Sie sind hier
E-Book

Das Publikum der Gesellschaft

Inklusionsverhältnisse und Inklusionsprofile in Deutschland

AutorBrigitta Lökenhoff, Nadine M. Schöneck, Nicole Burzan, Uwe Schimank
VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl177 Seiten
ISBN9783531909912
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis26,99 EUR
Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft hat die Soziologie von Anfang an beschäftigt. Dieses Buch bietet einen neuen theoretischen und empirischen Ansatz zur Erfassung dieses Verhältnisses. Im Mittelpunkt stehen dabei die Publikumsrollen der Individuen. Dieses ist etwa Patient im Gesundheitssystem, Angeklagter im Rechtssystem, Zeitungsleser im System der Massenmedien oder Wähler im politischen System. Diese Rollen stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit der Untersuchung: Wie stellen sie sich hinsichtlich des Vollzugs von Gesellschaft durch die Individuen und der gesellschaftlichen Prägung der Individuen dar? Anders formuliert, geht es um das Publikum der Gesellschaft.

Dr. Nicole Burzan ist Professorin für Soziologie an der Universität Dortmund.

Dr. Uwe Schimank ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Bremen.

Brigitta Lökenhoff und Nadine M. Schöneck sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen im Lehrgebiet Soziologie II an der FernUniversität in Hagen.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe
4 Teilsystemische Inklusionsverhältnisse (S. 63-64)

In diesem und dem folgenden Kapitel geht es um die Darstellung und Interpretation unserer empirischen Ergebnisse. Dabei widmen wir uns im vorliegenden Kapitel den Inklusionsverhältnissen, das Kapitel 5 geht dann anschließend auf die übergreifenden Inklusionsprofile der in Deutschland lebenden Erwachsenen ein. Eine vollständige Darlegung unserer empirischen Befunde über die Inklusionsverhältnisse würde erfordern, dass wir alle zwölf Teilsysteme im Hinblick auf die dort gegebenen Publikumsrollen eingehend betrachten müssten.

Das wäre auf der Grundlage unserer Befragung durchaus möglich, hätte aber den Umfang eines eigenen Buchs – insbesondere wenn man unsere Erkenntnisse beispielsweise über das Publikum der Massenmedien mit den zahlreichen aus anderen theoretischen Perspektiven heraus bereits vorliegenden Studien zur Mediennutzung abgleichen wollte. Wir können daher hier nur exemplarisch drei Inklusionsverhältnisse herausgreifen und etwas näher betrachten: zunächst die Konsumentenrolle als hochgradig obligatorische Inklusion ins Wirtschaftssystem, sodann am anderen Ende des Spektrums die Publikumsrollen des Sports und der Kunst als optionale Inklusionsverhältnisse. Diese beiden Inklusionsverhältnisse sind überdies so beschaffen, dass es neben der jeweiligen Rezipientenrolle auch sekundäre Leistungsrollen gibt. Abschließend wird ein vergleichender Aspekt der teilsystemischen Inklusionsverhältnisse betrachtet.

4.1 Beispiel: Konsum

Konsum ist die Publikumsseite des Wirtschaftssystems, die für dieses Teilsystem ausdifferenzierte Publikumsrolle ist die des Konsumenten. Diese Rolle wird immer dann eingenommen, wenn jemand Zahlungen für die Inanspruchnahme wirtschaftlicher Leistungen, also von Gütern und Dienstleistungen, tätigt. Operationalisiert wurde diese Rolle in unserem Fragebogen über verschiedene konsumbezogene Alltagsaktivitäten,34 die sich hinsichtlich der jeweiligen Konsumsi tuation sowie des persönlichen und zeitlichen Aufwands voneinander unterscheiden: unter anderem tagtägliches Einkaufen, „Shoppen", Einkaufen im Versand- und Internethandel.

Dabei interessiert uns die Konsumaktivität, nicht die Menge oder der Preis oder die Marke des Gekauften. Der Konsum hat im breiten Spektrum gesellschaftlicher Rolleneinbindungen eine besondere Bedeutung. Man kauft eben nicht bloß Zahnpasta oder Taxifahrten, sondern auch die Mitgliedschaft im Fitnessstudio oder die Eintrittskarte ins Museum. Viele Publikumsrollen in den unterschiedlichsten Teilsystemen sind strukturell gekoppelt mit der Konsumentenrolle.

Die Inklusion in den Sport oder in die Kunst, die über kommerzielle Anbieter abgewickelt wird, ist ebenso wirtschaftlich vermittelt – und insofern indirekte Inklusion in die Wirtschaft – wie diejenige Inklusion ins Bildungssystem, die über gewinnorientierte Anbieter von Fortbildungsveranstaltungen erfolgt. Allerdings geht es bei unseren Fragen zur Konsumentenrolle vorrangig um den Kauf von Waren und Dienstleistungen allgemein, weniger um ihre mögliche Verwendung im Rahmen einer Inklusion in andere Teilsysteme. Der Index der Inklusion über Konsum teilt die Intensität der gesellschaftlichen Einbindung als Konsument in die Ausprägungen schwach, mittelstark und stark ein. Die empirische Verteilung auf diese drei Ausprägungen der Inklusion stellt sich folgendermaßen dar.

Ein mit 71.5% sehr großer Anteil der Befragten befindet sich im mittleren Inklusionsbereich. Stark inkludiert sind immerhin 21.2% der Befragten, nur 7.3% sind schwach inkludiert. Letzteres zeigt, dass sich die Inklusion über die Konsumentenrolle hochgradig als Sachzwang vollzieht. Dass jemand Konsument ist, ist also obligatorisch statt optional – kaum jemand hat die Wahl, diese Rolle prinzipiell nicht einzunehmen. Z.B. weisen lediglich zwei von 2110 Personen beim Inklusionsindex des Teilsystems Konsum den Wert 0 auf, und nur 8.7% der Befragten geben an, an einem typischen Wochentag überhaupt keine Konsumaktivität auszuüben. Optional ist aber jenseits eines sachzwanghaft auferlegten Aktivitätsminimums, wie stark jemand als Konsument inkludiert ist. Ob jemand z.B. täglich „shoppen" geht, kann er – oder sie – in den allermeisten Fällen selbst bestimmen.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt5
Einleitung7
1 Gesellschaftstheoretische Perspektive14
1.1 Funktional differenzierte Gesellschaft15
1.2 Gesellschaftliche Inklusion der Person22
2 Spezifikation des theoretischen Konzepts28
2.1 Publikumsrollen28
2.2 Facetten von Publikumsrollen32
2.3 Determinanten von Inklusionsprofilen43
3 Methodisches Vorgehen50
3.1 Fragebogenkonstruktion50
3.2 Die Stichprobe55
3.3 Datenauswertung56
4 Teilsystemische Inklusionsverhältnisse62
4.1 Beispiel: Konsum62
4.2 Beispiel: Sport69
4.3 Beispiel: Kunst83
4.4 Vergleichender Überblick94
5 Inklusionsprofile97
5.1 Zentrale, marginale und variable Teilsysteme im Inklusionsprofil98
5.2 Die ungleichheitstheoretische Perspektive: Lagemerkmale als Determinanten von Inklusionsprofilen103
5.3 Die differenzierungstheoretische Perspektive: zeitliche und sachliche Determinanten von Inklusionsprofilen130
5.4 Die Individualisiertheit des Publikums151
6 Ein Zwischenfazit160
Literatur166
Abbildungsverzeichnis175
Tabellenverzeichnis176

Weitere E-Books zum Thema: Soziologie - Sozialwissenschaften

Zeitstrategien in Innovationsprozessen

E-Book Zeitstrategien in Innovationsprozessen
Neue Konzepte einer nachhaltigen Mobilität Format: PDF

Die Autoren untersuchen theoretisch die Zeitlandschaften und die vielfach unterstellten Konflikte zwischen Ökologie und Ökonomie. Anschließend analysieren sie (individuelle) Zeitorientierungen und…

Lernen zu lernen

E-Book Lernen zu lernen
Lernstrategien wirkungsvoll einsetzen Format: PDF

Wer wirkungsvoll lernen will, findet in diesem Buch bestimmt die richtige Lernmethode für seinen Lernstoff. Jede Lerntechnik wird so beschrieben, dass man sie direkt anwenden kann. In der 7. Auflage…

Flexible Bürokratie

E-Book Flexible Bürokratie
Zur Logik aktueller Rationalisierungstendenzen bei Finanzdienstleistern Format: PDF

Carsten Dose untersucht die Reorganisation der Angestelltenarbeit anhand einer empirischen Untersuchung typischer Tätigkeitsbereich im Finanzdienstleistungssektor. Er analysiert, wie einerseits die…

Lernen zu lernen

E-Book Lernen zu lernen
Lernstrategien wirkungsvoll einsetzen Format: PDF

Wer wirkungsvoll lernen will, findet in diesem Buch bestimmt die richtige Lernmethode für seinen Lernstoff. Jede Lerntechnik wird so beschrieben, dass man sie direkt anwenden kann. In der 7. Auflage…

Lernen zu lernen

E-Book Lernen zu lernen
Lernstrategien wirkungsvoll einsetzen Format: PDF

Wer wirkungsvoll lernen will, findet in diesem Buch bestimmt die richtige Lernmethode für seinen Lernstoff. Jede Lerntechnik wird so beschrieben, dass man sie direkt anwenden kann. In der 7. Auflage…

DoktorandInnen in den USA

E-Book DoktorandInnen in den USA
Eine Analyse vor dem Hintergrund des Bologna-Prozesses Format: PDF

Antonia Kupfer gibt einen Einblick in die US-amerikanische DoktorandInnenausbildung. Sie zeigt, dass hier bereits einiges von dem, was in Deutschland eingeführt werden soll, realisiert wurde, und…

E-Learning

E-Book E-Learning
Einsatzkonzepte und Geschäftsmodelle Format: PDF

Der vorliegende Band ist dem Lernen und Lehren auf der Basis moderner Informations- und Kommunikationstechnologien gewidmet. Das Buch fasst die wichtigsten Ansätze zur Einführung, Umsetzung und…

Weitere Zeitschriften

ARCH+.

ARCH+.

ARCH+ ist eine unabhängige, konzeptuelle Zeitschrift für Architektur und Urbanismus. Der Name ist zugleich Programm: mehr als Architektur. Jedes vierteljährlich erscheinende Heft beleuchtet ...

Atalanta

Atalanta

Atalanta ist die Zeitschrift der Deutschen Forschungszentrale für Schmetterlingswanderung. Im Atalanta-Magazin werden Themen behandelt wie Wanderfalterforschung, Systematik, Taxonomie und Ökologie. ...

Augenblick mal

Augenblick mal

Die Zeitschrift mit den guten Nachrichten "Augenblick mal" ist eine Zeitschrift, die in aktuellen Berichten, Interviews und Reportagen die biblische Botschaft und den christlichen Glauben ...

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler

Der Steuerzahler ist das monatliche Wirtschafts- und Mitgliedermagazin des Bundes der Steuerzahler und erreicht mit fast 230.000 Abonnenten einen weitesten Leserkreis von 1 ...

ea evangelische aspekte

ea evangelische aspekte

evangelische Beiträge zum Leben in Kirche und Gesellschaft Die Evangelische Akademikerschaft in Deutschland ist Herausgeberin der Zeitschrift evangelische aspekte Sie erscheint viermal im Jahr. In ...

ERNEUERBARE ENERGIEN

ERNEUERBARE ENERGIEN

ERNEUERBARE ENERGIEN informiert durch unabhängigen Journalismus umfassend über die wichtigsten Geschehnisse im Markt der regenerativen Energien. Mit Leidenschaft sind wir stets auf der Suche nach ...