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Das Leben war ein Pfeifen. Kubanische Fluchten

AutorMichael Saur, Thomas Schuler
VerlagPicus
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl132 Seiten
ISBN9783711751935
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Eine Insel im Meer des Kapitalismus, die darauf wartet, dass die Zukunft beginnt, sich die Wartezeit aber durchaus lustvoll zu vertreiben weiß, das ist das Kuba, dem Michael Saur und Thomas Schuler auf ihrer Reise begegnen. Wo Touristen Salsa lernen, vor allem aber Liebe suchen und meist die eigene Nostalgie finden. Die Autoren lassen sich von Havanna verzaubern, das 'schön wie ein aus den Fluten wieder aufgetauchtes und vom Meer angefressenes Atlantis' ist, und erzählen von der musikalischen Wiege Kuba, wo man einen Compay Segundo oder Ibrahim Ferrer an jeder Straßenecke findet; denn wie sagt man in Kuba: 'In jedem Kubaner steckt ein ganzes Orchester.'Dabei bleiben Saur und Schuler den traurig-komischen Absurditäten des kubanischen Alltags auf der Spur: Sie berichten über die Probleme der Köchin der Nation, in einer Mangelgesellschaft eine Koch-Show zu moderieren, und besuchen die Arbeiterstadt Moa, wo verdiente Kubaner in einem Hotel ohne Strom Urlaub machen dürfen. Und sie treffen Menschen aus dem nächsten Umkreis Fidel Castros: seinen Leibfotografen, der das berühmte Che-Guevara-Bild schoss, und die Deutsche Marita Lorenz, eine ehemalige Geliebte Castros, die den Comandante im Auftrag der CIA vergiften wollte.

Michael Saur, geboren 1967, lebt seit 1994 als freier Autor in New York. Sein erstes Buch 'Das Leben war ein Pfeifen' (gemeinsam mit Thomas Schuler) erschien nach einem einjährigen Aufenthalt in Havanna im Jahr 2000 in der Reihe Picus Lesereisen. Ebenfalls bei Picus erschienen seine gesammelten Porträts erfolgreicher amerikanischer Schriftsteller, 'Hintergrundrauschen', sowie die Romane 'Der Nilpferdreiter' und 'Der Schatten von nebenan'. Thomas Schuler, in Ingolstadt geboren, war Mitarbeiter der 'Süddeutschen Zeitung'. Danach begann er für die 'Berliner Zeitung' und die 'Zeit' zu schreiben. Im Picus Verlag erschienen die Reportage New York, seine Lesereisen New York und Los Angeles und, gemeinsam mit Michael Saur, die Lesereise Kuba.

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Leseprobe

Das Geheimnis um Castros Geliebte


Zwischen Dichtung und Wahrheit: das schillernde und undurchschaubare Leben der Marita Lorenz


Marita Lorenz hat ein Problem: Sie kann keinen Kaffee servieren. Die erste Tasse hat sie gleich nach der Begrüßung aufgesetzt. Gebracht hat sie den Kaffee nicht – wahrscheinlich, weil ihr Gast schon ins Wohnzimmer gegangen war. Drei Stunden später fiel ihr der Kaffee wieder ein, und fast fordernd bat sie, doch noch mal mit in die Küche zu kommen. Milch? Zucker? »Hier! Bitte! Sie können mir dabei zusehen. Ich tu’ Ihnen nichts rein.« Nichts außer Milch und Zucker, meinte sie. »Oder wollen Sie es selbst tun?« Ihre Worte klangen nicht ironisch, sondern bitterernst. Als ob man nie vergessen könnte, daß sie vor mehr als dreißig Jahren nach Havanna geflogen war, um den kubanischen Staatschef Fidel Castro zu vergiften.

Ihre Angst, daß man ihr nichts glaubt, ihr nicht traut, ist verständlich. Fast in einem Atemzug erzählt sie von ihren Erlebnissen als Geliebte von Fidel Castro und als Agentin der CIA, die später nach Havanna geschickt wurde, um den kubanischen Revolutionshelden umzubringen. Sie erzählt von ihrem Sohn, den niemand außer ihr je gesehen hat und dessen Vater wiederum angeblich Castro ist. Und von ihrer Tochter, deren Vater der ehemalige Staatschef von Venezuela ist: General Marcos Pérez Jiménez.

Sie erzählt außerdem von ihrer Verwundung 1961, die sie sich zuzog, als sie sich als Anti-Castro-Kämpferin auf die Invasion in der kubanischen Schweinebucht vorbereitete, und davon, daß sie für mehrere Monate im Auftrag Jiménez’ in den brasilianischen Urwald verschleppt wurde. Und sie erzählt von einer Autofahrt nach Dallas am 18. November 1963, vier Tage vor der Ermordung John F. Kennedys. Sollte sie etwa Details wissen über ein Komplott? Denn mit im Auto saßen angeblich einige CIA-Agenten und Lee Harvey Oswald. Allerdings hatte ja die vom US-Präsidenten eingesetzte Untersuchungskommission festgestellt, daß Oswald der alleinige Täter war und nicht für CIA, KGB, Mafia oder sonst einen Geheimbund gehandelt hatte. Nur: auch das ist nach wie vor umstritten.

Mindestens elf Autoren hätten sich an Marita Lorenz’ Geschichte versucht, schreibt die Zeitschrift Vanity Fair. 1976 habe der Verlag Viking Press einen Bestseller hinter ihrer Lebensgeschichte vermutet und ihr und einem Co-Autor 320.000 Dollar Vorschuß gezahlt (Lorenz sagt, sie habe nur neunzigtausend bekommen). Das Buch wurde nie fertig: Jener Co-Autor sei wie alle vor und so viele nach ihm am Chaos dieses Lebens gescheitert. Marita Lorenz selbst sagt, Regisseur Oliver Stone habe ihr 25.000 Dollar gegeben und sie fünf Jahre lang gedrängt: Er wollte ihre Geschichte haben. Jetzt hofft sie, daß Stone einen Film daraus macht. Dafür habe sie bereits einen Vertrag mit ihm über zweihunderttausend Dollar abgeschlossen.

Der Journalist Gerald Posner hat gezählt, daß inzwischen mehr als zweitausend Bücher über das ­Attentat auf Kennedy veröffentlicht wurden. Die Autoren hätten fast dreißig Schützen namentlich identifiziert als zweiten oder – je nach Theorie – als dritten, vierten oder fünften Täter. Posner hat selbst eines der zweitausend Bücher geschrieben. Anders als die meisten Autoren versucht er jedoch zu belegen, daß Oswald der einzige Täter war, und wendet sich gegen Juristen und Autoren wie Mark Lane. Lane zählt zur ersten Generation der Verschwörungstheoretiker und nährt auch in seinem Buch »Plausible ­Denial« die Theorie, die CIA habe Kennedy ermorden lassen – und Marita Lorenz ist seine Kron­zeugin für diese Theorie.

Als Beleg führt Lane eine Aussage an, die Marita Lorenz 1978 unter Ausschluß der Öffentlichkeit gegen­­über einem Ausschuß des Kongresses machte, der die Hintergründe des Kennedy-Attentats noch­mals aufrollen sollte. Sie erzählte damals, ein Bekannter namens Frank Sturgis habe sie in Miami angerufen und ihr einen Job angeboten: eine Fahrt nach Dallas. Sie dachte, es gehe um eine der üblichen Waffenlieferungen an Anti-Castro-Kämpfer. Mit im Auto saßen der frühere Chef von Castros Luftwaffe, außerdem Sturgis und »Ozzie«, den sie später als Lee Harvey Oswald identifizierte. Man sei die Nacht durchgefahren und habe in Dallas zwei Motel-Zimmer genommen. Zweimal bekam die Gruppe dort Besuch: zuerst von Jack Ruby, später von E. Howard Hunt.

Das ist eine illustre Schar von Gaunern, denn Jack Ruby ist jener Mann, der später Oswald ermordet hat. Und Howard Hunt ist ein zwielichtiger CIA-Agent, der die Ausbildung von?Anti-Castro-Guerillas finanzierte. Später hat er Sturgis und andere Exil-Kubaner für den Watergate-Einbruch bezahlt; heute schreibt er billige Krimis. Marita Lorenz kannte Sturgis bereits aus ihrer?Zeit in Havanna. Damals nannte er sich Francisco Fiorini und galt als enger Kampfgefährte von Fidel Castro. Später stellte sich heraus, daß er von der CIA bezahlt worden war. Sturgis ist im Dezember 1993 in Miami verstorben. Aber bis zuletzt hat er versichert, mit dem Kennedy-Mord nichts zu tun gehabt zu haben. Die Fahrt nach Dallas sei eine reine Erfindung von Marita Lorenz, und mit Oswald habe er weder gearbeitet, noch habe er ihn je getroffen. Laut Zeitungsberichten fand sich aber der Name Fiorini in Oswalds Telefonbuch.

Man könnte vermutlich das 2001. Kennedy-Buch mit solchen Details vollschreiben und wüßte dennoch nicht, wo in den Aussagen von Marita Lorenz Wahrheit endet und Dichtung beginnt. Die Journalistin Ann Louise Bardach hat nach Belegen für Lorenz’ Behauptungen gesucht. Immerhin stellte Bar­dach fest, daß nach Berichten des FBI und anderer Behörden die Hälfte von Marita Lorenz’ Erzählungen belegbar seien. Die andere Hälfte allerdings widerspreche dem, was dokumentiert ist. Posners Sicht ist härter: Er zählt Marita Lorenz zu jenen Leuten, die lediglich 15 Minuten Ruhm genießen wollten. »Marita? Sie erfindet unglaubliche Märchen über ein CIA-Komplott und erzählt von Autoausflügen und Treffen mit Ruby und CIA-Agent Howard Hunt.« Posner zitiert einen Mitarbeiter eines Untersuchungsausschusses: »Mein Gott, wir haben so viel Zeit mit Marita zugebracht. Wir konnten sie nicht ignorieren, weil sie so viel Mist erzählt hat, und wir suchten Belege dafür, aber es war wirklich nur Mist. Wir waren mehr als hundert Stunden mit ihr und Sturgis zusammen. Alles umsonst … Marita ist nicht glaubwürdig.«

Ist es ein Wunder, daß diese 55jährige Frau, in deren Lebensweg sich also gleich mehrere Traumata der jüngsten amerikanischen Geschichte kreu­zen, verstört wirkt? Während sie uns durchs Haus führt, schrammt sie mehrmals gegen die Wand, als sei sie in Trance. Aus dem Keller holt sie zwei Pappkisten mit alten, verstaubten und vergilbten Aktenordnern. »Mein Leben ist in diesen Kisten«, sagt sie. »Unten sind noch mehr davon.« Zwölf Aktenordner türmt sie vor sich auf mit Briefen, Zeugnissen, Fotos, Zeitungsausschnitten, Kopien – alles wild durcheinander, als habe jemand in Altpapier gewühlt. Oder anders ausgedrückt: Alles ist so chaotisch und wirr wie das Leben dieser Frau.

»Mata Hari der Karibik« wurde sie von der Boulevardpresse getauft: »kalte Deutsche« haben sie die Kameraden ihrer Guerillatruppe genannt. Marita ist im August 1939 in Bremen geboren. Ihr Vater war ein deutscher Kapitän, der ihre Mutter, eine Tänzerin und Schauspielerin, am Broadway in New York kennengelernt hatte. Nach dem Krieg zog die Familie nach Manhattan.

Marita kramt in Fotos von Bad Münster am Stein nahe Bad Kreuznach aus ihrer Kiste. In dem Ort gibt es ein Hotel Lorenz und eine Straße zu Ehren von Kapitän Lorenz. Dorthin war ihr Vater nach seiner Pensionierung gezogen und zum Bürgermeister gewählt worden. Außerdem saß er im Aufsichtsrat der Norddeutschen Lloyd. Maritas Geschwister leben jedenfalls in den USA. Ein Bruder ist Diplomat, ein zweiter Konzertpianist, ihre Schwester ist Ärztin. Richtig berühmt ist allerdings nur Marita geworden.

»Der Spion, der Castro liebte«, titelte eine Frauenzeitschrift. Amerika kennt sie aus Boulevard-TV-Magazinen und Talkshows, aus Illustrierten und von ihrer Biographie, die im Dezember 1993 in den USA erschienen ist. »Ich kann alles beweisen«, sagt sie. »Ich habe alles hier.«

Und ihre Geschichte ist wirklich unglaublich. Wo hört das Erlebte auf, wo beginnt die Phantasie? Wieviel Verfolgungswahn muß man zugestehen bei einem solchen Leben? »Dies ist mein letztes Interview«, kündigt sie an und wünscht ihrem Verlags­agenten den Tod. Sie schimpft über den Vertrag, den sie mit ihm geschlossen hat, und fuchtelt mit einem Fax herum, auf dem die Angebote diverser Verlage vermerkt sind: Italien bietet siebentausend Dollar für die Auslandsrechte, Deutschland hat achtzig­tausend gezahlt, Frankreich zwanzigtausend und Schwe­den/Dänemark achttausend. Daß sie als Autorin nur siebzig Prozent bekommt und daß sie von ihren siebzig Prozent nochmals vierzig an den Co-Autor abgeben muß, das will ihr nicht in den Kopf. »Ich habe das Kleingedruckte nicht gelesen«, sagt sie.

Und natürlich schimpft Marita Lorenz auch über ihren Co-Autor Ted Schwarz: »zu schmalzig« habe er vieles geschrieben, meint sie. Gesehen hat sie den Mann nie. Sie kennt ihn nur vom Telefon. Einen Monat lang habe er Fragen gestellt und die Gespräche auf Tonband aufgenommen.

Marita Lorenz hat am Hals...

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