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Das Todesurteil: Die Geschichte meines Prozesses

Wahre Verbrechen - Ein Krimi aus eigener Sicht

AutorCarl Hau
Verlage-artnow
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl109 Seiten
ISBN9788026877813
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis0,49 EUR
Dieses eBook: 'Das Todesurteil: Die Geschichte meines Prozesses' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Carl Hau (1881-1926) war ein deutscher Jurist, der im Juli 1907 in Karlsruhe wegen Mordes an seiner Schwiegermutter Josefine Molitor zum Tode verurteilt wurde. Der Indizienprozess erregte große öffentliche Aufmerksamkeit. Hau wurde zu lebenslanger Zuchthausstrafe begnadigt und nach 17 Jahren Haft auf Bewährung freigelassen. Er verfasste danach zwei Bücher, in denen er den Prozess und die Haftzeit aus seiner Sicht schilderte. Inhalt: Die Verhaftung Bowstreet Brixton Die Reise nach Karlsruhe Verhöre Fahrten In der Klinik Der Tod meiner Frau Folgen Die Verhandlung

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Leseprobe

Kapitel 3. Brixton


In einem langen, zugigen Gang stehen Hunderte von Gefangenen, einer hinter dem anderen, und warten. Aufseher schreiten die Reihe entlang, jedes Gespräch ist verboten. Fröstelnd zieht man den Mantelkragen hoch. Die Beine wollen den Dienst versagen.

Stunde um Stunde verstreicht. Allmählich rückt man dem Pulte näher, an dem ein Inspektor sitzt, der das Register führt. Bisweilen gibt es Stockungen. So zum Beispiel bei meinem Vordermann, einem jungen Burschen mit weißblondem Haar und einem stupiden Gesichtsausdruck, der kein Wort Englisch verstehen will. Immer und immer wieder aufgefordert, seinen Namen zu nennen, antwortet er nur mit Achselzucken und mit Beteuerungen in einer Sprache, die ringsumher kein Mensch kennt. Der Beamte blättert in den vor ihm liegenden Haftbefehlen herum und findet schließlich einen, der ihm der richtige zu sein scheint. Gegen einen gewissen Iwan Iwanowitsch Schulz aus Riga. Wegen vierfachen Mordes. Bombenattentat. Erstaunt betrachte ich mir den Dynamithelden, er sieht gar nicht so gefährlich aus. Ich rede ihn an, und, siehe da, er spricht Deutsch. Man ernennt mich zum Dolmetscher. Der Bursche steht äußerst ungern Rede, macht offenbar falsche Angaben. Nun, mich geht das nichts an. Schließlich sind alle Rubriken ausgefüllt, die Reihe kommt an mich.

Name? Ich gebe ihn an. Blättern unter den Papieren. Kein solcher Name zu finden. Ja, richtig, der Haftbefehl ist gegen einen Mr. Stan ausgestellt. Ich erkläre dem Beamten den Irrtum. Er kratzt sich hinter den Ohren, überlegt und entscheidet dann, daß ich bis auf weiteres Mr. Stan bin. Ich protestiere. Hilft nichts. Zwei Monate lang, von der Einlieferung bis zur Entlassung, habe ich den Namen behalten. Man ist sehr konservativ in England.

Nächste Station: das Badezimmer. Es ist gerade der schönste Radau im Gange. Ein alter Irländer sträubt sich mit Händen und Füßen gegen die ungewohnte Prozedur. Man muß ihn mit Gewalt entkleiden, dann wird er in einen der Verschläge hineingeschleppt und die Brause aufgedreht. Zuerst tobte der Vergewaltigte noch eine Weile fort, dann aber schien ihn der warme Wasserstrahl doch nicht so unangenehm zu berühren, das Schimpfen ging in ein wohliges Grunzen über. Schallendes Gelächter der Aufseher und Gefangenen. Das erboste nun den Mann von der grünen Insel wieder, er überschüttete seine Widersacher und die gesamte englische Nation mit einem Hagelschauer von Invektiven. Der Lärm wurde so toll, daß ein Inspektor hereingestürzt kam und mit barscher Stimme Ruhe gebot. Aber als jetzt der Alte herausgelassen wurde und pudelnackt und triefend vor ihm herumtanzte, den heiligen Patrick anrufend als Rächer der ihm widerfahrenen Unbill, konnte auch er das Lachen nicht verbeißen.

Auf das Bad folgte die ärztliche Untersuchung. Abermals verging eine endlose Zeit mit Warten, nur, daß man jetzt das Sprechen nicht mehr untersagte, wahrscheinlich, damit die Leute nicht im Stehen einschliefen. Auch wurde Tee verabreicht, soviel einer haben wollte, dazu Weißbrot. Einer der Inspektoren kam zu mir und fragte, ob ich ein Souper zu bestellen wünschte, Preis eine halbe Krone, aus einem benachbarten Restaurant; sehr empfehlenswert, das Souper, von hervorragender Güte; er wurde so eindringend, man hätte auf den Gedanken kommen können, daß er Prozente davon bekam. Um ihn loszuwerden, sagte ich ja. Das Essen wurde geholt, aber es war so wenig appetitlich, daß ich bat, es einem hungrigen Leidensgefährten überlassen zu dürfen. So ließ der Inspektor mit lauter Stimme den Aufruf ergehen: „Wer hat denn von euch den größten Hunger?“ Unter den Kandidaten befand sich auch der alte Irländer; ich beantragte, daß ihm der Preis zuerkannt werde in Anbetracht dessen, daß er so sehr zur allgemeinen Erheiterung beigetragen hatte.

Der Arzt, ein älterer Herr von gütigem Wesen, nahm es mit der Untersuchung ernst, klopfte und horchte lange an mir herum und stellte einen Bronchialkatarrh fest. Als er hörte, daß ich vor einigen Jahren lungenkrank gewesen sei, brachte er das Stethoskop nochmals in Tätigkeit. Er hoffe, daß der Aufenthalt im Gefängnis keine gesundheitsschädlichen Folgen für mich haben möge. „Sie sind Amerikaner?“

„Deutschamerikaner.“

„Rechtsanwalt?“

„Ja.“

„Ich sehe hier, daß Sie wegen Mords verhaftet sind. Fühlen Sie sich schuldig?“

„Nein, ich bin unschuldig.“ Ich schilderte ihm mit einigen Worten meine Lage.

Er hörte aufmerksam zu und sagte dann: „Sie können sich denken, daß unsereins im allgemeinen Unschuldsbeteuerungen gegenüber mehr als skeptisch ist. Aber es gibt natürlich Ausnahmen. Wenn Sie wirklich unschuldig sind, wird man Sie nicht ausliefern.“

„Die Indizien sind so schwer, daß die Auslieferung nicht zu verhüten sein wird. Ich will ihr auch gar keinen Widerstand entgegensetzen, denn verantworten vor dem zuständigen Gericht muß ich mich auf alle Fälle.“

Er wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. „Die deutschen Gerichte sind dafür bekannt, daß sie lieber verurteilen als freisprechen. Ihr Fall interessiert mich. Wenn es Ihnen recht ist, komme ich morgen zu Ihnen, dann können wir weiter reden darüber. Vorausgesetzt, daß Sie mein Interesse nicht für vulgäre Neugierde halten.“ Ich erwiderte, daß sein Besuch mir angenehm sein würde.

Mitternacht war längst vorüber, als ich endlich todmüde in der mir zugewiesenen Zelle anlangte.

* * * * *

Mein Gott, war das ein Erwachen am folgenden Morgen! Eine Glocke läutete. Ich fuhr auf und sah mich um in dem halbdunklen Raum. Eine Gefängniszelle. Wie kam ich da hinein?

Blitzschnell traten mir die Begebenheiten der letzten Tage wieder in die Erinnerung. Gräßlich, gräßlich. Eine ungeheure Mutlosigkeit ergriff mich. Tausendmal düsterer, als es in Wirklichkeit war, erschien mir mein Schicksal. Wäre ich bereits verurteilt gewesen, ich hätte nicht niedergeschlagener sein können. Zu groß war der Gegensatz zwischen dem Vorgestern und dem Heute. Angeklagt wegen Mords, schwer belastet. Ich war unschuldig, gewiß, aber konnte ich meine Unschuld beweisen?

Ich stand auf und kleidete mich an. Die Tür wurde geöffnet, ein Gefangener kam herein, die Zelle in Ordnung zu bringen. Als der Aufseher sich einen Augenblick entfernt hatte, bettelte er mich an. Ich griff in die Tasche, um ihm etwas zu geben, aber es war nichts da, man hatte mir bei der Einlieferung alles Geld abgenommen. Sonderbares Gefühl, keinen Heller im Besitz zu haben.

Ein Inspektor verhandelte mit mir wegen der Verköstigung. Es war mir alles einerlei. Von dem Frühstück rührte ich nichts an.

Ich trat an das große, fast bis zum Boden reichende Fenster und schaute hinaus in den Hof. Ein sandiger Platz, dahinter eine hohe Mauer. Nebel. Totenstille.

Immer drückender wurde das Gefühl der Verlassenheit. Wer konnte mir helfen in diesem Kampf gegen die mächtigste Maschine des kältesten Ungeheuers, das es auf der Welt gab? Es ist ein Irrtum, zu glauben, das Bewußtsein der Unschuld müsse in solcher Lage ein starker Trost sein. Je besser man die Maschine kennt, und ich kannte sie gut, desto schwächer ist dieser Trost.

Der Aufseher kam, um zu fragen, ob ich mich rasieren lassen wolle. Ich folgte ihm – über viele Höfe, bis zu einer Holzbaracke, in der eine primitive Friseurstube eingerichtet war. Ein großer Mensch mit einem Bierbauch waltete seines Amtes, unterstützt von zwei Gesellen, alle drei Deutsche. Sobald er in mir einen Landsmann entdeckt hatte, gab er sich nicht länger Mühe, Englisch zu radebrechen, und ich wunderte mich sehr, daß der Aufseher gegen unsere deutsch geführte Unterhaltung keinen Einspruch erhob. Schon das kam mir verdächtig vor; mein Verdacht wurde bestärkt, als der Landsmann sich im Flüsterton bereit erklärte, Briefe hinauszuschmuggeln gegen angemessenes Entgelt. Überzeugt, einen Spion vor mir zu haben, lehnte ich ab.

Obwohl in den zahlreichen großen und kleinen Gebäuden der Gefängnisstadt sich Tausende von Insassen befinden mußten, waren die kahlen Höfe menschenleer. Nur selten wurden in dem Nebel Umrisse von Gestalten sichtbar, die schattengleich ihres Weges zogen.

Der Gouverneur machte seinen Rundgang, begleitet von einem Adjutanten und mehreren Inspektoren. Ob ich irgendwelche Klagen vorzubringen hätte? Nein. Irgendwelche Wünsche? Ja; Bücher und Zeitungen wollte ich haben. All right; in dieser Beziehung beständen keine Schranken; auch in bezug auf Essen und Trinken nicht; überhaupt solle die Haft, innerhalb der durch ihren Zweck gesetzten Grenzen, so leicht wie möglich sein, keinesfalls eine Strafe. „Strafe? Eine Hölle ist sie!“ Achselzucken, ein hochmütig abweisender Blick.

Gegen Mittag kam der Arzt und blieb über eine Stunde bei mir. Er gab mir allerhand wohlgemeinte Ratschläge, wie die Gefangenschaft am besten zu ertragen wäre, aber für mich waren das alles Worte, Worte, nichts als Worte. Kein Mensch konnte sich einen Begriff davon machen, wie es in meinem Innern aussah. Kein Mensch konnte mir helfen. Zum erstenmal in meinem Leben wurde ich mir der Einsamkeit bewußt, in der wir von der Wiege bis zum Grabe unseren Weg gehen müssen. Eine bittere Erkenntnis zu Anfang. Man braucht lange, bis man sich mit ihr abgefunden hat. Hat man sich aber mit ihr abgefunden, so erwächst daraus eine stolze Gelassenheit gegenüber den Wechselfällen des Lebens. Wie weit war ich noch davon entfernt!

Mit Spannung sah ich dem Besuche des Anwalts entgegen. Wir sprachen uns ohne Zeugen, in einem kleinen Zimmer, das eine Glastür hatte, davor ein Aufseher hin und her ging.

In der Frankfurter Zeitung stand ein ausführlicher Bericht. Meine Schwiegermutter war erschossen worden, als sie sich mit ihrer...

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