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Das Thomas-Evangelium

Geheime Herren-Worte frühchristlicher Handschriften

AutorK. O. Schmidt
VerlagDrei Eichen Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl268 Seiten
ISBN9783769908114
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Die vier Evangelien des Neuen Testamentes enthalten keineswegs alle Christus-Worte. Den ersten Christen waren daneben auch andere Quellen bekannt, u. a. das bisher nur dem Namen nach bekannte Thomas-Evangelium. Das Wiederauffinden dieses Evangeliums und anderer Handschriften am oberen Nil war eines der bedeutendsten Ereignisse in der Geschichte des Christentums. Während die »Bergpredigt« allgemeingültige Richtlinien für die Führung unseres Lebens im Sinne der Tat aufzeigt, vermittelt das Thomas-Evangelium Anleitungen für die innere Lebensführung. K. O. Schmidt hat im vorliegenden Buch die 114 Verse des Thomas-Evangeliums aufgezeigt und erläutert. Der Sinn seiner Erläuterungen besteht darin, dem Leser die ersten Schritte in sein »Inneres« zu erleichtern. Er wird bald merken, welch eine Gedankenfülle diese geheimen Herren-Worte ausstrahlen.

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Leseprobe

II.


Das innere Christentum


Der esoterische Charakter des Thomas-Evangeliums wurde von einzelnen Übersetzern erkannt; die praktischen Folgerungen aus den hier gegebenen Aufschlüssen über das Reich Gottes wurden aber bisher noch nicht aufgezeigt, obwohl die wiederholte Mahnung: „Wer Ohren hat, der höre!“, darauf hinweist, dass es hier nicht um das äußere Wort, sondern den inneren Sinn der Mahnungen, Gleichnisse und Weisungen geht.

Im Altertum und noch zur Zeit der Urchristen nannte man alle Schriften und Unterweisungen esoterisch, wenn sie nur für den engeren, inneren Kreis der Schüler oder Jünger bestimmt waren, nicht aber für die Masse der Laien. Die Esoteriker wurden demgemäß auch „Eingeweihte“ genannt, weil sie an Hand der Weisungen ihres Lehrers die ersten Selbst-Einweihungen durchschritten hatten.

Als exoterisch hingegen gelten alle religiösen und ethischen Weisungen für die breite Masse, die also das äußere Christentum betreffen, das bei den meisten Menschen neben dem Leben herläuft und es nur wenig bestimmt, weil deren Denken vorwiegend auf äußere Werte und Ziele gerichtet ist und für innere Werte und Zielsetzungen erst in Zeiten der Not ansprechbar wird.

Das innere (esoterische) Christentum hingegen ist dort lebendig, wo der letzte Grund des Verhaltens eines Menschen im Bewusstsein seines innigen Verbunden- und Einsseins mit dem Übermenschlichen, dem Ewig-Göttlichen liegt, wo also geistig-religiöse Beweggründe vor äußeren Interessen und Motiven entscheidend sind, wo das Denken und Trachten über den engen Umkreis des Alltags hinausgeht.

Äußeres Christentum ist überall dort, wo das Denken und Fühlen, Wollen und Tun vom Ich her bestimmt wird, während das innere Christentum Wirklichkeit ist, wo das göttliche Selbst bestimmt, wo der Mensch der Gottbedingtheit seines Wesens und Daseins bewusst ward.

Das äußere Christentum klebt, weil es vornehmlich auf Lehrmeinungen, Gebote und Rituale ausgerichtet ist, am Wort, am Buchstaben, am Bekenntnis, an Formalien, an Äußerlichkeiten, während das innere Christentum als Frucht lebendiger Gottes-Erfahrung auf das Wesen zielt, den Geist, das rechte Erkennen und Tun, das innere Wachsein und Wachstum.

Das eine ist Konfession und Fürwahrhalten (äußerlich), das andere re-ligio, Religion und lebendiges Wahrmachen und Verwirklichen (innerlich). Das eine hat es mit Auslegungen überlieferter Worte zu tun, das andere mit Erkenntnissen des inneren Weges, die zum inneren Wort (Logos) und Geist (Spirit) führen.

Von der Statik zur Dynamik


Dass das Christentum im Laufe der Zeiten aus einer ursprünglich inneren zu einer äußerlichen Angelegenheit geworden ist, hat Eduard Spranger in seiner „Magie der Seele“ (Tübingen 1947) beklagt. Er schrieb, dass

„der Mensch, seit der Entdeckung der Ratio, jahrhundertelang den Weg nach außen mit heißer Hingabe verfolgte, während der Weg nach innen mehr und mehr verschüttet wurde.“ Aber, fügt er hinzu, „heute stehen wir an dem Wendepunkt, dass auch die innere Welt wieder aufgegraben werden muss, denn unser Leben droht arm und sinnlos zu werden, wenn wir es nur zu erklären, statt uns selbst zu verstehen suchen. Die Sinngebung und die Sinnzusammenhänge treten wieder hervor.“

Dies deshalb, weil der Mensch wieder lernt, statt aus den Sinnen aus dem Geiste zu leben. Und das ist mehr als ein Leben aus der Magie der Seele. Denn Magie verleitet, wie Spranger erkennt, leicht dazu, die wiedergewonnene Welt des Inneren zum Tummelplatz wilder Phantasien zu machen. Diese Gefahr wird vermieden, wenn wir uns von vornherein nicht der Nachtseite der Seele und der Magie, sondern ihrer lichten Seite zuwenden, den göttlichen Kräften, zu deren Entfaltung das innere Christentum führt.

Spranger vermeidet das Wort Mystik, weil er fürchtet, dass man sich in eine Mystik der inneren Erfahrung verliert, die allen möglichen abergläubischen Vorstellung Tür und Tor öffnet. Diese Möglichkeit ist bei der Magie, die in Dämmerung und Dunkel lockt, zweifellos gegeben, nicht aber bei der Mystik, deren Lichtweg zu eben dem führt, was auch Spranger als höchstes Ziel erkannte: „zur Erlösung, zur Freiwerdung von den Banden der Endlichkeit und der Zeit, des Leidens und der Sünde, der Angst und des Todes. In diesem heiligen Geiste eins werdend mit dem Göttlichen Willen, trägt die Seele die Gewissheit des rechten Weges in sich. Aber das ist nicht nur ihr Werk, sondern die Wirkung der magischen Verwandlung, die das größte Mysterium des Christentums ist“ und auf das innere Christentum zielt.

Für das innere Christentum ist Christus keine nur geschichtliche Größe, sondern das ewige Wort, dessen lebendige Allgegenwart jeder in seinem Inneren zu erfahren vermag. Wie sich das Wort und der Geist Gottes vor zwei Jahrtausenden in Jesus verkörperten, so ist er zu allen Zeiten in Erwachten und Erleuchteten wirksam und will sich in allen als der Christus in uns offenbaren.

Das wird heute klarer denn je erkannt und wie zu Jesu Zeiten von einer Vielzahl geistig-religiöser Gemeinschaften bejaht, die zur Besinnung auf das Wesentliche anleiten, den Kern aller Religionen, der nicht Lehre ist, sondern Leben.

Tausend Zeichen deuten heute auf dieses geistige Erwachen der Menschheit, in dem die Verheißung Wirklichkeit werden wird: „Ich werde meinen Geist über alles Fleisch ausgießen, und ihre Söhne und Töchter werden frohlocken und sich neuen Wahrheiten eröffnen.“

Das innere Christentum ist lebendiger Ausdruck dieser neuen Dynamik, an der die alten statischen Weltanschauungsformen zerbrechen. Denn Statik bedeutet Denk- und Geistesgebundenheit, Erstarrung in Formen und Formeln, Versteinerung in überlieferten Systemen. Dynamik hingegen bedeutet Kraft, Macht, Bewegung, Stärke, Entwicklung und Antrieb, Gedanken- und Geistesfreiheit, schöpferisches Erfassen der Lebenszusammenhänge, lebendiger Fortschritt.

Statisch ist alles nur-äußere Leben, dynamisch das Leben aus der Tiefe, aus der Kraft, die von innen her kommt. Darum ist der statische Mensch stoff- und massengläubig und -hörig; er wähnt sich und sein Leben abhängig von äußeren Dingen und Bedingungen.

Der dynamische Mensch hingegen ist kraft- und geistbewusst und weiß sich und alles Leben vom Geiste her bestimmt.

Der eine verlegt den Mittelpunkt des Lebens in die Außenwelt, beugt sich dem Schicksal oder trotzt ihm und zerbricht an ihm. Der andere sieht den Mittelpunkt in der Innenwelt und gelangt aus Einsicht und Eins-Sicht zur Schicksalsharmonie. Der eine ergibt sich der Magie, der andere geht den Weg der Mystik.

Religion aus erster Hand


Die Mystik ist der lebendige Kern jeder Religion. Konfessionen sind tote Schalen, versteinerte Ammonitengehäusen gleich, während die Religion nie stagniert, sondern sich ständig neue Tempel baut und neue Herzen zum Entflammen bringt. Ebendies meint Goethe, als er sich zur Mystik bekannte:

Die Gottheit ist wirksam im Lebendigen, nicht im Toten; sie ist im Werdenden und sich Wandelnden, nicht im Gewordenen und Erstarrten. Deshalb hat die Vernunft es mit dem Werdenden, Lebendigen zu tun, der Verstand mit dem Gewordenen, Erstarrten, dass er es nütze.“

Wer vom lebendigen Strom des inneren Lebens erfasst ist, weiß zugleich, dass Leben von innen und außen eine kraftvolle Einheit bilden, wie der äußere und der innere Mensch eine organische Ganzheit ist, deren Schwerpunkt nicht in der starren Hülle, sondern in der lebendigen Wesensmitte liegt. Er bejaht das Leben, ungeachtet der Vergänglichkeit aller Erscheinungen, als Schule des Geistes und als Mittel zu Selbstvollendung und sucht es darum so vollkommen wie möglich zu meistern. Und er gewinnt Wahrheit und Gewissheit unmittelbar aus dem Urquell aller Religion, der dort fließt, wo Seelengrund und Gottesgrund einen Grund bilden.

Er lebt aus dem Bewusstsein seiner Gotteskindschaft, folgt der Weisheit der inneren Führung und schreitet über viele Stufen der Selbstbesinnung zu immer höheren Gipfeln des Selbsterwachens, der All-Geborgenheit und Gott-Unmittelbarkeit. Er weiß um seine Partnerschaft mit dem Unendlichen und geht den Weg der aktiven Nachfolge Christi, der fortschreitenden Durchlichtung seines Wesens und der immer lebendigeren Teilhabe an der Lichtfülle, Macht und Weisheit Gottes. Er weiß, dass er mit alledem in einen Prozess des inneren Erwachens und Wachstums eingetreten ist, der, einmal begonnen, kein Ende nimmt.

Die verlässlicheste Anleitung zu solchem Leben, aus dem Geiste gegeben, ist, neben der Bergpredigt, das Thomas-Evangelium mit seinen Christus-Worten; sie öffnen und weiten den Blick für die inneren Gemeinsamkeiten und die schicksalhafte Einheit allen Lebens und aller Religionen.

Je tiefer wir in die Kerngedanken des inneren Christentums eindringen, desto näher kommen wir zugleich dem Kern...

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