Sie sind hier
E-Book

Das Maß des Fortschritts

Zum Verhältnis von Ethik und Geschichtsphilosophie in theologischer Perspektive - Edition Ethik, Band 1

AutorStephan Schleissing
VerlagEdition Ruprecht
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl365 Seiten
ISBN9783767570931
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis54,00 EUR

Die Erwartung eines immer währenden Fortschritts ist angesichts der ambivalenten Folgen auf den Gebieten von Technik und Naturwissenschaften zum Problem geworden. Wer heute von Fortschritt spricht, der muss zugleich Auskunft geben, inwieweit dessen Tendenz zur Grenzüberschreitung einem humanen »Maß« gerecht wird. Aber wie will man Fortschritt bewerten, wenn dieses Maß nicht außerhalb, sondern nur innerhalb der Geschichte zu finden ist? Diese Untersuchung rekonstruiert den Fortschrittsbegriff vor dem Hintergrund seiner geschichtsphilosophischen Stilisierung zu einem Faktor zivilisatorischer Entwicklung

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

IV. Fortschritt und Heilsgeschehen (S. 239-240)

1. Fortschritt als Säkularisat des Christentums?


Jede Beschreibung von Wandlungen im Fortschrittsverständnis setzt ein bestimmtes Verhältnis von Kontinuität und Diskontinuität geschichtlicher Zeit voraus, innerhalb dessen Altes und Neues historisch beschrieben werden kann. Meine bisherige Darstellung der Ausprägung des neuzeitlichen Fortschrittsbegriffs in Kapitel II gründete diesbezüglich auf der These, dass sich vor allem durch neue Erfahrungen im Umgang mit Technik und naturwissenschaftlichen Erkenntnissen spätestens seit der Renaissancezeit ein Verständnis von Geschichte etablierte, innerhalb dessen die temporale Zuordnung von Handeln und ‚Geschick‘ eine qualitative Umbestimmung erfuhr. In dem Maße, in dem Menschen die Erfahrung machten, dass aufgrund ihrer Fortschritte auf den Gebieten von Kunst, Technik, Politik und Wirtschaft diese sich ihrer eigenen, gestaltenden Verfügbarkeit verdanken, wurde die Frage unabweislich, inwieweit auch die Zukunft selber als ‚Projekt‘ einem menschlichen Handlungswillen unterliegt. Im 19. Jahrhundert entbrannte deshalb ein Streit um die Frage, auf welche ‚Gesetze‘ die ‚Machbarkeit‘ dieser Zukunft zurückzuführen sei und welche Wissenschaft dafür gesellschaftlich das Definitionsmonopol auf Erkenntnis ihres ‚Wesens‘ bzw. ihrer ‚Natur‘ beanspruchen könne: der Positivismus, die historischen Geisteswissenschaften oder etwa doch die Theologie?

Die Folge dieses ‚Streits um den Fortschritt‘ beförderte seitdem in allen drei Wissenschaftsrichtungen intensive methodische Diskussionen um den disziplinenspezifischen Zugriff auf ‚Wirklichkeit‘, ihre ‚Tatsachen‘ und ihre ‚Deutungen‘. In Kapitel III habe ich dies anhand der Auflösung des geschichtsphilosophischen Topos der ‚technischen Zivilisation‘ innerhalb der Soziologie rekonstruiert und dabei die These entwickelt, dass die Systemtheorie mit ihrer Unterscheidung von System und Umwelt zwar eine Entschärfung der weltanschaulichen Technikdeutungen, nicht aber die damit zusammenhängenden temporalen Probleme eines soziologischen Entwicklungsbegriffs zu lösen vermag. Auch die Systemtheorie kann von ‚Zeit‘ als Bestands- und Erkenntniskategorie in einem geschichtlichen Sinne nicht abstrahieren, sofern sie die Funktionalität von Systemen sowohl aus Sicht ihrer Umwelt als auch aus der Perspektive des Beobachters ‚zweiter Ordnung‘ zum Thema macht. Diese Einsicht führte zu der weiterführenden These, dass eine systemtheoretische Beobachtung von Technik und Gesellschaft auf eine historische Betrachtung ihrer kulturellen Verortung angewiesen bleibt, weil nur so die Beschreibung einer funktionalen Differenzierung am Ort der Umwelt des Systems davor bewahrt bleibt, dass die erkenntnistheoretisch als unhintergehbar behauptete Differenz quasi-ontologisch als ‚Einheit‘ wieder eingeführt wird und so einem dualistischen Gesellschaftsbegriff zuarbeitet. Ein evolutionärer und ein historischer Entwicklungsbegriff müssen sich also nicht gegenseitig ausschließen, sondern bei de Beobachtungsperspektiven sind in einer komplementären Weise geeignet, die Funktionalität sozialer Systeme mit ihrer kulturellen Wahrnehmung im Modus gesellschaftlicher Differenzierung zusammenzudenken.

Die folgenden Analysen widmen sich nun der Frage, wie das Verständnis temporaler Progression im Hinblick auf das Verhältnis von Einheit und Differenz sowohl in einer ideengeschichtlichen als auch in einer historischen Perspektive beschrieben werden kann. Spätestens seit Droysens Historik, imGrunde aber schon mit der aufklärerischen Geschichtsphilosophie, kann diese Frage ohne Rekurs auf das Geschichte rekonstruierende Subjekt und sein ‚Bewusstsein‘ nicht mehr beantwortet werden. Denn mit der Entstehung der Geschichtsphilosophie ist die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität der Geschichte nicht nur Thema dermaterialen Anordnung der einzelnen ‚Bestände‘ der Geschichte, sondern ebenso als erkenntnistheoretische Frage der Bedingungen ihrer Rekonstruktion zum beherrschenden Thema philosophischen Nachdenkens avanciert. Im 20. Jahrhundert ist diese doppelte Dimension des Nachdenkens über Geschichtsphilosophie vor allem anhand der Deutung der ‚Säkularisierung‘ zum Thema geworden und die Spuren dieses Diskurses sind auch in den gelegentlichen Reflexionen von Koselleck in seinem GG-Artikel „Fortschritt“ zu erkennen. Bei der Frage der epochalen Einordnung des neuzeitlichen Fortschrittsbegriff ist er immer wieder auf die Frage zurückgekommen, ob die Ablösung des transempirischen Fortschrittsverständnisses, wie sie im christlichen Reich-Gottes-Gedanken vorgestellt ist, durch den geschichtsphilosophischen Begriff ‚Fortschritt‘ im Sinne einer „Säkularisierung“ christlicher Heilserwartung zu verstehen ist. Dass diese Herkunftsverortung sich nicht erst einer rückblickenden Perspektive des 20. Jahrhunderts verdankt, sondern bereits in der Aufklärungszeit zum Thema wurde, hatte schon Friedrich Wilhelm Schlegel deutlich gemacht, als er urteilte, dass „der revolutionäre Wunsch, das Reich Gottes zu realisieren, [...] der elastische Punkt der progressiven Bildung und der Anfang der modernen Geschichte“ ist.

Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort8
Inhalt10
I. Wozu Geschichtsphilosophie?14
1. Geschichtsphilosophie und Ethik. Zur Einführung14
1.1 Fortschritt als 'Kontingenzformel' und die Frage nach der Ethik16
1.2 Geschichtsphilosophie nach dem 'Ende der Geschichte'20
1.3 Fortschritt als Kompromiss bei E. Troeltsch33
1.4 Fortschritt als ethisches Problem. Zum Aufbau des Buches40
2. 'Technischer Fortschritt' oder 'Leben': Auf der Suche nach dem erlösenden Wort44
3. 'Dammbruch' oder 'Rubikon': Zur Aktualität des Fortschrittsgedankens in der Bioethik49
3.1 Die Stammzellendebatte in Deutschland51
3.2 Der Streit um das 'menschliche Maß' in der Bioethik58
II. 'Fortschritt' in der Geschichte68
1. Etappen auf dem Weg der Ausprägung des modernen Fortschrittsbegriffs68
1.1 Fortschritt als geschichtlicher 'Begriff'68
1.2 Das 'Könnens- Bewusstsein' in der griechischen Antike und seine Krise72
1.3 Die Universalisierung und Dynamisierung des Fortschrittsverständnisses in der christlichen Spätantike75
1.4 'Profectus' in der christlichen Geschichtstheologie79
1.5 Apokalyptik in Reformation und früher Neuzeit83
1.6 Endzeit als Neuzeit. Humanität und Wissenschaft bei F. Bacon93
1.7 Die 'Perfectibilité' und ihre ambivalenten Folgen103
1.8 'Naturabsicht' und 'Geschichtszeichen' bei I. Kant107
1.9 Das Bewegungsgesetz des Geistes bei G. W. F. Hegel111
1.10 Der Fortschritt und das Problem der 'Unverfügbarkeit der Geschichte'115
2. Fortschritt statt Metaphysik: Der Entwicklungsbegriff im 19. Jahrhundert117
2.1 Geschichtliche Erkenntnis und 'objektiver Geist' in der historischen Schule117
2.2 Die Krise der bürgerlichen Emanzipation119
2.3 Versöhnung von Fortschritt und Ordnung nach A. Comte121
2.4 Industrialisierung und die 'Tatsachen' des Fortschritts125
2.5 Der Entwicklungsbegriff im historischen Materialismus129
3. Theologische Deutungen des modernen Fortschrittsgedankens im Protestantismus132
3.1 Zukunftsverständnis und Reich- Gottes- Vorstellung im 'prophetischen Jahrhundert'. Ein Überblick132
3.2 E. Troeltsch: Zum Verhältnis von Alt- und Neuprotestantismus137
3.3 Apokalyptik als Erlösung vom Fortschritt144
3.4 Die Wahrnehmung der 'Eigengesetzlichkeiten' im konservativen Kulturluthertum146
3.5 Fortschrittsethik des 'Reiches Gottes' bei F. D. E. Schleiermacher148
3.6 Christentumsentwicklung und moderne Kultur im Anschluss an R. Rothe157
III. Von der Eigendynamik des Fortschritts zur Autonomie der Technik164
1. Moderne Gesellschaft als 'technische Zivilisation'?164
2. 'Kultur‚' und 'Zivilisation' als Topoi im technischen Zeitalter175
2.1 Technik, Fortschrittseuphorie und Zivilisationskritik am Beginn des 20. Jahrhunderts176
2.2 'Zivilisation' und 'Kultur' bei O. Spengler und H. Freyer190
3. Wissenssoziologische Entlastungen: Zur Beobachtung von Kontingenz bei N. Luhmann207
Fortschritt in der Kommunikation? Risikokultur und Zeitbegriff222
IV. Fortschritt und Heilsgeschehen240
1. Fortschritt als Säkularisat des Christentums?240
1.1 Eschatologie als Säkularisierung des Heilsgeschehens bei K. Löwith242
1.2 'Säkularisation' als Kategorie historischer Illegitimität bei H. Blumenberg252
1.3 Beschleunigung und Fortschrittserfahrung nach R. Koselleck267
1.4 Fortschritt als 'Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen'274
2. Zwei ungleiche Schwestern: Zum Verhältnis von Historik und Geschichtstheologie284
2.1 Begriffsgeschichte als Hermeneutik der Differenz bei R. Koselleck285
2.2 Erfordert die Einheit der Geschichte ein Subjekt? Geschichtstheologische Anfragen von W. Pannenberg296
2.3 Überlieferungsgeschichte des Christentums als Hermeneutik der Differenz bei W. Pannenberg und T. Rendtorff306
2.4 Von der Frage nach dem Fortschrittsbegriff zur Legitimität des Fortschritts318
V. Keine Zeit für den Fortschritt?326
Vom Fortschritt der Geschichte zur Pluralität der Fortschritte326
Epilog338
Der Fortschritt – eine „ethische Wanderdüne“?338
Literaturverzeichnis342
Personenregister360

Weitere E-Books zum Thema: Ethik - Moral

Socially Responsible Investment

E-Book Socially Responsible Investment
Die deutschen und europarechtlichen Rahmenbedingungen Format: PDF

The current corporate social responsibility debate on the ethical, social and ecological significance and responsibility of companies are significantly determined by two central concepts -…

Erfolgsfaktor Verantwortung

E-Book Erfolgsfaktor Verantwortung
Corporate Social Responsibility professionell managen Format: PDF

Unternehmerische Wohltaten sind nicht neu: Spenden haben beispielsweise eine lange Tradition. Neu hingegen sind die Professionalisierung des unternehmerischen Engagements und die Verkettung mit der…

Führen von Sozialleistungsunternehmen.

E-Book Führen von Sozialleistungsunternehmen.
Konfessionelle Sozialarbeit und unternehmerisches Handeln im Einklang. Mit einem Geleitwort von Karl Albrecht Schachtschneider. Format: PDF

Unsere Gesellschaft ist einem tiefgreifenden Wandlungsprozeß unterworfen, der alle Lebensbereiche betrifft und unmittelbare Auswirkungen auf das gemeinschaftliche Leben in der Zukunft hat: es werden…

'Ihre Werte, bitte!'

E-Book 'Ihre Werte, bitte!'
Format: PDF

In Umbruchzeiten steigt die Relevanz von Werten als Orientierung schaffendes Mittel. Von Entscheidern wird erwartet, Verantwortung zu übernehmen, Vertrauen in Politik und Wirtschaft…

Ehrbare Kaufleute

E-Book Ehrbare Kaufleute
Eine philosophische Betrachtung Format: PDF

Es gibt ohne Zweifel ehrlose Kaufleute, oder allgemeiner: ehrlose Manager. Also, scheint es, ist Manager-Sein eine Sache, und Ehrbar sein dagegen eine andere. Wenn es gut geht, kommen beide zusammen…

300 Keywords Informationsethik

E-Book 300 Keywords Informationsethik
Grundwissen aus Computer-, Netz- und Neue-Medien-Ethik sowie Maschinenethik Format: PDF

Vom 'Altruismus' über die 'Filter Bubble' bis hin zum 'Whistleblowing': Die Sprache der Informationsethik zeichnet sich durch unzählige Fachtermini und Anglizismen aus. Das vorliegende…

Erfolgsfaktor Verantwortung

E-Book Erfolgsfaktor Verantwortung
Corporate Social Responsibility professionell managen Format: PDF

Unternehmerische Wohltaten sind nicht neu: Spenden haben beispielsweise eine lange Tradition. Neu hingegen sind die Professionalisierung des unternehmerischen Engagements und die Verkettung mit der…

CSR und Wertecockpits

E-Book CSR und Wertecockpits
Mess- und Steuerungssysteme der Unternehmenskultur Format: PDF

Dieses Buch verknüpft betriebswirtschaftliche Ansätze zur Steuerung von Unternehmensprozessen mit interdisziplinären Forschungsergebnissen zu den Treiberkräften menschlichen Denkens und…

Weitere Zeitschriften

CE-Markt

CE-Markt

 Das Fachmagazin für Consumer-Electronics & Home Technology Products Telefónica O2 Germany startet am 15. Oktober die neue O2 Handy-Flatrate. Der Clou: Die Mindestlaufzeit des Vertrages ...

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg) ist das offizielle Verbandsorgan des Württembergischen Landessportbund e.V. (WLSB) und Informationsmagazin für alle im Sport organisierten Mitglieder in Württemberg. ...

Deutsche Hockey Zeitung

Deutsche Hockey Zeitung

Informiert über das internationale, nationale und internationale Hockey. Die Deutsche Hockeyzeitung ist Ihr kompetenter Partner für Ihr Wirken im Hockeymarkt. Sie ist die einzige ...

dima

dima

Bau und Einsatz von Werkzeugmaschinen für spangebende und spanlose sowie abtragende und umformende Fertigungsverfahren. dima - die maschine - bietet als Fachzeitschrift die Kommunikationsplattform ...

Eishockey NEWS

Eishockey NEWS

Eishockey NEWS bringt alles über die DEL, die DEL2, die Oberliga sowie die Regionalligen und Informationen über die NHL. Dazu ausführliche Statistiken, Hintergrundberichte, Personalities ...