Sie sind hier
E-Book

Das terrestrische Manifest

AutorBruno Latour
VerlagSuhrkamp
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl150 Seiten
ISBN9783518758045
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR

Eine Serie politischer Unwetter hat die Welt durcheinandergebracht. Die Instrumente, mit denen wir uns früher orientierten, funktionieren nicht mehr. Verstanden wir Politik lange als einen Zeitstrahl, der von einer lokalen Vergangenheit in eine globale Zukunft führen würde, realisieren wir nun, dass der Globus für unsere Globalisierungspläne zu klein ist. Der Weg in eine behütetere Vergangenheit erweist sich ebenfalls als Fiktion. Wir hängen in der Luft, der jähe Absturz droht.

In dieser brisanten Situation gilt es zuallererst, wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen und sich dann neu zu orientieren. Bruno Latour unternimmt den Versuch, die Landschaft des Politischen neu zu vermessen und unsere politischen Leidenschaften auf neue Gegenstände auszurichten. Jenseits überkommener Unterscheidungen wie links und rechts, fortschrittlich und reaktionär plädiert er für eine radikal materialistische Politik, die nicht nur den Produktionsprozess einbezieht, sondern auch die ökologischen Bedingungen unserer Existenz.



<p>Bruno Latour, geboren 1947 in Beaune, Burgund, Sohn einer Winzerfamilie. Studium der Philosophie und Anthropologie, von 1982 bis 2006 Professor am Centre de l'Innovation an der Ecole nationale supérieure de mine in Paris. Gastprofessor an der University of California San Diego, der London School of Economics und am historischen Seminar der Harvard University. Seit Juni 2007 ist Bruno Latour Professor am Sciences Politiques Paris und dem Centre de Sociologie des Organisations (CSO). Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. 2013 den Holberg- Preis.</p>

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

9.


Anzudeuten, wir verfügten über keinen genaueren Hinweis auf diesen dritten Attraktor außer durch diejenigen, die vor ihm fliehen, scheint lächerlich. Als ob uns Modernen nie bewusst gewesen wäre, in welchem groben Rahmen unser Handeln verläuft und welche Richtung unsere Geschichte allgemein einschlägt. Als ob wir das Ende des letzten Jahrhunderts hätten abwarten müssen, bis wir bemerkten, dass unsere Projekte gewissermaßen im Leeren schwebten.

Aber sind wir nicht doch genau mit dieser Situation konfrontiert? Das (Plus- wie Minus-)Globale, auf das hin wir uns bis dahin entwickelten, der Horizont, der uns in eine grenzenlose Globalisierung stürzen ließ (und, als Reaktion darauf, die Lokalitäten, die sich vermehrten, um diesem scheinbar unausweichlichen Schicksal zu entkommen): Alldem fehlte schon immer Bodenhaftung, Realität, konsistente Materialität.

Der verhängnisvolle Eindruck, dass die Politik sich aller Substanz entleert hat, dass sie an nichts mehr geknüpft ist, sinn- und orientierungslos, buchstäblich blöd wie gleichermaßen impotent geworden, gründet in nichts anderem als dieser fortschreitenden Entdeckung: Weder das Globale noch das Lokale haben materielle und dauerhafte Existenz.

Folgerichtig ähnelt der erste oben ausgemachte Vektor (Abbildung 1), diese gerade Linie, an der sich Rückschritte und Fortschritte feststellen ließen, einer Autobahn ohne Anfang und ohne Ende.

Dass die Situation sich trotz allem aufklärt, liegt daran, dass wir nicht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Verweigerung und Hinnahme der Modernisierung schweben, sondern, um 90 Grad gedreht, zwischen dem alten und einem neuen Vektor, vorwärts getrieben von zwei Zeitpfeilen, die nicht mehr in dieselbe Richtung verlaufen (Abbildung 4).

Die ganze Aufgabe ist nun herauszufinden, woraus dieses dritte Element besteht. Was könnte es anziehender machen als die beiden anderen – und warum erscheint es so vielen als abstoßend?

Die erste Schwierigkeit besteht darin, ihm einen Namen zu geben, einen, der nicht mit dem der beiden anderen Attraktoren verwechselt werden kann. »Erde«? Man wird glauben, es handele sich um den Planeten, aus dem Weltall gesehen, den berühmten »blauen Planeten«. »Natur«? Sie wäre viel zu umfänglich. »Gaia«? Das wäre es, aber es erforderte eine Unmenge Seiten, um genauer anzugeben, wie dieser Name zu verwenden ist. »Boden« lässt zu sehr an alte Ausprägungen lokaler Gegebenheiten denken. »Welt«, »Monde«, ja, sicher, allerdings besteht die Gefahr, sie mit früheren Erscheinungsformen der Globalisierung bzw. Mondialisierung zu verwechseln.

Nein, nötig ist ein Terminus, der die verblüffende Originalität (das verblüffende Alter) dieses Agens in sich umfasst. Nennen wir es vorerst das Terrestrische (in Großbuchstaben, um deutlich zu machen, dass es sich um ein bestimmtes Konzept handelt); und weiter, damit schon im Voraus klar wird, worauf man sich hinbewegt: das Terrestrische als neuer Politik-Akteur.

Was massiv verstört und zunächst nur hingenommen werden kann, betrifft in der Tat die Wirkmacht dieses Terrestrischen, das nicht mehr bloß das Dekor oder den Hintergrund des Handelns der Menschen bildet.

Von Geopolitik wird stets gesprochen, als ob das Präfix »geo-« lediglich den Rahmen darstellte, in dem sich politisches Handeln abspielt. Nun vollzieht sich eine Veränderung insoweit, als »geo-« von jetzt an einen Wirkfaktor bezeichnet, der uneingeschränkt an unserem öffentlichen Leben teilnimmt.

Die gegenwärtige Orientierungslosigkeit rührt daher, dass urplötzlich ein Akteur auf die Bühne tritt, der auf die Aktionen der Menschen reagiert und damit die Modernisierungsverfechter im Unklaren lässt, wo sie sich befinden, in welcher Epoche und, vor allem, welche Rolle sie von nun an darin spielen sollen.

Die geopolitischen Strategen, die sich stolz der »realistischen Schule« zurechnen, werden deshalb die Realität, mit denen sich ihre Schlachtpläne auseinanderzusetzen haben, etwas modifizieren müssen.

Abb. 4: Eine Neuausrichtung der Arena der Politik

Früher konnte man noch sagen, dass die Menschen »auf der Erde« leben oder »in der Natur«, dass sie sich »in der Neuzeit« befinden und als »Menschen« mehr oder minder »für ihre Taten verantwortlich« sind.

Es ließ sich eine »physische« und eine »Humangeografie« unterscheiden, als handelte es sich um zwei übereinandergelagerte Schichten. Aber wie kann angegeben werden, wo wir uns befinden, wenn dieses Etwas, »auf« oder »in« dem wir sitzen, auf unsere Handlungen zu reagieren beginnt, zu uns zurückkommt, uns umschließt, uns beherrscht, etwas von uns verlangt und uns in seinem Lauf mitreißt? Wie lässt sich unter diesen Umständen noch zwischen physischer Geografie und Humangeografie unterscheiden?

Solange die Erde noch stabil schien, konnte man von Raum sprechen und sich darin und auf einem Stück Territorium, das wir angeblich besetzt hatten, platzieren. Was aber soll man tun, wenn das Territorium selbst an der Geschichte teilzunehmen beginnt, Schlag auf Schlag zurückgibt, kurzum: sich mit uns beschäftigt? Die Bedeutung des Ausdrucks »Ich gehöre (zu) einem Territorium« hat sich gewandelt: Er bezeichnet jetzt die Instanz, die den Eigentümer in Besitz hat!

Das Terrestrische stellt nicht länger allein den Rahmen menschlichen Handelns dar, es ist vielmehr Teil davon. Der Raum ist nicht mehr der mit ihrem Raster aus Längen- und Breitengraden erfasste der Kartografie, sondern ist zu einer bewegten Geschichte geworden, in der wir selbst nur Beteiligte unter anderen sind, die auf Reaktionen anderer reagieren. Augenscheinlich landen wir mitten in der Geogeschichte.31

Sich in Richtung des Globalen aufmachen hieß, auf einen unendlichen Horizont zu immer weiter fortschreiten, eine endlose Grenze vor sich hertreiben; wandte man sich dagegen der anderen Seite zu, hin zum Lokalen, dann in der Hoffnung, die Sicherheit einer stabilen Grenze und die Geborgenheit einer festen Identität wiederzufinden.

Dass es uns heute so schwerfällt, zu erkennen, welcher Epoche wir angehören, rührt daher, dass dieser dritte Attraktor allen bekannt und zugleich vollkommen fremd ist.

Das Terrestrische ist zweifellos eine Neue Welt, ähnelt aber keineswegs der einst von den Modernen »entdeckten«, dann aber entvölkerten. Das ist keine neue Terra incognita für Forscher mit Kolonialhelm. Keinesfalls handelt es sich um eine res nullius, bereit zur Appropriation.

Im Gegenteil, die Modernen migrieren auf eine Erde zu, ein Terroir, einen Boden, einen Landstrich, ein Gelände, egal, wie man es nennen will, das bereits besetzt, seit je bevölkert ist. Und das, seit Kurzem, von einer Vielzahl derer wiederbevölkert wird, die lange vor den anderen gespürt haben, wie notwendig es war, sich schleunigst dem Gebot der Modernisierung zu entziehen.32

In dieser Welt befindet sich der moderne Geist gleichsam im Exil. Er wird lernen müssen, mit jenen zusammenzuleben, die er bisher als Altvordere, Traditionalisten, Reaktionäre oder schlicht als Lokalpatrioten betitelte.33

Doch so alt dieser Raum auch sein mag, er ist für alle neu, da es, verfolgt man die Diskussionen der Klimaspezialisten, für die gegenwärtige Situation schlicht keinen Präzedenzfall gibt. Da haben wir die wicked universality, den universellen Mangel an Erde.

Was wir Zivilisation, Kultur nennen, sagen wir die im Laufe der letzten zehn Jahrtausende angenommenen Gewohnheiten, hat sich, so erklären die Geologen, innerhalb eines erstaunlich stabilen geografischen Raums und Zeitabschnitts vollzogen. Das – von ihnen so bezeichnete – Holozän wies alle Merkmale eines »Rahmens« auf, innerhalb dessen man mühelos das Handeln der Menschen unterscheiden konnte – so wie man im Theater Räumlichkeit und Kulissen vergessen und sich auf die Handlung konzentrieren kann.

Das trifft auf das Anthropozän nicht mehr zu, diesen umstrittenen Terminus, mit dem einige Experten gerne den gegenwärtigen Zeitabschnitt bezeichnen würden.34 Hier geht es nicht mehr um kleine klimatische Schwankungen, sondern um eine das gesamte Erdsystem tangierende Erschütterung.35

Natürlich haben die Menschen schon immer ihre Umwelt verändert, aber dieser Begriff bezeichnete nur ihr Umfeld, das, was sie im präzisen Sinne umgab. Sie selbst bildeten weiterhin die Hauptfiguren, veränderten lediglich am Rande das Dekor ihrer Dramen.

Heute sind alle: Dekor, Kulissen, Hinterbühne, das gesamte Gebäude, auf die Bühnenbretter gestiegen und machen den Schauspielern die Hauptrolle streitig. Das schlägt sich in den Textbüchern nieder, legt andere Ausgänge der Intrigen nahe. Die Menschen sind nicht mehr die einzigen Akteure, sehen sich zugleich aber mit einer Rolle betraut, die viel zu groß für sie ist.36

Dass man sich nicht mehr dieselben Geschichten erzählen kann, steht jedenfalls fest. Die Spannung ist auf dem Höhepunkt.

Also zurück? Nochmals die alten Rezepte lernen? Mit einem veränderten Blick die tausendjährigen Weisheiten...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Gesellschaft - Männer - Frauen - Adoleszenz

Flick

E-Book Flick
Der Konzern, die Familie, die Macht Format: ePUB

Erstmals die ganze Geschichte einer beispiellosen deutschen Karriere Kein Name verkörpert das Drama der deutschen Wirtschaft im 20. Jahrhundert klarer als der Name Flick. Zweimal folgte dem…

Idea Man

E-Book Idea Man
Die Autobiografie des Microsoft-Mitgründers Format: PDF/ePUB

Paul Allens Ideen begründeten einen Weltkonzern. Gemeinsam mit Bill Gates schuf er 1975 Microsoft. Der Erfolg des Softwarekonzerns beruht vor allem auf Allens einmaligem Gespür für technologische…

Inside Steuerfahndung

E-Book Inside Steuerfahndung
Ein Steuerfahnder verrät erstmals die Methoden und Geheimnisse der Behörde Format: ePUB

**Das Enthüllungsbuch des Jahres: Wie die Mächtigen Steuern hinterziehen** Neben BND und BKA gibt es eine weitere staatliche Institution in der Bundesrepublik, die hauptsächlich im Verborgenen…

Madeleine Schickedanz

E-Book Madeleine Schickedanz
Vom Untergang einer deutschen Familie und des Quelle-Imperiums Format: ePUB

Madeleine Schickedanz ist die Frau hinter dem Quelle-Konzern. Sie lebt zurückgezogen, man weiß wenig über sie. Anja Kummerow hat sich an ihre Fersen geheftet, um herauszufinden: Wer ist diese Frau?…

Gustav Schickedanz

E-Book Gustav Schickedanz
Biographie eines Revolutionärs Format: ePUB

Jahrzehntelang war er eine Institution in Millionen deutschen Haushalten: der Quelle-Katalog. Er war das Medium, das nicht nur für eine besonders enge Verbindung zwischen dem Unternehmen und seinen…

Späte Reue

E-Book Späte Reue
Josef Ackermann - eine Nahaufnahme Format: ePUB

Er stand im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik wie kein zweiter Topmanager in diesem Lande. Josef Ackermann, bis 2012 Vorstandschef der Deutschen Bank, hat turbulente Jahre hinter sich: Sein Victory-…

Ulrich Backeshoff - Ein Genie macht Pause

E-Book Ulrich Backeshoff - Ein Genie macht Pause
Eine fast wahre Biografie. Auch zum Nachleben geeignet Format: PDF/ePUB

Ulrich Backeshoff sagt, dass sein Leben aus Geschichten besteht. Er hat die Arbeitswelt revolutioniert, den Handball professionalisiert und Dinge realisiert, die niemand für möglich hielt.An seinem…

Grenzen der Homogenisierung

E-Book Grenzen der Homogenisierung
IT-Arbeit zwischen ortsgebundener Regulierung und transnationaler Unternehmensstrategie Format: PDF

»The world is flat!« - So lautet eine Gegenwartsdiagnose, die transnationale Konzerne als Wegbereiter globalerHomogenisierung feiert. Nicole Mayer-Ahuja zeigt, dass dieser Homogenisierung Grenzen…

Es ist alles gesagt

E-Book Es ist alles gesagt
Wie schön Wirtschaft sein kann. 22 Unternehmer/innen setzen Zeichen. Format: PDF

Es gibt einen Unterschied. Den zu kennen, verändert unser Verständnis von Wirtschaft. Es ist die Unterscheidung zwischen dem kreativen "Ideenkind" mit Visionen, unkonventionellen, non-…

Weitere Zeitschriften

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin informiert über Themen, die das Zusammenleben von Menschen in der Gesellschaft bestimmen -und dies konsequent aus Perspektive der Betroffenen. Die Menschen, um die es geht, ...

Courier

Courier

The Bayer CropScience Magazine for Modern AgriculturePflanzenschutzmagazin für den Landwirt, landwirtschaftlichen Berater, Händler und generell am Thema Interessierten, mit umfassender ...

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg)

SPORT in BW (Württemberg) ist das offizielle Verbandsorgan des Württembergischen Landessportbund e.V. (WLSB) und Informationsmagazin für alle im Sport organisierten Mitglieder in Württemberg. ...

DULV info

DULV info

UL-Technik, UL-Flugbetrieb, Luftrecht, Reiseberichte, Verbandsinte. Der Deutsche Ultraleichtflugverband e. V. - oder kurz DULV - wurde 1982 von ein paar Enthusiasten gegründet. Wegen der hohen ...

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler

rfe-Elektrohändler ist die Fachzeitschrift für die CE- und Hausgeräte-Branche. Wichtige Themen sind: Aktuelle Entwicklungen in beiden Branchen, Waren- und Verkaufskunde, Reportagen über ...

ERNEUERBARE ENERGIEN

ERNEUERBARE ENERGIEN

ERNEUERBARE ENERGIEN informiert durch unabhängigen Journalismus umfassend über die wichtigsten Geschehnisse im Markt der regenerativen Energien. Mit Leidenschaft sind wir stets auf der Suche nach ...

Euro am Sonntag

Euro am Sonntag

Deutschlands aktuelleste Finanz-Wochenzeitung Jede Woche neu bietet €uro am Sonntag Antworten auf die wichtigsten Fragen zu den Themen Geldanlage und Vermögensaufbau. Auch komplexe Sachverhalte ...