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E-Book

Das Wunder der Achtsamkeit

Einführung in die Meditation

AutorThich Nhat Hanh
VerlagTheseus Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl139 Seiten
ISBN9783958830967
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Das Standardwerk für alle, die wissen wollen, was Meditation wirklich ist und wie man sie in den Alltag integrieren kann. Thich Nhat Hanh zeigt, wie wichtig Achtsamkeit ist, um den Herausforderungen des Lebens gelassen und entspannt zu begegnen. Die 32 Übungen, die er entwickelt hat, helfen, das Wunder der Achtsamkeit in jedem Moment unseres Lebens zu erfahren.

Thich Nhat Hanh, 1926 in Vietnam geboren, ist einer der bekanntesten zeitgenössischen buddhistischen Persönlichkeiten. Er lebt seit vielen Jahren im französischen Exil in der von ihm gegründeten Gemeinschaft 'Plum Village'. Er lehrt weltweit und ist Autor zahlreicher Bücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Thich Nhat Hanh, vietnamesischer Zen-Meister, Dichter und führender Vertreter eines sozial-engagierten Buddhismus, gehört zu den bekanntesten buddhistischen Lehrern der Gegenwart. Seine Fähigkeit, die Bedeutung der buddhistischen Lehren für unsere heutige Zeit verständlich und klar darzulegen, haben ihn weit über buddhistische Kreise hinaus bekannt gemacht.

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Leseprobe

VOM ALLTAGSBEWUSSTSEIN ZUM KERN DER ÜBUNG


Gestern bekamen wir Besuch: Allen schaute mit seinem Sohn Joey bei uns vorbei. Groß ist Joey geworden! Mit seinen sieben Jahren spricht er bereits fließend Französisch und Englisch – und etwas Slang von der Straße.

Der Unterschied zwischen dem Erziehungsstil hier im Westen und dem bei uns zuhause in Vietnam ist beträchtlich. »Ein Kind braucht Freiheit in seiner Entwicklung« – dies ist hier die vorherrschende Einstellung der Eltern. In den zwei Stunden, die ich mich mit Allen unterhielt, musste er Joey ständig im Auge behalten. Joey spielte und redete ununterbrochen, störte uns dauernd, so dass es kaum möglich war, ein normales Gespräch zu führen. Ich gab ihm ein paar Bilderbücher, aber er schaute sie nur flüchtig an und warf sie gleich wieder beiseite. Wieder unterbrach er unser Gespräch, forderte ständig unsere Aufmerksamkeit.

Später ging er dann nach draußen, um mit einem Nachbarkind zu spielen. Ich fragte Allen: »Ist es einfach, mit einer Familie zu leben?« Allen antwortete nicht direkt. Seit der Geburt von Ana vor einigen Wochen, sagte er, habe er kaum richtig schlafen können. Nachts weckt Sue ihn auf und bittet ihn – da sie selbst zu müde zum Aufstehen ist – nachzusehen, ob Ana noch atmet. »Ich stehe also auf, schaue nach der Kleinen, gehe wieder ins Bett und schlafe weiter. So geht das manchmal zwei- bis dreimal in einer Nacht.«

»Findest du das Leben als Familienvater einfacher als das eines Junggesellen?«, fragte ich ihn. Er schwieg. Aber ich verstand. So stellte ich ihm eine weitere Frage: »Viele Leute behaupten ja, dass man mit einer Familie weniger einsam ist und mehr Sicherheit genießt. Siehst du das auch so?« Allen nickte und murmelte etwas vor sich hin.

Schließlich sagte Allen: »Weißt du, ich glaube, ich habe eine Möglichkeit gefunden, wie ich jetzt viel mehr Zeit für mich haben kann. Früher habe ich meine Zeit ganz anders betrachtet: sie schien mir aus lauter verschiedenen Abschnitten zu bestehen. Einen Teil hatte ich für Joey reserviert, einen anderen für Sue, dann gab es den, wenn ich mich mit ihr gemeinsam um Ana kümmerte, und schließlich noch den Anteil für die Hausarbeit. Die Zeit, die dann noch übrig blieb, gehörte mir. Da konnte ich lesen, schreiben, meine Forschungsarbeit betreiben und spazieren gehen. Neuerdings versuche ich, mir meine Zeit überhaupt nicht mehr in einzelne Abschnitte einzuteilen. Die Zeit mit Joey und Sue betrachte ich jetzt genauso als meine eigene Zeit. Wenn ich Joey bei den Hausaufgaben helfe, schaue ich, wie ich auch diese Zeit genauso zu meiner eigenen machen kann. Ich gehe also mit ihm seine Hausaufgaben durch, bin ganz bewusst mit ihm zusammen und entwickle so auch wirkliches Interesse an unseren gemeinsamen Aktivitäten. Die Zeit, die ich scheinbar nur ihm widme, wird dadurch plötzlich zu meiner eigenen Zeit. Genauso mache ich es jetzt auch mit der Zeit, die ich mit Sue verbringe. Und das Verblüffende daran ist, dass ich auf einmal unbegrenzt Zeit für mich selbst habe!«

Allen lächelte, als er mir das erzählte. Ich war überrascht. Das hatte Allen nicht aus Büchern, sondern in seinem Alltag für sich allein herausgefunden.

Abwaschen, um abzuwaschen


Als junger Novize lebte ich vor einigen Jahrzehnten in der Tu-Hieu-Pagode. Das Abwaschen war damals eine wenig angenehme Aufgabe. In der Zeit der Exerzitien, wenn alle Mönche wieder im Kloster versammelt waren, mussten zwei Novizen für zeitweise mehr als hundert Mönche kochen und abwaschen. So etwas wie Spülmittel kannten wir nicht! Wir hatten nur Asche, Reisspelze und Schalen von Kokosnüssen. Das war alles. Eine schwere Aufgabe, so einen Riesenstapel von Schüsseln zu säubern, besonders im Winter, wenn das Wasser eiskalt war! Zunächst hieß es, einen großen Topf Wasser heiß zu machen, bevor wir mit dem Putzen und Schrubben anfangen konnten. Heute gibt es in den modernen Küchen flüssige Seife, spezielle Spülbürsten und selbstverständlich fließend heißes Wasser, was die Arbeit natürlich sehr viel angenehmer macht. Da fällt es nicht mehr schwer, mit Freude abzuwaschen. Ohne große Vorbereitungen kann man das Geschirr abwaschen und sich danach gemütlich hinsetzen, um in Ruhe eine Tasse Tee zu genießen. Nun halte ich die Anschaffung einer Waschmaschine für die Wäsche ja durchaus für sinnvoll (obwohl ich selbst meine Kleidung von Hand wasche), aber eine Geschirrspülmaschine finde ich dann doch übertrieben!

Wenn man abwäscht, sollte man nur abwaschen, das heißt, man sollte sich während des Abwaschens dessen ganz bewusst sein, dass man abwäscht. Das kommt einem auf den ersten Blick vielleicht etwas albern vor. Warum einer so banalen Sache wie Abwaschen derart viel Aufmerksamkeit widmen? Doch das ist der springende Punkt: Die Tatsache, dass ich hier stehe und diese Schalen abwasche, ist die wunderbare Wirklichkeit. Ich bin ganz ich selbst, folge meinem Atem und bin mir meiner Präsenz, meiner Gedanken und Handlungen völlig bewusst. Diese Bewusstheit verleiht mir eine innere Festigkeit, und verhindert, dass mein Geist wie eine Flasche in den Wellen des Ozeans hin und her geworfen wird.

Die Tasse in der Hand


Als mein lieber Freund, Jim Forest, und ich uns vor acht Jahren zum ersten Mal begegneten, arbeitete er bei der Katholischen Friedensgesellschaft. Im letzten Winter kam mich Jim besuchen. Nun wasche ich gewöhnlich das Geschirr gleich nach dem Abendessen ab, bevor ich mich wieder den anderen widme und mit ihnen Tee trinke. An einem Abend fragte mich Jim, ob er dies nicht heute einmal übernehmen solle. Ich sagte: »Ja, mach nur, aber wenn du abwäschst, dann musst du auch wissen wie.« Jim entgegnete: »Na hör mal, meinst du, ich weiß nicht, wie man Geschirr spült?« Ich entgegnete ihm: »Weißt du, es gibt zwei Arten, Geschirr zu spülen: einmal so, dass man hinterher sauberes Geschirr hat, und die zweite Art besteht darin, abzuwaschen, um abzuwaschen.« Jim war erfreut und sagte: »Dann wähle ich die zweite Art – abwaschen, um abzuwaschen.« Von nun an wusste Jim, wie man den Abwasch macht, und gern übertrug ich ihm die Verantwortung dafür gleich für die ganze Woche.

Wenn wir beim Abwasch lediglich an die Tasse Tee denken, die uns erwartet, und wir uns deshalb beeilen, um es schnell hinter uns zu bringen, als wäre der Abwasch eigentlich etwas völlig Überflüssiges, dann waschen wir keineswegs ab, »um abzuwaschen«. Ja, wir leben dann eigentlich auch gar nicht, während wir abwaschen! Wir sind unfähig, das Wunder des Lebens zu begreifen, wenn wir mit dieser Einstellung am Spülbecken stehen. Wenn wir aber nicht einmal bewusst abspülen können, liegt es nahe, dass wir auch nicht in der Lage sind, wirklich unseren Tee zu trinken. Dann trinken wir zwar unseren Tee, denken aber pausenlos an andere Dinge und sind uns der Tasse in unserer Hand kaum bewusst. So verschlingt uns die Zukunft – und wir sind leider gänzlich unfähig, auch nur eine Minute lang unser Leben wahrhaftig zu leben.

Können wir wirklich eine Mandarine essen?


Viele Jahre ist es jetzt her, aber ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich mit Jim zum ersten Mal in die Vereinigten Staaten reiste. Eines Tages saßen wir unter einem Baum und aßen Mandarinen. Jim fing an, über unsere Zukunftspläne zu sprechen. Wann immer wir Pläne machten oder irgendwelche Vorhaben entwickelten, die spannend und interessant waren, konnte sich Jim derart hineinvertiefen, dass er im wahrsten Sinne des Wortes vergaß, was er im Augenblick gerade tat. Er nahm ein Stück Mandarine in den Mund, und bevor er überhaupt begonnen hatte zu kauen, steckte er sich bereits das nächste Stück in den Mund. Er bekam überhaupt nicht mit, dass er eine Mandarine aß. Ich brauchte dann nur zu sagen: »Du solltest zuerst das Stück essen, das du im Mund hast«, und Jim merkte, was er tat.

Durch diese Angewohnheit war es aber im Grunde so, als hätte er überhaupt keine Mandarine gegessen, oder wenn er etwas aß, dann aß er allenfalls noch seine Zukunftspläne.

Eine Mandarine besteht aus einer Anzahl von Stücken. Gelingt es uns, auch nur ein Stück wirklich zu essen, so können wir vermutlich auch die ganze Mandarine essen. Essen wir aber dieses eine Stück nicht wirklich, können wir wohl auch die ganze Mandarine nicht essen. Jim verstand. Er ließ die Hand ruhen und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Stück Mandarine, das er gerade im Mund hatte. Sorgfältig kaute er es, bevor er das nächste Stück in die Hand nahm.

Später kam Jim wegen seiner Antikriegs-Aktivitäten ins Gefängnis. Ich machte mir Sorgen, dass er es in der engen Gefängniszelle nicht aushalten würde, und schickte ihm einen kurzen Brief: »Denkst du noch manchmal an die Mandarine, die wir miteinander gegessen...

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