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»Das Wort sie sollen lassen stahn ...«

Das Kirchenlied im »Kirchenkampf« der evangelischen Kirche 1933-1945

AutorMatthias Biermann
VerlagVandenhoeck & Ruprecht
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl427 Seiten
ISBN9783647624167
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis100,00 EUR
Der sogenannte »Kirchenkampf« 1933-1945 spaltete die evangelische Kirche Deutschlands in die Bekennende Kirche und die Deutschen Christen. Die Auseinandersetzung spielte sich nicht nur auf politischer Ebene ab, sondern wirkte sich auch auf das kirchliche Leben aus. Matthias Biermann geht den Spuren nach, die die kirchenpolitische Situation im Hinblick auf das Kirchenlied hinterlassen hat. Zunächst im praktischen Bereich: Wie lässt sich die Singpraxis während des Kirchenkampfes beschreiben? Sowohl umfangreiches Archivmaterial wie z.B. Programmabläufe und Zeitungsberichte als auch Liedersammlungen aus jenen Jahren lassen Rückschlüsse zu, wie der Kirchenkampf das kirchliche Singen beeinflusst hat. Aber auch die theoretische Diskussion um das Verständnis des Kirchenlieds spiegelt die kirchenpolitische Situation der damaligen Zeit wider. Matthias Biermann analysiert die deutsch-christliche und bekenntnischristliche Position anhand der verschiedenen Beiträge zum Kirchenliedverständnis. Unter denen, die sich zu dieser Frage zu Wort meldeten, findet man so bedeutende Namen wie Karl Barth oder Dietrich Bonhoeffer. Aufschlussreich für den Zusammenhang zwischen der kirchenpolitischen Entwicklung auf der einen und der Bedeutung des Kirchenlieds auf der anderen Seite sind nicht zuletzt die damals entstandenen Kirchenlieddichtungen. Der Autor nähert sich dem Thema durch die Sichtung des vorhandenen Materials. Dies bildet den Ausgangspunkt für den Versuch, die neuen geistlichen Lieder der Bekennenden Kirche bzw. den Deutschen Christen zuzuordnen.Matthias Biermanns Darstellung zur Bedeutung des Kirchenlieds zeichnet sich durch die Auswertung bisher unbekannten Archivmaterials aus, wobei er sich besonders den in diesem Zusammenhang häufig vernachlässigten Deutschen Christen zuwendet.

Dr. theol. Matthias Biermann ist Pfarrer und am Leo-Sympher-Berufs-Kolleg Minden tätig.

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Leseprobe
I. Kirchenlied und „Kirchenkampf“ in der Fachliteratur (S. 19-20)

Der folgende Überblick umfasst Veröffentlichungen aus verschiedenen Fachrichtungen und Bereichen. Es werden Standardwerke und Lehrbücher aus den Bereichen der Praktischen Theologie sowie aus dem der kirchenmusikalischen Ausbildung berücksichtigt. Hinzu kommen Monographien und Lexikonartikel. Die Veröffentlichungen stammen aus einem Zeitraum, der vom Jahre 2004 bis Anfang der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurückreicht, in eine Zeit also, die dem „Kirchenkampf“ bzw. dem Nationalsozialismus in Deutschland unmittelbar folgte.

Die Beiträge werden innerhalb der einzelnen Abschnitte in chronologisch rückwärts gehender Folge behandelt, außer bei mehreren Beiträgen ein und desselben Autors. Ziel ist es, ein möglichst repräsentatives Bild zu gewinnen. Es wurde nur Literatur berücksichtigt, die unmittelbar auf das Kirchenlied bzw. auf seine Praxis in der Zeit des „Kirchenkampfes“ Bezug nimmt.1

I.1 Praktische Theologie


Der Heidelberger Theologe Christian Möller schreibt in seiner 2004 erschienenen „Einführung in die Praktische Theologie“ in einem Exkurs zur Hymnologie: „Als der volksverbundene und volkstümliche Ton des 19. Jh. nach dem Ersten Weltkrieg mehr und mehr in einen völkischen, nationalistischen Ton umschlug und sich das Singen in ein Marschgebrüll auf der Straße verwandelte, entdeckte die Bekennende Kirche das ernste und strenge Singen, das entweder in der Alpirsbacher Bewegung zurück zu den gregorianischen Melodien ging oder mit Jochen Klepper den biblischen Texten selbst ihre Sprache und ihre Musik abzulauschen versuchte, so dass Lieder entstanden wie z. B. ‚Die Nacht ist vorgedrungen‘ (vgl. Röm 13) oder ‚Er weckt mich alle Morgen‘ (vgl. Jes 52) oder ‚Du Kind in dieser heilgen Zeit‘ oder ‚Der du die Zeit in Händen hast‘. [. . .]

Der Kirchenkampf von 1933 bis 1945 brachte in der Evangelischen Kirche ein neues Singen hervor. Die Bekennende Kirche setzte gegen das SAGebrüll auf der Straße neue Lieder, wie sie etwa Heinrich Vogel, Rudolf Alexander Schröder, Arno Pötzsch und vor allem Jochen Klepper dichteten. Es waren strenge, herbe Lieder, die sich nicht als Volkslieder oder gefühlige Ohrwürmer eigneten, sondern ein ernstes, bewusstes und bekennendes Singen in den Gemeinden der Bekennenden Kirche hervorriefen. Auf diese Weise wollte man sich von der ‚Gefühlsduselei‘ einer ‚deutsch-christlichen Bewegung‘ absetzen.“

Das Bild, das Möller vom Kirchenlied im „Kirchenkampf“ zeichnet, ist insbesondere durch neue Lieder bestimmt. „Ernst und streng“ sei das Singen der Bekennenden Kirche gewesen, im Kontrast zur deutsch-christlichen Gegenseite. In der Hinwendung zum Liturgischen bzw. im neuen, herben, schriftorientierten Lied der genannten Autoren habe die Bekennende Kirche ihren Kontrapunkt zur Gefühligkeit und Volkstümlichkeit der Deutschen Christen wie zum Marschgebrüll auf der Straße gefunden. Den neuen Liedern von Klepper, Pötzsch, Schröder, Vogel u. a. kam in der Bekennenden Kirche nach Ansicht Möllers demnach eine zentrale Bedeutung zu. Die Singpraxis im „Kirchenkampf“ der Bekennenden Kirche, so kann man folgern, war insbesondere von diesen Liedern geprägt.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Front Cover1
Title Page4
Copyright5
Inhalt6
Abkürzungen10
Vorwort12
Das Kirchenlied im „Kirchenkampf“ der evangelischen Kirche13
I. Kirchenlied und „Kirchenkampf“ in der Fachliteratur20
I.1 Praktische Theologie20
I.2 Lehrbücher der Kirchenmusikausbildung22
I.3 Lexikonartikel und Monographien23
I.4 Schlussfolgerungen33
II. „Kirchenkampf“ und Kirchenlied36
II.1 Zum zeitgeschichtlichen und kirchenhistorischen Hintergrund36
II.1.1 Zeitliche Begrenzung37
II.1.2 Der Begriff „Kirchenkampf“39
II.1.3 Fronten, Phasen42
Exkurs 1: Deutschglaube und Neuheidentum48
II.1.4 Themen, Inhalte, „Grundtexte“53
II.1.4.1 Die Barmer Theologische Erklärung54
II.1.4.2 Deutsch-christliche Texte57
II.1.4.3 Themen und Motive im Überblick60
II.2 Kirchenlied und Gesang61
II.2.1 Kirchenlied, geistliches Lied, geistliches Volkslied, Choral, Hymne62
II.2.2 Die Bedeutung des Kirchenliedes im Leben der Gemeinde65
II.2.2.1 Im Gottesdienst und seinem Umkreis65
II.2.2.2 Die Bedeutung des Kirchenliedes für den Einzelnen66
II.2.2.3 Die Bedeutung des Kirchenliedes für den Einzelnen in der Gemeinschaft67
II.2.3 Biblische Wurzeln68
II.2.4 Lied und Gesang in der Zeit des „Kirchenkampfes“73
III. Beobachtungen zum Kirchenlied im „Kirchenkampf“79
III.1 Lieder79
III.1.1 „Ein feste Burg ist unser Gott“86
III.1.2 „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“92
III.1.3 „Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ“94
III.1.4 „Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn“96
III.1.5 „Großer Gott, wir loben dich“99
III.1.6 „Wach auf, wach auf, du deutsches Land“100
III.1.7 „Wir treten zum Beten“103
Exkurs 2: Ereignisse und Veranstaltungen (1933/34)104
1. Bekennende Kirche104
2. Deutsche Christen115
3. Zusammenfassung125
Exkurs 3: Veranstaltungen „Kirchenbewegung Deutsche Christen“127
Exkurs 4: Die Gebetsliturgie vom September 1938140
III.2 Gesangbücher und Liederhefte145
III.2.1 Hinweise auf vorhandene Gesangbücher und Liedersammlungen146
III.2.2 Bekennende Kirche147
III.2.3 Deutsche Christen161
III.2.4 Zusammenfassung172
Exkurs 5: Die „Erklärung“ der Kirchenmusiker im Mai 1933177
IV. Positionen zum Kirchenlied186
IV.1 Die Geschichte des Kirchenliedes als „Dienst am Wort186
IV.1.1 Lukas Christ: „Das evangelische Kirchenlied“187
IV.1.2 Karl Barth: „Der Heilige Geist die subjektive Möglichkeit der Of-fenbarung“188
IV.1.3 Heinrich Vogel: „Wort und Ton in einem Kirchenlied“192
IV.1.4 Dietrich Bonhoeffer: „Das innere Leben der deutschen evangeli-schen Kirche“197
IV.1.5 Zusammenfassung202
Exkurs 6: Dietrich Bonhoeffer, „Gemeinsames Leben“206
Exkurs 7: Das Kirchenlied in Haft und Verfolgung209
IV.2 Andere Akzente214
IV.2.1 Rudolf Alexander Schröder, Jochen Klepper214
IV.2.1.1 Rudolf Alexander Schröder: „Die Kirche und ihr Lied“216
IV.2.1.2 Jochen Klepper: „Das göttliche Wort und der menschliche Lobgesang“221
IV.2.2 Alfred Stier: „Reformatorischer Choral und deutsches Volkstum“225
IV.3 Auseinandersetzungen um das neue Lied230
IV.3.1 Paul Sturm: „Kirche und Neues Lied“230
IV.3.2 Die Diskussion um Sturms Artikel „Kirche und neues Lied“, Beschreibung und Zusammenfassung der Auseinandersetzungen um das Kirchenlied bis 1939 bei Paul Gennrich233
IV.4 Christliche Kampflieder241
IV.4.1 „Christliche Kampflieder der Deutschen“241
IV.4.2 „Christliche Kampflieder im Gesangbuch“244
IV.5 Abschließende Bemerkungen zu den vorgestellten Positionen und den in ihnen enthaltenen Maßstäben für ein neues Kirchenlied248
V. „Kirchenkampf“ und neues Lied255
V.1 Beobachtungen allgemeiner Art256
V.2 Einzelbeispiele273
V.2.1 Beispiele aus dem Bereich der Bekennenden Kirche273
V.2.1.1 Otto Dibelius: „Ringsum die Macht der Feinde“ (1934)273
V.2.1.2 Heinrich Vogel: „Hie Wort des Herrn und Christenschwert“ (1934)278
V.2.1.3 Wilhelm Jannasch: „Herr, hilf! Die Welt dein Wort verneint“ (1937)281
V.2.2 Beispiele aus dem Bereich der Deutschen Christen289
V.2.2.1 Walter Schäfer: „Die Kirche Gottes steht im Streit“ (1933)289
V.2.2.2 W. Bischoff: „Frisch auf, mein Volk, laßt froh uns singen“ (1934)292
V.2.2.3 Guido Wilhelm Jutzi: „Laßt uns sein, stark und rein“ (1934)295
Exkurs 8: Veränderungen an alten Kirchenliedern in Veröffentlichungen der Deutschen Christen298
V.3 Zusammenfassung304
VI. Das Kirchenlied im „Kirchenkampf“ – Ertrag der Untersuchung und Ausblick310
VI.1 Zusammenfassung310
VI.2 Ein differenziertes Bild330
VI.3 Änderungen am verbreiteten Bild331
VI.4 Kirchenlied und Kontext334
VI.5 Ausblick338
Anhang352
A Lieder aus der Zeit des „Kirchenkampfes352
1. Bekennende Kirche356
2. Deutsche Christen370
3. Ohne Zuordnung: Lieder verschiedener Autoren389
4. Ohne Zuordnung: Lieder auf biblische Texte395
B Weitere Liedbeispiele396
1. Bekennende Kirche396
2. Deutsche Christen399
C Quellen- und Literatur403
D Register423
Back Cover430

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