, den Jüngern, die in Vers 16 als dou/loi bezeichnet werden, die Füße zu waschen.

 

Vor diesem Hintergrund fordert Jesus die Jünger auf einander die Füße zu waschen. Durch das Verbum ovfei,lw , welches mit „verpflichtet sein“ zu übersetzen ist[95], kommt die Verbindlichkeit dieser Aufforderung zum Ausdruck. Wenn schon der Herr den Jüngern die Füße gewaschen hat, so sind die Jünger untereinander erst recht dazu verpflichtet. Zahn bemerkt dazu: „Wie könnte einer, der sich als seinen Diener und Apostel oder Jesum als seinen Herrn und Auftraggeber bekennt sich selbst für gleiche Dienstleistung zu hoch halten.“[96]

 

Jesus selbst interpretiert sein Verhalten als u`po,deigma, als „Beispiel oder Vorbild“[97] für die Jünger (V.14). An eben diesem Begriff hängt nun die inhaltliche Bedeutung der Fußwaschung. Er wird in der Forschung unterschiedlich gedeutet.

 

1.) Schlatter sieht darin „nicht nur die Bereitschaft zum Dienst, sondern auch die Beseitigung alles dessen, was die Gemeinschaft stört, die nur durch „das Vermögen zu tragen und zu vergeben vor der Zerbrechlichkeit geschützt ist.“[98] Im Zentrum seiner Ausführungen steht so die Notwendigkeit der Vergebung, wie sie in Kol 3,13/Eph 4,32 ausgedrückt wird.

2.) Bultmann versteht u`po,deigma von kaqw.j her. Für ihn hat kaqw.j wie in Joh 13,34/15,12 begründenden Sinn: „aufgrund dessen, was sie empfangen haben, sind sie verpflichtet.[99]

 

„Der Empfang seines Dienstes erschließt dem Jünger eine neue Möglichkeit des Miteinanderseins. In der Bereitschaft diese Möglichkeit zu ergreifen, muß sich zeigen, ob er den Dienst recht empfangen hat.“[100]

 

Der Imperativ an dieser Stelle „weist an ein solches Tun, das im Tun Jesu begründet ist“[101], und ist demnach nicht als „Werk“ zu verstehen; seine inhaltliche Forderung wird durch 13,34f. und 15,1-17 erklärt.

 

3.) Schnackenburg merkt an, dass „das charakteristische i[na kaqw.jkai. u`mei/j poih/te unsere Stelle dem neuen Gebot der Liebe (in Joh 13,34f.) zuordnet, das Jesu gesamtes Leben und vor allem sein Sterben zum Maßstab für die Liebe untereinander macht.“[102] Dieser Verweis Schnackenburgs auf die sprachliche Verbindung des Beispiels der Fußwaschung mit dem neuen Gebot der Liebe leistet zwar zur inhaltlichen Bestimmung von u`po,deigma keinen entscheidenden Beitrag; er wird aber im Kapitel über das neue Gebot noch einmal aufzugreifen sein.

4.) Carson fasst den Imperativ folgendermaßen auf: (…), the heart of Jesus´ command is a humility and helpfulness toward brothers and sisters in Christ, (…).[103] Für ihn bedeutet die Anweisung Jesu “einander die Füße zu waschen” weniger die Aufforderung der wirklichen Fußwaschung „als ein christliches Sakrament”, sondern zielt auf eine Gesinnung der Demut, welche Jesus, „der Herr und Lehrer“ durch seine Fußwaschung eindrucksvoll vorgelebt habe.

 

Dieser Gedanke der beispielhaften Demut spielt, wie oben erklärt, für die hinter der eigentlichen Handlung der Fußwaschung liegende Motivation eine Rolle; für eine inhaltlich-exegetische Bestimmung des Begriffes u`po,deigma ist er jedoch zu allgemein gehalten.

5.) Von einigen Gemeinden wird auch die Position vertreten, dass Jesus die Fußwaschung wörtlich meint.[104]

6.) Für Augenstein drückt u`po,deigma Jesu vorbildliches Handeln, an dem sich die Jünger orientieren sollen, aus.[105]

 

ME. ist Augenstein auf der formalen Ebene durchaus zuzustimmen, da Jesus in Vers 14 ja genau diesen Gedanken des Vorbilds äußert: Seine Jünger sollen sein Verhalten nachahmen. Es ist dabei aber im nächsten Schritt weiter zu fragen, was mit diesem Vorbild inhaltlich gemeint ist.

 

Hier ist der Position Schlatters der Vorzug zu geben, der im u`po,deigma Jesu die gegenseitige Vergebung sieht. Diese These wird durch den Kontext der Verse 6-11 gestützt:

 

Hier spricht Jesus im Zusammenhang mit seiner Fußwaschung an den Jüngern davon, dass die Jünger grundsätzlich rein sind (kaqaro.j), da sie gebadet sind und fernerhin lediglich die Notwendigkeit besteht, die Füße gewaschen zu bekommen.

 

Auf der Bildebene[106] wird das Bad nicht nur auf die Taufe des Johannes zu beziehen sein, welche wenigstens sechs, wahrscheinlich alle der Apostel empfangen haben (vgl. Joh 1,33), sondern auch auf „das im Glauben angeeignete Wort Jesu,“ welches eine Generalamnestie der Sünden bewirkt (vgl. Joh 15,3).[107] Der in Joh 13,10 wie auch in Kap. 15,3 gleichsam verwendete Begriff kaqaro.j würde diese These der Reinheit durch das vergebende Wort Jesu stützen.

 

Mit den Füßen, die immer noch dreckig werden ist somit die tägliche Sünde gemeint, die immer noch durch Jesus abgewaschen, d.h. vergeben werden muss, vgl. 15,2.[108] So geht es beim u`po,deigma der Fußwaschung entgegen Bultmann um eine konkrete Ethik der Vergebung. Das von Bultmann in diesem Zusammenhang herangezogene kaqw.j ist hier eher vergleichend zu deuten und mit „ebenso wie“ zu übersetzen.[109] Jesus hat mit seiner eigenen Handlung der Fußwaschung den Jüngern ein Vorbild gegeben. Diesem Vorbild gemäß sollen sie handeln: i[na kaqw.j evgw. evpoi,hsa u`mi/n kai. u`mei/j poih/te (V.15b).

 

Aus der Perikope der Fußwaschung lässt sich demnach festhalten, dass Jesus hier, ausgehend von seiner eigenen Vergebung den Jüngern gegenüber, selbige dazu auffordert, einander ebenfalls zu vergeben. Diese Vergebung beruht auf einer Haltung der Demut.

 

Zur Erhellung der Ausgangsfrage nach der Besonderheit des johanneischen Liebesgebots leistet die Fußwaschung den Beitrag einer „szenischen Verdeutlichung des Liebesgebotes.“[110] Durch den Gedanken einander zu vergeben wird das allgemeine Liebesgebot exemplifiziert: Das u`po,deigma Jesu ist somit ein Beispiel, wie die Jünger die Forderungen des neuen Gebotes ethisch konkret werden lassen können.[111] Diese These wird sowohl auf formal-sprachlicher Ebene durch die in beiden Perikopen auftretende i[na kaqw.j kai. u`mei/j – Konstruktion, sowie auch durch...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Christentum - Religion - Glaube

Leben im Sterben

E-Book Leben im Sterben
Liebevolle Begleitung in der letzten Lebensphase Format: ePUB

Völlig unabhängig von der Tatsache, ob wir uns mit dem Thema Sterben auseinandersetzen wollen oder nicht, betrifft es unweigerlich uns alle. So sicher wie wir in der nächsten Sekunde wieder einen…

Lass es gut sein

E-Book Lass es gut sein
Ermutigung zu einem gelingenden Leben Format: ePUB

'Lass es sein, es hat keinen Zweck!' - gegen solch resignative Lebens- und Redensart wendet sich dieses Buch. Friedrich Schorlemmer folgt der Maxime 'Lass es gut sein und lass es gut werden.' Aus…

Religionspsychologie

E-Book Religionspsychologie
Neuausgabe Format: ePUB

Wie sich Religiosität auf die Menschen auswirkt - Die bewährte Gesamtdarstellung der Religionspsychologie Die Neuausgabe des bekannten Standardwerks von Bernhard Grom erklärt die Vielfalt, in der…

Lass es gut sein

E-Book Lass es gut sein
Ermutigung zu einem gelingenden Leben Format: ePUB

'Lass es sein, es hat keinen Zweck!' - gegen solch resignative Lebens- und Redensart wendet sich dieses Buch. Friedrich Schorlemmer folgt der Maxime 'Lass es gut sein und lass es gut werden.' Aus…

Ich denke, also bin ich Ich?

E-Book Ich denke, also bin ich Ich?
Das Selbst zwischen Neurobiologie, Philosophie und Religion Format: PDF

In den letzten Jahren förderten die Ergebnisse der Neurowissenschaften in einem atemberaubenden Tempo neue Erkenntnisse zutage, die für das Verständnis des Bewusstseins von großer Tragweite zu sein…

Entdeckungsreise Kirchenjahr

E-Book Entdeckungsreise Kirchenjahr
Unterrichtsmaterialien für die Grundschule Format: PDF

Wenn man Kinder fragt, was Weihnachten gefeiert wird, wissen sie vermutlich, dass es um Jesu Geburt geht. Wie aber steht es mit den anderen Festen im Kirchenjahr?Was bedeutet Pfingsten und wer war…

Weitere Zeitschriften

bank und markt

bank und markt

Zeitschrift für Banking - die führende Fachzeitschrift für den Markt und Wettbewerb der Finanzdienstleister, erscheint seit 1972 monatlich. Leitthemen Absatz und Akquise im Multichannel ...

Card Forum International

Card Forum International

Card Forum International, Magazine for Card Technologies and Applications, is a leading source for information in the field of card-based payment systems, related technologies, and required reading ...

Correo

Correo

 La Revista de Bayer CropScience para la Agricultura ModernaPflanzenschutzmagazin für den Landwirt, landwirtschaftlichen Berater, Händler und am Thema Interessierten mit umfassender ...

küche + raum

küche + raum

Internationale Fachzeitschrift für Küchenforschung und Küchenplanung. Mit Fachinformationen für Küchenfachhändler, -spezialisten und -planer in Küchenstudios, Möbelfachgeschäften und den ...

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler ist das monatliche Wirtschafts- und Mitgliedermagazin des Bundes der Steuerzahler und erreicht mit fast 230.000 Abonnenten einen weitesten Leserkreis von 1 ...

Die Großhandelskaufleute

Die Großhandelskaufleute

Prüfungs- und Praxiswissen für Großhandelskaufleute Mehr Erfolg in der Ausbildung, sicher in alle Prüfungen gehen, im Beruf jeden Tag überzeugen: „Die Großhandelskaufleute“ ist die ...

IT-BUSINESS

IT-BUSINESS

IT-BUSINESS ist seit mehr als 25 Jahren die Fachzeitschrift für den IT-Markt Sie liefert 2-wöchentlich fundiert recherchierte Themen, praxisbezogene Fallstudien, aktuelle Hintergrundberichte aus ...