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E-Book

Das Messie-Syndrom

Phänomen, Diagnostik, Therapie und Kulturgeschichte des pathologischen Sammelns

VerlagSpringer-Verlag
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl322 Seiten
ISBN9783211765203
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis49,99 EUR

Messies (von mess, engl., Unordnung) werden Menschen genannt, die ihren Lebensbereich drastisch einschränken, indem sie zum Beispiel ihre Wohnungen mit Dingen überfüllen. Mit diesem Buch wird das Phänomen erstmals wissenschaftlich und klinisch beschrieben. Die dahinter liegenden psychodynamischen Prozesse werden ebenso behandelt wie die Gruppenpsychoanalyse für Messies oder die Wirkung von Selbsthilfegruppen. Ziel ist es, das Messie-Phänomen besser zu verstehen, um dann Konsequenzen für die psychotherapeutische Arbeit abzuleiten.

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Leseprobe
Die Messie-Bewegung in der Schweiz (S. 189-190)

Johannes von Arx

1. Die Anfänge

Die Messie-Bewegung in der Schweiz hat einen genauen Geburtsmonat: September 2001. Man müsste eigentlich von einer Zwillingsgeburt sprechen: Zum einen wurde in Zürich am 6. September die erste Selbsthilfegruppe der Schweiz gegründet. Zum anderen erreichte am 28. September das Schweizer Fernsehen mit der populären Sendung „Quer“ erstmals eine breite Öffentlichkeit zum Thema „Messie“. Danach setzte sich die Reihe an Publikationen in ziemlich regelmäßiger Folge fort.

Die Vorgeschichte: Im Juli 2001 erhielt der Fachpsychologe Heinz Lippuner von der Offenen Tür Zürich (OTZ, eines der schweizerischen Selbsthilfezentren, vergleichbar mit der „Ambulanz“ der SFU) einen Anruf aus Deutschland, die Hilferufe von Schweizerinnen und Schweizern, welche namentlich über deutsche Fernsehsendungen zum ersten Mal das Wort „Messie“ gehört hätten, häuften sich. Das waren Betroffene, welche Hilfe suchten. Lippuner selbst wurde schlagartig mit einem Problem konfrontiert, das ihm bis dato unbekannt war. Doch das löste bei ihm den Impuls aus, in der Schweiz die erste Messie-Selbsthilfegruppe zu begleiten und in der Folge auch eng am Thema zu bleiben und die sich bildende Bewegung zu unterstützen.

Er war es denn auch, der am Abend des 6. Septembers ein gutes Dutzend Frauen und Männer in der OTZ begrüßte. Obwohl das Wort „Messie“ zum damaligen Zeitpunkt fast gänzlich unbekannt war, trafen sich ungewöhnlich viele Hilfesuchende. Für diesen Gründungsabend der ersten Messie-Selbsthilfegruppe war bloß mit Flugblättern in Praxen von Ärzten und Psychologen sowie in zwei großen Konsumentenzeitungen geworben worden. Diese Schar gespannter und redelustiger Messies erzählte teilweise abenteuerliche Messie-Geschichten. Aber nicht nur solche. Die Aussage einer Berufskollegin, welche der Schreibende von viel früher her kannte, zeigte auf eindrückliche, unvergessliche Art das große Spektrum des Selbstverständnisses der Messies: „Ein leerer Schreibtisch, ein Bleistift und ein Schreibblock genügen – damit richte ich ein Chaos an“. Mit den üblichen Abgängen nach ein paar Abenden und Zuzügen kam damit eine recht geschlossene Gruppe zustande, welche mehr als fünf Jahre zusammenblieb.

2. Die Messie-Thematik in den Medien

Durch die Ankündigung der Gruppengründung wurde auch das Schweizer Fernsehen auf das Messie-Thema aufmerksam. Dessen Sendung „Quer“ befasste sich jeweils freitags mit besonderen menschlichen Problemen, Schicksalen, Randgruppen. Einen Betroffenen, Melchior, hatten die Sendungsmacher bereits gefunden. Man wollte jedoch zwei Messies porträtieren, die bereit waren, ihre Wohnung filmen zu lassen und vor der Kamera auszusagen. Weil die Zeit drängte, wandten sich die Produzenten des Fernsehens in der Hoffnung, im Kreis der eben gegründeten Selbsthilfegruppe jemanden zu finden, an Lippuner. Mit dem Einverständnis auch der Gruppe stellte ein Redakteur zu Beginn des zweiten Abends der Selbsthilfegruppe sein Anliegen vor.

Wiederum ein Glücksfall war, dass ich mich im Rahmen einer langjährigen Psychotherapie auch mit meinem Messiesein auseinandergesetzt hatte. Dies nicht nur auf das Problem bezogen, sondern auch aus der Warte des freien Journalisten, der ich ja bin. Ich erkannte, dass es sich um ein absolutes Tabuthema handelt und eine breite und seriöse Aufklärungsarbeit dringend vonnöten war. Weiters überlegte ich mir nicht nur, ob ich mich in diesem Themenfeld engagieren, sondern auch, ob ich mich – falls geboten – persönlich outen soll.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort5
Inhaltsverzeichnis9
Phänomenologie11
Das Messie-Syndrom – zur Entstehungsgeschichte einer psychischen Störung12
1. Die Collyer-Brüder12
2. Die Sammelleidenschaft12
3. Sandra Felton und das Messie-Syndrom13
4. Das Diogenes-Syndrom13
5. Die Organisations-Defizit-Störung ( ODS)14
6. Die Symptomspanne und der Leidensdruck14
7. Krankheit oder Kulturphänomen15
8. Verbreitung16
9. Andere Krankheiten, die mit dem Messie- Phänomen verbunden sind16
10. Psychodiagnostik des Messie-Syndroms17
11. Therapeutische Konsequenzen17
12. Das folgende Gedicht von Shel Silverstein illustriert treffend die Messie- Problematik in künstlerischer Form:18
13. Literatur19
Selbstbilder21
1. Einleitung21
2. Fallgeschichte – Frau R.22
3. Fallgeschichte – Herr X.29
4. Abschließende Überlegungen36
5. Literatur37
Fallgeschichten38
Angehörige von Messies45
1. Gründung der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Messies45
2. Die Situation der Angehörigen von Messies45
3. Hilfe durch die Selbsthilfegruppe49
4. Der Messie-Fragebogen51
Fallgeschichte: Frau Berta Z.52
1. Der Zustand meiner Wohnung ist der Spiegel meiner Seele!52
2. Anamnese53
3. Psychodynamik56
Diagnostik58
Horten und Sammeln im Spektrum der Zwangsstörungen59
1. Einleitung59
2. Zwangsstörung und Zwangsspektrumstörungen60
3. Biologische und psychologische Befunde und Komorbidität bei Hort- und Sammelzwängen62
4. Therapie des Hort- und Sammelzwanges65
5. Literatur66
Krank oder nicht krank? – Psychiatrische Aspekte einer Organisations- Defizit- Störung ( sogenanntes „ Messie- Syndrom“)70
1. Nosologische Vorbemerkung70
2. Das Messie-Phänomen in der Ratgeberliteratur72
3. Die Organisations-Defizit-Störung in der wissenschaftlichen Literatur73
4. Neuropsychologische Basis der Störungen von Ordnung und Planung85
5. Abschließende Überlegungen und Desiderata87
6. Literatur88
Der Messie-House-Index (MHI)94
1. Beschreibung des Modells94
2. Literatur96
3. Weiterführende Literatur97
Der Messie-Formenkreis102
1. Einleitung102
2. Differenzialdiagnostische Überlegungen106
3. Zusammenfassung118
4. Literaturangaben und weiterführende Literatur119
Therapeutische Aspekte128
Sammelsurium – ein buntes Durcheinander129
Literatur141
Das Messie-Kunstprojekt142
1. Wie es zu einem Messie-Kunstprojekt kam144
2. Literatur161
Selbsthilfe – Erfahrungsberichte von Betroffenen163
1. Bücher und Zeitschriften164
2. Räumungsstrategien – Abgabemöglichkeiten167
3. Unterstützung von einer Hilfsperson169
4. Selbsthilfegruppen171
5. Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit – Ergründung der Ursachen173
6. Verhaltensänderungen178
7. Literatur181
Das therapeutische Angebot der SFU183
Selbstzeugnisse187
Die Messie-Bewegung in der Schweiz188
1. Die Anfänge188
2. Die Messie- Thematik in den Medien189
3. Der kurze Weg zur eigenen Website190
4. Die Gründung des Verbandes LessMess192
5. Strukturelle Probleme und ihre maßgeschneiderten Lösungen193
6. Die weitere Entwicklung der Messie-Szene194
7. Die Entwicklung der Messie-Selbsthilfegruppen197
8. Die Beziehungen zum Ausland200
9. Dank207
10. Nachwort207
Worte eines Betroffenen212
Das Messie-Phänomen im Spiegel der Kulturgeschichte218
Der Messie immer schon in uns – Kreuz/ Quer zur Kultur oder jenseits des Gegenstandes219
1. Einleitende Gedanken219
2. Methodisches Vorgehen224
3. Eigene Reflexion225
4. Der Verzicht228
5. Entwicklung einer Formel für das Sammeln235
6. Entwicklung einer These240
7. Zusammenfassung246
8. Interpretation der Formel auf der Metaebene247
9. Reentry265
10. Die „Dekonstruktion“279
11. Jenseits des Gegenstandes285
12. Literatur289
Anhang295
Kontaktadressen295
Kontaktadressen Messie-Selbsthilfegruppen297
Fragebogen zum Messie-Syndrom298
Fragebogen der SFU für Therapeutinnen und Therapeuten307
Fragebogen der SFU für Betroffene309
MFU310

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