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E-Book

Das sechzehnte Kind

Glück und Abgründe einer großen Liebe

AutorIrene Vilar
VerlagHoffmann und Campe Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783455307245
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis7,99 EUR
»Als ich schrieb, fühlte ich mich befreit von meinem Leben und stellte mir, endlich, das Gesicht meiner Tochter vor.« Manchmal schlagen die Versuche, wieder Kontrolle über das eigene Leben zu erlangen, fehl und immer wieder fehl. Irene Vilars erschütterndes autobiographisches Bekenntnis erzählt von der Liebe zu einem Mann - einer Liebe, die ihr Halt gab und sie zugleich beinahe zerstört hat. Es gehört Kraft und Mut dazu, sich von jemandem zu trennen, obwohl man ihn liebt. Irene Vilar liebt einen beeindruckenden, viel älteren Mann, der sie ebenso liebt und heiratet, der aber trotzdem auch frei sein, keine Kinder haben will. Sie wird schwanger, weiß, dass er sie verließe, wenn sie das Kind bekäme, und treibt ab. Das wiederholt sich, sie gerät in einen Teufelskreis. Erst als sie anfängt zu schreiben, sich mit ihrer Familiengeschichte und der ihres Heimatlandes auseinanderzusetzen, kann sie sich lösen. Sie gewinnt ihr Leben zurück. Und auch die Möglichkeit, wieder zu lieben und schließlich ihr erstes Kind zu bekommen. Ein absolut ergreifender und ehrlicher Lebensbericht einer Frau.

Irene Vilar, 1969 in Puerto Rico geboren, ist Herausgeberin, Literaturagentin und Autorin. Mit <I>The Ladies' Gallery. A Memoir of Family Secrets</I> hat sie 1999 bereits eine Autobiografie veröffentlicht, die sich mit den Lebensgeschichten der Großmutter, der Mutter und der Autorin selbst beschäftigt, aber anders als im <I>Sechzehnten Kind</I> umging sie dort noch das Thema Abtreibung. Sie musste erst lernen, mit diesem Teil ihres Lebens umzugehen. Irene Vilar ist heute zum zweiten Mal verheiratet. Sie hat zwei Töchter und zwei Stiefkinder und lebt mit ihrer Familie in Colorado.

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Leseprobe

 

 

 

 

Prolog

 

Wenn ich mein Leben zusammenfassen sollte, würde ich sagen, es war von der extremen menschlichen Erfahrung der Abtreibung bestimmt. Jahrelang geriet ich jedes Mal, wenn ich von einer Abtreibung las oder hörte, in einen Strudel der Gefühle. Immer, wenn das Lied »A Horse with No Name« von America gespielt oder das Buch Der Letzte der Gerechten erwähnt wurde, das mich durch zehn erniedrigende Jahre meines Lebens begleitet hatte, war ich zutiefst aufgewühlt.

Meine Handlungen unter einem moralischen Aspekt zu betrachten ist alles andere als angenehm. Abtreibung ist moralisch gesehen ein schwieriges Thema, wie ich finde, weil es ungewöhnlich ist. Und ungewöhnlich ist es, weil der menschliche Fötus mit nichts und niemandem sonst vergleichbar ist und weil sich die einzigartige Beziehung zwischen einem Fötus und einer schwangeren Frau mit keiner anderen Beziehung vergleichen lässt.

Als ich 2001 mit der Arbeit an diesem Buch begann, sollte es, im Stil von Pygmalion/My Fair Lady, die Geschichte eines älteren Mannes und einer Jugendlichen werden, eines Lehrers und einer Studentin, und über den vorhersehbaren, aber nicht uninteressanten Zerfall ihrer gegenseitigen Faszination. Aber das blieb nicht so. Die Geschichte, die erzählt werden musste, war die einer Sucht. Obwohl ich dagegen ankämpfte, ergriff der Gedanke von mir Besitz. Diesem Buchprojekt sahen vor allem die mir nahestehenden Menschen mit Bangen entgegen. Man warnte mich, dass ich mir wahrscheinlich den Hass sowohl der Abtreibungsgegner als auch der Befürworter zuziehen würde. Was ich zu sagen hatte, musste zwangsläufig missverstanden werden.

Meine einzige Alternative wäre gewesen zu schweigen. Aber die Tatsache, dass meine persönlichen Erfahrungen mit Schwangerschaft und Abtreibung schwer nachzuvollziehen sind, war für mich nicht Grund genug, das Projekt aufzugeben. Und obgleich Abtreibungen in irgendwelchen Hinterzimmern der Vergangenheit angehören, sind legale Schwangerschaftsabbrüche noch keineswegs »normal«. Diejenigen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, dafür entscheiden, wahren gewöhnlich Stillschweigen, und der Schleier der Heimlichkeit lastet schwer. Ich selbst habe meine Gefühle, was Abtreibung und die Identität eines Embryos und eines Fötus angeht, bis zum heutigen Tag verdrängt.

Und doch ist mein Erfahrungsbericht keine Auseinandersetzung mit der politischen Diskussion rund um die Abtreibung, und es geht darin auch nicht um die illegalen, gefährlichen Abbrüche, die für Generationen von Frauen in der Geschichte ein wichtiges Thema waren. Nein, meine Geschichte geht einem Familientrauma auf den Grund, Wunden, die ich mir selbst beigebracht habe, Zwangsmustern und der moralischen Klarheit und den moralischen Konflikten, von denen meine Entscheidungen geprägt waren. Diese Geschichte passt nicht nahtlos zu dem Slogan »Mein Bauch gehört mir«. Um das Recht auf freie Entscheidung nicht zu gefährden, verzichten viele Frauen, die wie ich für das Recht auf Abtreibung eintreten, darauf, öffentlich über Erfahrungen, die meinen ähnlich sind, zu sprechen. Die Abtreibungsdiskussion für die existenzielle Erfahrung zu öffnen, die ein Abbruch für viele Frauen bedeutet, ist zwar im Sinne der Ehrlichkeit und eines breiteren Spektrums an Ausdrucksmöglichkeiten, birgt aber auch Risiken.

Abtreibung ist eine leidvolle Erfahrung, die am Ende einer Kette von Fehlentscheidungen steht. Die Vertreter der amerikanischen Pro-Life-Bewegung instrumentalisieren diese Erfahrung in sensationsheischender Weise und gehen dabei über die Ursachen hinweg. Einer dieser menschlichen »Fehler« ist der finanzielle Druck, der neben Unwissenheit der häufigste Grund für Abtreibungen ist. In der Pro-Life-Bewegung gibt es unübersehbar lebensfeindliche Tendenzen, denn sie fördert diese Unwissenheit, indem sie sich gegen Familienplanung, Sexualerziehung und den richtigen Gebrauch von Verhütungsmitteln stellt. Ein kürzlich in der New York Times erschienener Artikel legte die lateinamerikanischen Abtreibungsstatistiken offen und enthüllte die alarmierenden Folgen eines rigiden Fundamentalismus, gepaart mit Armut und Unwissenheit. Die Vereinten Nationen berichten, dass in Lateinamerika jährlich mehr als vier Millionen Abtreibungen vorgenommen werden, die meisten davon illegal, und dass jedes Jahr über fünftausend Frauen an Komplikationen nach dem Eingriff sterben. Vierzig von tausend lateinamerikanischen Frauen im gebärfähigen Alter haben eine Abtreibung, das ist der höchste Prozentsatz nach Osteuropa.

Diese Zahlen zeigen unter anderem, wie wenig effektiv es ist, als einzige Form der Verhütung Abstinenz zu predigen, wie es in lateinamerikanischen Kirchen und Schulen üblich ist. Die lateinamerikanischen Abtreibungsgesetze zählen zu den schärfsten der Welt, und doch ist die Abtreibungsrate hier eine der höchsten weltweit. In den Vereinigten Staaten hingegen, wo Abtreibung legal ist und mehr Aufklärung stattfindet, erreichte die Abtreibungsrate 1993 den niedrigsten Stand seit vierundzwanzig Jahren. Der Tiefststand war 2002 erreicht, als dem Alan Guttmacher Institute zufolge auf 1000 Frauen im Alter zwischen fünfzehn und vierundvierzig 20,9 Abtreibungen fielen. Allerdings ist bei westeuropäischen Jugendlichen, die sexuell ebenso aktiv sind wie amerikanische Mädchen, aber weit mehr Zugang zu Sexualerziehung haben und besser über Verhütungsmittel informiert werden, die Wahrscheinlichkeit einer Abtreibung sieben Mal geringer, Gonorrhöe-Erkrankungen gar siebzig Mal seltener als in Amerika. Sich in irgendeiner Form mit der Pro-Life-Bewegung zu identifizieren wird vollends abwegig, wenn man sich klarmacht, dass sie im Grunde fordert, zu den in Lateinamerika herrschenden, grauenhaften Abtreibungs- und Todeszahlen von Frauen zurückzukehren, und dabei die beeindruckend niedrigen Abtreibungszahlen in Westeuropa einfach ignoriert.

Sosehr ich auch entschlossen bin, über meine Abtreibungssucht zu berichten, ohne mich mit der politischen und philosophischen Debatte um die Entscheidung Roe v. Wade aufzuhalten, muss ich doch mindestens anmerken, dass dreiunddreißig Jahre nach der Verabschiedung der richtungweisenden Gesetze durch den Obersten Gerichtshof der USA Abtreibung in einzelnen Staaten zunehmend reglementiert wird. Der Schiedsspruch gestand Frauen das durch die Verfassung geschützte Recht zu, sich in den frühen Phasen der Schwangerschaft für eine Abtreibung zu entscheiden. Im Gegensatz zu den Überzeugungen der Pro-Life-Bewegung setzte sich das Gericht bewusst mit der Tatsache auseinander, dass menschliche Ursachen, die zu der schmerzvollen Realität einer Abtreibung führen, zum Beispiel psychische Gründe wie bei mir oder wirtschaftliche Schwierigkeiten, mit denen sich so viele konfrontiert sehen, sich jeder Kontrolle entziehen. Aus diesem Grund, so hieß es, müsse die Aufgabe des Staates, das Recht der Frau auf Leben und Gesundheit zu sichern, das durch Antiabtreibungsgesetze verletzt werde, Vorrang haben. Die in alarmierendem Maße zunehmende Verschärfung der Abtreibungsgesetze kann nur dazu führen, dass bei Schwangerschaftsabbrüchen mehr Fehler und Pfuschereien entstehen.

Meine Geschichte zeigt unter anderem, dass es mir bei der Ausübung meines Rechts auf Abtreibung zunächst an einem Verantwortungsgefühl mangelte, sie zeigt aber auch, dass ich mit der Zeit ein Bewusstsein für diese Verantwortung entwickelt habe. Ich möchte der Frage nachgehen, inwieweit Abtreibung, wenn sie wiederholt auftritt und selbstschädigende Formen annimmt, auf eine Sucht hindeuten kann. Außerdem hoffe ich, Fragen anzusprechen, die verdeutlichen, dass sowohl Gegner als auch Befürworter des Rechts auf Abtreibung gleichzeitig im Recht und im Unrecht sind, wie das bei vielen fundamentalen und extremen Positionen der Fall ist.

Jahrelang kam mir gar nicht in den Sinn, dass es über Abtreibung irgendetwas zu sagen geben könnte. Ganz im Gegenteil. Es ging viel zu sehr darum, zu vergessen. Doch ich habe festgestellt, dass viele Frauen sich nichts sehnlicher wünschen, als eine von Feigheit geprägte Vergangenheit und ihr Bedürfnis, sich im Schatten der Macht eines anderen Menschen zu verstecken, zu überwinden. Viele von ihnen hatten mehrere Abtreibungen hinter sich. Wie ich selbst waren sie bemüht, Worte für eine Erfahrung zu finden, über die sie selten gesprochen hatten. Mein Bericht ist nicht der einzige seiner Art. Abgesehen von der aseptischen, sachlichen Sprache der Familienplanungsstellen und den legalistischen oder moralistischen Ausführungen der Entscheidung Roe v. Wade und deren jeweiliger Anhänger in Gestalt der Abtreibungsbefürworter und -gegner, gibt es kaum Worte, um das individuelle, intime Erleben zu artikulieren. Etwa die Hälfte aller US-amerikanischen Frauen, die 2004 eine Abtreibung vornehmen ließen, hatten schon einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich. Fast zwanzig Prozent hatten zuvor bereits mindestens zwei Abtreibungen, zehn Prozent drei oder mehr. Eine beträchtliche Anzahl dieser wiederholten Abtreibungen geschehen in Bevölkerungsschichten, in denen Verhütungsmittel weit verbreitet sind.

 

»Ich hatte zwölf Abtreibungen in elf Jahren, und es waren die glücklichsten Jahre meines Lebens.« (Fünfzehn in fünfzehn Jahren, wenn ich die drei mit einem anderen Mann dazu-zähle.) Diese Worte schrieb ich, bevor ich die Wahrheit...

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