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Das Versagen der Diplomatie

Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte

AutorVamik D. Volkan
VerlagPsychosozial-Verlag
Erscheinungsjahr2000
Seitenanzahl289 Seiten
ISBN9783932133497
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis20,50 EUR
Volkans Buch ermöglicht uns ein neues und unverzichtbares Verständnis nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte. Es macht klar, daß ethnische und internationale Konflikte und Formen der Gewalt tiefer motiviert sind als nur durch politische Programme und den Kampf um knappe Ressourcen. Der anschauliche Stil verzichtet weitgehend auf unverständlichen Fachjargon und richtet sich an ein breites Publikum interessierter Leser.   

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Kapitelübersicht
  1. Inhaltsverzeichnis, Vorwort von Hans-Jürgen Wirth und Danksagung
  2. Psychoanalytiker und Diplomaten - Seite an Seite
  3. Beschreibungen der Großgruppenidentitätskonzepte, individuelle Identität und Einführung zur Großgruppenidentität
  4. Die ersten drei Fäden der Großgruppenidentität
  5. Der vierte und der fünfte Faden sowie die Schlacht von Kosovo
  6. Der sechste Faden und Atatürk - eine Veranschaulichung
  7. Der siebte Faden und Großgruppen-Ideologien
  8. Großgruppenrituale
  9. Trauern, Politik, Diplomatie und traumatisierte Gesellschaften
  10. Offizielle und inoffizielle Diplomatie
  11. Das Baum-Modell
  12. Bibliographie, Namensregister, Sachregister und Autor
Leseprobe
15. Traumatisierte Gesellschaften: Das Nachkriegs-Kuwait (Seite 183 f.)

Es kann beträchtliche Zeit dauern, bis ein von einer Großgruppe geteiltes großes Unglück zum gewählten Trauma und zum Großgruppenmerkmal wird. Oft müssen wir viele Jahrhunderte zurückblicken, um das ursprüngliche Ereig-nis zu finden, das in dem Zuge, wie es von Generation zu Generation weiter-gegeben wurde, im Zweifel erhebliche Wandlungen und verschiedenste Inter-pretationen durchgemacht hat. In manchen Fällen ist es jedoch möglich, diesen Prozeß in seinem aktiven Ablauf zu beobachten.

Eine traumatisierte Gruppe leidet unter einem schweren Riß in der Plane des Großgruppenzeltes. Die Gruppe wird von einer anderen Gruppe zum Opfer gemacht und gedemütigt und erfährt den Verlust von Menschenleben, Land und gemeinsamem Selbstwertgefühl. Wenn die Krise vorbei ist, leiden viele einzelne Mitglieder der Gruppe unter einer posttraumatischen Streßstörung (post-trau-matic stress disorder, PTSD). Auf der Gruppenebene können neue gemeinhin geteilte gesellschaftliche Muster zutage treten, die kollektive Anpassungsversu-che widerspiegeln. Da das Trauma jedoch schwer ist und die Betroffenen sich sowohl auf der individuellen wie auch kollektiven Ebene hilflos fühlen, erwei-sen adaptive Mechanismen sich im Zweifel als unwirksam oder schwierig umzu-setzen. Wenn Regierungen und nicht-staatliche Organisationen sich darum bemühen möchten, sowohl auf individuelle als auch gesellschaftliche Traumata einzugehen, müssen Veränderungen in den Gruppenprozessen und die Entwicklung neuer gesellschaftlicher Muster untersucht werden.

Kuwait: Anfängliche Beobachtungen

Kuwait, während der irakischen Invasion und nach der Befreiung, ist ein Beispiel einer traumatisierten Gesellschaft, in der ein gewähltes Trauma etabliert wird. Dieses Land, etwas kleiner als Israel und mit einer Bevölkerung von weniger als zwei Millionen Menschen – von denen achtzig Prozent in der Hauptstadt Kuwait City leben –, ist eine Einwanderergesellschaft. Im achtzehnten Jahr-hundert verschlug es drei Familien, die auf der Suche nach einem besseren Leben waren, von der nordzentralarabischen Halbinsel in diesen Landstrich. Im Laufe der Jahrhunderte schlossen sich diesen ersten „Kuwaitis" weitere, aus Arabien und Persien stammende Immigranten an, die dann zusammen die kuwaitische „ethnische" Identität begründeten. Viele andere, wie Palästinenser, Filipinos und Südasiaten, die danach nach Kuwait kamen, um hier als Arbeiter, Gehilfen oder Diener zu arbeiten, wurden hingegen nicht als Bürger des Landes betrachtet und durften nicht wählen. Fast die Hälfte der Vorkriegsbevölkerung waren Nicht-Kuwaitis oder Kuwaitis „zweiter Klasse." Damals wie im heutigen Nachkriegs-kuwait war es unmöglich, ein Staatsbürger zu sein, wenn man nicht blutsver-wandt mit den ursprünglichen kuwaitischen Immigranten war. Um die kuwai-tische Staatsbürgerschaft zu erhalten, mußte man seine Ahnenreihe in Kuwait bis in den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts nachweisen können.

Seit 1759 werden die Kuwaitis von den Sabahs regiert, einer der drei Grün-derfamilien. Ab 1899, als der osmanische Einfluß in der Region verschwand, standen die Kuwaitis unter britischem Schutz, wobei die Briten die Außenpoli-tik und nationale Verteidigung übernahmen. Kuwait blieb bis 1961, als es die Unabhängigkeit von Großbritannien gewann, britisches Protektorat. Vor der Entdeckung der Erdölvorkommen schlugen sich die Kuwaitis sozial, wirt-schaftlich und politisch mehr recht als schlecht durch. Nachdem 1946 die Erdöl-exporte begonnen hatten, profitierten – jenseits der Familie Sabah – auch die kuwaitischen Bürger von dem Wohlstand, den das Erdöl brachte. Während des Iran-Irak-Krieges unterstützten die Kuwaitis den Irak, und viele entwickelten positive Gefühle gegenüber Saddam Hussein, dem irakischen Führer. Ein Ergeb-nis dessen war, daß kuwaitische Öltanker oft von iranischen Streitkräften unter Beschuß genommen wurden. Und ab Juli 1987 wurden kuwaitische Tanker im Persischen Golf dann von US-amerikanischen Kriegsschiffen eskortiert.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis8
Vorwort zur deutschen Ausgabe12
Danksagung18
1. Psychoanalytiker und Diplomaten - Seite an Seite20
Kognitive Psychologie23
Eine Brücke zwischen kognitiver Psychologie und Psychoanalyse25
Center for the Study of Mind and Human Interaction (CSMHI)31
Der Ausbruch ethnischer Konflikte32
2. Beschreibungen der Großgruppenidentitätskonzepte35
Schlußbemerkung39
3. Die individuelle Identität41
Beschreibung der individuellen Identität42
Die Entwicklung der individuellen Identität45
4. Einführung zur Großgruppenidentität52
Die sieben Fäden56
5. Die ersten zwei Fäden der Großgruppenidentität57
Der erste Faden: Geteilte Reservoire für "gute" Externalisierungen59
Der zweite Faden: Geteilte Identifikationen64
Zusammenfassung66
6. Großgruppenidentität, für die der "Andere" sorgt: Der dritte Faden67
Biologische und psychologische Grundlagen für die "Uns"-und "Ihnen"- Dichotomie68
Der dritte Faden: Geteilte "böse" Reservoire71
7. Gewählte Ruhmesblätter und gewählte Traumata: Der vierte und der fünfte Faden77
Der vierte Faden: Gewählte Ruhmesblätter77
Der fünfte Faden: Gewählte Traumata80
Generations bergreifende Weitergaben81
Zusammenfassung90
8. Die Schlacht von Kosovo: Ein Beispiel des fünften Fadens91
Die Reaktivierung des serbischen gewählten Traumas97
Säuberungsversuche und Greueltaten102
Zusammenfassung103
9. Die innere Welt eines Führers, die die Großgruppenidentität beeinflußt: Der sechste Faden105
Führer mit einer narzißtischen Persönlichkeitsorganisation107
10. Atatürk: Eine Veranschaulichung des sechsten Fadens112
Atatürks persönliche Geschichte112
Atatürks innere Welt119
Die Schaffung eines sechsten Fadens für das türkische Zelt125
11. Symbolbildungen: Der siebte Faden130
Übergangsobjekte und -phänomene132
Ein Vergleich zwischen Übergangsobjekten und passenden Reservoiren der externalisierten Bilder137
Symbolisierung auf einer höheren Ebene139
Blut140
12. Großgruppen-Ideologien und politische Verfahrensweisen und Richtlinien142
Die Ideologie, die mit dem sechsten Faden verknüpft ist142
Die Ideologie, die mit anderen Fäden verbunden ist144
13. Großgruppenrituale151
Gruppenreaktionen auf Jahrestage151
Zwei unabänderliche Prinzipien156
Rituale in Zusammenhang mit dem Narzißmus der kleinen Unterschiede158
Grenzrituale163
Die Bedeutung von Ritualisierungen166
Maligne Ritualisierungen und Kriege170
14. Trauern, Politik und Diplomatie174
Individuelle Trauer174
Komplikationen beim Trauerprozeß eines Individuums177
Die Trauer von Individuen in Situationen, wo Großgruppen mit dem Feind interagieren180
Großgruppentrauer184
15. Traumatisierte Gesellschaften: Das Nachkriegs-Kuwait190
Kuwait: Anfängliche Beobachtungen190
Diagnose198
Traumatisierte Gesellschaften und Entscheidungsfindungen204
16. Offizielle Diplomatie: Die Perspektive eines Psychoanalytikers207
Beschreibung209
Moralität und offizielle Diplomatie212
Emotionen215
Regression218
Übertragungsverzerrungen219
17. „Inoffizielle Diplomatie”221
Beschreibungen der inoffiziellen Diplomatie225
18. Das Baum-Modell: Psychopolitische Dialoge und Förderung eines gutnachbarlichen Verhaltens und einer gutnachbarlichen Koexistenz229
Diagnose230
Auf psychoanalytischen Erkenntnissen beruhende psychopolitische Dialoge233
Aufbau von Institutionen254
Beispiele von „Baumzweigen” aus Estland258
Abschließende Bemerkungen262
Bibliographie264
Namensregister276
Sachregister280
Über den Autor285

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