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Das radikal Böse bei Immanuel Kant und die Banalität des Bösen bei Hannah Arendt

AutorMonika Skolud
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl55 Seiten
ISBN9783640221905
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis16,99 EUR
Studienarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen, Note: 1,0, Freie Universität Berlin (Institut für Philosophie), Veranstaltung: Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft , 47 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: '???????? ?? ????? ????? ??? ?? ??????? ?????.' Gegenüberliegend ist dem »gut« notwendig das »schlecht«. Dem Guten wie dem Schlechten oder dem Bösen eignet keine präzise und allgemeingültige Bestimmung. Die Begriffe bilden eine Entgegensetzung, so sind Gerechtigkeit und Ungerechtigkeitgegenüberliegende Gegensätze die einer Seinsgattung angehören und, nach Aristoteles, in der menschlichen Seele auftreten. Im Unterschied dazu sind »gut« und »böse« >nicht in einer Gattung, sondern das sind selbst Seinsgattungen von anderem.< Damit ist gesagt, dass das Böse in unterschiedlicher Weise ausgesagt werden kann. Es kann ebenso »ein böses Geschwür« wie »eine böse Handlung« bezeichnen. Diese Arbeit betrachtet und diskutiert Positionen des moralisch Bösen. Das moralisch Böse ist bei Immanuel Kant ein radikal Böses in der menschlichen Natur. Hannah Arendt prägte - für das moralisch Böse - im Anschluss an ihre Auseinandersetzung mit dem »Fall Eichmann« den Begriff der Banalität des Bösen. In beiden Moralkonzeptionen geht es um die menschliche Fähigkeit Recht von Unrecht zu scheiden, die Möglichkeit gut oder böse sein zu können. Das gute wie das böse Handeln stellen Seinsmöglichkeiten der Menschen dar und so geht es, bei Kant und Arendt, um die Auseinandersetzung angesichts des Bösen das Gute zu erkennen, zu wollen und zu tun. Diese Arbeit gliedert sich in fünf Teile. Nach einer kurzen Einführung in den Begriff und die Definition des Bösen wird im zweiten Kapitel die Entwicklung des Begriffs des radikal Bösen bei Immanuel Kant beschrieben. Dies geschieht auf der Grundlage seiner Moralphilosophie und vor allem an Hand der Schrift: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1793. Der dritte Abschnitt zeigt die Argumentation, die Hannah Arendt für die Entwicklung der »Linie der moralischen Kompetenzen« geltend macht. Die Entfaltung ihrer Moralkonzeption geschieht vor dem Hintergrund der Philosophie Kants. Textgrundlage isthier vor allem ihre Vorlesung zu Fragen der Ethik aus dem Jahre 1965: Über das Böse. Im vierten Kapitel werden die Differenzen der Denkmodelle von Kant und Arendt an Hand derKonzeptionen der Persönlichkeit, des Gewissens, der Vernunft und der Kompetenzen im Hinblick auf die Grundlagen und Motivationen für moralisches Handeln, diskutiert. Der abschließende fünfte Abschnitt resümiert die vorgetragenen Positionen und stellt die Frage: Was sollen wir tun? im Sinne eines Ausblicks. [...]

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Leseprobe

2. Das radikal Böse bei Immanuel Kant


 

„Die Moral, sofern sie auf den Begriff des Menschen, als eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens, gegründet ist, bedarf weder der Idee eines anderen Wesens über ihm, um seine Pflicht zu erkennen, noch einer anderen Triebfeder als des Gesetzes selbst, um sie zu beobachten. [...] Sie bedarf also zum Behuf ihrer selbst [...] keineswegs der Religion, sondern, vermöge der reinen praktischen Vernunft, ist sie sich selbst genug.“[10]

 

Dies ist die einleitende Bestimmung der Moral in Immanuel Kants Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Kant stellt in seiner Religionsschrift das Verhältnis des guten und bösen Prinzips vor, die beide für sich bestehen und als wirkende Ursachen den Menschen beeinflussen. Er erörtert in der Vorrede zur ersten Auflage von 1793 sein Vorhaben, das in der Denkmöglichkeit des Guten angesichts des Bösen in der menschlichen Natur besteht. Die Religion ist hier kein Gegenstand des Wissens, der objektiven Erkenntnis, sondern eines philosophisch begründeten Hoffens. Kant verstand seine Schrift als Versuch einer Antwort auf die Frage: Was darf ich hoffen? Die Frage nach dem, was der Mensch hoffen darf, >setzt die nach dem sittlich gesollten fort. Erst beide Fragen zusammen stecken den Bereich des menschlichen Handelns ab.<[11] Kant beschreibt den Standort seiner Abhandlung mit dem Bild von zwei konzentrischen Kreisen, bei der sich die Vernunftreligion innerhalb der Grenzen der Offenbarungsreligion befindet.[12] Er entwickelt in der Religionsschrift keine positive Religion aus reiner Vernunft, sondern zeigt, wie Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft möglich ist. Kant ist der Auffassung, dass

 

„...eine Religion, die der Vernunft unbedenklich den Krieg ankündigt, es auf die Dauer gegen sie nicht aushalten [wird].“[13]

 

Der entscheidende Gedanke ist, dass die Moral, die uns durch das Sittengesetz als oberstes, unbedingt zu befolgendes und gebietendes Gesetz durch die Vernunft unmittelbar gegeben und einsichtig sei, keines Zweckes außer ihr bedürfe und der Religion vorangehe. Die Moral

 

„...bedarf keines Zwecks, weder um, was Pflicht sei, zu erkennen, noch dazu, dass sie ausgeübt werde...“[14]

 

Die Moral für sich selbst benötige folglich keine Zweckvorstellung, die der Willensbestimmung vorhergehen müsse. Die Menschen benötigten jedoch zur Willensbestimmung eine Zweckbeziehung. Dies nicht als vorhergehender Grund, sondern als Folge ihrer Bestimmung.

 

„So bedarf es zwar für die Moral zum Rechthandeln keines Zwecks, sondern das Gesetz [...] ist ihr genug. Aber aus der Moral geht doch ein Zweck hervor; denn es kann der Vernunft doch unmöglich gleichgültig sein, wie die Beantwortung der Frage ausfallen möge:   w a s   a u s        d i e s e m   u s e r e m   R e c h t h a n d e l n   h e r a u s k o m m e...“[15]

 

Die Religion ist

 

„...zwar nur eine Idee von einem Objekte, welches...“[16]

 

die Zwecke, die wir haben sollen, das menschliche Streben nach Glückswürdigkeit, das unsere Pflicht ist, mit den Zwecken, die wir haben, der Glückseligkeit, vereinigt.

 

„...diese Idee geht aus der Moral hervor, und ist nicht die Grundlage derselben...“[17]

 

Die Idee vermag es die Zweckmäßigkeit der Freiheit und die Zweckmäßigkeit der Natur zu verbinden. Die Verbindung gestattet die Denkmöglichkeit der Moral und die Umsetzung der Handlung in die Praxis. Sie ist

 

„...die Idee eines höchsten Guts in der Welt, zu dessen Möglichkeit wir ein höheres, moralisches, heiligstes und allvermögendes Wesen annehmen müssen...“[18]

 

Kant führt aus, dass diese Idee nicht leer sei, weil sie unserem natürlichen Bedürfnisse entspräche, uns bei all unseren Handlungen einen von der Vernunft gerechtfertigten Endzweck zu denken. Das Fehlen eines Endzweckes beschreibt Kant als ein

 

„...Hindernis der moralischen Entschließung.“[19]

 

Es geht darum, dass sich die Moral einen Begriff von einem Endzweck aller Dinge mache,

 

„...weil dadurch allein der Verbindung der Zweckmäßigkeit aus Freiheit mit der Zweckmäßigkeit der Natur, deren wir gar nicht entbehren können, objektiv praktische Realität verschafft werden kann.“[20]

 

Der Endzweck sei derjenige Zweck, der die unumgängliche und gleichzeitig zureichende Bedingung aller übrigen Zwecke enthalte. Eigene Glückseligkeit sei der subjektive Endzweck, den jeder aufgrund seiner Natur habe, er sei jedoch nicht derjenige, den wir haben sollen. Der Endzweck, den sich jedermann machen solle, sei das höchste in der Welt mögliche Gut und

 

„...an diesem Zwecke nun, [...] sucht der Mensch etwas, was er   l i e b e n   kann..."[21]

 

Für die Menschen sei dieser Endzweck durch die Moral bewirkt und folge, zusätzlich zu seinen Pflichten, dem Bedürfnisse des Erfolges derselben als Gedanken. Kant resümiert:

 

„Moral also führt unumgänglich zur Religion, wodurch sie sich zur Idee eines machthabenden moralischen Gesetzgebers außer dem Mensch erweitert, in dessen Willen dasjenige Endzweck (der Weltschöpfung) ist, was zugleich der Endzweck des Menschen sein kann und soll.“[22]

 

Das kann nur in dem Sinne gemeint sein, der nicht die Eigenständigkeit der Moral beeinträchtigt, sondern nur so,

 

„...dass zwischen Vernunft und Religion nicht bloß Verträglichkeit, sondern auch Einigkeit anzutreffen sei.“[23]

 

2.1 Von der Einwohnung des bösen Prinzips neben dem guten: oder über das radikal Böse in der menschlichen Natur


 

„Was der Mensch im moralischen Sinne ist, oder werden soll, gut oder böse, dazu muss er   s i c h   s e l b s t   machen, oder gemacht haben. Beides muss eine Wirkung seiner freien Willkür sein; denn sonst könnte es ihm nicht zugerechnet werden, folglich er weder moralisch gut noch böse sein[24]

 

>Das Böse findet sich nicht nur bei diesem oder jenem Individuum, sondern bei der ganzen Gattung und geht allen einzelnen Handlungen voraus. Trotzdem entspringt es nicht einer biologischen Anlage, sondern kann der Freiheit des Menschen zugerechnet werden.<[25] So ist es ein wesentlicher Gedanke Kants, dass der erste subjektive Grund der Annahme der Maximen nicht bestimmbar sei, er sei undenkbar, oder, wie Kant formuliert, unvordenklich. Diese Unvordenklichkeit sei für die Natur der Menschen denknotwendig. Natur bezeichnet hier bei Kant nicht naturgesetzlich bestimmt, sondern

 

„...unter der Natur des Menschen [ist hier] nur der subjektive Gebrauch seiner Freiheit überhaupt (unter objektiven moralischen Gesetzen), der vor aller in die Sinne fallenden Tat vorhergeht...“[26]

 

zu verstehen. Damit dem Menschen dieser Grund zugerechnet werden könne, müsse er ein Akt der Freiheit sein. Somit könne der Grund des moralisch Bösen in keinem Naturtrieb liegen,

 

„...sondern nur in einer Regel, die die Willkür sich selbst für den Gebrauch ihrer Freiheit macht, d.i. in einer Maxime...“[27]

 

>Die Freiheit, von Naturkausalität ungenötigt eine Handlung spontan „von selbst“ anzufangen, ist Bedingung der Zurechenbarkeit von Handlungen und somit auch oberste Bedingung aller Autonomie in der Kantischen Moralphilosophie insgesamt.<[28] Der Grund der Annehmung einer Maxime müsse unerforschlich sein, weil diese Annehmung frei sei. Ein Bestimmungsgrund der freien Willkür könne und solle nicht angeführt werden, da dies unweigerlich zu einem regressus ad infinitum führte. Die Annehmung der Maximen kennzeichne den Menschen in seiner Gattung und drücke gleichzeitig seinen Charakter aus. Das Böse gilt Kant als Gattungsmerkmal, dieser Charakter sei dem Menschen angeboren, wobei eben nicht die Natur die Schuld dafür trage, sondern der Mensch selbst sei Urheber derselben. Die Annehmung unserer Maximen könne uns nicht in der Erfahrung gegeben werden:

 

„...so heißt das Gute oder Böse im Menschen [...] bloß in dem Sinne angeboren, als es vor allem in der Erfahrung gegebenen Gebrauche der Freiheit [...] zum Grunde gelegt wird, und so, als mit der Geburt zugleich im Menschen vorhanden, vorgestellt wird: nicht dass die Geburt eben die Ursache davon sei.“[29]

 

Kant bezieht sich hier auf die Unterscheidung von intelligibler und sensibler Tat. Die intelligible Tat ist nur durch Vernunft zu...

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